| Perspektiven
Ostdeutschlands im Zuge der EU-Erweiterung
Die Erweiterung der EU um zehn neue Länder wird vielfach überwiegend
mit Chancen für die alten Mitgliedstaaten verbunden (Breuss 2001,
European Commission 2001). Die hinter diesen Aussagen stehenden Analysen,
die auf den nationalen Ebenen ausgeführt wurden, liefern jedoch keine
Anhaltspunkte für die Verteilung potentieller Gewinner und Verlierer
auf regionaler Ebene. Von der Erweiterung werden aber die ostdeutschen
Bundesländer, die ja teilweise direkt an die neuen Mitglieder angrenzen,
in besonderer Weise betroffen sein. Im Folgenden sollen daher einige
für sie aus dem Beitritt resultierenden Chancen und Risiken vorgestellt
werden.[1]
Ausgehend von einem niedrigeren
Niveau weisen die neuen EU-Länder ein deutlich höheres Wirtschaftswachstum
auf als die alten EU-15 zusammengenommen, was auch für die kommenden
Jahre gelten dürfte. So rechnet die Europäische Kommission mit einem
Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) für die zehn neuen
Mitglieder in Höhe von 4,0 % für 2004 und 4,2 % für 2005,
für die EU-15 hingegen nur mit 2,0 % bzw. 2,4 % (European
Commission 2004, S. 113). Für das direkt an Deutschland angrenzende
Tschechien wird mit einem Zuwachs von 2,9 % (für 2005: 3,4 %)
gerechnet. Polens Wirtschaft ist unter den am stärksten wachsenden:
für 2004 wird ein Plus von 4,6 % erwartet und für 2005 sogar
von 4,8 %. Der gesamtwirtschaftliche Entwicklungsstand und die
Wachstumsaussichten der neuen EU-Länder lassen auf der regionalen
Ebene genauso wie in den alten Mitgliedstaaten teilweise deutliche
Unterschiede erkennen (Votteler 2004). Insbesondere Polen, das größte
der zehn Neuen, weist große regionale Disparitäten auf: die reichste
Region um Warschau Mazowieckie erwirtschaftete in 2001
ein BIP pro Kopf von fast 64 % des Durchschnitts der EU-15, wohingegen
die Regionen an der Grenze zu Russland, Weißrussland und Ukraine kaum
mehr als 30 % erreichten (Europäische Kommission 2004b, S. 200ff).
Die drei polnischen Regionen entlang der Grenze zu Deutschland, auf
der anderen Seite, stehen etwas besser da. Die südlichste Region,
Dolnośląskie, erreichte in 2001 ein relatives Pro-Kopf-BIP
von 41,6 %, Lubuskie 36,3 % und das an die Ostsee grenzende
Zachodniopomorskie 40,5 %. Für das Aufzeigen von Tendenzen in der künftigen
regionalen Wirtschaftsentwicklung können die European Regional
Prospects herangezogen werden, die Prognosen wichtiger ökonomischer
Kenngrößen bis zum Jahr 2008 enthalten (vgl. Cambridge Econometrics
2004).[2]
Unter den polnischen Grenzregionen werden demnach die besten Wachstumsperspektiven
für Dolnośląskie erwartet; die jahresdurchschnittlichen
Veränderungsraten der Bruttowertschöpfung im Zeitraum 2002-2008 dürften
4,4 % erreichen (vgl. Abbildung 1). In Tschechien ist Prag das wirtschaftliche Zentrum
des Landes, hinter dem die anderen Regionen sowohl in Wohlstand
gemessen am BIP - als auch Wachstumsaussichten deutlich zurückstehen.
Die reale Wirtschaftsleistung im an Sachsen angrenzenden Severozápad
(Pro-Kopf-BIP in 2001: 47,7 % der EU-15) nahm im Durchschnitt
der Jahre 1995-2002 sogar um 1,8 % ab, und auch für die kommenden
Jahre wird lediglich mit einer Beibehaltung des Erreichten gerechnet.
