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in die Stadt oder Schrumpfung überall? Reurbanisierung und Schrumpfung in
ostdeutschen Städten
Als herausragende Problemfelder für ostdeutsche Städte
werden stets der wirtschaftliche Strukturwandel mit hoher Arbeitslosigkeit,
markante Bevölkerungsverluste durch niedrige Geburtenzahlen, Fernwanderung,
Suburbanisierung und problematische kommunale Finanzen genannt. In
zahlreichen Gemeinden erweisen sich weite Teile der nach der politischen
Wende geschaffenen und instand gesetzten Infrastruktur als zu großzügig
bemessen. Schrumpfung war kaum vorhersehbar bzw. wurde
nicht erwartet. Die mittlerweile intensiv diskutierten Wohnungsleerstände
durch Rückgang der Haushaltszahlen auf Grund von Abwanderung
aber auch zu viel neu geschaffenem Wohnraum sind sicherlich
eine der augenfälligsten Folgen dieses Problembündels. Eine Reaktion
von Bund und Ländern auf diese prekären Umstände ist z.B. das Förderprogramm
Stadtumbau-Ost, welches die Umstrukturierung der Städte
und Quartiere durch Rückbau und Aufwertung sowie die Anpassung der
Infrastruktur in den betroffenen Orten (finanziell) unterstützt. Nachdem in Forschung und medialer Berichterstattung
zunächst das Menetekel der ungeregelten Schrumpfung bis hin zu Siedlungswüstungen
gesehen wurde, mehren sich allerdings jüngst Beiträge über die zunehmende
Beliebtheit der Kernstädte als Wohnort, und erste Reurbanisierungstendenzen
auch ostdeutscher Städte scheinen sich abzuzeichnen (Brühl et. al. 2005, Der
Spiegel 02/2006, Herfert
2002, Opaschowski 2005).
Ist tatsächlich eine Trendumkehr in Sicht? Oder sind die Städte der
Neuen Länder doch eher dem Untergang geweiht? Galt der Niedergang der ostdeutschen Kernstädte noch
vor wenigen Jahren als quasi besiegelt, wird im Difu-Newsletter 3/2005
grundsätzlich festgestellt, dass die Rückkehr in die Stadt keine Modeerscheinung
ist. Die wiederkehrende Beliebtheit des Wohnens in der Innenstadt
sei als genereller Trend auszumachen. Zu diesem Schluss kommt eine
aktuelle Studie auf Basis empirischer Erhebungen in Leipzig und München
(Brühl et. al. 2005). Hierbei wurde allerdings
im Detail die Abwanderungsbereitschaft von Innenstadtbewohnern, insbesondere
junger Familien, aus der Kernstadt untersucht. Diese würden zunehmend
den bisherigen Wohnstandort beibehalten wollen, wenn entsprechende
Angebote (Wohnungszuschnitte, Preisgestaltung) vorhanden wären. Erhebungen
zur Rückwanderung(sbereitschaft) von bereits im Umland lebenden Bürgern
liegen nicht vor. Es wird lediglich die zunehmende Einwohnerzahl einzelner
innerstädtischer Wohnquartiere und die geringe Abwanderungsbereitschaft
der dort Lebenden konstatiert und empirisch belegt. Rückkehr
ist vielmehr als Renaissance des Wohnens (so auch im genauen
Titel der Studie) zu verstehen und nicht etwa im Sinne von Reurbanisierungstendenzen
mit direktem Bezug zur Rückwanderung aus dem suburbanen Raum. Vielmehr
sei (wenigstens) keine starke Abwanderung in das Umland der Städte
zu erwarten, so ein Fazit der Untersuchung. Abb. 1: Einwohnerentwicklung
der kreisfreien Städte Ostdeutschlands (inkl. Berlin) von 1990 bis 2002
in Prozen. Quelle: BBR INKAR 2004; Eigene Berechnung. Das B.A.T. Freizeitforschungsinstitut legt mit der
Veröffentlichung Die neue Lust auf Stadt - Abschied vom urbanen
Pessimismus (Opaschowski 2005) nach. Dort heißt es,
dass die Zeit der Stadtflucht zu Ende geht und immer weniger Menschen
auf dem Land leben würden. Vor allem Menschen in der nachelterlichen
