Stadtumbau unter Schrumpfungsbedingungen

Rezension

Wohnungsleerstand, Stadtumbau und Schrumpfungsprozesse zählen nun seit über fünf Jahren zu den wichtigsten Themen der deutschen Stadtentwicklung – längst schon nicht mehr ausschließlich im Osten der Republik.

Leerstand als wohnungswirtschaftliches und städtebauliches Problem sowie Stadtschrumpfung als komplexes gesamtgesellschaftliches Phänomen erfordern eine Fülle neuer Wissensbestände, die nicht nur die Planungspraxis, sondern auch die stadtbezogene Sozialforschung vor ganz neue, bislang wenig erprobte Herausforderungen stellt. Trotz der ihn begleitenden medialen Aufmerksamkeit ist der Stadtumbau nach wie vor eine echte Forschungslücke.

Die vorliegende Untersuchung von Sigrun Kabisch und ihrem Forschungsteam für Stadt- und Umweltsoziologie aus dem UFZ Leipzig kann – das sei schon vorab gesagt – diese Lücke selbstverständlich nicht vollständig schließen, auch wenn der (vermutlich vom Verlag unter werbewirksamen Gesichtspunkten ausgewählte) Haupttitel des Buches zunächst eine Art wissenschaftliche Generaluntersuchung des Stadtumbaus verspricht. Es handelt sich, der Untertitel spricht für sich, um eine Fallstudie; und entsprechend knapp fällt leider auch die theoretische Verortung des Themas in den ersten Kapiteln aus. Dennoch: gleich in der Einleitung werden „Nägel mit Köpfen“ gemacht, indem – methodisch ein absolutes Muss – zunächst eine stringente Strukturierung und Definition der relevanten Fachbegriffe vorgenommen wird. Leider bleibt es nur bei wenigen Begriffen, so dass z.B. eine komplexe Definition des (stadtumbau-bezogenen) Schrumpfungsbegriffes künftigen Arbeiten vorbehalten bleibt.

Untersuchungsgegenstand der Fallstudie, die im Rahmen eines BMBF-geförderten Projektes durchgeführt wurde, ist ein Plattenbaugebiet in Weißwasser, einer vom wirtschaftlichen und demografischen Wandel schwer mitgenommenen Mittelstadt in der sächsischen Oberlausitz, direkt an der deutsch-polnischen Grenze. Weißwasser ist in weiten Teilen eine typische DDR-Entwicklungsstadt, die in den Jahren zwischen 1995 und 2001 einen Anstieg des Wohnungsleerstandes von 7 % auf über 22 % verkraften musste. Dementsprechend ist der Stadtumbau dort derzeit gleichzusetzen mit Abriss von „überflüssiger“ Bausubstanz, sprich mit der „Bereinigung“ der wohnungswirtschaftlichen Bilanzen. Und dieser Stadtumbau ist zur Zeit in vollem Gange. Hier setzt die Studie an, indem – erstmals in der schrumpfungsbezogenen Stadtforschung – ein laufender Stadtumbauprozess empirisch untersucht wird. Dabei gelingt es den AutorInnen sehr gut, die empirischen Ergebnisse nicht nur deskriptiv zu vermitteln, sondern jeweils in einen übergreifenden inhaltlichen Kontext zu stellen.

Zunächst wird die planerische Vorgeschichte des Stadtumbaus in Weißwasser eingehend analysiert, wobei ein Schwerpunkt auf der Darstellung des Integrierten Stadtentwicklungskonzeptes (INSEK) liegt, das – wie leider in so vielen ostdeutschen Kommunen – innerhalb kürzester Zeit erarbeitet werden musste, sich somit zwangsläufig an der von Bund und Land vorgegebenen Gliederung „entlang hangelt“ und nicht konsensfähige Themenbereiche ausklammert. Diese Vorgehensweise, so stellt die Studie fest, „erwies sich als außerordentlich problematisch, (...) vor allem bedingt durch die starken Zeitrestriktionen und die mangelnde Erfahrung im Umgang mit dem angstbesetzten Thema ‚Abriss’“. Nach dem ernüchternden Zwischenfazit, dass „die Chance zur Erarbeitung eines städtischen Grundkonsenses über die Zukunft Weißwassers im Rahmen der Entwicklung des INSEK nicht erkannt und genutzt“ wurde und dass INSEK daher „tendenziell eher ein Lückenplan“ sei, nimmt die Studie im weiteren Verlauf eine bewusst bewohnerorientierte Forschungsperspektive ein.