Das östlich angrenzende Severovýchod zeigt demgegenüber sowohl einen
etwas höheren Wohlstand (50,6 % des durchschnittlichen Pro-Kopf-BIP)
als auch weitaus optimistischere Wachstumsperspektiven. Abbildung 1 Bruttowertschöpfung
in den ostdeutschen, polnischen und tschechischen (Grenz-) Regionen
(jahresdurchschnittliche Veränderungsraten in Prozent, Quelle: Cambridge
Econometrics (2004), Darstellung des ifo Instituts) Die ostdeutschen Bundesländer weisen im Vergleich
zu den polnischen und tschechischen Grenzregionen zwar ein höheres
Pro-Kopf-Einkommen auf es liegt zwischen 65,3 und 67,3 %
des EU-Durchschnitts -, liegen dafür aber bei der Wirtschaftsdynamik
hinter ihnen. Die reale Bruttowertschöpfung stieg in Ostdeutschland
(ohne Berlin) zwischen 1995 und 2002 um jahresdurchschnittlich 1,7 %.
Zwischen 2002 und 2008 wird sich das Wachstum voraussichtlich auf
1,1 % abschwächen. In dem relativ geringen gesamtwirtschaftlichen
Wachstum kommt der immer noch anhaltende Strukturwandel zum Ausdruck,
der positive Entwicklungen vor allem im verarbeitenden Gewerbe immer
noch überlagert (Gerstenberger 2003). Er verläuft in den einzelnen
Bundesländern in unterschiedlicher Intensität. Mecklenburg-Vorpommern,
wo die Land- und Forstwirtschaft ein relativ starkes Gewicht besitzt,
dürfte auch in den kommenden Jahren ein nur geringfügiges Wirtschaftswachstum
verzeichnen. In Thüringen bewirken die gedämpften Wachstumsaussichten
für den bedeutenden Wirtschaftsbereich Energie und verarbeitendes
Gewerbe ebenfalls eine nur geringfügige gesamtwirtschaftliche Expansion
in den nächsten Jahren. Für Sachsen hingegen sind die guten Prognosen
für das verarbeitende Gewerbe der Hauptgrund für die vergleichsweise
günstigen Perspektiven. In den neuen EU-Ländern
schlägt sich das hohe Wirtschaftswachstum unter anderem in einer steigenden
Nachfrage nach ausländischen Gütern nieder. Die neuen Bundesländer
profitieren hiervon in besonderer Weise, wobei die historisch gewachsenen
Verbindungen sicherlich eine Rolle spielen. Aber auch die geographische
Nähe und die Größe von Märkten wie z. B. dem polnischen sind
wesentliche Bestimmungsgründe für die engen Verbindungen. In 2002
waren 14,3 % aller exportierten Güter aus den neuen Bundesländern
für die neuen mittel- und osteuropäischen EU-Mitglieder bestimmt,
der Bundesdurchschnitt von 8,1 % lag deutlich darunter (vgl.
Tabelle 1). Tabelle 1 Exporte der neuen Bundesländer in die
mittel- und osteuropäischen EU-Mitglieder (MOE), 2002 (vorläufige
Angaben, Quelle: Statistische Landesämter der einzelnen Bundesländer,
Destatis; Berechnungen des ifo Instituts) Die wichtigsten Handelspartner unter den acht Ländern
stellen Polen und Tschechien dar. Für Brandenburg und Sachsen-Anhalt
war Polen in 2002 sogar der zweitwichtigste Absatzmarkt, die Tschechische
Republik war für Sachsen und Sachsen-Anhalt der fünftwichtigste Exportpartner.
