| Vermutungen,
Fakten und Thesen zur schrumpfenden Stadt
Ursachen der Schrumpfung sind nicht homogen, von
Region zu Region verschieden und in den großen Städten anders als
in Kleinstädten. Noch in den ersten Jahren nach der Wende waren die
Abwanderungen in den Westen besonders hoch. Heute sind es insbesondere
in den Ballungsräumen die intraregionalen Nahwanderungen, in den Klein-
und Mittelstädten vermutlich nach wie vor überwiegend die Fernwanderungen
(in den Westen), die zu dramatischen Einwohnerrückgängen führen.[1]
Ein einheitliches Patentrezept kann es aufgrund der regionalen
Diversifikation nicht geben. Der Rückgang der natürlichen Bevölkerung ist nichts
Neues und seit Jahren genauso bekannt, wie die Warnungen der Demographen.
Doch bisher konnten die Verluste durch Zuwanderung ausgeglichen werden,
und der Wohnungsbedarf nahm durch wachsende Haushaltszahlen und steigende
Ansprüche dennoch zu.[2] Frei werdende
Kapazitäten der technischen Infrastruktur konnten für Qualitätsverbesserungen
genutzt werden. Bevölkerungsrückgang, Wohnungsleerstände und nachlassende
Standortqualität bzw. attraktivität bilden eine Abwärtsspirale
mit Verstärkereffekt. §
Wandel der Arbeitswelt und der Lebensstile §
Bevölkerungsrückgang durch Geburtendefizit
(Geburtenraten Ost: 0,7 bis 1,1; West: 1,4)[3];
Geburtenziffern um ca. 700.000 niedriger als Sterbeziffern[4];
Deutschlandweit Bevölkerungsvorausberechnung 2050: von heute 82 Mio.
auf 58 bis 70 Mio. §
Ost-West-Wanderungen (Negativsaldo von 600.000
1990-99)[5];
insgesamt selektive Wanderungen (hptsl. junge, gut Ausgebildete verlassen
Ostdeutschland) §
tw. überdurchschnittlicher Suburbanisierungsanteil,
insbesondere in Groß- und Mittelstädten[6]
§
Nachholbedarf in der Eigentumsbildung: Neue
Länder/ Berlin (Ost): 31,2%; Alte Länder: 43,1% (1998; 1993: 26,4
und 41,7)[7] §
schlechte Wirtschaftslage und hohe Arbeitslosigkeit:
Oktober 2001: West: 7,2% (7,1), Ost: 16,8% (16,1)[8] §
In der DDR waren von 16,6 Mio. Einwohnern
9,8 Mio. erwerbstätig (59%). Im August 1993 waren davon nur noch 6,2
Mio. erwerbstätig (ca. 40%), 500.000 davon als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme.
3-4 Mio. Menschen haben also mit der Wende ihren sicheren Job verloren.[9] §
in Zukunft fehlende EU-Fördermittel durch
Osterweiterung §
800.000 neu gebaute Wohnungen zw. 1990 und
1998 führten zu einem Anstieg der Leerstandszahlen[10],
weil im gleichen Zeitraum die Zahl der Haushalte lediglich um ca.
600.000 gewachsen ist. §
umstritten: rechnet die Kommission noch mit
einem leichten Anstieg der Haushaltszahlen im Osten bis 2015, prognostiziert
das IÖR im selben Zeitraum bereits einen Rückgang um gut 100.000 Wohnungen[11] §
zu kleine Gemeindegrößen in den neuen Ländern
erschweren Handlungsfähigkeit der Kommunen enorm[12] §
Wachstumsorientierung der Wirtschaft, des
Planungssystems und der Stadtentwicklung: fehlende Steuerungsmöglichkeiten
aufgrund instrumenteller Fehlausrichtung in Stadt-, Regional und Landesplanung
(Hinfälligkeit von Zentrale-Orte-System und Entwicklungsachsen)[13] §
In vielen Fällen Probleme und Blockierung
der Stadtentwicklung durch ungelöste Restitutionsfälle. Wäre Entschädigung
vor Rückgabe nicht das bessere Prinzip gewesen?[14] Bei den Folgen herrscht schon mehr Einigkeit: Insgesamt wird sich die Raumentwicklung untergliedern
in nach wie vor wachsende, stagnierende und schrumpfende Räume.[15] §
sinkende Steuereinnahmen (Einkommensteuer,
Gewerbesteuer) und Finanzkraft bzw. finanzielle Handlungsspielräume
der Kommunen, steigende Ausgaben im sozialpolitischen Bereich und
zur Aufrechterhaltung städtischer Funktionen und Lebensqualität §
