Eisenhüttenstadt - Stadtumbau aus gesamtstädtischer Perspektive. Zwischenbilanz / Resümee nach 4 Jahren

 

Kurzer Überblick über die Stadtentwicklungsgeschichte

Stadt und Werk entstanden 1950 auf Beschluss des Ministerrates der damaligen DDR, um das nach der Teilung Deutschlands entstandene Defizit in der Eisen- und Stahlindustrie auszugleichen. Die Standortwahl erfolgte zu Gunsten des bis dahin strukturschwachen, siedlungsarmen Osten Brandenburgs, an der Grenze zu Polen. Für die notwendigen Rohstofftransporte aus Polen (Steinkohle) und der damaligen Sowjetunion (Erze, Steinkohle) sollten vorhandene Verkehrswege (Oder-Spree-Kanal, Bahn- und Straßenverbindungen) genutzt und der ertragsarme agrarische Raum industriell gestärkt werden. Mit dem Bau eines so bedeutenden Werks an der sog. Oder-Neiße-Friedensgrenze wurde auch ein ideologisches Zeichen gesetzt.

Die Stadt ist, in Gestalt der Wohnkomplexe I-IV, die erste gänzlich durchgeplante und organisierte Stadtgründung der ehemaligen DDR, basierend auf den „Sechzehn Grundsätzen des Städtebaus“. Ursprünglich für 30.000 Einwohner geplant, sollte sie zu einer Idealstadt werden, in der sich Arbeit und Wohnkomfort mit sozialer Lebensqualität zu einem politisch-kulturellen Gemeinwesen verbinden. Die vornehmlich in traditioneller Bauweise errichteten Wohnkomplexe I-IV veranschaulichen die Entwicklung von Architektur und Städtebau in den 1950er und –60er Jahren. Der trapezförmige Stadtgrundriss steht zwischen dem Werkseingang des Eisenhüttenwerkes im Norden und der umgebenden Landschaft im Süden in einer räumlichen Beziehung. Mit dem Ausbau des Eisenhüttenwerks (1968 Kaltwalzwerk, 1984 Konverterstahlwerk) vergrößerte sich die Stadt, drei weitere Wohnkomplexe (WK V, VI und VII) entstanden, die städtebaulich jedoch eine Abkehr von der räumlich erfahrbaren Gesamtkomposition der Wohnstadt der Komplexe I bis IV sind und den Übergang zum komplexen industriellen Bauen Ende der 1960er Jahre darstellen. 1990 hatte die Stadt ca. 50.210[1] Einwohner, jeder Fünfte war im Eisenhüttenkombinat (EKO) beschäftigt.

Seit 1990 vollzieht sich in Werk und Stadt ein tief greifender Strukturwandel. Neben dem Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft spielt dabei auch der europaweite Umbau der Montanstandorte eine Rolle. Die erfolgreiche Privatisierung des EKO (heute EKO Stahl GmbH), die damit verbundene Modernisierung des Werks, insbesondere der Hüttenanlagen, und der Bau des Warmwalzwerks trugen wesentlich zum Erhalt des industriellen Standorts bei. Dieser Prozess war jedoch mit Arbeitsplatzverlusten im eigentlichen „Werk“ (heute ca. 3.060 Beschäftigte[2]) und Beschäftigungsrückgang im verarbeitenden Gewerbe verbunden, diese konnten aber durch Ausgründungen in das metallverarbeitende Gewerbe teilweise kompensiert werden. Trotz intensiver Bemühungen der Stadt zur Ansiedlung neuer Wirtschaftszweige liegt die Arbeitslosenquote bei ca. 19%. Die Stadt hatte im Juni 2005 35.388 Einwohner[3]. Ein weiterer Rückgang der Bevölkerung ist prognostiziert.

Eisenhüttenstadts wirtschaftliche Entwicklung wird auch zukünftig mit der EKO Stahl GmbH verbunden sein. Um die wirtschaftliche Basis der Stadt zu erhalten und zu stärken, sind die weitere Modernisierung des Stahlstandorts und eine stärkere wirtschaftliche Diversifizierung notwendig.

Gebietskulisse Stadtumbau. Grafik: Stadt Eisenhüttenstadt.