Eine Ausnahme stellt Mecklenburg-Vorpommern dar, dessen Exportbeziehungen
in die acht Länder relativ schwach ausgeprägt sind. Eine Erklärung
dafür liefert die rege Exporttätigkeit des Schiffbaus, der in alle
Welt liefert (Statistisches Landesamt Mecklenburg-Vorpommern 2003). Für die Zukunft darf mit
einem weiteren Ansteigen der Exporte gerechnet werden (Riedel und
Untiedt 2001). Durch die Übernahme des Acquis Communautaire, d. h.
des gemeinschaftlichen Besitzstandes an Gesetzen und Regelungen, in
den neuen EU-Ländern werden nichttarifäre Handelshemmnisse abgebaut
und mehr Rechtssicherheit für die Handelspartner geschaffen. Für die
ostdeutschen Grenzländer von besonderer Relevanz ist die administrative
Vereinfachung bzw. der Abbau von Grenzformalitäten und kontrollen
sowie die daraus resultierenden geringeren Wartezeiten an den Grenzen
zu Polen und Tschechien. Insbesondere der kleine Grenzverkehr dürfte
dadurch erleichtert werden. Einschränkend muss jedoch
angemerkt werden, dass die ostdeutschen Unternehmen mit einigen Ausnahmen
stark binnenmarktorientiert sind; die Exporttätigkeit ist nur relativ
schwach ausgeprägt und schlägt sich dementsprechend nur geringfügig
in der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung nieder. So lag in 2002 die
Exportquote, gemessen als Anteil des Auslandsumsatzes am Gesamtumsatz,
im Bergbau und verarbeitenden Gewerbe der neuen Bundesländer und Berlin-Ost
bei 24,7 %, gegenüber 39,2 % im früheren Bundesgebiet (Statistisches
Bundesamt 2003, S. 206). So positiv die Entwicklung beim Außenhandel
mit den neuen EU-Mitgliedern demnach auch verlaufen mag, ein Impetus
auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung dürfte sich vorerst nur
bedingt bemerkbar machen. Die EU-Erweiterung bringt auch Herausforderungen
mit sich, denen die neuen Bundesländer begegnen müssen. Einige davon
sollen im Folgenden diskutiert werden. Dazu wird auf die Ergebnisse
einer Studie zurückgegriffen, in welcher die Dresdner Niederlassung
des ifo Instituts die Auswirkungen der EU-Osterweiterung auf Wirtschaft
und Arbeitsmarkt in Sachsen untersucht hat (Gerstenberger et al. 2004).
In diesem Rahmen wurde im Frühsommer 2003 eine schriftliche Befragung
bei 1541 Unternehmen in Sachsen, 259 in der an den Freistaat angrenzenden
polnischen Woiwodschaft Dolnośląskie und 478 in
der benachbarten tschechischen Region Severozápad und dem Kreis Liberecký
durchgeführt. Sie erfolgte für die Sektoren verarbeitendes Gewerbe,
Baugewerbe, Handel, Gaststätten/Hotels, Speditionen, Kreditinstitute
und Dienstleistungen.[3]
Die Unternehmensbefragung diente unter anderem der
Informationsbeschaffung über die Einstellungen und Erwartungen der
Unternehmen im Hinblick auf die EU-Osterweiterung, ihre beabsichtigten
Reaktionsstrategien und den Stand der Vorbereitung (siehe dazu auch
Votteler und Schmalholz 2004). Obwohl die Untersuchung auf Sachsen
und die direkt angrenzenden Regionen in Polen und Tschechien beschränkt
war, können einige Ergebnisse auf die anderen ostdeutschen Bundesländer
übertragen werden. So kommt z. B. die Industrie- und Handelskammer
Frankfurt / Oder in einer Umfrage zu ähnlichen Ergebnissen (IHK Frankfurt/Oder
2003). Grundsätzlich lassen sich die einzelnen Wirtschaftsbranchen
anhand theoretisch fundierter Bestimmungsfaktoren in eher positiv
oder eher negativ von der EU-Erweiterung betroffen charakterisieren.
So eröffnet die Osterweiterung per Saldo mehr Chancen für diejenigen
Branchen in Ostdeutschland, welche ihre Standortvorteile intensiv
nutzen können: Sie produzieren in der Regel humankapitalintensiv und/
oder verfügen über spezifische Vorteile (geistige Eigentumsrechte,
Vertriebskanäle) oder Netzwerkvorteile. Beispiele sind der Fahrzeug-
und Maschinenbau, die Informationstechnologie oder das Technik- und
Managementconsulting. Wegen des großen Arbeitskostenvorteils
der Beitrittsländer stehen dahingegen diejenigen Wirtschaftszweige
unter Anpassungsdruck, die arbeitsintensiv produzieren und deren Unternehmen
nur schwer Alleinstellungsmerkmale aufbauen können. Betroffen sind
die Textil- und Bekleidungsindustrie, das Bauhandwerk oder Reinigungsdienste.
