Zukunftssicherung: Von der schrumpfenden Stadt zur Bio-Solar-City. Eine Chance.

Die vor allem in den vergangenen Jahren mit zunehmendem Engagement geführten Debatten um Schrumpfungstendenzen in (ost-)deutschen Städten und Stadtregionen lassen in wachsendem Maße deutlich werden, dass es sich bei dem offensichtlich unumgänglichen Stadtumbau keineswegs nur um eine quantitative Fragestellung und schon gar nicht nur um die Problematik der zu bewältigenden Größenordnung des Abrisses von Wohn- und Infrastrukturgebäuden handelt (Rietdorf, Liebmann u.a. 2001). Der Stadtumbau-Ost kann nur dann sozial verträglich und vorteilhaft für die Entwicklung der Städte werden, wenn es gelingt, aus der inzwischen offensichtlichen Abrissfalle heraus in Richtung neuer, zukunftsfähiger Stadtmodelle und -visionen zu finden (Kil 2004). Und dabei müssen Stadt und städtisches Leben sowohl global als auch regional in umfassenderem Kontext gesehen werden, als dies derzeit zumeist der Fall ist. Dem ökonomisch-ökologischen Umgang des Menschen mit der Energieerzeugung und -verwendung sowie der Nutzung und Erneuerung natürlicher Ressourcen als „Jahrhundertherausforderung“ (Internationales Parlamentarier-Forum über Erneuerbare Energien 2004) wird dabei eine vorrangige Bedeutung zukommen können und müssen.

Der Vorsitzende des Weltrates für Erneuerbare Energien und Präsident von EUROSOLAR, Hermann Scheer, stellt in diesem Zusammenhang allerdings kritisch fest: „In nahezu allen Erörterungen über die künftigen Lebenschancen in den unterschiedlichsten Siedlungsräumen wird der Zusammenhang mit der Energiefrage vernachlässigt ...“. „Die Entwicklung der Städte, in der sich die fossile Abhängigkeit nur weiter verstetigt, lässt bei kaum einem Akteur ein Bewusstsein davon erkennen, dass dieses Energiesystem ein Intermezzo der Geschichte ist. Daher wurden und werden die Lebensweisen in den Städten durch das zentralisierte Energieversorgungssystem uniformiert, monotonisiert und die Städte verarmen und verwahrlosen unaufhaltsam ökonomisch und kulturell“ (Scheer 1999).

Ernsthafte Aussichten auf ein menschenwürdiges Fortbestehen der Stadt als soziale Errungenschaft und kulturelles Phänomen eröffnen sich nur durch eine radikale Umkehr im gesellschaftlichen Ressourcenverständnis: Nicht der kurzatmige (globale) Verschleiß absehbar zur Neige gehender Energiequellen, sondern lediglich eine systemische (ausschließlich regional darstellbare) Bewirtschaftung erneuerbarer Ressourcen auf Basis der Sonne (die einzig nahezu unendlich verfügbaren Energiequelle) lässt eine vorstellbare Zukunft erwarten, deren Werden auch den Menschen maßgebend verändern wird (und manchen bereits hat).

Die Anfang Juni 2004 in Bonn durchgeführte „Weltkonferenz zum Ausbau Erneuerbarer Energien“ hat nicht nur in Deutschland oder in Europa, sondern auch in vielen Schwellen- und Entwicklungsländern, besonders bemerkenswert in China, die Hoffnung gestärkt, bis zum Jahr 2020 den Anteil regenerativer Energien weltweit auf 20 Prozent (bis 2050 auf 60 %) steigern zu können. Heute sind es bei stark ansteigendem Gesamtenergiebedarf rund 14 Prozent (Weltagenda für Erneuerbare Energien, 2004).

Nimmt man die Palette der Erneuerbaren Energien als Ganzes, so sind für die Stadtentwicklung unter Abzug der Großanlagen für Wasser- und Windkraft, deren Einsatzgebiet primär die freie Landschaft bzw. die Meeresoberfläche ist, vor allem die gebäudegestützte Solarenergienutzung (thermisch, fotovoltaisch) und die energetische Biomasseverwertung verfügbar, letztere vor allem in Stadtrandlagen sowie in kleineren und mittleren Städten. Außerdem wird – je nach Standortgegebenheiten – die Nutzung der Erdwärme (oberflächennahe Solarenergie, Geothermie), der Wasserkraft in kleineren Anlagen und absehbar auch der Windkraft auf höheren Gebäuden zunehmend sinnvoll.

