Zurück in die Stadt oder Schrumpfung überall? Reurbanisierung und Schrumpfung in ostdeutschen Städten

 

Als herausragende Problemfelder für ostdeutsche Städte werden stets der wirtschaftliche Strukturwandel mit hoher Arbeitslosigkeit, markante Bevölkerungsverluste durch niedrige Geburtenzahlen, Fernwanderung, Suburbanisierung und problematische kommunale Finanzen genannt. In zahlreichen Gemeinden erweisen sich weite Teile der nach der politischen Wende geschaffenen und instand gesetzten Infrastruktur als zu großzügig bemessen. „Schrumpfung“ war kaum vorhersehbar bzw. wurde nicht erwartet. Die mittlerweile intensiv diskutierten Wohnungsleerstände – durch Rückgang der Haushaltszahlen auf Grund von Abwanderung aber auch zu viel neu geschaffenem Wohnraum – sind sicherlich eine der augenfälligsten Folgen dieses Problembündels. Eine Reaktion von Bund und Ländern auf diese prekären Umstände ist z.B. das Förderprogramm „Stadtumbau-Ost“, welches die Umstrukturierung der Städte und Quartiere durch Rückbau und Aufwertung sowie die Anpassung der Infrastruktur in den betroffenen Orten (finanziell) unterstützt.

Nachdem in Forschung und medialer Berichterstattung zunächst das Menetekel der ungeregelten Schrumpfung bis hin zu Siedlungswüstungen gesehen wurde, mehren sich allerdings jüngst Beiträge über die zunehmende Beliebtheit der Kernstädte als Wohnort, und erste Reurbanisierungstendenzen auch ostdeutscher Städte scheinen sich abzuzeichnen (Brühl et. al. 2005, Der Spiegel 02/2006, Herfert 2002, Opaschowski 2005). Ist tatsächlich eine Trendumkehr in Sicht? Oder sind die Städte der Neuen Länder doch eher dem Untergang geweiht?

 

Gute Nachrichten für ostdeutsche Kernstädte – Abwanderung gestoppt?

Galt der Niedergang der ostdeutschen Kernstädte noch vor wenigen Jahren als quasi besiegelt, wird im Difu-Newsletter 3/2005 grundsätzlich festgestellt, dass die Rückkehr in die Stadt keine Modeerscheinung ist. Die wiederkehrende Beliebtheit des Wohnens in der Innenstadt sei als genereller Trend auszumachen. Zu diesem Schluss kommt eine aktuelle Studie auf Basis empirischer Erhebungen in Leipzig und München (Brühl et. al. 2005). Hierbei wurde allerdings im Detail die Abwanderungsbereitschaft von Innenstadtbewohnern, insbesondere junger Familien, aus der Kernstadt untersucht. Diese würden zunehmend den bisherigen Wohnstandort beibehalten wollen, wenn entsprechende Angebote (Wohnungszuschnitte, Preisgestaltung) vorhanden wären. Erhebungen zur Rückwanderung(sbereitschaft) von bereits im Umland lebenden Bürgern liegen nicht vor. Es wird lediglich die zunehmende Einwohnerzahl einzelner innerstädtischer Wohnquartiere und die geringe Abwanderungsbereitschaft der dort Lebenden konstatiert und empirisch belegt. „Rückkehr“ ist vielmehr als „Renaissance des Wohnens“ (so auch im genauen Titel der Studie) zu verstehen und nicht etwa im Sinne von Reurbanisierungstendenzen mit direktem Bezug zur Rückwanderung aus dem suburbanen Raum. Vielmehr sei (wenigstens) keine starke Abwanderung in das Umland der Städte zu erwarten, so ein Fazit der Untersuchung.

Abb. 1: Einwohnerentwicklung der kreisfreien Städte Ostdeutschlands (inkl. Berlin) von 1990 bis 2002 in Prozen. Quelle: BBR INKAR 2004; Eigene Berechnung.