Hier ist allerdings anzumerken, dass es vor allem in der in Südwestsachsen
starken Textilindustrie einige Unternehmen geschafft haben, sich mit
ihren Produkten erfolgreich in Nischen zu positionieren und damit
wiederum einen Wettbewerbsvorteil gegenüber ihrer Konkurrenz jenseits
der Grenzen genießen. Die Unternehmen, die aus theoretischen Erwägungen
unter Anpassungsdruck stehen, werden aber trotzdem nicht unbedingt
Auswirkungen der Erweiterung zu spüren bekommen, oder zumindest nicht
sofort. Zum einen ist der Wettbewerbsraum einiger Unternehmen dank
hoher Distanzkosten von Konkurrenz aus den Beitrittsländern geschützt.
Darunter fällt vor allem der Handwerks- und Dienstleistungsbereich.
In der Regel müssen hier nämlich Anbieter und Nachfrager an einem
Ort zusammenkommen, um die Leistung zu erbringen. So muss der Kunde
zum Friseur kommen oder der Heizungsinstallateur ins Haus des Nachfragers.
Wenn Personen aber Distanzen zu überwinden haben, dann sind die Kosten
weit höher als bei Waren. Zudem ist der Handels- und Dienstleistungsbereich
aufgrund der derzeit noch geltenden Übergangsfristen bezüglich der
Niederlassungs- und Dienstleistungsfreiheit noch recht gut geschützt.
Ein zweiter Grund liegt im Schutz durch Sprach-,
Kultur- oder andere nichttarifäre Handelsbarrieren. Beispiele sind
Architektur- und Ingenieurbüros; sie sind mit den jeweiligen nationalen
Vorschriften und Normen, welche einzuhalten sind, wesentlich besser
vertraut als ausländische Anbieter. In Sachsen waren im Jahr 2002 55 % der sozialversicherungspflichtig
Beschäftigten in Branchen tätig, die aufgrund der Distanzkosten vorerst
nur wenigen Veränderungen durch die EU-Osterweiterung ausgesetzt sind;
11 % dürften erst ab 2010 aufgrund des Wegfallens der Übergangsregelungen
tangiert sein. 23 % waren in Branchen beschäftigt, die überwiegend
mit Chancen rechnen können, und nur 11 % in Branchen, die überwiegend
den Risiken ausgesetzt sind. Per Saldo dürften Wertschöpfung und Beschäftigung
in Sachsen durch den Beitritt der Nachbarländer also einen positiven
Impuls erhalten. Nach Ablauf der Übergangsfristen, also spätestens
2009, ist jedoch ein negativer gesamtwirtschaftlicher Impuls nicht
mehr auszuschließen. Welche Erwartungen die Unternehmen
mit der EU-Erweiterung hegen und wie sie sich darauf vorbereiten,
hängt davon ab, ob und inwieweit sie dadurch eine Beeinflussung ihrer
Geschäftsaktivitäten erwarten. Entsprechend der Erkenntnis, dass mehr
als die Hälfte der sächsischen Arbeitsplätze vorerst wenig tangiert
sein wird, sah auch etwas mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen
(51 %) den EU-Beitritt als ein Ereignis am Rande an. Diese Einschätzung
wurde besonders von den Kleinunternehmen getragen, unter denen sich
besonders viele Handwerks- und Dienstleistungsfirmen befinden. Die
polnischen und tschechischen Unternehmen hingegen, die durch die Übernahme
von EU-Normen und -Regelungen wesentlich stärker vom Beitritt zur
EU betroffen sind, messen ihm eine viel größere Bedeutung bei. Obwohl nur die Hälfte der
sächsischen Unternehmen die Erweiterung als ein wichtiges Ereignis
