| Vier
Jahre Programm Stadtumbau Ost - Kurzfristige förderpolitische Intervention
oder langfristig stabilisierender Stadtentwicklungsprozess?
Stadtumbau
als eine kontinuierliche Anpassung von Bestehendem an veränderte Rahmenbedingungen
ist seit langem Bestandteil von Stadtentwicklungsprozessen. Verstanden
als Umstrukturierung des Funktions- und Nutzungsmusters in einer
Stadt (Evert 2001: 595) welche auf einem vorherrschenden
städtebaulichen Leitbild oder einem sozialen Reformkonzept basiert
stellen sowohl die massiven Straßendurchbrüche im Paris des 19.Jahrhunderts
durch Haussmann als auch die ökologischen Konzepte Ende des 20.Jahrhunderts
oder die Umnutzung brach gefallener Flächen wie die Londoner Docklands
einen Stadtumbauprozess dar. Ende der 1990er Jahre wird Stadtumbau in
einer Veröffentlichung des BBR so eingeordnet: Stadterneuerung und
Stadtumbau sind Aufgabenfelder der städtebaulichen Innenentwicklung und
ausgerichtet auf die Erhaltung, Nutzung und Stärkung innerstädtischer
Flächen (Renner 1997: 529). Unter typischem Stadtumbau wird dabei die Reaktivierung
von Brachflächen gesehen, aber auch die Schließung von Baulücken oder
das Entwickeln von neuen Nutzungen für untergenutzte Flächen bzw.
Gebäude. Der Unterschied des in den letzten Jahren in Deutschland
üblich gewordenen Verständnisses von Stadtumbau zu den hier genannten
Beispielen liegt in den kontextuellen Rahmenbedingungen der Umstrukturierung.
Es geht im Unterschied zu bisherigen Erfahrungen der
Stadtentwicklung erstmals in der deutschen Städtebaugeschichte
um die systematische Operationalisierung eines Schrumpfungsprozesses
mit ökonomischen, rechtlichen und planerischen Instrumenten
(Haller 2004: 47). Stadtumbaumaßnahmen
in Dresden (Foto: Benno Brandstetter) Mit der Auflegung des Förderprogramms Stadtumbau
Ost lässt sich zumindest für Deutschland eine Transformation
des vormals gebräuchlichen Stadtumbaubegriffs von einem Teilbestandteil
der behutsamen Stadterneuerung hin zu einem handlungsstrategischen
Instrument staatlicher Investitionspolitik festhalten. Das Programm
Stadtumbau Ost definiert die anstehenden Aufgaben des Stadtumbaus
deutlich breiter und stellt dabei den Beitrag zur Verbesserung der
wohnungswirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die Sicherung der Funktionsfähigkeit
der Wohnungsmärkte, die Stabilisierung von bedrohten Stadtteilen,
die Revitalisierung der Innenstädte, das Entgegenwirken der Zersiedlung
im Umland und die Stärkung der Identifikation der Bürger in den Vordergrund.
Neben dieser Ambivalenz der doppelten Funktion von Stadtumbau als
kontinuierliche Stadtentwicklungsaufgabe einerseits und als Instrument
zur Bewältigung aktueller stadtregionaler Schrumpfungsprozesse andererseits,
ist die Begriffsverwendung vor allem im Kontext der aktuellen Transformationsprozesse
uneindeutig. So wird Stadtumbau oft als Synonym für den Rückbau von
baulich-physischer Substanz von Städten gebraucht, und das Stadtumbau
Ost Programm mit einem Abrissprogramm gleichgesetzt. Dieses Missverständnis
wird nicht zuletzt durch die Anwendung des Programms selbst verursacht.