 

Das B.A.T. Freizeitforschungsinstitut legt mit der Veröffentlichung „Die neue Lust auf Stadt - Abschied vom urbanen Pessimismus“ (Opaschowski 2005) nach. Dort heißt es, dass die Zeit der Stadtflucht zu Ende geht und immer weniger Menschen auf dem Land leben würden. Vor allem Menschen in der nachelterlichen Lebensphase („45plus“) würden zukünftig den Schlafstädten und Reihenhauskolonien auf der grünen Wiese den Rücken kehren. Aber auch hier liegen keine Detailanalysen zu bereits erfolgter Rückwanderung vor. Dagegen werden in der ebenfalls auf Befragungen basierenden Studie Einschätzungen zu den Stärken der Städte und dem innenstadtnahen Wohnen, Wunschvorstellungen zur idealen Stadt und Absichtserklärungen der Probanden gesammelt. Dass die in Umfragen bekundeten Vorhaben aber nicht immer – ja in vielen Lebensbereichen sogar sehr selten – in reales Verhalten umgesetzt werden, ist in der empirischen Sozialforschung ein schon lange bekanntes Phänomen. Deshalb werden solche Ergebnisse meist mit großer Vorsicht behandelt; insbesondere wenn sie als Basis für zukünftige Planungen herangezogen werden sollen.

Foto 1: Suburbanes Wohnen am Rande von Chemnitz (Klaffenbach)

Im Spiegel 2/2006 leitet sich aus den genannten Ergebnissen allerdings schon der „Triumph der City“ ab. Gilt dies auch für Ostdeutschland? Immerhin wurden in einzelnen Großstädten der Neuen Länder erste Umland-Stadt-Wanderungstrends nachgewiesen (Herfert 2002).

Die Kernaussagen des aktuellen Raumordnungsberichts des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung (BBR 2005) klingen eher ernüchternd. Demnach überwiege in den Alten Ländern die Zunahme, im Osten die Abnahme der Bevölkerung. Die wenigen Einwohnerzuwächse im Osten konzentrierten sich dabei auf die engeren suburbanen Räume der großen Städte. Auch zukünftig sei mit einem Nebeneinander von Schrumpfung und Wachstum zu rechnen. Die Stagnation und Abnahme bliebe in den Neuen Ländern größer als in den Alten Ländern. Insgesamt aber nehme der Anteil von Gemeinden mit abnehmender Bevölkerung auch im Westen merklich zu. Der gleiche Tenor findet sich bereits im Städtebaulichen Bericht der Bundesregierung 2004. Städtischer Wandel ohne Wachstum sei danach zwar noch eine typisches „Ostproblem“, würde aber bald zum Regelfall.

Ein Blick auf die Bevölkerungsentwicklung der kreisfreien Städte in den Neuen Ländern zeigt zunächst, dass diese im Zeitraum von 1990 bis 2002 ausnahmslos an Einwohnern verloren haben (Abb. 1).

Allerdings lassen sich auch schnell zwei bis drei Untergruppen herauslösen. So gibt es eine „Spitzengruppe“, welche nur moderate Verluste von bis zu 10% hinnehmen musste und ein breites Mittelfeld mit mehr als 15 bis knapp über 20% Bevölkerungsrückgang. Negativer Spitzenreiter unter den kreisfreien Städten ist das viel zitierte und in der medialen Berichterstattung oft und reißerisch als paradigmatisch für den gesamten Osten dargestellte Hoyerswerda in Sachsen.

Da sich die Bevölkerungsentwicklung durch die Salden von Geburten und Sterbefällen sowie Fort- und Zuzügen ergibt, soll diese Struktur am Beispiel von Chemnitz für den Zeitraum von 1990 bis 2004 genauer betrachtet werden (Abb.2).

Abb. 2: Absolute Veränderung von Geburten-/Sterbe- und Migrationssaldo für Chemnitz von 1990 bis  2004. Quelle: Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen; Eigene Berechnung.

 

Zunächst kann festgehalten werden, dass es insbesondere die negative natürliche Bilanz ist, welche die Entwicklung – nicht nur in Chemnitz, sondern in den ostdeutschen Städten generell – maßgeblich beeinflusst.