 

Stadtumbaukonzept Eisenhüttenstadt

Stadtentwicklung gestaltet sich in Eisenhüttenstadt seit 2001 als „Stadtumbau“. Im Mittelpunkt steht die Schaffung trag- und zukunftsfähiger Stadtstrukturen durch den Rückbau von Wohnungen, Einrichtungen und Netzen der sozialen und technischen Infrastruktur.

Dem Arbeitsstand am Stadtumbau liegen das Stadtumbaukonzept „Eisenhüttenstadt 2015“ (2002) und seine erste Fortschreibung (2004) zu Grunde. Beide Konzepte entstanden in enger Zusammenarbeit mit den Wohnungsunternehmen, den Trägern der sozialen und technischen Infrastruktur sowie anderen fachlich oder sachlich zu Beteiligenden. Großer Wert wurde und wird auf eine breite Öffentlichkeitsbeteiligung gelegt.

Infolge des tief greifenden wirtschaftlichen Strukturwandels und des starken Bevölkerungsrückgangs existiert in Eisenhüttenstadt eine zunehmende Zahl von leer stehenden Wohn- und Gewerberäumen, ungenutzten öffentlichen Gebäuden und innerstädtischen Brachflächen. Der Rückgang der Einwohnerzahl von 50.200 (1990) auf heute ca. 35.000 und auf prognostizierte 33.970[4] Einwohner im Jahr 2010 bildet dabei den Rahmen für alle Überlegungen zur zukünftigen räumlichen Entwicklung der Stadt. Wichtige Entscheidungen über die zukünftigen Entwicklungsräume und aufzugebende oder grundlegend umzunutzende Teilräume sind im Zuge der Erarbeitung des Stadtumbaukonzeptes 2001/02 gefallen. Hauptziel ist die Herstellung einer tragfähigen Stadtstruktur durch:

§         überwiegend flächenhaften Abriss von mindestens 5.100 Wohnungen bis 2010[5], Nutzung dieser Flächen für die Verbesserung des Wohnumfelds, Sukzessionsbegrünung sowie Eigenheimbebauung (kleine Fläche angrenzend an Altstadt Fürstenberg (Oder))

§         Stärkung der Innenstadt und Konzentration von Modernisierungs- und Aufwertungsmaßnahmen auf zukunftsfähige Standorte

§         Festlegung von Teilgebieten in die vorerst nicht investiert wird

§         Lenkung der Nachfrage an Bauplätzen für Eigenheime auf innerstädtische Standorte

 

Strategien für die Teilräume

Wohnkomplexe I bis IV

Die WK I bis IV bilden den eigentlichen Kern Eisenhüttenstadts. Ungefähr 30% des gesamten Wohnungsbestandes, zahlreiche Infrastruktureinrichtungen sowie die Hauptgeschäftsstraße Lindenallee befinden sich hier. Die Aufgaben in diesem Bereich sind vielfältig. Insbesondere geht es um die Revitalisierung des Stadtzentrums. Seine bauliche Aufwertung bildet dafür eine notwendige Voraussetzung. Erforderlich ist eine noch stärkere Konzentration bestimmter Funktionen (insbesondere Einrichtungen der sozialen Infrastruktur, Handel, Verwaltung) auf diesen für die Stadt so wichtigen Bereich.

Die Leerstandsquoten innerhalb der denkmalgeschützten WK I bis III[6] haben inzwischen Werte ca. 28 % erreicht, knapp die Hälfte der Wohnungen ist hier noch zu modernisieren. Das ist, aufgrund des denkmalpflegerischen Mehraufwandes, eine große Aufgabe, die vom kommunalen Wohnungsunternehmen GeWi (Eisenhüttenstädter Gebäudewirtschaft GmbH), dem alleinigen Eigentümer dieser Objekte, zu lösen ist. Die städtebauliche Bedeutung des größten Ensembles der Architektur der 1950er Jahre in Ostdeutschland spielt zwar zunehmend als „weicher Standortfaktor“ im Rahmen des Tourismus eine Rolle, ein „konservierender“ Denkmalschutz verhindert jedoch bedarfsgerechte Anpassungen im Bestand, wie z.B. das Vorsetzen von Balkonen, und erschwert damit die Vermietung und Akzeptanz dieser Bestände.