quantitative Bedarfsveränderungen und Infrastrukturprobleme
im sozialen Bereich (Kindergärten, Schulen, ...)[16] §
steigende Aufwendungen für technische Infrastruktur,
insbesondere in den Bereichen des ÖPNV und der Abwasserentsorgung §
Attraktivitätsverluste bei Rückbau und Einschränkung
von Infrastruktur §
soziale Segregation, insbes. zw. Kernstädten
und Umlandgemeinden[17] §
sozialpolitische Probleme §
schwindende Qualitäten und Probleme im Bereich
Stadtgestalt und Stadtbild §
Leerstand von 1 Mio. Wohnungen (400.000 bereits
vor der Wende, 1999 2/3 in Altbaubeständen), Ende 2000 ca. 14,2% §
wohnungswirtschaftliche Probleme: Investitions-
und Modernisierungsstau aufgrund zu geringer Mieteinnahmen und finanzieller
Situation der Unternehmen; laufende Kosten für leer stehende Wohnungen §
qualitative und strukturelle Bedarfsveränderungen
(Altenanteil, Lebensstile) §
Innenentwicklung und Bestandspflege statt
Umlandzersiedelung §
Wohnungsüberhänge durch Rückbau unattraktiver
Bestände abbauen (was genau rückgebaut werden soll, darüber herrscht
keine Einigkeit; es dominieren allerdings Meinungen, die einen Rückbau
von außen nach innen fordern). §
Solidarität aller Wohnungsunternehmen vor
Ort §
Bedarfsorientierung beim Wohnungsneu- und
-umbau[18] §
breite Diskussion in aller Öffentlichkeit §
Kooperation aller Akteure §
förderpolitische und finanzielle Unterstützung
durch Bund und Länder (konsequente Bestands- statt Neubauförderung),
nicht sektoral ausgerichtet §
optimale Effizienz beim zielgerichteten Einsatz
knapper Ressourcen der Kommunen §
umstritten[19]:
Stärkung der kommunalen Planungshoheit durch u.a. Mitspracherecht
der Kommunen bei staatlichen Zuwendungen an Dritte §
umstritten[20]:
rechtl. Voraussetzungen für Verwertungskündigungen bei Wohnungsabriss §
Anpassungen des Planungssystem[21]
(bisher Wachstumsorientierung und Bestandsschutz): Stadtplanung (BauNVO),
Regional- und Landesplanung (Entwicklungsachsen, Zentrale Orte), Prozesssteuerung
und Moderation vor starren Instrumenten. §
Vernetzung von sozial- und umweltpolitischen
sowie wohnungs- und städtebaupolitischen Instrumenten §
Freizeit- und Erlebniswert entscheidet zukünftig
über Attraktivität eines Gebietes[22] §
Probleme auch in Nordengland und Süditalien. §
Prognosen der UNO sehen die größten Probleme
im Zusammenhang mit der Bevölkerungsentwicklung Europas in Griechenland
(-21% der Einwohner), Spanien (-24%) und Italien (-28%).
Spanien hält zusätzlich den Negativrekord der EU bei der Fertilitätsrate
(1,1).[23] §
Frankreich weist nach Schweden eine
der höchsten Geburtenraten innerhalb der EU auf und wird seine Bevölkerung
bei gleichbleibenden Einwanderungszahlen auch langfristig auf 60 Mio.
stabilisieren können.[24] §
1999 wurden in den Niederlanden 200.000
Kinder geboren, so viele wie schon lange nicht mehr. Das Zentralbüro
für Statistik in den Niederlanden führt den Anstieg auf die positive
ökonomische Situation zurück.[25] §
Schrumpfungsprobleme im Westen z.B. in Duisburg[26],
Bremerhaven[27],
Saarbrücken. §
Bremerhaven: 7,3% Leerstand; Salzgitter:
7,35% als Spitzenreiter.[28] §
Das Beispiel Duisburg zeigt, dass die Stadtentwicklung
nicht erst durch die verschärfte Problematik in Ostdeutschland auf
Schrumpfungsprozesse reagieren muss. Durch Suburbanisierung hervorgerufene
Leerstände und Auslastungsprobleme sind seit Anfang der 80er Jahre
bekannt.[29] §
Auch in Nordamerika werden schon Hochhäuser
systematisch abgerissen[30]. Seit etwa zwei Jahren hat sich in ostdeutschen
Ländern eine Entwicklung zugespitzt, die sich schon seit Beginn des
Aufbauprozesses 1990 als ein mögliches Szenario abgezeichnet hatte.