Dabei wird – und darin liegt die besondere Qualität dieser Veröffentlichung – eine beeindruckend scharfe Momentaufnahme des „Seelenzustandes“ der Bevölkerung einer schrumpfenden Stadt gezeichnet, sodass nur vorübergehend und in absolut erträglichem Maße eine nüchterne Aneinanderreihung der ermittelten empirischen Daten erfolgt. Hat man diesen Teil „abgearbeitet“, entwickelt sich das Buch zu einer überaus spannenden Lektüre! Alleine die Auswertung der Frage „Würden Sie einem guten Freund raten, nach Weißwasser zu ziehen?“ bringt in erschreckender Art und Weise die tiefe Depression zum Ausdruck, von der viele schrumpfende Städte gekennzeichnet sind: Nur 12 Prozent der Befragten würden zuraten, 61 Prozent meinten, einem guten Freund nicht raten zu können, in die Stadt zu ziehen. Entsprechend pessimistisch fallen die Zukunftserwartungen aus und es kann jedem politisch Verantwortlichen auf kommunaler, regionaler oder übergeordneter Ebene nur wärmstens empfohlen werden, sich die hier wiedergegebenen Zitate eindringlich zu Gemüte zu führen. Nur ein Beispiel von Vielen:

„In zehn Jahren ist Weißwasser ein Rentnerheim und von Aussiedlern zerstört und runtergewirtschaftet. Die jungen Leute sind im Westen. Arbeit gibt es hier keine mehr. Und für Reiche und Rentner stehen die alten Grubenlöcher als Naherholungsgebiet zur Verfügung. Also eine Freizeitgesellschaft. Die ganze Gegend ist heute schon an den Westen verraten und verkauft worden. Die deutsche Einheit wird es wohl nie geben. Hass zwischen Ossis und Wessis. Ein Staat gegen die kleinen Leute, schlimmer als bei Honecker. Alle Ostdeutschen haben Wut im Bauch!“

Da verwundert es nicht, dass die AutorInnen „ein beängstigendes Problem-Amalgam“, verschmolzen aus der Wahrnehmung des wirtschaftlichen Niedergangs, der Alterung und Problemen mit Spätaussiedlern konstatieren. Der Aussiedler-Thematik, präsent in vielen ostdeutschen Plattenbausiedlungen, ist in der Untersuchung denn auch ein eigenes Kapitel gewidmet, das jedoch notwendigerweise im Gesamtkontext der Studie nur einen untergeordneten Stellenwert einnimmt und somit eher dazu geeignet ist, weiteren dringenden Forschungsbedarf aufzuzeigen.

Umso ausführlicher und detaillierter fällt die Beschreibung des Stadtumbaus aus Bewohnersicht aus. Hier wird eindrücklich klar, welch einschneidende Zäsur der Abriss ihrer Wohnungen für viele (zurück gebliebene) BewohnerInnen der schrumpfenden Stadt Weißwasser bedeutet. In einer Situation, in der Pessimismus, Resignation und Zukunftsangst sowieso schon den Alltag bestimmen, wird der Stadtumbau, mit dem Plattenbauabriss als lokal ausschließlich sichtbarer Ausprägung, als logische Konsequenz der Abstiegserfahrungen empfunden. Allerdings, so zeigen die Untersuchungsergebnisse, ist es keineswegs so, dass der Abriss in der Bevölkerung pauschal abgelehnt wird. Im Gegenteil erfolgt seitens der Bewohner eine – auf den ersten Blick vielleicht erstaunlich – ausführliche und kompetente Auseinandersetzung mit dem Thema, was anhand mehrerer Zitate in Kapitel 10 des Buches auch konsequent gewürdigt wird.