Lebensphase (45plus) würden zukünftig den Schlafstädten
und Reihenhauskolonien auf der grünen Wiese den Rücken kehren. Aber
auch hier liegen keine Detailanalysen zu bereits erfolgter Rückwanderung
vor. Dagegen werden in der ebenfalls auf Befragungen basierenden Studie
Einschätzungen zu den Stärken der Städte und dem innenstadtnahen Wohnen,
Wunschvorstellungen zur idealen Stadt und Absichtserklärungen der
Probanden gesammelt. Dass die in Umfragen bekundeten Vorhaben aber
nicht immer ja in vielen Lebensbereichen sogar sehr selten
in reales Verhalten umgesetzt werden, ist in der empirischen
Sozialforschung ein schon lange bekanntes Phänomen. Deshalb werden
solche Ergebnisse meist mit großer Vorsicht behandelt; insbesondere
wenn sie als Basis für zukünftige Planungen herangezogen werden sollen. Foto 1: Suburbanes
Wohnen am Rande von Chemnitz (Klaffenbach) Im Spiegel 2/2006 leitet sich aus den genannten Ergebnissen
allerdings schon der Triumph der City ab. Gilt dies auch
für Ostdeutschland? Immerhin wurden in einzelnen Großstädten der Neuen
Länder erste Umland-Stadt-Wanderungstrends nachgewiesen (Herfert
2002). Die Kernaussagen des aktuellen Raumordnungsberichts
des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung (BBR 2005) klingen eher
ernüchternd. Demnach überwiege in den Alten Ländern die Zunahme, im
Osten die Abnahme der Bevölkerung. Die wenigen Einwohnerzuwächse im
Osten konzentrierten sich dabei auf die engeren suburbanen Räume der
großen Städte. Auch zukünftig sei mit einem Nebeneinander von Schrumpfung
und Wachstum zu rechnen.
Die Stagnation und Abnahme bliebe in den Neuen Ländern größer als
in den Alten Ländern. Insgesamt aber nehme der Anteil von Gemeinden
mit abnehmender Bevölkerung auch im Westen merklich zu. Der gleiche
Tenor findet sich bereits im Städtebaulichen Bericht der Bundesregierung
2004. Städtischer Wandel ohne Wachstum sei danach zwar noch eine typisches
Ostproblem, würde aber bald zum Regelfall. Ein Blick auf die Bevölkerungsentwicklung der kreisfreien
Städte in den Neuen Ländern zeigt zunächst, dass diese im Zeitraum
von 1990 bis 2002 ausnahmslos an Einwohnern verloren haben (Abb. 1). Allerdings lassen sich auch schnell zwei bis drei
Untergruppen herauslösen. So gibt es eine Spitzengruppe,
welche nur moderate Verluste von bis zu 10% hinnehmen musste und ein
breites Mittelfeld mit mehr als 15 bis knapp über 20% Bevölkerungsrückgang.
Negativer Spitzenreiter unter den kreisfreien Städten ist das viel
zitierte und in der medialen Berichterstattung oft und reißerisch
als paradigmatisch für den gesamten Osten dargestellte Hoyerswerda
in Sachsen. Da sich die Bevölkerungsentwicklung durch die Salden
von Geburten und Sterbefällen sowie Fort- und Zuzügen ergibt, soll
diese Struktur am Beispiel von Chemnitz für den Zeitraum von 1990
bis 2004 genauer betrachtet werden (Abb.2). Abb. 2: Absolute
Veränderung von Geburten-/Sterbe- und Migrationssaldo für Chemnitz von
1990 bis 2004. Quelle: Statistisches Landesamt des Freistaates
Sachsen; Eigene Berechnung. Zunächst kann festgehalten werden, dass es insbesondere
die negative natürliche Bilanz ist, welche die Entwicklung
nicht nur in Chemnitz, sondern in den ostdeutschen Städten generell
maßgeblich beeinflusst. Zwar auch negativ, aber viel weniger gleichmäßig
stellt sich das Migrationsgeschehen dar. So dominierte unmittelbar
nach der Wende die Abwanderung gen Westen[1],
während Mitte der 1990er Jahre massive Einwohnerverluste durch Suburbanisierung
zu verbuchen waren[2].