[...] Die Gesamttrends sind jetzt durch die Leerstandsproblematik
in einem Punkt verschärft und so insgesamt deutlicher ins Blickfeld
gerückt worden.[31] [1] so zum Beispiel
Meinung des Deutschen Städtetages, nachzulesen unter http://www.staedtetag.de/10/presseecke/pressedienst/artikel/2000/10/23/68/zusatzfenster2.html [2] Winkel, Rainer:
http://www.inf.tu-dresden.de/~bb6/lehrstuh/referat.html [3] Weniger Frauen
bekommen Nachwuchs; FAZ vom 15.05.2001 [4] Keim, Karl-Dieter:
Andere Städte und Regionen durch Schrumpfungsprozesse? Vortrag Wohnwandel-Kongress [5] Rietdorf, Werner:
Stadtumbau als Antwort in: Demokratische Gemeinde 08/ 2001 [6] Rietdorf, Werner:
Stadtumbau als Antwort in: Demokratische Gemeinde 08/ 2001 [7] Statistisches
Bundesamt: 50 Jahre Wohnen in Deutschland, S. 71; und Statistisches
Jahrbuch 2000 [8] Bundesanstalt
für Arbeit: http://195.145.119.72/hst/services/statistik/kurzinformation/bundesgebiet_wo/index.html,
Werte in Klammern: Vorjahr [9] Sahner, Heinz:
Zehn Jahre nach der Wiedervereinigung: Über Diskrepanzen
unterschiede zwischen dem was ist und dem was darüber berichtet
wird; in: Stadtforschung und Statistik 2/ 00, S. 73 [10] http://www.mieterschutzbund-berlin.de/wohnung/artikel/0103woh2.shtm [11] IÖR: Wohungsnachfrage
in Ostdeutschland bis 2015; http://www.ioer.de/heft16_2.htm [12] Kiepe, Folkert:
Städte brauchen Entwicklungskonzepte; in: demokratische Gemeinde
08/ 2001 [13] http://www.uni-kassel.de/fb13/asr/kolloquium/pfromm.html
oder Winkel, Rainer: http://www.inf.tu-dresden.de/~bb6/lehrstuh/referat.html [14] Sahner, Heinz:
Zehn Jahre nach der Wiedervereinigung: Über Diskrepanzen
unterschiede zwischen dem was ist und dem was darüber berichtet
wird; in: Stadtforschung und Statistik 2/ 00, S. 73 [15] vgl. z.B.
Häußermann, Winkel, Rainer: http://www.inf.tu-dresden.de/~bb6/lehrstuh/referat.html [16] Winkel, Rainer:
http://www.inf.tu-dresden.de/~bb6/lehrstuh/referat.html, Auszug
10/2001 [17] Eichener,
Volker: http://www.inwis.de/htm/aktuelles/aktu_u_zukunft.html, Auszug
10/2001 [18] http://www.mieterverein-muenchen.de/fim/diskussionsvorlage.htm [19] pro: Deutscher
Städtetag (http://www.staedtetag.de/10/presseecke/pressedienst/artikel/2000/10/23/68/zusatzfenster2.html),
kontra: [20] pro: Deutscher
Städtetag (http://www.staedtetag.de/10/presseecke/pressedienst/artikel/2000/10/23/68/zusatzfenster2.html),
kontra: [21] Winkel, Rainer:
http://www.inf.tu-dresden.de/~bb6/lehrstuh/referat.html [22] Eichener,
Volker: http://www.inwis.de/htm/aktuelles/aktu_u_zukunft.html, Auszug
10/2001 [23] Neudecker,
Sigrid: Ciao, Bambini. in: Die Zeit vom 10.05.2001 [24] Wissenschaftler
sehen geringen Effekt der Familienförderung; FAZ vom 15.05.2001 [25] Niederlande:
Bevölkerungsentwicklung 1999. In: BiB-Mitteilungen 2/ 2000, S. 34 [26] Winkel, Rainer:
http://www.inf.tu-dresden.de/~bb6/lehrstuh/referat.html [27] Uchatius,
Wolfgang Häuser zu Steinmehl; in Die Zeit 18/2001; http://www.zeit.de/2001/18/Wirtschaft/200118_plattenbauten.html [28] Wohnungspolitische
Informationen 27/ 2001, S. 6 [29] Winkel, Rainer:
http://www.inf.tu-dresden.de/~bb6/lehrstuh/referat.html [30] Eichener,
Volker: http://www.inwis.de/htm/aktuelles/aktu_u_zukunft.html, Auszug
10/2001 [31] Keim, Karl-Dieter:
Andere Städte und Regionen durch Schrumpfungsprozesse? Vortrag Wohnwandel-Kongress |
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ein Dokument der Seite www.schrumpfende-stadt.de Erstelldatum: 14.11.2001 Autor: Thilo Lang |