Zwar auch negativ, aber viel weniger gleichmäßig stellt sich das Migrationsgeschehen dar. So dominierte unmittelbar nach der Wende die Abwanderung gen Westen[1], während Mitte der 1990er Jahre massive Einwohnerverluste durch Suburbanisierung zu verbuchen waren[2]. Im neuen Jahrtausend dagegen ist das Migrationsvolumen insgesamt stark gesunken und – ähnlich der Situation 1992 und 1993, als die Mehrheit der potenziellen Fernwanderer die Stadt bereits verlassen hatte und Suburbanisierung erst ganz langsam einsetzte – weniger bedeutsam als die zu geringen Geburtenziffern. Auch gibt es keine wirklich dominierende Hauptmigrationsrichtung mehr. Selbst die ehemaligen „Megatrends“ Westwanderung und Suburbanisierung halten sich in etwa die Waage[3], wobei sie im Vergleich zu früheren Jahren deutlich an Relevanz eingebüßt haben.

Die zusammengefasste Betrachtung von natürlichem Saldo und Wanderungssaldo  der kreisfreien Städte der Neuen Länder für den Zeitraum ab 2000 zeigt positive Migrationsströme im Jahr 2003 (Tab. 1). Für 2004 ist der Wanderungssaldo immerhin beinahe ausgeglichen. Die Geburten-Sterbebilanz dieser Städte war im gleichen Zeitraum dagegen stets negativ.

 

Herfert (2002) stellte bereits für die Jahrtausendwende am Beispiel von Leipzig die Frage nach dem Beginn einer möglichen Reurbanisierungsphase mit spürbarer Umland-Stadt-Migration. Auch am Beispiel des Verdichtungsraumes Chemnitz-Zwickau lässt sich an Hand der zusammengefassten Wanderungssalden der beiden südwestsächsischen Großstädte eine solche Tendenz beobachten (Tab. 2).

Tab. 1: Absolute Wanderungssalden der kreisfreien Städte in Ostdeutschland (ohne Berlin) 2001 bis 2004. Quelle: Statistische Landesämter; Eigene Berechnung.

 

Was hat es damit auf sich? Ist dies der Beleg für eine Trendumkehr? Tatsächlich weisen von den 26 kreisfreien Städten Ostdeutschlands (ohne Berlin) immerhin 8 für mindestens 2003 und 2004 positive Wanderungssalden auf. Bei mindestens weiteren 11 Städten nehmen die Verluste merklich ab (Tab. 1). Zunächst ist festzustellen, dass die „Gewinner“ ausschließlich die wirtschaftskräftigeren Zentren oder Regierungssitze sind. Rostock stellt eine gewisse Ausnahme dar, ist im Siedlungssystem von Mecklenburg Vorpommern allerdings das herausragende Oberzentrum. Potsdam profitiert noch zusätzlich von der Lage in unmittelbarer Nähe zur Bundeshauptstadt Berlin. Dass die ökonomischen und politischen Zentren eine Vorreiterrolle einnehmen, ist im Allgemeinen nicht erstaunlich und auch unproblematisch, solange die restlichen Orte auch „auf dem richtigen Weg“ sind. Denn aus planerischer Sicht wäre solch ein Trend „zurück in die Stadt“ und weg vom urban sprawl unter dem Gesichtspunkt des schonenden Umgangs mit Ressourcen sicherlich wünschenswert.

Tab. 2: Absolutes Wanderungssaldo der Städte Chemnitz und Zwickau (zusammengefasst) mit ausgewählten Regionen. Quelle:      Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen; Eigene Berechnung.

 

Kohorteneffekte und Strohfeuer

Wie steht es aber um die Nachhaltigkeit dieser festgestellten Umland-Stadt-Migration im spezifisch ostdeutschen Zusammenhang? Die kritische Betrachtung der vorliegenden Daten legt den Schluss nahe, dass sich hier zwei Prozesse, eine „kleine, echte Reurbanisierung“ und ein bedeutender Kohorteneffekt überlagern und addieren.