Im neuen Jahrtausend dagegen ist das Migrationsvolumen insgesamt stark
gesunken und ähnlich der Situation 1992 und 1993, als die Mehrheit
der potenziellen Fernwanderer die Stadt bereits verlassen hatte und
Suburbanisierung erst ganz langsam einsetzte weniger bedeutsam
als die zu geringen Geburtenziffern. Auch gibt es keine wirklich dominierende
Hauptmigrationsrichtung mehr. Selbst die ehemaligen Megatrends
Westwanderung und Suburbanisierung halten sich in etwa die Waage[3],
wobei sie im Vergleich zu früheren Jahren deutlich an Relevanz eingebüßt
haben. Die zusammengefasste Betrachtung von natürlichem
Saldo und Wanderungssaldo der
kreisfreien Städte der Neuen Länder für den Zeitraum ab 2000 zeigt
positive Migrationsströme im Jahr 2003 (Tab. 1). Für 2004 ist der
Wanderungssaldo immerhin beinahe ausgeglichen. Die Geburten-Sterbebilanz
dieser Städte war im gleichen Zeitraum dagegen stets negativ. Herfert
(2002) stellte bereits für die Jahrtausendwende am Beispiel von Leipzig
die Frage nach dem Beginn einer möglichen Reurbanisierungsphase mit
spürbarer Umland-Stadt-Migration. Auch am Beispiel des Verdichtungsraumes
Chemnitz-Zwickau lässt sich an Hand der zusammengefassten Wanderungssalden
der beiden südwestsächsischen Großstädte eine solche Tendenz beobachten
(Tab. 2). Tab. 1: Absolute Wanderungssalden der kreisfreien Städte
in Ostdeutschland (ohne Berlin) 2001 bis 2004. Quelle: Statistische
Landesämter; Eigene Berechnung. Was hat es damit auf sich? Ist dies der Beleg für
eine Trendumkehr? Tatsächlich weisen von den 26 kreisfreien Städten
Ostdeutschlands (ohne Berlin) immerhin 8 für mindestens 2003 und 2004
positive Wanderungssalden auf. Bei mindestens weiteren 11 Städten
nehmen die Verluste merklich ab (Tab. 1). Zunächst ist festzustellen,
dass die Gewinner ausschließlich die wirtschaftskräftigeren
Zentren oder Regierungssitze sind. Rostock stellt eine gewisse Ausnahme
dar, ist im Siedlungssystem von Mecklenburg Vorpommern allerdings
das herausragende Oberzentrum.
Potsdam profitiert noch zusätzlich von der Lage in unmittelbarer Nähe
zur Bundeshauptstadt Berlin. Dass die ökonomischen und politischen
Zentren eine Vorreiterrolle einnehmen, ist im Allgemeinen nicht erstaunlich
und auch unproblematisch, solange die restlichen Orte auch auf
dem richtigen Weg sind. Denn aus planerischer
Sicht wäre solch ein Trend zurück in die Stadt und weg
vom urban sprawl unter dem Gesichtspunkt des schonenden Umgangs mit
Ressourcen sicherlich wünschenswert. Tab. 2: Absolutes Wanderungssaldo der Städte Chemnitz
und Zwickau (zusammengefasst) mit ausgewählten Regionen. Quelle: Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen;
Eigene Berechnung. Wie steht es aber um die Nachhaltigkeit dieser festgestellten
Umland-Stadt-Migration im spezifisch ostdeutschen Zusammenhang? Die
kritische Betrachtung der vorliegenden Daten legt den Schluss nahe,
dass sich hier zwei Prozesse, eine kleine, echte Reurbanisierung
und ein bedeutender Kohorteneffekt überlagern und addieren. Im Gegensatz zur Entwicklung der alten Bundesrepublik
gab es in der DDR einen durch sozialpolitische Maßnahmen ausgelösten
