Leerstand im Plattenbau

Der folgende Beitrag ist im wesentlichen eine leicht veränderte Fassung der Einleitung des im Leue-Verlag erschienenen Buches von Christoph Haller: „Leerstand im Plattenbau: Ausmaß – Ursachen – Gegenstrategien“ (Edition Stadt und Region, Band 4, Berlin 2002), ergänzt um Teile des Vorwortes zu diesem Buch von Prof. Dr. Werner Rietdorf.

Den Problemen und Chancen der Weiterentwicklung der großen, industriell errichteten Neubaugebiete im Osten Deutschlands wurde seit der Wende und Wiedervereinigung seitens der Bundes- und Länderpolitik, der Kommunen und Wohnungsunternehmen wie auch der Städte- und Wohnungsbauforschung eine große Aufmerksamkeit entgegengebracht, wohnten doch 1990 nahezu 25 Prozent der Menschen der neuen Bundesländer in diesen sogenannten Plattenbaugebieten. Inzwischen sind vielerorts zwei Drittel bis drei Viertel dieser Bestände bautechnisch und energieökonomisch saniert worden. Das Wohnumfeld wurde verbessert, das Wohnungsangebot durch Modernisierung und ergänzenden Neubau erweitert. Durch eine aktive Öffentlichkeitsarbeit versuchen die Kommunen, die Stadt(teil)verwaltungen und die Wohnungsunternehmen, das Image solcher Siedlungen wie Berlin-Hellersdorf und –Marzahn, Leipzig-Grünau oder Rostock-Lütten Klein dauerhaft zu verbessern.

Besorgnis über strukturelle Leerstände

In die berechtigte Freude über das Erreichte mischt sich allerdings besonders seit den letzten drei Jahren eine zunehmende Besorgnis über die langfristigen Perspektiven solcher Gebiete, da in ihnen in zumeist unerwartetem Umfang bzw. in einem oft nicht für möglich gehaltenen Tempo Wohnungsleerstände, und zwar strukturelle Leerstände, entstehen, die aller Voraussicht nach nicht reversibel sind. Die Gründe dafür sind zwar regional oder lokal teilweise unterschiedlich, im wesentlichen geht es dabei aber um Konsequenzen aus der seit Anfang der 90er Jahre im Osten Deutschlands entstandenen demographischen Schrumpfung infolge Geburtenrückgang und Sterbeüberschuss, Verkleinerung der Haushalte und Überalterung der Bevölkerung, um anhaltende Ost-West-Wanderungen vor allem junger, mobiler Erwerbshaushalte sowie um Wegzüge in randstädtische oder im Stadtumland neu entstandene geringgeschossige Wohnanlagen bzw. Eigenheime.

Das Bemerkenswerte ist, dass man noch bis vor wenigen Jahren vielfach davon ausging, der Leerstand sei vermutlich nur ein vorübergehend auftretendes Problem, das man nach Art des in den alten Bundesländern bekannten Prinzips des sogenannten Schweinezyklusses zu bewerten habe. Auffassungen dieser Lesart waren sowohl für manche Kommune, als auch für nicht wenige Wohnungsunternehmen charakteristisch. Inzwischen, da es in den neuen Ländern einen Wohnungsleerstand von insgesamt mehr als einer Million Wohnungen gibt und eine wachsende Anzahl von Plattenbaugebieten dauerhafte strukturelle Leerstände von bis zu 20 oder 25 Pro­zent aufweisen, hat ein bemerkenswertes, wenn auch oft noch zögerliches Umdenken eingesetzt, aus dem sich aber in angemessener Dynamik ein entsprechendes Umsteuern ableiten muss, will man nicht Gefahr laufen, dass Teile der industriell errichteten Neubaugebiete über kurz oder lang zu „Geisterstädten“ werden, die mit großer Wahrscheinlichkeit in Zukunft auch blei­bewillige Bewohner in der Nachbarschaft abschrecken und vertreiben.

Leerstandsprobleme sind strategische Probleme und als solche ohne jeden Zweifel auch Probleme für die Forschung. Die aber setzt sich mit dem Phänomen, den Ursachen und Konsequenzen des wachsenden „Platten“-Leerstandes erst seit relativ kurzer Zeit auseinander. Verwiesen sei in diesem Zusammenhang auf einschlägige Fachtagungen und Workshops, die das Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung seit 1998 in Schwedt/Oder, Hoyerswerda und Wolfen durchgeführt hat. Bei den Wohnungsunternehmen gibt es ebenfalls seit etwa diesem Zeitpunkt eine spezielle Arbeitsgruppe „Leerstand“, und im Verlauf des Jahres 2000 erarbeitete im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen eine mit bundesweiten Experten besetzte Kommission „Wohnungswirtschaftlicher Strukturwandel in den neuen Ländern“ grundlegende Empfehlungen zum Umgang mit dem Leerstand in den neuen Ländern, die nunmehr in einem speziellen neuen Förderprogramm „Stadtumbau Ost“ ihren Niederschlag gefunden haben.