Aber auch dort, wo der Abriss von den Mietern prinzipiell akzeptiert wird, bleibt er ein von außen kommender Eingriff in die eigene, private Lebenssituation, der zahlreiche Probleme und Fragen aufwirft. Vor allem in der Informationspolitik der Stadtverwaltung und der Wohnungseigentümer sowie in den weitgehend fehlenden Beteiligungschancen für die Mieter konstatiert die Studie große Defizite. So wird bspw. der Nachweis geführt, wie schnell Abrissgerüchte zu den Bewohnern vordringen und dass es daher keine wirkliche Alternative zu einer offensiven Kommunikationsstrategie geben kann. Ansonsten entstehen, das machen die Interviews mit betroffenen Mietern deutlich, neue Unsicherheiten im schon bestehenden resignativ-unsicheren Grundgefühl der Bevölkerung.

Das Buch schließt ab mit zusammenfassenden Thesen, die die Notwendigkeit einer veränderten Stadtumbaupraxis sowie Konsequenzen für die Forschung aufzeigen. Diese sehr lesenswerten 20 Thesen auf 11 Seiten beziehen sich zwar zunächst ausschließlich auf die konkreten Forschungsergebnisse in Weißwasser und es ist auch klar, dass gegenüber vorschnellen Übertragbarkeitsversuchen Vorsicht geboten ist. Dennoch werden einige grundsätzliche Nachweise geführt, die bislang empirisch nicht untersetzt waren (z.B. sozialstrukturelle Verschiebungen in der ansässigen Bevölkerung, Folgeprobleme für die technische Infrastruktur) und es wird erheblicher Forschungsbedarf zur Untersuchung der mit dem Stadtumbau verbundenen Raumeffekte angemahnt (Herausbildung eines neuen Raumtypus: ‚temporäres Viertel’, Bedarf an akteursbezogener Forschung).

Zwei Thesen, die insbesondere für die Planungspraxis von Bedeutung sind, sollen hier abschließend explizit gewürdigt werden:

a)       „Mangelnde Einbeziehung der Bevölkerung ist eine unnötige Hypothek für den Stadtumbau: (...) Die mangelnde Einbeziehung der Bewohner hat daher vor allem Misstrauen und Unsicherheiten produziert. Konfliktträchtige Themen und Standpunkte konnten zudem nicht in die Strategiediskussion eingebracht werden, sondern entwickelten sich erst im Verlauf der Durchführung des Stadtumbaus unter Kosten- und Termindruck. (...)“

b)       „Der flächendeckende Abriss peripherer Bestände führt kaum zur Verbesserung der Wohnsituation im Umfeld: Ohne kostenaufwändige Neugestaltung der Abrissflächen entstehen auf ihnen in der Regel Rasen, Anpflanzungen oder Parkplätze. Da sich die peripher gelegenen Viertel sowieso schon in der Nähe zum Waldrand und damit zu Natur und Grün befinden, wird in der Wohnsituation kaum ein Qualitätssprung erreicht. (...)“

Nicht zuletzt durch diese handlungsbezogenen Schlussfolgerungen schafft die vorliegende Veröffentlichung unverzichtbare Wissensgrundlagen für die kommunale Praxis und zeigt darüber hinaus in beeindruckender Deutlichkeit die großen Forschungslücken auf, die in den kommenden Jahren von der sozialwissenschaftlichen Stadtforschung zu bewältigen sein werden.

 

Christoph Haller ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) in Erkner. Forschungsschwerpunkte sind der wohnungswirtschaftliche Strukturwandel und der Stadtumbau in den neuen Bundesländern.

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Dies ist ein Dokument der Seite www.schrumpfende-stadt.de
Erstelldatum: 09. November 2004
Autor: Christoph Haller