Geburtenboom ab ca. 1977 bis etwa 1987. Die Angehörigen dieser relativ
starken Jahrgänge wiederum befinden sich jetzt in der Phase der ersten
Haushaltsgründung. Es entspricht den gängigen Annahmen, dass diese
ausbildungs- und arbeitsbedingt tendenziell in den Städten erfolgt
und mit Umland-Stadt-Migration verbunden ist. Wäre die zu beobachtende
Rückwanderung in die Städte also tatsächlich altersspezifisch selektiv
und vor allem lebenszyklusbedingt, so ist wegen der darauf folgenden,
ausgesprochen schwachen Kohorten bereits das Ende dieser Reurbanisierung
absehbar. Denn nach der politischen Wende sanken die ostdeutschen
Geburtenzahlen zunächst dramatisch, weshalb bisweilen auch von etwa
5 fehlenden Jahrgängen gesprochen wird. Darüber hinaus
auch wieder gemäß der Stellung im Lebenszyklus dürften
sich aus den DDR-Baby-Boom-Jahrgängen in Zukunft die potenziellen
Suburbaniten rekrutieren. Demnach wären neue Wanderungsverluste der
Kernstädte gegenüber dem Umland zu erwarten. Die Lücken in den Städten
aber würden durch die nachfolgende Generation neuer Haushaltsgründer
keinesfalls gefüllt, da es sich hierbei um die extrem schwachen Jahrgänge
ab 1990 handelt. Die Annahme eines Kohorteneffekts bestätigt sich
bei der Betrachtung der strukturellen Zusammensetzung der Zuwanderer
nach Chemnitz aus dem dortigen Regierungsbezirk in den Jahren 2000
bis 2003. Etwa 45% aller nach Chemnitz gezogenen Neubürger gehören
wie vermutet der Baby-Boom-Gruppe an (Abb. 4). Analog
verhält es sich in Zwickau. Dort stellen die 18 bis 30-jährigen mit
43% ebenfalls die bedeutendste Zuwanderergruppe dar. Der Anteil der
unter 18-jährigen liegt bei 15%, die Altersgruppen über 30 Jahre repräsentieren
41%. Abb.3: Entwicklung der Geburtenrate der DDR und Ostdeutschlands
1946 bis 2000. Quelle: Verändert nach Heineberg 2000. Vor diesem Hintergrund relativieren sich Feststellungen
wie z.B. die des Görlitzer Stadtplaners Franz-Josef Keul, der es in
Die Zeit vom 25.08.05 auch als Erfolg von Planung und
Politik wertet, dass dort seit 2003 mehr Zu- als Fortzüge verbucht
würden und sich das Durchschnittsalter der Bewohner in den beliebten
Quartieren deutlich gesenkt habe auf teilweise unter 30 Jahre.
Eine Trendumkehr, die im zitierten Artikel (Büscher 2005) aus solchen Fakten
geschlossen wird, erscheint in Anbetracht der am Beispiel von Chemnitz
dargelegten Detail-Problematik also eher fraglich. Dazu bedürfte es
noch etwas genauerer sozio-demographischer Analysen. Angesichts fehlender Nachwendejahrgänge
und des stets negativen Sterbe-Geburtensaldos bedürfte es alleine
schon zum Erhalt der bisherigen Einwohnerzahlen einer anhaltenden
Zuwanderung in die ostdeutschen Städte. Aber vielleicht gelingt es
ja, zunächst, die Baby-Boomer z.B. durch großzügige Eigenheimstandorte
auf zukünftig zurückgebauten Flächen in den Städten zu halten;
wenigstens dort, wo die ökonomischen Rahmenbedingungen vorteilhafter
sind und keine Abwanderung begünstigen. Dass die markanten Bevölkerungsverluste das Gesicht
der Städte bereits heute erheblich verändert haben, ist offensichtlich.