Die Diskussion um den Leerstand

Der zunehmende Wohnungsleerstand in vielen Plattenbaugebieten der neuen Bundesländer wurde in den letzten Monaten verstärkt in den Medien thematisiert. Mit der erschreckenden Zahl von einer Million leerstehenden Wohnungen in Ostdeutschland soll die Öffentlichkeit aufgerüttelt werden. Dabei wird die Diskussion um den Leerstand nahezu ausschließlich in Zusammenhang mit den Plattenbauten geführt. In manchen Zeitungsartikeln werden die Zahlen derart verfälscht, dass plötzlich von einer Million leerstehenden Plattenbau-Wohnungen die Rede ist. Tatsächlich stehen in vielen Städten fast ausschließlich Plattenbauwohnungen leer; dies sind jedoch oftmals Städte, deren Wohnungsbestand zu annähernd 100 % aus industriell errichteten Gebäuden besteht (z.B. Schwedt/Oder, Stendal und Leinefelde). In anderen Kommunen, die über Altbausubstanz in nennenswertem Umfang verfügen (z.B. Magdeburg oder Leipzig) sind auch diese Altbaubestände nicht unwesentlich vom Leerstand betroffen. Es ist daher offensichtlich, dass nicht ausschließlich die spezifischen baulich-räumlichen Merkmale der in Plattenbauweise errichteten Gebäude für deren abnehmende Akzeptanz bei den Mieterinnen und Mietern verantwortlich sind.

Nicht nur in den Medien, sondern auch in der Fachliteratur wurde in den vergangenen zehn Jahren eine umfassende Diskussion über den Status und die Besonderheiten der ostdeutschen Plattenbausiedlungen geführt. Dabei setzte sich mehr und mehr die Erkenntnis durch, dass diese Bestände aufgrund ihrer quantitativen Dimension für die Wohnungsversorgung der neuen Bundesländer auch langfristig unverzichtbar sind, obwohl auch die Forderung nach dem Abriss ganzer Siedlungen immer wieder aufgeworfen wurde. In Zusammenhang mit dem zunehmenden Wohnungsleerstand ist nun seit ca. zwei Jahren eine Intensivierung der Fachdiskussion zu beobachten; die umfassende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem aktuellen Planungsproblem steht jedoch noch am Anfang. [...]

Auffällig in der öffentlichen und der fachlichen Diskussion ist, dass es fast immer um eine vermeintlich einzige und unausweichliche Konsequenz zur Lösung des Problems geht: Den Abriss von Teilen der Plattenbausiedlungen. Andere Lösungsstrategien werden – so scheint es – nur unzureichend diskutiert und in den seltensten Fällen konsequent umgesetzt. Ob sich diese Vermutung bei intensiver Auseinandersetzung mit der Thematik bestätigen läßt, oder ob sich vielleicht bei näherer Betrachtung zeigt, dass sinnvolle Alternativstrategien zum Abriss und Rückbau von Wohnraum durchaus existieren und angewandt werden, muss hinterfragt werden.

Von besonderer Bedeutung ist es in diesem Zusammenhang, durch eine objektive Auseinandersetzung mit dem Thema den Interessen aller beteiligten Akteure aus Politik, Verwaltung und Wohnungswirtschaft sowie der Bewohnerinnen und Bewohner der betroffenen Siedlungen Rechnung zu tragen. Dabei sollen möglichst viele Aspekte der Leerstandsproblematik aufgezeigt werden und es soll durch die Darstellung differenzierter, handlungsorientierter Ansätze – insbesondere hinsichtlich der Vielzahl möglicher Gegenstrategien – erstmalig eine zusammenfassende Betrachtung der miteinander verflochtenen Ebenen erarbeitet werden.

Zentrale Fragen

Folgende zentrale Fragen sind zu klären:

-          In welchem Umfang sind die Plattenbauten der neuen Bundesländer von Wohnungsleerstand betroffen? In welcher Weise haben sich diese Wohnungsleerstände in den letzten Jahren verschärft?

-          Welche Gründe gibt es für den Wohnungsleerstand in den neuen Bundesländern? Welche dieser Ursachen betreffen ausschließlich die Bauform „Platte“ und welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus ziehen?

-          Welche Folgen hat der Wohnungsleerstand für die betroffenen Siedlungen, für deren Bewohnerinnen und Bewohner, für die Kommunen, für die Wohnungsunternehmen? Inwieweit sind die Interessen dieser Akteure miteinander verflochten?

-          Welche Maßnahmen sind zur Reduzierung der Leerstände denkbar? Welche Aspekte müssen bei diesbezüglichen Strategien beachtet werden? Wie sind die Möglichkeiten und Grenzen solcher Gegenstrategien zu bewerten?

[...] Alleine der hier dargestellte kurze Fragenkatalog macht deutlich, in welch vielfältiger Weise die unterschiedlichen Handlungsfelder der Stadt- und Regionalplanung tangiert werden: Städtebauliche Fragestellungen sind dabei ebenso von Bedeutung wie wohnungswirtschaftliche Überlegungen; sozialstrukturelle Problemlagen müssen auf Grundlage demographischer und ökonomischer Entwicklungen differenziert analysiert werden; politische und gesetzliche Rahmenbedingungen sind zu beachten und zu hinterfragen und nicht zuletzt spielt vor dem Hintergrund der Abriss- und Rückbauüberlegungen die Diskussion um eine nachhaltige Entwicklung der Städte eine wichtige Rolle. [...]