Ungeachtet dessen wird die denkmalgerechte Modernisierung in 2005/06 in nennenswertem Umfang fortgeführt. Geplant ist z.B. auch ein Pilotprojekt der GeWi zum Thema „Wohnen im Alter“. Flankiert werden diese Investitionen von kommunalen Aufwertungsmaßnahmen im öffentlichen Raum und an öffentlichen Gebäuden. Daneben geht es um die weitere Stärkung der Lindenallee als Teil des Stadtzentrums.

 

Oder-Spree-Kanal

Der Oder-Spree-Kanal teilt die Stadt Eisenhüttenstadt in ihrer geographischen Mitte zwischen den WK I bis V und den WK VI und VII. Die Wasserlage der Stadt kommt jedoch bisher zu wenig zur Geltung. Im Rahmen des Stadtumbaus sollen bestimmte Uferbereiche daher für die Stadtentwicklung gewonnen und für die Bewohner erfahrbar gemacht werden. Dies wird zum einen durch die Gestaltung von wassernahen öffentlichen Grünzügen geschehen, zum anderen sollen angrenzende innerstädtische Brachflächen für eine kleinteilige Bebauung mobilisiert werden. Steganlagen sollen bestehende Angebote des Wassertourismus und -sports ergänzen.

Stadtumbau Eisenhüttenstadt – Geplante Abrissmaßnahmen. Grafik: Stadt Eisenhüttenstadt.

 

Wohnkomplex V

Der zwischen 1961 und 1966 mit teilweise bereits vorgefertigten Bauelementen errichtete und 1980/81 in industrieller Bauweise komplettierte Wohnkomplex stellt eine Ergänzung zum bestehenden Wohnbereich der Komplexe I bis IV dar. Die ca. 2.100 Wohneinheiten bilden stadträumlich losgelöst von der trapezförmigen Stadtanlage eine eigene städtebauliche Struktur. Im Rahmen des Stadtumbaus sind auch hier mittelfristig Abrissmaßnahmen geplant.

 

Wohnkomplex VI

Der Wohnkomplex VI wurde von 1966-1970 in industrieller Bauweise errichtet und 1971-77 durch weitere Wohnbauten auf ca. 4.600 Wohnungen erweitert. Derzeit steht die Aufwertung und Ausbildung als eigenständiger städtebaulicher Teilraum im Vordergrund. Dies schließt jedoch den Abriss der nördlich der Straße der Republik gelegenen Wohngebäude mit ein. Die Modernisierung ist im WK VI in den vergangenen Jahren sichtbar vorangekommen (ca. 60% saniert). Der WK VI ist seit dem Jahr 2000 erfolgreich im Förderprogramm „Zukunft im Stadtteil“ (ZiS). U.a. ist es in diesem Rahmen gelungen, das Wohngebietszentrum zu reaktivieren. Der öffentliche Passagenvorplatz wurde ebenfalls neu gestaltet.

 

WK VII und Ortsteil Fürstenberg (Oder)

Einen weiteren Schwerpunkt des Stadtumbaus bildet der Wohnkomplex VII (Nord und Süd), der das größte in Plattenbauweise errichtete Gebiet innerhalb Eisenhüttenstadts darstellt. Der nördliche Teil wurde von 1983 bis 1985 errichtet, der südliche von 1986-87. Beide Teilbereiche haben zusammen einen Bestand von ca. 3.100 Wohnungen. Hier stehen der Abriss von Wohnungen und Fragen der Nachnutzung frei werdender Flächen im Vordergrund. Das gesamte Plattenbaugebiet grenzt mit seiner Bebauung stadträumlich unvermittelt an den Gemeindeteil Fürstenberg (Oder). Der komplett unsanierte WK VII Nord weist heute mit 50% die höchste Leerstandsquote in der Stadt auf, nachdem der 2003 begonnene Abriss des WK VII Süd bereits abgeschlossen ist. Die wichtigsten Ziele für den WK VII sind:

§         Kompletter Abriss des WK VII Süd (1.142 WE) bis Ende 2005

§         Abriss von ca. 1.650 der vorhandenen 2.000 Wohnungen im WK VII Nord im Zuge flächenhafter Abbrüche

§         Kleinteilige Bebauung eines Teilbereichs des WK VII Nord im Zusammenhang mit dem Gemeindeteil Fürstenberg (Oder)

§         Sukzessionsbegrünung der frei werdenden Flächen

Im historischen Stadtkern des Gemeindeteils Fürstenberg (Oder) sind Maßnahmen im Rahmen der Sanierung in den Stadtumbau eingebunden. Daneben gilt es in den kommenden Jahren das Bahnhofsumfeld neu zu gestalten und für Bewohner und Besucher zu einem attraktiven Ortseingang zu entwickeln.