Im Gegensatz zur Entwicklung der alten Bundesrepublik gab es in der DDR einen durch sozialpolitische Maßnahmen ausgelösten Geburtenboom ab ca. 1977 bis etwa 1987. Die Angehörigen dieser relativ starken Jahrgänge wiederum befinden sich jetzt in der Phase der ersten Haushaltsgründung. Es entspricht den gängigen Annahmen, dass diese ausbildungs- und arbeitsbedingt tendenziell in den Städten erfolgt und mit Umland-Stadt-Migration verbunden ist. Wäre die zu beobachtende Rückwanderung in die Städte also tatsächlich altersspezifisch selektiv und vor allem lebenszyklusbedingt, so ist wegen der darauf folgenden, ausgesprochen schwachen Kohorten bereits das Ende dieser Reurbanisierung absehbar. Denn nach der politischen Wende sanken die ostdeutschen Geburtenzahlen zunächst dramatisch, weshalb bisweilen auch von etwa 5 „fehlenden“ Jahrgängen gesprochen wird. Darüber hinaus – auch wieder gemäß der Stellung im Lebenszyklus – dürften sich aus den „DDR-Baby-Boom-Jahrgängen“ in Zukunft die potenziellen Suburbaniten rekrutieren. Demnach wären neue Wanderungsverluste der Kernstädte gegenüber dem Umland zu erwarten. Die Lücken in den Städten aber würden durch die nachfolgende Generation neuer „Haushaltsgründer“ keinesfalls gefüllt, da es sich hierbei um die extrem schwachen Jahrgänge ab 1990 handelt.

Die Annahme eines Kohorteneffekts bestätigt sich bei der Betrachtung der strukturellen Zusammensetzung der Zuwanderer nach Chemnitz aus dem dortigen Regierungsbezirk in den Jahren 2000 bis 2003. Etwa 45% aller nach Chemnitz gezogenen Neubürger gehören wie vermutet der „Baby-Boom-Gruppe“ an (Abb. 4). Analog verhält es sich in Zwickau. Dort stellen die 18 bis 30-jährigen mit 43% ebenfalls die bedeutendste Zuwanderergruppe dar. Der Anteil der unter 18-jährigen liegt bei 15%, die Altersgruppen über 30 Jahre repräsentieren 41%.

Abb.3: Entwicklung der Geburtenrate der DDR und Ostdeutschlands 1946 bis 2000. Quelle: Verändert nach Heineberg 2000.

 

Vor diesem Hintergrund relativieren sich Feststellungen wie z.B. die des Görlitzer Stadtplaners Franz-Josef Keul, der es in „Die Zeit“ vom 25.08.05 auch als Erfolg von Planung und Politik wertet, dass dort seit 2003 mehr Zu- als Fortzüge verbucht würden und sich das Durchschnittsalter der Bewohner in den beliebten Quartieren deutlich gesenkt habe – auf teilweise unter 30 Jahre. Eine Trendumkehr, die im zitierten Artikel (Büscher 2005) aus solchen „Fakten“ geschlossen wird, erscheint in Anbetracht der am Beispiel von Chemnitz dargelegten Detail-Problematik also eher fraglich. Dazu bedürfte es noch etwas genauerer sozio-demographischer Analysen.

Angesichts „fehlender“ Nachwendejahrgänge und des stets negativen Sterbe-Geburtensaldos bedürfte es alleine schon zum Erhalt der bisherigen Einwohnerzahlen einer anhaltenden Zuwanderung in die ostdeutschen Städte. Aber vielleicht gelingt es ja, zunächst, die Baby-Boomer – z.B. durch großzügige Eigenheimstandorte auf zukünftig zurückgebauten Flächen – in den Städten zu halten; wenigstens dort, wo die ökonomischen Rahmenbedingungen vorteilhafter sind und keine Abwanderung begünstigen.

Dass die markanten Bevölkerungsverluste das Gesicht der Städte bereits heute erheblich verändert haben, ist offensichtlich. Eine Entspannung der Gesamtsituation dürfte solange ausbleiben, wie sich die wirtschaftliche Lage in Ostdeutschland nicht deutlich verbessert.

Abb. 4: Anzahl und Alterstruktur der Zugezogenen aus dem Regierungsbezirk Chemnitz in die Stadt Chemnitz im Zeitraum von 2000 bis 2003 und deren relative Bedeutung in Prozent. Quelle: Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen; Eigene Berechnung.

 

Nachhaltige Entspannung (noch) nicht absehbar

Wie geht es weiter? Die Modellrechungen der statistischen Ämter und einschlägiger Forschungseinrichtungen gehen teilweise schon ab 2020 von einem Rückgang der Bevölkerungszahlen in Gesamtdeutschland aus (vgl. z.B. Statistisches Bundesamt 2003, BBR 2003, Just 2003, Effenberger & Deilmann 2004). Die Haushaltszahlen Ostdeutschlands könnten bereits 2010 spürbar zurückgehen, was insofern von Bedeutung ist, weil diese bislang noch im Ansteigen begriffen sind. Der Wohnungswirtschaft stehen demnach noch deutlich schwierigere Verhältnisse bevor als heute.