einstuft, verbindet sie die überragende Mehrheit mit höheren Risiken
für ihre Geschäftsaktivitäten und rechnet mit einem härteren Preiswettbewerb
(vgl. Abbildung 2). Mit der Erweiterung verbundene Chancen werden
erst an zweiter Stelle gesehen. Diese begründen sich zum einen in
besseren Absatzmöglichkeiten, zum anderen aber auch in Kostensenkungsmöglichkeiten,
die durch billigere Arbeitskräfte, Outsourcing oder die Aufnahme von
Kooperationen realisiert werden sollen. Viele polnische und tschechische Unternehmen rechnen
zwar auch mit härterem Preiswettbewerb, sehen die Erweiterung aber
wesentlich stärker mit der Chance auf bessere Absatzmöglichkeiten
verbunden als die befragten Sachsen. In deutlichem Gegensatz zur sächsischen
Wirtschaft erwarten sie aber auch härtere Konkurrenz aufgrund kundenfreundlicherer
und qualitativ besserer Angebote. Diese Stärke nicht nur der sächsischen,
sondern auch der anderen Unternehmen in den neuen Bundesländern gilt
es sowohl in der eigenen (Grenz-)Region im kleinen Grenzverkehr
als auch in Polen und Tschechien selbst auszuspielen. Abbildung 2: Erwartungen
der Unternehmen resultierend aus der EU-Osterweiterung (Quelle: Votteler
und Schmalholz (2004) Die Reaktionen der Unternehmen auf die Osterweiterung
erstrecken sich entweder auf unternehmensinterne Maßnahmen (z. B.
Bereinigung des Produktangebots oder Rationalisierungsinvestitionen)
oder auf Maßnahmen, die nach außen hin greifen (Auslagerung von Teilen
der Produktion, Aufnahme von Kooperationen). Die meisten der befragten
Unternehmen streben Maßnahmen für innerbetriebliche Effizienzsteigerungen
an. Diese sind im allgemeinen gut geeignet, härterem Preiswettbewerb,
der ja von so vielen Unternehmen erwartet wird, zu begegnen. Ungefähr
jedes zweite Unternehmen möchte sich auf einen begrenzten Produktmix
fokussieren und damit ausgewählte Marktnischen meist in einem hohen
Preis- und/oder Qualitätssegment besetzen. Das zweitwichtigste Strategiebündel
umfasst die Aufnahme von Kooperationen mit dem Ziel, mit Hilfe eines
Partners in den Beitrittsländern zu produzieren oder zusammen mit
Unternehmen aus den Beitrittsländern den Inlandsmarkt oder den übrigen
EU-Raum bedienen zu können. Diesen Weg haben bislang relativ wenige
Unternehmen eingeschlagen; nur jedes siebte befragte sächsische Unternehmen
konnte bis zum Frühjahr 2003 schon Kooperationsbeziehungen mit Partnern
in den Beitrittsländern aufweisen. Mit dem Ausbau grenzüberschreitender
Beziehungen könnten die Unternehmen zudem von der höheren Wirtschaftsdynamik
in den Nachbarländern profitieren. Die Konkurrenten in den
beiden Nachbarländern verfolgen im wesentlichen zwei Strategielinien,
um ihre Kostenvorteile in Markterfolge umzusetzen: Zum einen arbeiten
sie an der Behebung ihrer Schwachstellen durch eine Bereinigung und/oder
Fokussierung ihres Angebots auf höhere Qualitäten, durch Rationalisierungsinvestitionen
zur Steigerung ihrer technischen Leistungsfähigkeit sowie durch die
Aufnahme von Absatzkooperationen mit Blick auf ihren jeweiligen Heimatmarkt.