War ursprünglich eine gleichwertige Förderung von Abriss- und Aufwertungsmaßnahmen
geplant, hat sich das Verhältnis zwischen beiden Maßnahmen zumindest
in einigen ostdeutschen Bundesländern deutlich zugunsten des Abrisses
verschoben. Begriffsverständnisse, die den Stadtumbau eingebettet
in die permanente professionelle und zivilgesellschaftliche
Aufgabe der Stadtentwicklung (Weiske, Kabisch, Hannemann 2005:
8) sehen, und damit auch auf die Herausforderungen jenseits baulich-gestalterischer
Maßnahmen hinweisen, stellen in der öffentlichen Wahrnehmung immer
häufiger die Minderheit dar. Der Stadtumbauprozess verdeutlicht dabei einmal mehr,
dass Politik und Planung für aktuelle Entwicklungen Strategien formulieren
und Instrumente entwickeln müssen, auch wenn die Ursachen und Auswirkungen
dieser Entwicklungen noch nicht umfassend analysiert und erforscht
sind. In Bezug auf das Stadtumbau Ost Programm sind die Meinungen
geteilt. Während einerseits konstatiert wird, dass der praktizierte
Stadtumbau [
] gefangen in den Problemen der wohnungswirtschaftlichen
Krisenkonstellation [ist] und von einer extremen Sachzwanglogik beherrscht
[wird], die sich aus den Problemen der ostdeutschen Wohnungswirtschaft
ergibt (Bernt 2005: 110), wird andererseits mit Blick auf eine
quantitative Zielerreichung in einer ersten Zwischenbilanz das Programm
als Erfolg gewertet: In drei Jahren Stadtumbau Ost ist erreicht
worden, dass der Leerstand an Wohnungen erstmals zurückgeht
(Bundesregierung 2004) Doch zunächst ein Blick etwa fünf Jahre zurück. Mit
dem im November 2000 veröffentlichten Bericht der Expertenkommission
Wohnungswirtschaftlicher Strukturwandel in den neuen Bundesländern
(der sog. Leerstandskommission oder auch Lehmann-Grube-Kommission)
wurde ein breit angelegter Perspektivwechsel in der Stadtentwicklung
der neuen Länder ausgelöst von einer bis dahin vorrangig auf
Wachstum ausgerichteten zu einer Stadtentwicklungspolitik, welche
sich langfristig mit rückläufigen Entwicklungsprozessen auseinandersetzen
muss. Obwohl auf Drängen der Wohnungswirtschaft initiiert, findet
sich in dem Bericht ein klares Bekenntnis zur integrierten Stadtentwicklung.
Zentral dabei ist die Aufforderung, ein neues "Abrissprogramm"
aufzulegen, mit dem Ziel der Wiederherstellung eines Marktgleichgewichts.
Wesentliche Grundlagen für das Programm Stadtumbau-Ost wurden hier
gelegt, und die Kommission hat sorgfältig darauf hingewiesen, die
Aufwertung nicht zu kurz kommen zu lassen. Mit ihrer abschließenden
Empfehlung, der Planung in den Städten und Kommunen den Rücken zu
stärken, hat die Kommission auch den Grundstein für die in den Folgejahren
u.a. im Rahmen des Bundeswettbewerbs erarbeiteten integrierten Stadtentwicklungskonzepte
gelegt. Im Gegensatz zu den auf Wachstum ausgerichteten Instrumenten
und Methoden der Stadtplanung verweist der Bericht hier auf ein notwendiges
"Management der Schrumpfung" (Bericht der Kommission 2000:
8, 26). Im August 2001 beschloss die Bundesregierung, anknüpfend
an den Kommissionsbericht, das Programm Stadtumbau Ost
für lebenswerte Städte und attraktives Wohnen im Rahmen ihrer
Städtebauförderung. Um die Attraktivität von Städten und Gemeinden
zu sichern und die Wohnungswirtschaft zu stabilisieren, soll das Programm
den räumlich gezielten Rückbau auf Dauer nicht mehr benötigter
Wohnungen mit einer umfassenden städtebaulichen Aufwertung der vom
Leerstand betroffenen Stadtteile und Wohnquartiere verbinden.
(BMVBW 2001: 3) Ziel des Programms ist die Stärkung der Innenstädte,
die Reduzierung des Angebotsüberhangs an Wohnraum und die Aufwertung
der vom wohnungswirtschaftlichen Strukturwandel betroffenen Städte.
(BMVBW 2002: 8) Insgesamt stehen zwischen 2002 und 2009 etwa 2,7 Mrd.
Euro zur Verfügung, die von Bund, Ländern und Kommunen aufgebracht
werden. Die Bausteine des Förderprogramms sind §
Zuschüsse für Rückbau und Aufwertungsmaßnahmen,
§
Zuschüsse für Wohneigentumsbildung in innerstädtischen
Altbauquartieren, §
eine Erhöhung der Investitionszulage für Mietwohnungen
des innerstädtischen Altbaus und bestimmter denkmalgeschützer Bauten
sowie §
der Wettbewerb Stadtumbau Ost
(BMVBW 2003: 8) Im Oktober 2001 wurde der Wettbewerb Stadtumbau
Ost- für lebenswerte Städte und attraktives Wohnen ausgelobt,
um die Aufstellung von integrierten Stadtentwicklungskonzepten als
Voraussetzung für die Inanspruchnahme des Programms zu beschleunigen.
Insgesamt haben 259 Kommunen der neuen Bundesländer sowie zehn Berliner
Stadtteile am Wettbewerb teilgenommen (in einigen Bundesländern wurden
die Kommunen bereits vor Auslobung des Wettbewerbs aufgefordert, integrierte
Stadtentwicklungskonzepte zu erarbeiten). Durch die Stadtentwicklungskonzepte
sollten, quasi in einer nachholenden konzertierten Aktion, Leitbilder
bzw. Orientierungsrahmen für die längerfristige Entwicklung der Städte
unter rückläufigen Entwicklungsbedingungen festgeschrieben werden.