Es mag nach den bisherigen Ausführungen vielleicht sonderbar anmuten, aber der demographische Wandel kann und sollte soweit möglich auch als Chance begriffen werden. Zugegebenermaßen gibt es auch kaum andere Handlungsoptionen als die vorliegende Situation zu akzeptieren und das Beste daraus zu machen. Denkbar wäre es, zum Beispiel durch Rückbau und darauf folgende intelligente Flächennutzung einen neuen, weniger dichten Stadttyp zu schaffen. Stadtentwicklung könnte auch – endlich! – nicht automatisch mit Stadterweiterung verbunden sein; denn wenngleich die Bevölkerung der ostdeutschen Städte zurückgeht – der Flächenverbrauch reißt bislang nicht ab. Diese Möglichkeit zur Verwirklichung neuer Konzepte bedarf allerdings entsprechenden Mutes, guter Kommunikation und natürlich finanzieller Mittel.

Sollte nichts oder zu wenig unternommen werden, droht ein Negativ-Szenario, welches sich bereits heute in einzelnen Kommunen ankündigt und in die totale Frakturierung der ostdeutschen Städte münden könnte. Demnach würde auf einen „zweiten Leerstandsschock“ wegen geringer Haushaltsgründungen der Nach-Wende-Generation eine generell starke Abnahme der Haushaltszahlen folgen. Und dabei befindet sich bereits heute die Immobilien- und Wohnungswirtschaft Ostdeutschlands (und deren Eigentum prägt ja das Gesicht der Städte) in einem Dilemma aus geringen Einnahmen, Kostendruck und fehlenden Investitionsspielräumen bei gleichzeitig hoher Konkurrenz mit entsprechenden Erwartungen und Anforderungen der Nachfrager. Auf der politischen und der Planungsebene stellt sich die Frage nach dem Leitbild „gleichwertiger Lebensverhältnisse“ in allen Teilräumen Deutschlands –ein Prinzip, das sogar vom Bundespräsidenten Horst Köhler wiederholt in die Diskussion gebracht wurde. In Zeiten „leerer Kassen“ erscheint ihm dessen Erreichbarkeit vermutlich zunehmend schwierig. Für viele Kommunen sind die bisherigen Umlage- und Ausgleichssysteme den aktuellen Bedingungen nicht mehr angemessen, weil sie in hohem Maße von der jeweiligen Einwohnerzahl bestimmt werden. „Schrumpfen“ wird also bestraft. In der Konsequenz fördert dies Kirchturmpolitik in Konkurrenz um Gewerbeansiedlungen und Bürger. Das ist umso problematischer, da in der derzeitigen Phase der Stagnation in vielen Bereichen eher kooperative Strategien geboten sind.

Dass eine solche Problematik kein exklusiv ostdeutsches Phänomen bleiben wird, ist mittlerweile fast unbestritten. Da die meisten Bundesbürger in Städten leben, dürfte das Thema „demographischer Wandel und Stadtentwicklung“ in den betroffenen Regionen von hoher Relevanz sein. Die Betonung liegt hierbei auf den „betroffenen Regionen“, denn in Ostdeutschland als „schrumpfender Makroregion“ lässt sich auf der Meso- und Mikroebene bereits heute ein differenziertes Nebeneinander von Wachstum und Schrumpfung gleichermaßen nachweisen. So dürften zum Beispiel die relativ stabilen und aktiven Zentren wie etwa Leipzig, Dresden oder Jena ihre Einwohnerzahlen durch Zuwanderung zunächst stabilisieren können, was wiederum wahrscheinlich nur zu Lasten mittlerer und kleiner Städte in peripheren Lagen geschehen kann.