Ursachen

[...] Rückblickend auf die nur wenige Jahre andauernde Periode erhöhter Wohnungsleerstände in westdeutschen Großsiedlungen in den 1980er Jahren ist auch die Frage zu klären, inwieweit das Leerstandsproblem eine Erscheinung der Bauform Großsiedlung an sich ist bzw. welche spezifischen Ursachen alleine auf die neuen Bundesländer und deren Plattenbaugebiete zutreffen. Für die dortige Situation [...] sind für die steigenden Wohnungsleerstände im wesentlichen zwei Kriterien ursächlich: Zum einen geht es um die qualitativen Defizite und Mängel der Plattenbaugebiete, zum anderen um die sozialstrukturellen Wandlungsprozesse in den neuen Bundesländern. [...] Hier zeigt sich, dass bestimmte Spezifika der standardisierten Gebäude und Wohnungen bei hohen Leerständen genauso eine Rolle spielen können wie die städtebauliche Struktur der Siedlungen, wobei jedoch – je nach Bautyp und Baualter – unterschiedliche Ausgangsvoraussetzungen gegeben sind. Eine zentrale Bedeutung für die Attraktivität der Siedlungen und somit auch hinsichtlich der Nachfrage nach dort befindlichem Wohnraum kommt dem unmittelbaren Wohnumfeld zu. Dabei wird der Begriff ‚Wohnumfeld‘ im weitesten Sinne verstanden: Es geht dabei nicht nur um die Defizite bei der Gestaltung der gebäude- und siedlungsbezogenen Frei- und Aufenthaltsflächen, sondern auch um die mit der Verkehrserschließung und dem ruhenden Verkehr zusammenhängenden Probleme sowie die Entwicklungsmöglichkeiten der vorhandenen (bzw. nicht vorhandenen) wohnungsnahen Infrastruktur.

[...] Nach einer vom IRS und der Universität Rostock erarbeiteten Mobilitätsstudie, in der die Bevölkerungs- und Sozialstruktur von sechs Siedlungen in Mecklenburg-Vorpommern untersucht wurde, ergibt sich ein differenziertes und – das verdeutlichen die Ergebnisse vergleichbarer Studien – repräsentatives Bild der in die Siedlungen ein- bzw. aus ihnen ausziehenden Menschen. Dabei zeigt sich, dass die sich abzeichnenden Segregationstendenzen bereits zu neuen Räumen sozialer Benachteiligung geführt haben. Dies ist eine zentrale, aber nicht die einzige Folgeerscheinung der steigenden Wohnungsleerstände.

Maßnahmen und Strategien

[...] Zunächst geht es um ‚klassische‘ Instandsetzungs- und Modernisierungsmaßnahmen der Gebäude und Wohnungen sowie um die Weiterentwicklung des Wohnumfelds auf Grundlage der Defizite und Mängel. Weitere Möglichkeiten, durch bauliche Maßnahmen eine Verbesserung der Leerstandssituation zu bewirken, bestehen in der Umnutzung von Wohnraum, in Grundrissveränderungen und Wohnungszusammenlegungen sowie in Abriss und Rückbau nicht mehr benötigter Gebäude und Wohnungen. Jedoch kommen nicht nur bauliche Maßnahmen in Frage: die vielfältigen Möglichkeiten von Marketingstrategien der Wohnungsunternehmen und die Chancen, die in einer den geänderten Verhältnissen angepassten Mietpreispolitik zu sehen sind, stellen weitere Optionen dar. Die Wohnungsunternehmen sind allerdings ohne finanzielle Absicherung oftmals nicht mehr in der Lage, ihren Aufgaben nachzukommen, weshalb auch Maßnahmen zu ihrer Liquiditätssicherung als (politisch steuerbarer) Beitrag zum Leerstandsabbau gesehen werden müssen.

Die Wohnungsleerstände in den Plattenbausiedlungen werden mit Sicherheit in den nächsten Jahren ein Thema sein, das die politische und stadtplanerische Diskussion in den neuen Bundesländern bestimmt. Dennoch stehen wir erst am Anfang einer umfassenden Aufarbeitung des Themas. So steht am Ende die Forderung, dass es bei der Auseinandersetzung mit den steigenden Wohnungsleerständen unerlässlich ist, die Betrachtungsebene nicht auf die betroffenen Siedlungen zu reduzieren, sondern gesamtstädtische Analysen und Handlungskonzepte zu erarbeiten.

 

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Dies ist ein Dokument der Seite www.schrumpfende-stadt.de
Erstelldatum: 18.02.2002
Autor: Prof. Dr. Werner Rietdorf, Dipl.-Ing. Christoph Haller, Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung, Erkner (bei Berlin)