Rezension "Schrumpfende Städte. Band I: Internationale Untersuchung"

Herausgegeben von Philipp Oswalt im Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit, 2004, ISBN: 3–7757–1481–2; Preis: 32.- Euro

Man nehme …, wie man in Rezepten zu sagen pflegt, … man nehme ein aktuelles und brisantes, bislang aber wenig bearbeitetes Problem komplexer Natur. Man frage im nächsten Schritt gut einhundert meist namhafte Fachleute und Autoren an, ob sie nicht vielleicht einen Beitrag zu diesem Problem verfassen möchten. Und siehe da, ehe man sich versieht, ist es schon da, das umfassende, alles aufzeigende Sammelwerk. Und kaum etwas bleibt noch zu sagen übrig.

Nicht kleckern, sondern klotzen. Dieser Eindruck jedenfalls drängt sich dem Leser auf den ersten Blick auf, angesichts der überwältigenden Vielzahl von Autoren, die sich alle mit nur einem Thema, der Stadtschrumpfung, befassen und angesichts der 735 recht eng bedruckten Seiten, die sich öfter „am Rande der Bleiwüste“ befinden. Trotzdem würde man es sich als Kritiker wohl zu leicht machen, den ambitionierten und engagierten Sammelband „Schrumpfende Städte“, herausgegeben vom Architekten und Fachjournalisten Philipp Oswalt und verfasst von zahllosen Autoren aus aller Welt, auf einen solch einfachen Nenner bringen zu wollen.

Das Werk umfasst insgesamt zehn zu Kapiteln zusammengefasste inhaltliche Schwerpunkte. Berichtet wird darin jeweils in mehreren Beiträgen von den global unterschiedlichen Formen von Schrumpfungsprozessen, von sterbenden, weil überflüssigen und wandernden, weil instabilen Städten, von der Psychogeographie der Angst in der Stadt, von der kulturellen Repräsentation einer „Stadt im Kopf“, erzählt von Raumpionieren, vom alltäglichen Überleben, von peripheren Dynamiken, vom Mythos der Planung und von einer dekonstruierten, im Mentalitäts- und Wertewandel befindlichen Welt.

Weiterhin umfasst das Buch fünf eingeschobene ortsbezogene Kapitel. Diese stehen für verschiedene Themenschwerpunkte an bestimmten Orten in allen Teilen der Welt (Japan - demographischer Wandel, Detroit - Suburbanisierung, Manchester/Liverpool - Deindustrialisierung, Ivanovo - postsozialistische Transformation und Halle/Leipzig - mit Querbezügen zu allen Themen). Ergänzt wird der Band durch eine Vielzahl von passend eingestreuten Zitaten und mitunter etwas weitschweifigen, nur lose mit dem Thema verknüpften Bildern.

Vor dem Leser wird damit insbesondere ein kulturell sehr vielfältiges Spektrum ausgebreitet, das sich mit den verschiedensten international vorfindbaren Ursachen, Merkmalen, Entwicklungen und Folgen zum Phänomen der „Schrumpfung der Städte“ auseinandersetzt.

Die Verdienste dieses Buches sind dabei unübersehbar: Die Vielfalt an Beiträgen und Sichtweisen zeigt zunächst die Bedeutsamkeit und die Vielschichtigkeit dieses komplexen Phänomens und verhindert vor allem eine vorschnelle Engführung und intellektuelle Begrenzung dieses schwierigen Themas. Das Phänomen Schrumpfung wird vielmehr im Hinblick auf seine kulturell vielfältigen Dimensionen aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln heraus genau beleuchtet und beschrieben. Eines der wirklich großen Verdienste dieses Buches dürfte es dabei sein, das Thema zugunsten einer „kulturellen Normalität“ aus seiner tabuisierten Schmuddelecke herauszuholen, in die es in einer vom Wachstumsparadigma beherrschten und in Hochglanzbroschüren dargestellten Welt gerne geschoben wird.

Auch gelingt es dem Herausgeber und den Autoren, das Thema der Schrumpfung aus der oft bedrückenden, ja provinziellen Enge und vorbestimmt scheinenden Ausweglosigkeit zu befreien, in die es vor allem in dem regional eng begrenzten Diskurs der neuen Bundesländer mitunter zu geraten droht (Stichwort: „De- … “). Das Buch beschreibt denn auch folgerichtig den weitreichenden Wandel der Welt und zeigt die globale Tragweite und Gewichtigkeit des Themas auf, ohne aber die lokale Dimension zu vernachlässigen. Damit setzt das Buch einen fundierten Gegenpol zu den oft vorschnellen, einfachen Wahrheiten, die zu solchen Themen gerne artikuliert werden.

Allerdings halten, so ist kritisch anzumerken, nicht alle Beiträge den anzusetzenden Ansprüchen stand und vermögen durch ihren Gehalt zu überzeugen. Eine strengere, auch fachübergreifende Auswahl und ein Verzicht auf den einen oder anderen Text hätten dem Buch angesichts der Fülle von Inhalten gut getan und den Leser entlastet. Hat doch auch die ungeheuere Vielfalt an hervorragenden Eindrücken, interessanten Informationen, anspruchsvollen Erkenntnissen und einfühlsamen Beschreibungen eine nicht zu unterschätzende Kehrseite: Man wird davon nahezu erschlagen.

Ein konkret greifbares und vom interessierten Leser in angemessener Zeit zu verarbeitendes Bild von dem, was Schrumpfung letztlich auszumachen scheint, kann angesichts dieser überwältigenden Fülle kaum entstehen. Man sieht sozusagen den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Der Sammelband ist denn auch eher ein (allerdings hervorragendes) Lesebuch, mit vielen, überwiegend interessanten Analysen und Beschreibungen rund um das globale Thema der Schrumpfung der Städte und weniger fachliches Lehrbuch oder zielorientierter Forschungsbericht.

Gespannt, wenn auch in der Erwartung eher zurückhaltend und skeptisch darf man dem zweiten Band entgegen sehen, der sich, so die etwas gewagt anmutende Ankündigung, mit den „Handlungskonzepten“ befassen will. Mal schauen, mit welchen Rezepten dem geneigten Leser dort aufgewartet wird …

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Erstelldatum: 30. Januar 2006
Autor: Thomas Kuder