Rahmenbedingung für den weiteren Stadtumbau

Die Rahmenbedingungen für den weiteren Stadtumbau sind nicht einfach. Die Maßnahmen und die Geschwindigkeit des Umbauprozesses orientieren sich in erster Linie an deren Finanzierbarkeit. Zum Teil ist damit nur das Nötigste möglich, es besteht wenig Spielraum für „visionäre Planspiele“. Auch das Selbstverständnis, dass eine kleiner werdende Stadt eine lebendige Stadt sein kann, muss noch wachsen. Umso mehr gefragt sind kooperatives Handeln aller Beteiligten, Mut und Kreativität.

 

Ein Blick zurück

Bereits 1998/99 wurden im Rahmen einer Fortschreibung der städtebaulichen Rahmenplanung für den WK VII erstmals Fragen nach möglichen Entdichtungs-Abrissen laut. Nicht zu übersehen war, dass hier Leute wegzogen, Wohnungen leer standen bzw. sich immer schlechter vermieten ließen. Innerhalb von nur 10 Jahren waren aus einst begehrten Wohnungen solche mit sinkender Akzeptanz geworden, das einst geschätzte „Moderne und Neue“ wurde zur „ollen Platte“ degradiert. „Im Siebten“ zu wohnen hieß scheinbar, dass man den Sprung in die eigenen vier Wände noch nicht geschafft hatte, noch schaffen wollte oder nie schaffen würde – je nach persönlicher Situation. Es hieß aber auch, dass man zwischen 25 und 40 Jahre alt und gut qualifiziert war, Kinder hatte und auch etwas Gespartes. Da zu diesem Zeitpunkt das Wort „Abriss“ im Land Brandenburg nur in Schwedt öffentlich gedacht und ausgesprochen werden konnte, wurden in der eingangs erwähnten Rahmenplanung lediglich die begonnenen Maßnahmen zur geförderten Wohnumfeldverbesserung fortgeschrieben und entsprechend durchgeführt. Das änderte natürlich nichts an der objektiven Situation: Wer konnte, baute (gefördert!) außerhalb der Stadt, dort wo das Bauland am preiswertesten war. Andere verließen die Stadt aufgrund der Arbeitsmarktsituation. Diese, in anderen Städten ähnlich verlaufende Entwicklung, vollzog sich innerhalb kürzester Zeit und führte dazu, dass man sich nun doch den Themen „Bevölkerungsentwicklung“, „Leerstand“ und „Abriss“ offiziell widmen musste. Im Herbst 2001 wurde das Sonderprogramm „Stadtumbau Ost“ vom Bundeskabinett beschlossen. In Eisenhüttenstadt erfolgten vorerst intern erste Untersuchungen für ein „Städtebauliches Entwicklungs- und Neuordnungskonzept für das Wohnen in der Stadt“. Der federführende Bereich Stadtentwicklung/Stadtplanung war sich im Klaren, dass hier nicht nur eine städtebauliche Planung gefragt war. Aber am Anfang stand eben doch eher die Frage im Vordergrund, wo denn durch Abriss ein „städtebaulicher Missstand“ behoben werden kann. Insgesamt waren verhältnismäßig schnell ca. 1.200 WE in den entsprechenden „Blöcken“ gefunden, die schon immer als „störend“, städtebaulich minderwertig usw. empfunden wurden. Ein wenig Euphorie setzte ein: Vielleicht ist das Programm „Stadtumbau Ost“ die Chance zur Beseitigung vorhandener, städtebaulich nicht befriedigender Situationen?