Zum anderen verfolgen sie intensiv die Erschließung neuer Märkte im
bisherigen EU-Raum über die Erweiterung ihrer Produkt- und Dienstleistungssortimente,
die Aufnahme von Kooperationen zur Bedienung dieses Marktraums oder
durch die Eröffnung eigener Niederlassungen in den alten EU-Ländern. Die polnischen und tschechischen
Unternehmen gehen folglich davon aus, dass sie sich auf mittlere Sicht
nicht mehr allein auf ihre Kosten- und damit auch Preisvorteile als
Wettbewerbsparameter verlassen können. Vielmehr müssen sie auch ein
insgesamt qualitativ hochwertiges Produkt- und Dienstleistungsangebot
vorweisen. Die geplante strategische Ausrichtung dient damit letztendlich
dem Ziel, sich in nicht allzu ferner Zeit in einem ähnlich hohen Preis-Leistungs-Segment
wie die sächsischen Unternehmen positionieren zu können. Dies bedeutet
eine große Herausforderung nicht nur für die sächsischen Unternehmen,
sondern auch für die Unternehmen in den anderen ostdeutschen Bundesländern,
insbesondere in den grenznahen Regionen. Im Rahmen der oben vorgestellten
Studie des ifo Instituts wurde auch eine Investorenbefragung durchgeführt,
die der Informationsgewinnung über die Attraktivität des Standortes
Sachsen bzw. Ostdeutschland im Vergleich zu Standorten in Polen, Tschechien
und anderen EU-Beitrittsländern diente (Gerstenberger et al. 2004).
Es wurden 145 Unternehmen in verschiedenen Ländern befragt, die entweder
schon in diesen Ländern investiert haben oder solche Projekte planen.
Sie charakterisierten zunächst die Bedeutung von vorgegebenen 15 Standortfaktoren
für das Unternehmen und markierten dann, welches Land in diesem
Falle Ostdeutschland, Polen und Tschechien für diesen Faktor
die attraktivsten Standortbedingungen bietet. Der mit Abstand bedeutendste
Standortfaktor für die Investoren sind die Arbeitskosten, bei denen
Polen und Tschechien deutliche Vorteile besitzen. Bei dem zweitwichtigsten
Faktor, der Qualifikation des Personals, liegt Ostdeutschland bei
der Attraktivität gleichauf mit den beiden Ländern. Dem ausgeprägten
Nachteil bei den Arbeitskosten steht also kein klarer Vorteil in der
Qualifikation der Arbeitskräfte gegenüber. Ostdeutschland besitzt
dagegen teils deutliche Standortvorteile bei den nachrangigen Standortfaktoren.
Dies sind zum einen eine kapitalintensive Infrastrukturausstattung
wie z. B. Kommunikationsnetze, Bildungs- und Forschungseinrichtungen,
Ver- und Entsorgungseinrichtungen. Aber auch bei den staatlichen Rahmenbedingungen
(Berechenbarkeit der staatlichen Verwaltung, politische Stabilität
und ordnungspolitische Ausrichtung, Leistungsfähigkeit des Gerichtswesens)
liegen die Vorteile auf ostdeutscher Seite. Ein kleiner Nachteil der
neuen Bundesländer: als Absatzregion besitzen sie keinen hohen Stellenwert.
Unternehmen, denen die Größe des regionalen Marktes sowie die Nähe
zu ihren Kunden wichtig ist, sehen vielmehr Polen an erster Stelle. Voraussichtlich werden alle
mittel- und osteuropäischen EU-Beitrittsländer, genauso wie momentan
noch die neuen Bundesländer, mit Beginn der neuen Förderperiode in
2007 unter die Ziel-1-Regionalförderung fallen. Damit würde Ostdeutschland
seinen bisherigen Vorteil bei den Beihilfesätzen wie auch beim Einsatz
von Finanzmitteln zum Ausbau der Infrastruktur einbüßen (vgl. Fester
und Fuchs 2004). Dies hätte auch Auswirkungen auf die Standortattraktivität.