Basierend auf einer die verschiedenen städtischen Teilbereiche (Wohnungswirtschaft,
Infrastruktur, Sozialpolitik, Städtebau, Freiraumplanung etc.) einbeziehenden
und ressortübergreifenden Herangehensweise sollten die integrierten
Stadtentwicklungskonzepte im Kontext der mehrdimensional wirkenden
stadtregionalen Schrumpfungsprozesse die spezifische Stadtentwicklung
neu bewerten, bestehende Konzepte überarbeiten und korrigieren, neue
Entwicklungsmöglichkeiten skizzieren und klare Prioritätensetzungen
vornehmen. Die aktuelle Ausgabe des Magazins Städte im
Umbruch nimmt den Stadtumbau jenseits politisch motivierter
Erfolgsmeldungen in den Blick. Uns interessierte bei der Suche nach
Autoren und Themen, der Blickwinkel derjenigen, die sich in ihrer
praktischen Arbeit mit dem Programm auseinander zu setzen haben oder
die durch theoretische und empirische Zugänge die Umsetzungen und
Auswirkungen der förderpolitischen Maßnahmen reflektieren. Dabei erwies
sich die Gestaltung der Ausgabe als nicht ganz leicht und sollte sich
fast ein gesamtes Jahr hinziehen. Das Fragmentarische der vorliegenden
Ausgabe spiegelt dabei unserer Meinung nach die bestehende Wahrnehmung
zu den Chancen, Potentialen aber auch Gefahren und Misserfolgen des
Programms Stadtumbau Ost wider. Doch auch wenn beim Lesen der einzelnen
Beiträge mehr Fragen bleiben als beantwortet werden, stehen die individuellen
Sichtweisen und Erfahrungen für eine Feststellung, die in ihrer Banalität
nicht oft genug wiederholt werden kann: es bedarf der produktiven
Streitkultur und des intensiven Erfahrungsaustausches, um das Programm
Stadtumbau Ost zum Auslöser einer breiten gesellschaftlichen Diskussion
über Wunschvorstellungen, Werte und Ziele der künftigen Stadtentwicklung
zu machen. Stadtumbaumaßnahmen
in Glauchau (Foto: Benno Brandstetter) Das Programm Stadtumbau Ost hat die Halbzeit der
von 2002 bis 2009 festgelegten Förderlaufzeit überschritten. Dies
nimmt Heike Liebmann in ihrem Beitrag zum Anlass, nach dem
bisherigen Erfolg des Programms zu fragen. Dabei wird die Diskrepanz
zwischen einem theoretischen Ideal und den Stadtumbaurealitäten deutlich:
der theoretisch Erfolg versprechenden engen Kooperation der unterschiedlichen
Akteure, bei der die eigenen Interessen den gesamtstädtischen Zielen
untergeordnet werden, stehen in der Praxis teilweise unvereinbare
Zielkonflikte v.a. zwischen wohnungswirtschaftlicher und stadtplanerischer
Sicht gegenüber. Liebmann zeigt auf, dass die Diskussion darüber,
was im Stadtumbauprozess als Erfolg gelten kann, noch an ihrem Anfang
steht. Quantitative Abrisszahlen dominieren das öffentliche Bewusstsein
genauso wie die verkürzte Schlussfolgerung, dass Abriss automatisch
städtische Regenerierungsprozesse initiiert. Vor dem Hintergrund einer
einseitigen Prioritätensetzung in der Fördermittelvergabe fordert
die Autorin eine Diskussion über die Grenzen des Programms Stadtumbau
Ost und den Einsatz seiner Mittel sowie über qualitative Bewertungskriterien.