Leider hatten wir diese Rechnung (Planung) im wahrsten Sinne ohne den Wirt (Wohnungsunternehmen, Träger der technischen Infrastruktur) gemacht... Schon nach den ersten Gesprächen mit diesen stellte sich heraus, dass stadtplanerische Vorstellungen/Wünsche nur einen Bruchteil der auf uns alle zukommenden Fragen und Probleme darstellten. Viel schwerwiegender und bedeutsamer für die zukünftige Entwicklung ausgewählter Wohngebiete sollten die wohnungswirtschaftlichen und infrastrukturellen Belange sein. Als Stadtplaner war man gut beraten, wenn man sich nun mit Themen wie Altschulden, Altschuldenhilfegesetz und –verordnung, Buchwerte und Restbuchwerte, Umzugsmanagement, Rentabilität, Insolvenzgefährdung usw. beschäftigte. Noch besser war man beraten, wenn man auch die Beziehungen zwischen technischer Infrastruktur und Hochbau erkannt und verinnerlicht hatte. Mal eben einen Block rausbrechen – genau das geht bei einer Ringerschließung nicht, wenn man das Verbleibende nicht lahm legen kann oder will... Im Land Brandenburg begann Anfang 2001 das Zeitalter des Stadtumbaus mit einem entsprechenden „Leitfaden für die Erarbeitung Kommunaler Entwicklungskonzepte zum Stadtumbau“ des MSWV (heute MIR). Eisenhüttenstadt stellte sich dieser Aufgabe sofort. Eine entsprechende Arbeitsgemeinschaft, bestehend aus Stadt und Wohnungsunternehmen, wurde gegründet; ein eigenes Arbeitsgremium, bestehend aus Stadt, Wohnungsunternehmen und den Trägern der technischen und sozialen Infrastruktur, wurde initiiert. Sowohl ein Stadtumbaukonzept (STUK) als auch ein Wohnungswirtschaftliches und Wohnungspolitisches Konzept (WWK) einschließlich Portfolioanalyse und Mieterbefragung wurden in Auftrag gegeben.

Als die ersten Ergebnisse vorlagen, wurde allen Beteiligten der Ernst der Situation und die Schwierigkeit des Stadtumbaus klar. Es ging nun nicht mehr um „Stadtplanung“, um „Klötzchenschieben“. Es ging (und geht immer noch) um eine umfassende, alle städtischen Daseinsbereiche berührende Umstrukturierung der Stadt, die einen aufwändigen Beteiligungsprozess zur Integration und Abstimmung sektoraler Belange verlangt. Das formulierte Ziel, die Konsensfindung aller Beteiligten zu erreichen, erscheint in Anbetracht der sich nach und nach abzeichnenden Probleme immer schwieriger.

Der Prognosehorizont (Einwohnerentwicklung, Geburtenrückgang, Wirtschaftsentwicklung, Arbeitslosigkeit usw.) und die darauf abzustellenden Planungen bis 2015 sind dabei schon ein Kapitel für sich. Stadtumbau ist zurzeit eher Reaktion denn Aktion. Muss man sich als Planer darauf einstellen? Ist man dazu überhaupt fachlich (und psychisch) in der Lage? Mit dem Satz: Ich mache das auch das erste Mal!, kann ich mich zwar trösten, aber weit komme ich damit nicht. Das Urvertrauen in die Planbarkeit (bis 2015, möglichst noch darüber hinaus) einer derartigen Umstrukturierung ist nicht da. „Visionen“ für die Stadt und der sprichwörtliche Planungs-Optimismus werden durch die Realität sehr bodenhaftig. Zurzeit muss ich mir in Anbetracht der Regionalentwicklung im Land Brandenburg die Frage stellen, welche Rolle eine Stadt wie Eisenhüttenstadt überhaupt zukünftig spielt? Wird sie ein (wenn auch kreisangehöriges) Mittelzentrum bleiben oder wird sie für eine bestimmte Region zum „Daseinsfürsorger“ degradiert? Wird sie sich selbst verwalten dürfen (mit allen Planungs- und Finanzhoheiten) oder wird sie in noch stärkerem Maße als bisher vom Landkreis „regiert“? Wie „plant“ man eine Schul- oder KiTa-Bedarfsentwicklung, wenn die eigentliche Planungshoheit beim Landkreis liegt? Wie setzt man Planungen um, wenn die daraus abgeleiteten Vorhaben (sog. Einzelmaßnahmen) vom Landkreis genehmigt werden müssen, weil die Stadt nicht über einen (vom Landkreis bestätigten) Haushalt verfügt.

