| Rezension
"Schrumpfende Städte. Band I: Internationale Untersuchung"
Herausgegeben von Philipp Oswalt im Hatje Cantz Verlag,
Ostfildern-Ruit, 2004, ISBN: 3775714812; Preis:
32.- Euro Man nehme
, wie man in Rezepten zu sagen pflegt,
man nehme ein aktuelles und brisantes, bislang aber wenig bearbeitetes
Problem komplexer Natur. Man frage im nächsten Schritt gut einhundert
meist namhafte Fachleute und Autoren an, ob sie nicht vielleicht einen
Beitrag zu diesem Problem verfassen möchten. Und siehe da, ehe man
sich versieht, ist es schon da, das umfassende, alles aufzeigende
Sammelwerk. Und kaum etwas bleibt noch zu sagen übrig. Nicht kleckern, sondern klotzen. Dieser Eindruck
jedenfalls drängt sich dem Leser auf den ersten Blick auf, angesichts
der überwältigenden Vielzahl von Autoren, die sich alle mit nur einem
Thema, der Stadtschrumpfung, befassen und angesichts der 735 recht
eng bedruckten Seiten, die sich öfter am Rande der Bleiwüste
befinden. Trotzdem würde man es sich als Kritiker wohl zu leicht machen,
den ambitionierten und engagierten Sammelband Schrumpfende Städte,
herausgegeben vom Architekten und Fachjournalisten Philipp Oswalt
und verfasst von zahllosen Autoren aus aller Welt, auf einen solch
einfachen Nenner bringen zu wollen. Das Werk umfasst insgesamt zehn zu Kapiteln zusammengefasste
inhaltliche Schwerpunkte. Berichtet wird darin jeweils in mehreren
Beiträgen von den global unterschiedlichen Formen von Schrumpfungsprozessen,
von sterbenden, weil überflüssigen und wandernden, weil instabilen
Städten, von der Psychogeographie der Angst in der Stadt, von der
kulturellen Repräsentation einer Stadt im Kopf, erzählt
von Raumpionieren, vom alltäglichen Überleben, von peripheren Dynamiken,
vom Mythos der Planung und von einer dekonstruierten, im Mentalitäts-
und Wertewandel befindlichen Welt. Weiterhin umfasst das Buch fünf eingeschobene ortsbezogene
Kapitel. Diese stehen für verschiedene Themenschwerpunkte an bestimmten
Orten in allen Teilen der Welt (Japan - demographischer Wandel, Detroit
- Suburbanisierung, Manchester/Liverpool - Deindustrialisierung, Ivanovo
- postsozialistische Transformation und Halle/Leipzig - mit Querbezügen
zu allen Themen). Ergänzt wird der Band durch eine Vielzahl von passend
eingestreuten Zitaten und mitunter etwas weitschweifigen, nur lose
mit dem Thema verknüpften Bildern. Vor dem Leser wird damit insbesondere ein kulturell
sehr vielfältiges Spektrum ausgebreitet, das sich mit den verschiedensten
international vorfindbaren Ursachen, Merkmalen, Entwicklungen und
Folgen zum Phänomen der Schrumpfung der Städte auseinandersetzt.
Die Verdienste dieses Buches sind dabei unübersehbar:
Die Vielfalt an Beiträgen und Sichtweisen zeigt zunächst die Bedeutsamkeit
und die Vielschichtigkeit dieses komplexen Phänomens und verhindert
vor allem eine vorschnelle Engführung und intellektuelle Begrenzung
dieses schwierigen Themas. Das Phänomen Schrumpfung wird vielmehr
im Hinblick auf seine kulturell vielfältigen Dimensionen aus den unterschiedlichsten
Blickwinkeln heraus genau beleuchtet und beschrieben. Eines der wirklich
großen Verdienste dieses Buches dürfte es dabei sein, das Thema zugunsten
einer kulturellen Normalität aus seiner tabuisierten Schmuddelecke
herauszuholen, in die es in einer vom Wachstumsparadigma beherrschten
und in Hochglanzbroschüren dargestellten Welt gerne geschoben wird.
Auch gelingt es dem Herausgeber und den Autoren,
das Thema der Schrumpfung aus der oft bedrückenden, ja provinziellen
Enge und vorbestimmt scheinenden Ausweglosigkeit zu befreien, in die
es vor allem in dem regional eng begrenzten Diskurs der neuen Bundesländer
mitunter zu geraten droht (Stichwort: De-
). Das
Buch beschreibt denn auch folgerichtig den weitreichenden Wandel der
Welt und zeigt die globale Tragweite und Gewichtigkeit des Themas
auf, ohne aber die lokale Dimension zu vernachlässigen. Damit setzt
das Buch einen fundierten Gegenpol zu den oft vorschnellen, einfachen
Wahrheiten, die zu solchen Themen gerne artikuliert werden. Allerdings halten, so ist kritisch anzumerken, nicht
alle Beiträge den anzusetzenden Ansprüchen stand und vermögen durch
ihren Gehalt zu überzeugen. Eine strengere, auch fachübergreifende
Auswahl und ein Verzicht auf den einen oder anderen Text hätten dem
Buch angesichts der Fülle von Inhalten gut getan und den Leser entlastet.
Hat doch auch die ungeheuere Vielfalt an hervorragenden Eindrücken,
interessanten Informationen, anspruchsvollen Erkenntnissen und einfühlsamen
Beschreibungen eine nicht zu unterschätzende Kehrseite: Man wird davon
nahezu erschlagen. Ein konkret greifbares und vom interessierten Leser
in angemessener Zeit zu verarbeitendes Bild von dem, was Schrumpfung
letztlich auszumachen scheint, kann angesichts dieser überwältigenden
Fülle kaum entstehen. Man sieht sozusagen den Wald vor lauter Bäumen
nicht mehr. Der Sammelband ist denn auch eher ein (allerdings hervorragendes)
Lesebuch, mit vielen, überwiegend interessanten Analysen und Beschreibungen
rund um das globale Thema der Schrumpfung der Städte und weniger fachliches
Lehrbuch oder zielorientierter Forschungsbericht. Gespannt, wenn auch in der Erwartung eher zurückhaltend
und skeptisch darf man dem zweiten Band entgegen sehen, der sich,
so die etwas gewagt anmutende Ankündigung, mit den Handlungskonzepten
befassen will. Mal schauen, mit welchen Rezepten dem geneigten Leser
dort aufgewartet wird
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ein Dokument der Seite www.schrumpfende-stadt.de Erstelldatum: 30. Januar 2006 Autor: Thomas Kuder |