Dennoch zieht Liebmann das Resümee, dass ein erfolgreicher Stadtumbau
durchaus möglich ist, dafür aber differenzierte und abwägende Haltungen
und eine ganzheitliche Sichtweise auf die komplexe Problemlage notwendig
sind. Nicht der Wohnungsabriss führt zu einem motivierenden Zukunftsbild
sondern funktionsfähige Stadtstrukturen und ein Stadtbild, mit dem
sich die Bewohner identifizieren können. Der Beitrag von Thomas Kuder zeigt am Beispiel
der historischen Altstadtränder und gründerzeitlich geprägten Vorstädten
blinde Flecke in der Fördermittelpolitik und stadträumlichen
Prioritätensetzung auf. Durch Programme wie den Städtebaulichen
Denkmalschutz oder die Städtebauliche Weiterentwicklung großer
Neubaugebiete wurden die historischen Innenstädte und die Großwohnsiedlungen
in Plattenbauweise gezielt zu stadträumlichen Aufwertungsschwerpunkten
in der aktuellen Planungs- und Stadtentwicklungspolitik. Als nicht
intendierte Nebenfolge von Förderinstrumenten, Altschuldenentlastung
und veränderten Rahmenbedingungen stellen die stadtstrukturellen Randbereiche
zwischen Zentrum und Peripherie heute einen bisher kaum berücksichtigten
Problembereich innerhalb des Stadtumbauprozesses dar. Anhand der Problematik
der Altstadtränder und Vorstädte zeigt Kuder die Dauerhaftigkeit eingeschlagener
Entwicklungspfade durch Planungs- und Förderpolitik auf. Bezogen auf
das Stadtumbau Programm verdeutlicht uns das Beispiel, Auswirkungen
kritisch auf ihre Nebenfolgen hin zu beobachten. Aus der Sicht des Stadtteilmanagements und am Beispiel
einiger Projekte im Leipziger Osten beschreibt Andreas Kaufmann
die Stadtumbaupraxis. Die vorgestellten Beispiele verdeutlichen,
dass Stadtumbau durchaus im Konsens mit Bürgern, Eigentümern und kommunaler
Verwaltung stattfinden kann, dies aber eines kontinuierlichen und
langjährigen Annäherungsprozesses bedarf. Der Konzeptionelle Stadtteilplan
Leipziger Osten ist ein Beispiel dafür, dass Stadtumbau jenseits einer
einseitigen Orientierung auf wohnungswirtschaftliche Belange Impulse
sowohl für die Wirtschaft als auch für das soziale Leben im Stadtteil
setzen kann. Kaufmann zeigt mit seinen Projektbeispielen, dass eine
erfolgreiche Umsetzung des Stadtumbaus und eine Identifikation mit
der veränderten Situation im Stadtteil nur gelingen kann, wenn auf
verschiedenen Ebenen der Information, Beteiligung und Kooperation
Maßnahmen initiiert werden. Über praktische Erfahrungen mit der Umsetzung des
Stadtumbaus berichtet Gabriele Haubold aus dem Stadtplanungsamt
der Stadt Eisenhüttenstadt. Ihre Zwischenbilanz ist ambivalent. Planungsoptimismus,
Kreativität oder gar Visionen lassen sich nur bedingt aufrechterhalten
angesichts der begrenzten Finanzierungsmöglichkeiten, die in erster
Linie Maßnahmen und Geschwindigkeit des Stadtumbaus bestimmen. Der
Umgang mit den Folgen der Schrumpfungsprozesse, die Aneignung nunmehr
fachrelevanter Themen wie Restbuchwerte oder Insolvenzgefährdung,
die psychologisch zu leistende Aufklärungsarbeit bei Mietern oder
der Umgang mit Entscheidungen der Regionalentwicklung sind komplexe
Herausforderungen, von denen selbstverständlich ausgegangen wird,
dass die kommunale Verwaltung sie bewältigen kann. Das Stadtumbau-Programm
wird seitens der Fördermittelgeber als Lernendes Programm
bezeichnet. Der Blickwinkel der kommunalen Stadtplanungspraxis wirft
die Frage auf, inwiefern noch mehr Gewicht auf Qualifizierungsmaßnahmen
und den Erfahrungsaustausch gelegt werden sollte. Grit Stillger berichtet aus Sicht der Stadtverwaltung
Chemnitz, welche Möglichkeiten das Programm aus wohnungswirtschaftlicher
Perspektive schafft. Am Beispiel der Stadtumbau GmbH Chemnitz wird
deutlich, wie schmal der Grad zwischen der Vertretung wirtschaftlicher
Eigeninteressen und stadtentwicklungspolitischer Verantwortung ist.
Die Stadtumbau GmbH ist ein von Chemnitzer Wohnungsunternehmen und
den Stadtwerken gegründetes Dienstleistungsunternehmen, welches die
unterschiedlichen Interessen von Stadt, Mietern, Wohnungsunternehmen
und den Förderstellen zu koordinieren und vereinbaren sucht. Der Beitrag
zeigt die Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität auf, indem er
unausgeschöpfte Möglichkeiten der Inanspruchnahme der Stadtumbau GmbH
und die Schwierigkeiten von z.B. Mietwertausgleichen aufzeigt. Gleichzeitig
macht das Beispiel aber auch deutlich, wie dringend es weiterer innovativer
Modellvorhaben wie der Stadtumbau GmbH bedarf, um die praktischen
Erfahrungen der täglich neu auszuhandelnden Problemlösungen in übertragbare,
ausgewogene und nachhaltige Strategien für den Stadtumbauprozess überführen
zu können. Auch die beiden Beiträge des Forumteils beschäftigen
sich mit aktuellen Stadtentwicklungsprozessen. Bernhard Köppen nimmt jüngste Umfrageergebnisse
und populärwissenschaftliche Berichte, welche die wiederkehrende Beliebtheit
innerstädtischen Wohnens und erste Reurbanisierungstendenzen konstatieren,
zum Anlass, die demographischen Entwicklungen und Stadt-Umland-Wanderungen
im Kontext der ostdeutschen Schrumpfungsprozesse genauer zu untersuchen.