Insgesamt ist man nach fünf Jahren also eher ernüchtert und konzentriert sich auf die Tagesfragen. Diese erfordern jetzt nicht nur bauplanungsrechtliche, fördermitteltechnische und wohnungswirtschaftliche Kenntnisse, sondern teilweise auch psychologische Fähigkeiten: Obwohl im Einvernehmen mit den Wohnungsunternehmen die Abrisse bis 2010 öffentlich gemacht wurden und jeder Mieter weiß, wann sein Wohnhaus „dran“ ist, wird die Notwendigkeit des Abrisses bei persönlicher Betroffenheit angezweifelt und diskutiert. Und so reagieren viele Mieter mit Unverständnis und Empörung, wenn ihr Wohnhaus vom Stadtumbau betroffen ist. Immer wird dann mit der besonders schönen Wohnlage, den erbrachten Eigenleistungen und der derzeitigen Vermietungssituation argumentiert. Darüber hinaus wird der Leerstand von vielen Mietern ausschließlich mit der fehlenden Modernisierung und Instandsetzung begründet - wären die Gebäude saniert, gäbe es auch keinen Leerstand. Im Umkehrschluss wird argumentiert, dass die Wohnungsunternehmen den geförderten Abriss der teuren Modernisierung und Instandsetzung (ModInst) vorziehen und somit ihre Probleme lösen. Moniert wird auch, dass überwiegend in den Denkmalbereich (WK I-III) investiert wird, wo der Leerstand am höchsten und die ModInst am teuersten ist.

Es ist sehr schwierig den Mietern zu vermitteln, dass der notwendige Abriss und seine Verortung nicht „böser Wille“ der Wohnungsunternehmen bzw. der Stadt ist. Die eigene Betroffenheit, das fast persönliche Verhältnis zur Mietsache (die wie Eigentum empfunden wird) und zum unmittelbaren Umfeld lassen die Realität der Bevölkerungs- und Altersentwicklung, die Problematik der Altschulden, die Rolle der Banken bei der Vergabe von ModInst-Darlehen bzw. Krediten, die Probleme der Neuorganisation der technischen und sozialen Infrastruktur usw. außen vor. Hier ist noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten, um auch die betriebswirtschaftlichen Konsequenzen des Stadtumbaus bzw. die Konsequenzen seiner Verzögerung oder Verhinderung für die betroffenen Wohnungs- und Versorgungsunternehmen und damit wiederum für die Mieter selbst deutlich zu machen. Leider ist auch zu beobachten, dass „Stadtumbau“ in der Öffentlichkeit erst interessant wird, wenn er zum persönlichen Problem wird. Oft interessiert man sich nur dafür, was mit der eigenen Wohnung passiert, nicht aber mit der Stadt. Viel zu wenig ist im öffentlichen Bewusstsein verankert, dass „Stadtumbau“ nur einen Teil der notwendigen Reaktion auf die allgemeine demographische Entwicklung darstellt. Natürlich engagiert man sich als Stadtplaner oder Architekt im Rahmen der bestehenden fachlichen Möglichkeiten und darüber hinaus für eine integrierte Stadtentwicklung, also nicht nur für die „Stadtplanung“ im Allgemeinen. Aber leider kann man die Bevölkerungs- und Altersentwicklung sowie die wirtschaftliche Situation einer Stadt nur bedingt beeinflussen.

Zielplan Stadtumbau Gebietskategorien. Grafik: Stadt Eisenhüttenstadt.

 

Ein Blick in die nahe Zukunft

Zunehmend wird man mit Fragen der Wirtschaftsförderung, des Tourismus, der Wohnungswirtschaft, der sozialen und technischen Infrastruktur usw. konfrontiert, deren Berücksichtigung zum integrativen Planungsansatz führt. Stadtplanung wird zum Stadtmanagement, Entwicklungsprozesse werden mittels eines Monitorings gesteuert und überwacht. Man partizipiert und kooperiert, bildet Netzwerke und versucht, im europäischen Kontext zu denken, innovativ und nachhaltig zu sein.

Manchmal möchte ich einfach nur einen Stift (6B?) in die Hand nehmen und mit lockerer Hand einen kleinen Entwurf für einen öffentlichen Platz, eine KiTa, eine Wohnanlage o.ä. skizzieren. Stattdessen bereite ich Unterlagen für das Pilotprojekt „Integriertes Teilräumliches Konzept WK I-IV / Stadtzentrum“ und das Projekt IDEA-CITIES (Netzwerk für die Erprobung Integrierter Stadt- und Raumentwicklungsansätze / INTERREG III B / CADSES 2000-2006) auf...