Eine Entspannung der Gesamtsituation dürfte solange ausbleiben, wie
sich die wirtschaftliche Lage in Ostdeutschland nicht deutlich verbessert. Abb. 4: Anzahl und Alterstruktur der Zugezogenen aus dem
Regierungsbezirk Chemnitz in die Stadt Chemnitz im Zeitraum von 2000
bis 2003 und deren relative Bedeutung in Prozent. Quelle: Statistisches
Landesamt des Freistaates Sachsen; Eigene Berechnung. Wie geht es weiter? Die Modellrechungen der statistischen
Ämter und einschlägiger Forschungseinrichtungen gehen teilweise schon
ab 2020 von einem Rückgang der Bevölkerungszahlen in Gesamtdeutschland
aus (vgl. z.B. Statistisches Bundesamt 2003, BBR 2003,
Just 2003, Effenberger & Deilmann 2004). Die
Haushaltszahlen Ostdeutschlands könnten bereits 2010 spürbar zurückgehen,
was insofern von Bedeutung ist, weil diese bislang noch im Ansteigen
begriffen sind. Der Wohnungswirtschaft stehen demnach noch deutlich
schwierigere Verhältnisse bevor als heute. Es mag nach den bisherigen Ausführungen vielleicht
sonderbar anmuten, aber der demographische Wandel kann und sollte
soweit möglich auch als Chance begriffen werden. Zugegebenermaßen
gibt es auch kaum andere Handlungsoptionen als die vorliegende Situation
zu akzeptieren und das Beste daraus zu machen. Denkbar wäre es, zum
Beispiel durch Rückbau und darauf folgende intelligente Flächennutzung
einen neuen, weniger dichten Stadttyp zu schaffen. Stadtentwicklung
könnte auch endlich! nicht automatisch mit Stadterweiterung
verbunden sein; denn wenngleich die Bevölkerung der ostdeutschen Städte
zurückgeht der Flächenverbrauch reißt bislang nicht ab. Diese
Möglichkeit zur Verwirklichung neuer Konzepte bedarf allerdings entsprechenden
Mutes, guter Kommunikation und natürlich finanzieller Mittel. Sollte nichts oder zu wenig unternommen werden, droht
ein Negativ-Szenario, welches sich bereits heute in einzelnen Kommunen
ankündigt und in die totale Frakturierung der ostdeutschen Städte
münden könnte. Demnach würde auf einen zweiten Leerstandsschock
wegen geringer Haushaltsgründungen der Nach-Wende-Generation eine
generell starke Abnahme der Haushaltszahlen folgen. Und dabei befindet
sich bereits heute die Immobilien- und Wohnungswirtschaft Ostdeutschlands
(und deren Eigentum prägt ja das Gesicht der Städte) in einem Dilemma
aus geringen Einnahmen, Kostendruck und fehlenden Investitionsspielräumen
bei gleichzeitig hoher Konkurrenz mit entsprechenden Erwartungen und
Anforderungen der Nachfrager. Auf der politischen und der Planungsebene
stellt sich die Frage nach dem Leitbild gleichwertiger Lebensverhältnisse
in allen Teilräumen Deutschlands ein Prinzip, das sogar vom
Bundespräsidenten Horst Köhler wiederholt in die Diskussion gebracht
wurde. In Zeiten leerer Kassen erscheint ihm dessen Erreichbarkeit
vermutlich zunehmend schwierig. Für viele Kommunen sind die bisherigen
Umlage- und Ausgleichssysteme den aktuellen Bedingungen nicht mehr
angemessen, weil sie in hohem Maße von der jeweiligen Einwohnerzahl
bestimmt werden. Schrumpfen wird also bestraft. In der
Konsequenz fördert dies Kirchturmpolitik in Konkurrenz um Gewerbeansiedlungen
und Bürger. Das ist umso problematischer, da in der derzeitigen Phase
der Stagnation in vielen Bereichen eher kooperative Strategien geboten
sind. Dass eine solche Problematik kein exklusiv ostdeutsches
Phänomen bleiben wird, ist mittlerweile fast unbestritten. Da die
meisten Bundesbürger in Städten leben, dürfte das Thema demographischer
Wandel und Stadtentwicklung in den betroffenen Regionen von
hoher Relevanz sein. Die Betonung liegt hierbei auf den betroffenen
Regionen, denn in Ostdeutschland als schrumpfender Makroregion
lässt sich auf der Meso- und Mikroebene bereits heute ein differenziertes
Nebeneinander von Wachstum und Schrumpfung gleichermaßen nachweisen.
So dürften zum Beispiel die relativ stabilen und aktiven Zentren wie
etwa Leipzig, Dresden oder Jena ihre Einwohnerzahlen durch Zuwanderung
zunächst stabilisieren können, was wiederum wahrscheinlich nur zu
Lasten mittlerer und kleiner Städte in peripheren Lagen geschehen
kann. Politische Entscheidungen und gesetzliche Rahmenbedingungen
beeinflussen die Entwicklung ebenfalls stark. Auch schaffen Banken
und Consulter, die den Um- und Rückbau gerade finanzieren oder
eben nicht schon jetzt physiognomisch fassbare Strukturen,
welche vom noch nicht einmal ausformulierten Leitbild der lebenswerten
Lean City definitiv abweichen. Dabei ist festzuhalten,
dass es die ostdeutsche Entwicklung im demographischen
Wandel nicht gibt. Spätestens seit der Jahrtausendwende haben die
Städte ganz individuelle Entwicklungspfade eingeschlagen (Franz
2005). Die Situation in Leipzig und Dresden unterscheidet sich markant
von der in Hoyerswerda oder Stralsund und Magdeburg. Somit ergibt sich kein Widerspruch aus der Tatsache,
dass kleinräumige Reurbanisierungstendenzen und die Renaissance der
Kernstadt gerade ein Thema für einzelne Großstädte sind (Opaschowski
2005, Brühl et al. 2005).