Am Beispiel der Stadt Chemnitz zeigt er auf, dass eine Trendumkehr
eher fraglich scheint bzw. einer genaueren Analyse bedarf. Sandra Kalcher und Katrin Schamun dokumentieren
Ergebnisse eines studentischen Entwurfsstudios für die Stadt Senftenberg
im Rahmen der IBA Fürst-Pückler-Land. Im Zusammenhang mit dem laufenden
Stadtumbau und auf Basis von Ergebnissen des EUROPAN-Wettbewerbes
entwickelten Studierende aus Polen, Spanien und Deutschland Vorschläge,
wie der Senftenberger See an die Innenstadt herangeführt werden kann.
Der Beitrag zeigt beispielhaft, wie die Sicht von außen, der Einbezug
der Bewohner und das Arbeiten vor Ort in einem 11-Geschosser zu kreativen
Stadtumbauideen führen kann. In Vorbereitung zu dieser Ausgabe von Städte
im Umbruch hat die Redaktion ausgewählte Expertinnen und Experten
mit unterschiedlichen inhaltlichen Zugängen zum Bereich Stadtumbau
über deren aktuelle Einschätzungen zum Stadtumbau Ost befragt. In
unserer Kurzumfrage,[1]
die in einem Fragebogen beantwortet werden konnte, wollten wir wissen,
welche Erwartungen die 15 Befragten im Jahr 2001 an das Stadtumbau-Programm
hatten und inwiefern sich diese nach mehr als vier Jahren bestätigt
oder nicht bestätigt haben. Die sechs Antworten auf diese Fragen finden
Sie verteilt in dieser Ausgabe. Weiterhin haben wir nach den größten
Erfolgen und den größten Mankos bei der Umsetzung des Programms aufgrund
persönlicher Einschätzung gefragt. Hierzu erhielten wir folgende Antworten: Ein Erfolg waren und sind aus Sicht der Befragten
die Stadtentwicklungskonzeptionen der Städte (ISEK). Unabhängig davon,
wie inhaltsreich sie im Einzelfall wurden, sei mit den ISEKs der grundsätzlichen
Notwendigkeit von Planung der Rücken gestärkt worden. In einer Zeit,
in der Planung als unnötig betrachtet würde, seien die integrierten
Herangehensweisen ein Lichtblick und der Bundeswettbewerb Stadtumbau
Ost ein grandioses Ereignis für den Städtebau
sei der größte Städtebauwettbewerb seit Jahrzehnten. Neben den rein materiellen, physisch sichtbaren Erfolgen
des Rückbaus, der Aufwertung und den finanziellen Entlastungen der
Wohnungsunternehmen (die u.a. erst den Spielraum für die marktorientierte
Anpassung der Wohnungsbestände der Unternehmen ermöglicht) wird auch
die öffentlichkeitswirksame Vorbereitung und Begleitung des Programms
mit seinen Zielen und Zwängen für die positive Platzierung (insbesondere
des Rückbaus) im Bewusstsein der Bevölkerung als erfolgreich erachtet.
Das Stadtumbauprogramm sei eben nicht nur ein Aufgabenfeld von Experten,
Unternehmen, Ministerien oder Politikern, es sei vielmehr ein Programm
für und mit den Bürgern unserer Städte. Neben der allgemeinen Auseinandersetzung
mit der Thematik an sich wurde die Notwendigkeit des Abrisses öffentliches
Thema allerdings ohne sich wirklich im Denken und Handeln aller
Verantwortlichen von Bund, über Länder bis zur Kommune zu verankern. Ein weiterer Erfolg sei, dass es im Unterschied zu
den Jahren vor 2001 gelungen ist, den Verantwortlichen bzw. Akteuren
bewusst zu machen, dass Stadtschrumpfung keine vereinzelte, vorübergehende
Zeiterscheinung ist, sondern eine vor allem in Ostdeutschland
noch auf längere Sicht dominierende grundlegende Entwicklungsperspektive
vieler Städte und Regionen. Grundsätzlich kann auch bereits die Existenz
des Programms an sich als größter Erfolg angesehen werden. Aus dem Rücklauf der Befragung ergibt sich, dass
die primäre Ausrichtung des Programms auf die Belange der Wohnungswirtschaft
bzw. die Bevorzugung von Abriss (gegenüber den unterschiedlichen Formen
der Aufwertung) als problematisch angesehen wird. Trotz verständlicher
Probleme der Wohnungswirtschaft wäre im Sinne zukunftorientierten
Denkens die Ausrichtung auf die Gesamtlebensfähigkeit der Kommunen
und deren Stärkung wichtiger gewesen. Neben verbreiteten pragmatischen
Abrissen bei der Umsetzung des Stadtumbau-Programms ohne bzw. mit
nur ungenügender nachfolgender oder begleitender Aufwertung vollziehe
sich in der Praxis offensichtlich teilweise noch immer eine fast ungebremste
Außenentwicklung bei gleichzeitigem Verfall innerstädtischer Teilgebiete.