Ein Verlust des Ziel-1-Status aufgrund des sogenannten statistischen
Effekts der Erweiterung, der momentan den Regierungsbezirken
Dresden und Leipzig sowie Brandenburg-Südwest droht, wäre gleichbedeutend
mit einer Verschlechterung der Position im Standortwettbewerb insbesondere
gegenüber den neuen EU-Mitgliedern. Vor allem die ohnehin schon wirtschaftlich
schwächeren Grenzregionen in Sachsen kämen durch das Auftreten eines
massiven Fördergefälles zu Tschechien und Polen noch stärker in Gefahr,
in eine wirtschaftliche Abwärtsspirale zu geraten. Die Erweiterung der EU bietet
viele Chancen für die ostdeutschen Bundesländer. Sie können aufgrund
ihrer engen Handelsverbindungen aus
der großen wirtschaftlichen Dynamik gewinnen, die in den neuen mittel-
und osteuropäischen EU-Mitgliedern vorherrscht. Insbesondere die Grenzregionen
können von steigenden Einkommen der Polen und Tschechen profitieren,
da diese durchaus das qualitativ höherwertige hiesige Produktsortiment
zu schätzen wissen. Um diese Chancen allerdings optimal nutzen zu
können, müssten die ostdeutschen Unternehmen diese Länder noch stärker
als Absatzmärkte wahrnehmen und ihre Aktivitäten darauf ausrichten. Eine aktive Beteiligung
der Betroffenen ist auch notwendig, um die Risiken aus der Erweiterung
abzufedern. Für die ostdeutschen
Unternehmen steht der erwartete härtere Preiswettbewerb im Vordergrund.
Zudem müssen sie damit rechnen, dass die polnischen und tschechischen
Unternehmen sich in einem ähnlich hohen Preis-Leistungs-Segment wie
sie positionieren und damit in direkte Konkurrenz zu ihnen treten
wollen. Ein Ausweg aus der verschärften Konkurrenzsituation wäre,
verstärkt mit anderen Betrieben aus den Beitrittsländern Kooperationen
aufzunehmen. Unternehmen in den Grenzregionen, die aufgrund der geringen
Distanzkosten besonderem Wettbewerbsdruck ausgesetzt sind, können
zudem insbesondere über verstärkte Zulieferungen das bestehende Faktorpreisgefälle
zu ihren Gunsten nutzen. Ein weiteres Risiko stellt
das drohende Herausfallen einiger ostdeutscher Regionen aus der Ziel-1-Förderung
im Rahmen der europäischen Regionalpolitik dar, bei gleichzeitiger
Aufnahme der Beitrittsländer in das Fördersystem. Hier wären es wiederum
die Grenzregionen, die am stärksten Einbußen in ihrer Standortattraktivität
hinnehmen müssten. Wird das alles auch Auswirkungen
auf den Arbeitsmarkt haben? Ist eher mit einer Stagnation auf dem bisherigen
niedrigen Niveau zu rechnen oder kann die Osterweiterung bei entsprechender
Nutzung der Potentiale auch zu einer Entspannung und Regenerierung beitragen? Michaela Fuchs (Diplom-Volkswirtin)
ist seit 2001 als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Dresdner Niederlassung
des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung tätig. Ihre Arbeitsgebiete
umfassen die Beobachtung und Analyse des Strukturwandels sowie der internationalen
Wirtschaftsbeziehungen Sachsens und Ostdeutschlands. Ein weiterer Schwerpunkt
liegt auf regionalwirtschaftlichen Fragestellungen, insbesondere im
Zusammenhang mit der europäischen Regionalpolitik. Breuss,
Fritz (2001): Macroeconomic Effects of EU Enlargement for Old and
New Members, WIFO Working Paper 143. Cambridge
Econometrics (2004): European Regional Prospects Analysis and
Forecasts for European Regions and Sectors, published on behalf of
ERECO. European
Commission (ed.) (2001): The economic impact of enlargement, Enlargement
Papers Number 4, Brussels. European
Commission (ed.) (2004): Economic Forecasts Spring 2004, European
Economy No.2/2004, Brussels. Europäische Kommission (Hrsg.) (2004b): Dritter Bericht
über den wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalt, Brüssel. Fester, Thomas und Michaela Fuchs (2004): EU-Regionalpolitik
ab 2007 Richtungsstreit in Deutschland, in: ifo Dresden berichtet
4/2004, S. 31-35. Gerstenberger, Wolfgang (2003): Entwicklung von Wirtschaft
und Arbeitsmarkt in Sachsen 2003/2004, in: ifo Dresden berichtet 6/2003,
S. 12-18. Gerstenberger, Wolfgang et al. (2004): Auswirkungen
der EU-Osterweiterung auf Wirtschaft und Arbeitsmarkt in Sachsen,
ifo dresden studien 35, München / Dresden. Industrie- und Handelskammer Dresden (Hrsg.) (2003):
Die EU-Erweiterung 2004 aus Sicht der Wirtschaft im Kammerbezirk Dresden,
in Nordböhmen (Tschechien) und Niederschlesien (Polen): Ergebnisse
einer Unternehmensbefragung im Frühjahr 2003, Dresden. Industrie- und Handelskammer Frankfurt/Oder (Hrsg.)