Politische Entscheidungen und gesetzliche Rahmenbedingungen beeinflussen die Entwicklung ebenfalls stark. Auch schaffen Banken und Consulter, die den Um- und Rückbau gerade finanzieren – oder eben nicht – schon jetzt physiognomisch fassbare Strukturen, welche vom noch nicht einmal ausformulierten Leitbild der lebenswerten „Lean City“ definitiv abweichen. Dabei ist festzuhalten, dass es „die“ ostdeutsche Entwicklung im demographischen Wandel nicht gibt. Spätestens seit der Jahrtausendwende haben die Städte ganz individuelle Entwicklungspfade eingeschlagen (Franz 2005). Die Situation in Leipzig und Dresden unterscheidet sich markant von der in Hoyerswerda oder Stralsund und Magdeburg.

Somit ergibt sich kein Widerspruch aus der Tatsache, dass kleinräumige Reurbanisierungstendenzen und die Renaissance der Kernstadt gerade ein Thema für einzelne Großstädte sind (Opaschowski 2005, Brühl et al. 2005). Die (zwangsläufig) übertragbare Regelhaftigkeit dieses Trends für ostdeutsche Städte ist allerdings nicht hinreichend gesichert. Auch die Dauer kann bislang nicht wirklich abgeschätzt werden. Noch bleibt vielmehr abzuwarten, wie es denn um die Umland-Stadt-Wanderung(sbereitschaft) der Generation 45+ wirklich steht und ob sie auch nur annähernd die Bedeutung des vorherigen – und vor allem nach wie vor andauernden – Massenphänomens Suburbanisierung erreicht. Sind die vormaligen Suburbaniten im fortgeschrittenen Alter tatsächlich bereit, sich von ihrem (vielleicht erst seit wenigen Jahren abbezahlten) Wohneigentum zugunsten innenstadtnaher, der aktuellen Stellung im Lebenszyklus besser entsprechenden, Wohnformen zu trennen (sei es nun durch Verkauf oder Vermietung)? Ebenso ist die Marktentwicklung nur schwer abschätzbar. Käme es ggf. zu Wertverlusten suburbaner Immobilien, da sie dann massenhaft angeboten würden? Dämpft dieser Fakt dann wiederum die Rückwanderungsbereitschaft?

Im spezifisch ostdeutschen Kontext ist außerdem zu hinterfragen, ob denn die „Reurbanisierung der Älteren“ auch nur annähernd die demographischen Lücken der Städte füllen würde. Nur ein „in der Stadt bleiben“ der jüngeren Haushalte reicht dazu nicht aus, denn der Bevölkerungsrückgang ist maßgeblich an das generative Verhalten, also die geringen Geburtenzahlen, gebunden. Selbst bei einer ausgeglichenen Migrationsbilanz ginge die Zahl der Einwohner merklich zurück.

Foto 2: Beginn des Rückbaus im Chemnitzer „Fritz-Heckert-Gebiet“

Auch wenn Umland-Stadt-Migration und die gestiegene Wertschätzung der Innenstadt als Wohnstandort bereits für einzelne Städte empirisch nachgewiesen werden kann (z.B. Herfert 2003, Brühl et al. 2005, Opaschowski 2005): Grund zur Euphorie besteht (noch?) nicht. Statt Entwarnung zu geben, wie dies publizistisch zum Teil schon geschehen ist, sollte genauer hingesehen werden. Während Stadtumbau in Ostdeutschland langsam an Fahrt gewinnt, könnte die „Reurbanisierungswelle“ vielleicht schon fast wieder vorbei sein. Auf jeden Fall aber bietet der begonnene Stadtumbau Ost die Möglichkeit, die Innenstadtquartiere dahingehend zu verändern, dass übermäßig ressourcenverbrauchendes Wohnen im Stadt-Umland zunehmend uninteressant wird. Diese Chance könnte und sollte aus Sicht der Kernstädte genutzt werden.

 

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[1] Im Jahre 1990 gingen z.B. 45% aller Fortzüge in die Alten Länder.

[2] 1995 machte der Anteil der „Westwanderung“ nur mehr 24% aller Wegzüge aus, während 55% der aus Chemnitz abgewanderten Bürger den Regierungsbezirk Chemnitz als Zielregion hatten.

[3] 2004 gingen 34% der Fortzüge in die Alten Länder, 36% in den Regierungsbezirk Chemnitz.

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Dies ist ein Dokument der Seite www.schrumpfende-stadt.de
Erstelldatum: 30. Januar 2006
Autor: Bernhard Köppen