Die Gelder für den Stadtumbau fließen fast ausschließlich in den Abriss
- wenigstens Parität hätte von Anbeginn hergestellt werden müssen!
Zudem gebe es so gut wie keine Qualitätskontrolle der eingesetzten
Gelder (lediglich haushaltstechnische Kontrolle) - so würden Aufwertungsgelder
z. B. in gigantische Parkplatzprojekte gesteckt. Rückbau und Aufwertung
in seinen vielfältigsten Formen seien daher möglichst gleichwertig
zu betrachten. Die inhaltliche, räumliche und zeitliche Verteilung
und Schwerpunktsetzung sei allerdings in den Städten selbst zu entscheiden
und zu verantworten. Als problematisch wird auch angesehen, dass der Umfang
und die Dauer des Stadtumbauprozesses entscheidend größer bzw. länger
und damit kostspieliger als ursprünglich dargestellt und finanziell
untersetzt sei. Dies sollte trotz aller Probleme offener und deutlicher
nach außen artikuliert werden. Aufgrund der bleibenden Ursachen der
Leerstandentwicklung sei auch über die Programmlaufzeit hinaus einen
bleibender Stadtumbauprozess zu bewältigen. Weder die wissenschaftliche
noch die politische Debatte thematisiere den verbleibenden Rest: wenn
mit dem Abrissprogramm alles planmäßig laufen würde, dann blieben
am Ende der Programmlaufzeit immer noch zwei Drittel des dauerhaft
nicht mehr nutzbaren Bestandes als Leerstand übrig - was soll damit
geschehen? Diese Substanz würde nach 2010 zu Buche schlagen. Zudem
gebe es kaum eine Stadt in Ostdeutschland, die ihr Stadtentwicklungskonzept
fortgeschrieben und auf die rasanten Entwicklungen strategisch-konzeptionell
reagiert habe. Es herrsche bis auf wenige Ausnahmen ein Durchwursteln
am Rande des Bankrotts vor. Bemängelt wird weiterhin, dass der Rückbau von Infrastruktur
kein Bestandteil des Stadtumbauprogramms sei und dass der Stadtumbau
insgesamt noch zu wenig auf flexible, integrative Entwicklungskonzepte
ausgerichtet sei. Die bürokratischen Verfahren der Handhabung
seien außerdem so weltfremd, dass es nur zu wenigen erfolgreichen
Ergebnissen kommen könne - angesichts des Mitteleinsatzes ein verheerendes
Ergebnis und eine vergebene Chance. Zudem sei auch die Situation in
einigen westdeutschen Krisenorten problematisch. Dort würden die Mittel
allerdings nie die Dimensionen wie im Osten erreichen können
bei vergleichbarer Problemlage. Auch hätte aus den Ergebnissen des Bundeswettbewerbs
Stadtumbau-Ost mehr gemacht werden können. Schamhaft noch gezeigt,
wissenschaftsbürokratisch ausgewertet und abgeheftet sei eine große
Chance vertan worden, Städtebau ins öffentliche Bewusstsein zu rücken
- jenseits der unsäglichen Rückbaudebatten. Im Wettbewerb
stecke noch ein ungehobenes Potenzial an kommunikativer Kraft und
methodischem Arsenal. Es hätte eine Dauerausstellung daraus gemacht
werden müssen. Rainer Bohne, Bundesgeschäftsführer Berufsverband
SRL: Meine Erwartung an das Stadtumbau-Programm war, dass mehr Offenheit
in den Städten/Orten gegenüber den realen Verhältnissen Platz greift.