Ist das die Zukunft des Stadtplaners? Hängt davon wirklich die weitere Entwicklung der Stadt ab? Fördermittelseitig sicher: Wer sich nicht beteiligt, wer sich nicht engagiert, der wird auch nichts bekommen. Die Brandenburgischen Städte werden im Rahmen eines „Masterplan Starke Städte - Stadtumbau“ zum Wettbewerb um die knapper werdenden Mittel aufgerufen. Diese sollen auch nach dem Wettbewerbsprinzip verteilt werden, wobei folgende Kriterien eine Rolle spielen:

§         Funktionale Bedeutung der Stadt

§         Stand der planerischen Vorbereitung

§         Qualität von Leitbild und Strategie

§         Aktivierung von strukturwirksamen Potenzialen

§         Bereitschaft zu regionaler Arbeitsteilung und Kooperation

§         Einbeziehung von Bürgern und Akteuren

Es erscheint sinnvoll und logisch, dies so zu tun. Das Zusammenführen „sektoraler Belange“ (Wohnen, Ökonomie/Arbeitsmarkt, Raumqualität, Infrastruktur, Bürgerschaftliches Engagement, Bildung, Forschung, Wissenschaft...) ist so neu nicht – theoretisch ist es z.B. auch bei der Erstellung eines Flächennutzungsplans erforderlich. Jetzt kommt noch die regionale / überregionale raumordnerische Komponente hinzu.

 

Was wird Eisenhüttenstadt zukünftig sein

§         Ein „Standort“ mit Ausstrahlungskraft und Wachstumsperspektive? oder

§         Ein „Standort“, bei dem die Erfüllung seiner Aufgaben im regionalen Kontext unterstützt wird? oder

§         Ein „Standort“, der bedarfsgerecht stabilisiert wird....

Die Stadtentwicklungspolitik im Land Brandenburg wird neu ausgerichtet. Im November 2005 wurde der Masterplan dem Kabinett zur Diskussion vorgelegt. Dies auch, um sich seitens des Landes auf die Zeit nach dem Bundesprogramm „Stadtumbau – Ost“ (letztes Programmjahr: 2009) vorzubereiten. Hinzu kommt, dass bis zum Jahr 2019 das Land Brandenburg aus eigener Kraft wettbewerbs- und lebensfähig sein muss, denn die Mittel des Solidarpakts II werden bis dahin stufenweise „abgeschmolzen“ (gekürzt). Die Volumina und Konditionen der stadtrelevanten Programme der EU-Interventionsperiode 2007-2013 sind noch offen. Es ist aber nicht davon auszugehen, dass das Land Brandenburg eine Sonderrolle im Rahmen der EU-Fördermittelpolitik einnehmen wird.

Eisenhüttenstadt, die Planstadt am Oder-Spree-Kanal, die Stadt am Werk, muss sich den Herausforderungen stellen. Das schreibt sich so einfach und lässt sich so leicht festlegen: Eine Stadt stellt sich der Herausforderung. Die Frage ist aber, wer dabei wirklich herausgefordert wird und auch bereit ist, im Verbund zu agieren. Stadtplanung ist nicht mehr ausschließlich Sache des „Stadtplaners“. Politik, Wirtschaft, gesellschaftliches Leben, Kultur usw. sind Träger und Gestalter der Stadtentwicklung.



[1] Quelle: Stadtverwaltung Eisenhüttenstadt, Bereich Statistik

[2] Quelle: Stadtverwaltung Eisenhüttenstadt, Bereich Wirtschafts- und Beschäftigungsförderung, Oktober 2005

[3] Quelle: LUA / Landesamt für Daten und Statistik

 

[4] Quelle: Landesamt für Daten und Statistik

[5] Im Oktober 2005 betrug der Wohnungsbestand der Gesamtstadt ca. 21.440 WE; Quelle: Stadtverwaltung Eisenhüttenstadt, Bereich Stadtentwicklung / Stadtplanung

[6] Die ersten drei Wohnkomplexe sind bereits 1984 als Flächendenkmal unter Schutz gestellt worden. Der WK IV ist teilweise Denkmalbereich.

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Dies ist ein Dokument der Seite www.schrumpfende-stadt.de
Erstelldatum: 30. Januar 2006
Autor: Gabriele Haubold