Die (zwangsläufig) übertragbare Regelhaftigkeit dieses Trends für
ostdeutsche Städte ist allerdings nicht hinreichend gesichert. Auch
die Dauer kann bislang nicht wirklich abgeschätzt werden. Noch bleibt
vielmehr abzuwarten, wie es denn um die Umland-Stadt-Wanderung(sbereitschaft)
der Generation 45+ wirklich steht und ob sie auch nur annähernd die
Bedeutung des vorherigen und vor allem nach wie vor andauernden
Massenphänomens Suburbanisierung erreicht. Sind die vormaligen
Suburbaniten im fortgeschrittenen Alter tatsächlich bereit, sich von
ihrem (vielleicht erst seit wenigen Jahren abbezahlten) Wohneigentum
zugunsten innenstadtnaher, der aktuellen Stellung im Lebenszyklus
besser entsprechenden, Wohnformen zu trennen (sei es nun durch Verkauf
oder Vermietung)? Ebenso ist die Marktentwicklung nur schwer abschätzbar.
Käme es ggf. zu Wertverlusten suburbaner Immobilien, da sie dann massenhaft
angeboten würden? Dämpft dieser Fakt dann wiederum die Rückwanderungsbereitschaft? Im spezifisch ostdeutschen Kontext ist außerdem zu
hinterfragen, ob denn die Reurbanisierung der Älteren
auch nur annähernd die demographischen Lücken der Städte füllen würde.
Nur ein in der Stadt bleiben der jüngeren Haushalte reicht
dazu nicht aus, denn der Bevölkerungsrückgang ist maßgeblich an das
generative Verhalten, also die geringen Geburtenzahlen, gebunden.
Selbst bei einer ausgeglichenen Migrationsbilanz ginge die Zahl der
Einwohner merklich zurück. Foto 2: Beginn
des Rückbaus im Chemnitzer Fritz-Heckert-Gebiet Auch wenn Umland-Stadt-Migration und die gestiegene
Wertschätzung der Innenstadt als Wohnstandort bereits für einzelne
Städte empirisch nachgewiesen werden kann (z.B. Herfert
2003, Brühl et al. 2005,
Opaschowski 2005): Grund zur Euphorie besteht (noch?) nicht.
Statt Entwarnung zu geben, wie dies publizistisch zum Teil schon geschehen
ist, sollte genauer hingesehen werden. Während Stadtumbau in Ostdeutschland
langsam an Fahrt gewinnt, könnte die Reurbanisierungswelle
vielleicht schon fast wieder vorbei sein. Auf jeden Fall aber bietet
der begonnene Stadtumbau Ost die Möglichkeit, die Innenstadtquartiere
dahingehend zu verändern, dass übermäßig ressourcenverbrauchendes
Wohnen im Stadt-Umland zunehmend uninteressant wird. Diese Chance
könnte und sollte aus Sicht der Kernstädte genutzt werden. Benke, C. (2004). Historische
Umbrüche Schrumpfungen und städtische Krisen in Mitteleuropa
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Deutschland. Bonn. [1]
Im Jahre 1990 gingen z.B. 45% aller Fortzüge
in die Alten Länder. [2]
1995 machte der Anteil der Westwanderung
nur mehr 24% aller Wegzüge aus, während 55% der aus Chemnitz abgewanderten
Bürger den Regierungsbezirk Chemnitz als Zielregion hatten. [3]
2004 gingen 34% der Fortzüge in die Alten Länder, 36% in den Regierungsbezirk
Chemnitz. |
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ein Dokument der Seite www.schrumpfende-stadt.de Erstelldatum: 30. Januar 2006 Autor: Bernhard Köppen |