Diese Hoffnung Ist leider nur kurzzeitig und rudimentär eingetreten. Frank Hein, Amt für Stadtentwicklung Stadt Schwedt/Oder:
Als das Bundesprogramm Stadtumbau startete, hatten wir in Schwedt bereits
seit 1999 Erfahrungen beim praktischen Prozess des Rückbaus und der
gleichzeitigen Aufwertung gesammelt. Der planerische Zielhorizont war
abgesteckt, die Zusammenarbeit zwischen Stadt, Wohnungsunternehmen,
technischen Versorgern und Bevölkerung organisiert. Es war also nur
zu begrüßen, dass diese neue Komponente der Stadtentwicklung einen offiziellen
planerischen, rechtlichen, finanziellen und fördermitteltechnischen
Rahmen bekam. An der Notwendigkeit und der zu erwartenden positiven
Wirkung des Gesamtprozesses wurde nie gezweifelt. Harald Kegler, Büro Labor für Regionalplanung:
Meine Erwartungen an das Stadtumbau-Programm bestanden darin, dass
damit - dem Städtebau und der Regionalentwicklung ein zentraler
gesellschaftlicher Stellenwert beigemessen wird (vergleichbar mit
einer Situation wie sie in England besteht); - eine öffentliche Debatte über die Renaissance der
europäischen Stadt unter den Bedingungen des postindustriellen Zeitalters
begonnen wird und - ein offener Austausch um Strategien und Konzepte
forciert wird. Leider ist von diesen Erwartungen relativ wenig erfüllt
worden; zweifelsohne wurde viel Geld in den Abriss gesteckt, und zahlreiche
gelungene Einzelvorhaben konnten realisiert werden (Schwedt, Cottbus
...); die gesellschaftliche Debatte ist nahezu ausgeblieben - anders
als in England, den USA oder in Skandinavien; Städtebau ist zum Wohnungsabriss
verkommen; die unsägliche Schrumpfungsdebatte hat das Übrige getan;
hier haben die Wissenschaft und Politik komplett versagt! Als Mitte
der 1990er Jahre im Zuge der Deindustrialisierung absehbar war, dass
die Menschen der Arbeit hinterher ziehen, wurde das Thema Bevölkerungsrückgang
verdrängt (auch seitens der Wissenschaft); heute ist Schrumpfung zum
Modethema geworden! Lösungen werden kaum angeboten, vielmehr wird dies
zum Thema künstlerischer Selbstbefriedigung (siehe Projekt Shrinking
Cities) erhoben; absurderweise wird nun die "Zwischenstadt"
hoffähig gemacht und ästhetisiert (siehe deutscher Beitrag zur Biennale
in Venedig) - der Städtebau ist aus dem Blick geraten und durch Wohnungsabbau-
oder ästhtetische Scheindebatten und -projekte ersetzt worden; nach
einem Regierungswechsel droht das Ganze - noch rudimentär vorhandene
Pflänzchen "Stadtumbau" vollends den Bach herunter zu gehen;
deshalb habe ich mit zahlreichen Partnern die Initiative des CEU gestartet
... Christine Ostrowski, Sachsen Treuhand mbH:
An das Stadtumbau-Programm hatte ich keine allzu hohen Erwartungen,
da mir schon mit Inkrafttreten klar war, dass der Finanzumfang der
Fördergelder (und auch deren Auszahlungsstruktur [wie Städtebaufördermittel])
nicht dazu führen wird, dass der Wohnungsabriss im selben Tempo
erfolgt wie der Bevölkerungsrückgang. Rainer Winkel, Professor für Landesplanung und
Siedlungsbau: Meine Erwartung an das Stadtumbau-Programm war zum einen,
dass es die Bemühungen zur Aufwertung der Innenstädte unterstützen könnte.
Weiterhin erhoffte ich mir eine realistische Einstellung und realistische
Maßnahmen zum Umgang mit dem Rückgang der Bevölkerung. Dies ist jedoch
nur begrenzt erfolgt. Werner Rietdorf, ehem. Abteilungsleiter für
siedlungsstrukturelle Entwicklung im IRS Erkner: Nach meiner Mitwirkung
in der sogenannten Leerstandskommission und den vorbereitenden
Arbeiten zum Stadtumbau-Programm hatte ich zunächst verständlicherweise
sehr hohe Erwartungen an die Durchsetzung dieses Programms in den
Ländern und Kommunen Ostdeutschlands. Vor allem hinsichtlich der gesamtgesellschaftlichen
Problemwahrnehmung, der komplexen Herangehensweise und der Verknüpfung
mit anderen sozialpolitischen, kulturellen und ökologischen Zielsetzungen
der Stadtentwicklung. Diese Erwartungen haben sich bisher nur in vergleichsweise
geringem Umfang erfüllt, da in der Praxis offensichtlich der staatlich
subventionierte Wohnungsabriss, vor allem in Beständen des industriellen