(2004): Die EU-Erweiterung im Meinungsbild der ostbrandenburgischen
Unternehmerschaft: Ergebnisse einer dritten Umfrage 2004, http://www.ffo.ihk24.de. Industrie- und Handelskammer für Oberfranken Bayreuth
(Hrsg.) (2001): Sonderbefragung der IHK für Oberfranken zur EU-Osterweiterung
(Frühjahr 2001), www.bayreuth.ihk.de. Riedel, Jürgen und Gerhard Untiedt (Hrsg.) (2001):
EU-Osterweiterung und deutsche Grenzregionen. Strukturpolitik und
Raumplanung in den Regionen an der mitteleuropäischen EU-Außengrenze
zur Vorbereitung auf die EU-Osterweiterung - Teilprojekte,
ifo dresden studien 28/II. Statistisches Bundesamt (Hrsg.) (2003): Statistisches
Jahrbuch 2003 für die Bundesrepublik Deutschland, Wiesbaden. Statistisches Landesamt Mecklenburg-Vorpommern (2003):
Export stark zurückgegangen, Pressemitteilung vom 15.04.2003, http://www.mvnet.de/cgi-bin/pressesuch/presse_infotext.pl?12961. Votteler, Michaela (2004): Wachstum und Konvergenz
in den europäischen Regionen, in: ifo Dresden berichtet 1/2004, S.
19-27. Votteler, Michaela und Heinz Schmalholz (2004): Perspektiven
und Aktivitäten sächsischer, polnischer und tschechischer Unternehmen
im Hinblick auf die EU-Osterweiterung Ergebnisse einer Unternehmensbefragung,
in: ifo Dresden berichtet 2/2004, S. 5-15. [1] Auf die Einbeziehung
Berlins wird hierbei aufgrund seiner Sonderrolle als Stadtregion
und weiterhin deutlicher Unterschiede in der Wirtschaftsstruktur
Ost- und Westberlins verzichtet. Auch Malta und Zypern werden nicht
beachtet, da von diesen beiden Ländern nur sehr geringe Auswirkungen
auf die neuen Bundesländer zu spüren sein dürften. [2] Für die Prognosen
der Bruttowertschöpfung kommen ökonometrische Verfahren zum Einsatz;
für die künftige regionale Entwicklung in Polen und Tschechien wurden
zudem Berechnungen nationaler Institutionen berücksichtigt (vgl.
dazu Cambridge Econometrics 2004 und Votteler 2004). [3] Mit einer Rücklaufquote
von 34 % können die Antworten für Sachsen als repräsentativ
gewertet werden, und auch die Befragung in Tschechien erbrachte
mit 20,4 % eine zufrieden stellende Rücklaufquote. In Polen
kam sie trotz einer Nachfassaktion nicht über 7,8 % hinaus.
Eine Gegenüberstellung der Ergebnisse aus der Befragung der polnischen
und tschechischen Unternehmen mit Befunden vergleichbarer Untersuchungen
zum Thema EU-Osterweiterung lieferte jedoch keine Hinweise, dass
Verzerrungen in den Antwortsamples dieser Länder vorliegen (vgl.
hierzu exemplarisch Industrie- und Handelskammer Dresden (2003)
und Industrie- und Handelskammer Oberfranken (2001). |
.........................................................................................................................................................
| Dies ist
ein Dokument der Seite www.schrumpfende-stadt.de Erstelldatum: 08. November 2004 Autor: Michaela Fuchs |