Wohnungsbaus, im Vordergrund des kommunalen Handelns steht. Sehr oft
ohne die notwendige bzw. wünschenswerte Aufwertung der betreffenden
Stadtteile. In der großen Politik bleiben Stadtschrumpfung
und umbau angesichts macht- und personalpolitischer Auseinandersetzungen,
wie bereits früher Nachhaltigkeit und Ökologie, im Hintergrund. Wir haben die ExpertInnen auch gefragt, welchen Aspekt
des Stadtumbau-Programms Sie für wichtiger halten und welcher Aspekt
derzeit ihrer Meinung nach in der (Fach-)Öffentlichkeit hauptsächlich
wahrgenommen wird. Hier sind die Ergebnisse: Ich halte persönlich für wichtiger: 1 Abriss bzw. Rückbau
von Wohnungen 3 Aufwertung und
Stärkung der langfristig zu erhaltenden Stadtquartiere 2 beide Aspekte
sind gleich wichtig In der (Fach-) Öffentlichkeit wird hauptsächlich
wahrgenommen 6 Abriss bzw. Rückbau
von Wohnungen (im Gegensatz zu Aufwertung o. beides gleich) Bericht der Kommission (2000): Wohnungswirtschaftlicher
Strukturwandel in den neuen Bundesländern, Bericht der Kommission
i.A. BMVBW durch Pfeiffer, Ulrich / Simons, Harald / Porsch, Lucas. Bernt, Matthias (2005): Stadtumbau im Gefangenendilemma,
In: Weiske, Christine / Kabisch, Sigrun / Hannemann, Christine (Hg.),
Kommunikative Steuerung des Stadtumbaus, Wiesbaden: Verlag
für Sozialwissenschaften, S.109-130. BMVBW (2001): Wettbewerb Stadtumbau Ost. Für lebenswerte
Städte und attraktives Wohnen: Auslobung, Berlin. BMVBW (2002): Fachdokumentation zum Bundeswettbewerb
Stadtumbau Ost, Bonn. BMVBW (2003): Dokumentation zum Bundeswettbewerb
Stadtumbau Ost, Bonn. Bundesregierung (2004): Stadtumbau Ost erfolgreich,
Regierungserklärung vom 28.12.2004. Evert, Klaus-Jürgen (2001): Lexikon Landschafts-
und Stadtplanung, Heidelberg: Springer Haller, Christoph (2004): Plädoyer für klare
Begrifflichkeiten im Stadtumbauprozess, In: Städte im Umbruch
Online Magazin für Stadtentwicklung, Stadtschrumpfung, Stadtumbau
& Regenerierung, Heft 1, S.47-51. Renner, Mechthild (1997): Zum Stand von Stadterneuerung
und Stadtumbau, In: Informationen zur Raumentwicklung,
Heft 8-9, S.529-541. Weiske, Christine / Kabisch, Sigrun / Hannemann,
Christine (2005): Editorial: Kommunikative Steuerung
Macht und Akzeptanz, In: dies. (Hg.), Kommunikative
Steuerung des Stadtumbaus, Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften,
S.7-11.
[1] Der kurze Fragebogen
wurde an ca. 15 Personen geleitet, d.h. es war von vornherein nicht
die Absicht der Redaktion, eine repräsentative Befragung durchzuführen,
sondern es ging vielmehr darum, aktuelle und notwendigerweise subjektive
Einschätzungen ausgewählter Fachleute zu dokumentieren. Insgesamt
erhielt die Redaktion sechs Rückmeldungen von Praktikern des Stadtumbaus
in Ostdeutschland und Mitgliedern der Leerstandskommission, die
zwischen 1999 und 2000 Grundlagen des Programms erarbeitet hatte.
Ausgefüllte Fragebögen erhielten wir von Rainer Bohne (Stadtplaner,
Bundesgeschäftsführer Berufsverband SRL, Vorstand Architektenkammer
Berlin; in beiden Funktionen Mitwirkung an der Programmgestaltung
Stadtumbau Ost); Frank Hein (Stadtplaner, Fachbereichsleiter Amt
für Stadtentwicklung Stadt Schwedt/Oder); Harald Kegler (Stadtplaner,
Büro Labor für Regionalplanung, Tätigkeitsfelder im Stadtumbau in
Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen;
1. Preis beim Stadtumbau-Ost Wettbewerb, Gründungsmitglied des Council
for European Urbanism (CEU); Christine Ostrowski (Immobilienmanagerin,
Sachsen Treuhand mbH, Studien und Untersuchungen zum Stadtumbau,
zuvor wohnungspolitische Sprecherin der PDS-Landtagsfraktion Sachsen
und der PDS-Bundestagsfraktion); Werner Rietdorf (Architekt und
Stadtplaner, ehemaliger Abteilungsleiter für siedlungsstrukturelle
Entwicklung im IRS Erkner, nun im Ruhestand); Rainer Winkel (Architekt und Städtebauer, Professor für Landesplanung
und Siedlungswesen an der TU Dresden, 2 Preise im Wettbewerb Stadtumbau
Ost, Forschungsschwerpunkt Stadtumbau). |
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| Dies ist
ein Dokument der Seite www.schrumpfende-stadt.de Erstelldatum: 30. Januar 2006 Autor: Brandstetter, Haller, Pfeifer, Lang |