1. Schrumpfung als urbane Chance

Ein einsetzender Wandel ist im Osten Deutschlands bereits deutlich spürbar: der weitgehenden Deindustriealisierung folgte ein akuter Bevölkerungsverlust, noch kürzlich gepriesenes Wachstum kehrte sich in nicht länger übersehbare Strukturschwäche, die Bewirtschaftung des Landes und die Ökonomie der Städte kollabieren zusehends - aufrecht erhalten nur über ständige Finanztransfers (dies noch) vermögender Nachbarn. SCHRUMPFUNG ALS CHANCE? Unter einer Bedingung – ja: Die Erkenntnis, dass trotz aller damit verbundenen Unwägbarkeiten zu einer solar basierten, ständig erneuerungsfähigen Ressourcenwirtschaft keine lebenswerte Alternative besteht, muss - Strafe unseres kulturellen Untergangs - schnellstens in eine konkrete gesamt-gesellschaftliche Verantwortung führen.

Die rasante, zunehmend auch wirtschaftlich erfolgreich werdende, Entwicklung regenerativer Energietechnologien mag für die Machbarkeit eines derartigen Ansatzes stehen, reicht aber bei weitem nicht aus. Der Bedarf an z.B. energetisch nutzbarer Biomasse (gespeicherte Solarenergie) gerät in einer integrierten Ressourcenwirtschaft zwangsläufig in Konkurrenz zu der mindestens ebenso unverzichtbaren Nahrungsgüterproduktion und der Anbauerfordernis für biogene Produktionsrohstoffe – die chemische Industrie z.B. prognostiziert bereits für das Jahr 2050 eine nahezu 100 %-ige Abhängigkeit von nachwachsenden Ausgangsmaterialien.

Die Sicherung dieser drei elementaren Wirtschaftsgüter stößt allerdings vielerorts auf:

  • absehbaren (oft städtebaubedingten) Flächenmangel,
  • (infolge industrialisierter Landwirtschaft) weitgehend ausgepowerte Böden,
  • (durch separierte Wasserwirtschaft) ruinierte Wasserhaushalte,
  • erntemindernde Umwelt- und Witterungsverhältnisse (als lokale Klimafolge)
  • und andere Hindernisse mehr (Ripl 2003).

Zu begegnen ist dem nur durch den zielgerichteten Übergang in eine regional-stoffliche Kreislaufwirtschaft, die z.B. urbane Konsumtionsrückstände – wie das Abwasser – nicht als letztlich in Flüsse und Meere zu entsorgenden Abfall, sondern als in die Kulturlandschaft und zu deren Regeneration zurückzuführende Produktionsgrundlagen begreift und aufarbeitet. Erst nachhaltig stabile Flächenfunktionen erlauben eine zukunftsfähige Ressourceninanspruchnahme und dies (transportaufwendungsbedingt) bereits möglichst dicht am größten aller Ressourcenkonsumenten, also der Stadt selbst.

Vor diesem Hintergrund und für vergleichbare Zeiträume datieren ernstzunehmende Demographen für Ostdeutschland die Halbierung der DDR-Bevölkerungszahl von 1980. Unter anderem aus diesem Grund verursachen schon heute ganze städtische Areale nur noch Bewirtschaftungskosten:

  • aufgegebene Industriebetriebe und Landwirtschaftsanlagen,
  • leerstehende Wohnquartiere (häufig in Plattenbausiedlungen),
  • überzählige Infrastruktureinrichtungen und Verkehrsflächen,
  • nicht auffüllbare Gewerbe- und Einfamilienhausgebiete (aus der Nachwendezeit),
  • minderwertige Stadt- und Stadtrandbrachen,
  • über die Bund-/Länderförderung zuwachsende Abrissflächen, für die (stadtstrukturell scheinbar) oft keinerlei Bedarf besteht.

Gesellschaftliche Praxis ohne praktisch hilfreiche Theorie – ein Zustand, der bereits seit längerem nicht nur stadtökonomisch untragbar ist und doch gleichzeitig zur Lösung eines noch viel größeren Problems beitragen könnte.

2. Volkswirtschaftlicher Bedarf an regenerativen Ressourcen

Zum Anbau nachwachsender Rohstoffe als Wirtschaftsfaktor – sowohl innerhalb wie außerhalb der Städte und Siedlungen – dürften geeignete Flächen in naher Zukunft zunehmend und ganz entschieden nachgefragt werden. Relevant wird weiterhin sein, inwiefern eine schrittweise Umstellung von der auf fossilen Rohstoffen basierenden Produktion von Gütern und Dienstleistungen zu einer auf nachwachsenden, also biologischen, Rohstoffen aufbauenden Produktion gelingt. Die Entwicklung von stoffwandelnden Grund- und Mehrproduktionssystemen wird der Schlüssel für den Zugang zu einer integrierten Produktion von Nahrungsmitteln, Futtermitteln, Chemikalien, Wertstoffen, Gebrauchsgütern und Brennstoffen auf Basis biologischer Rohstoffe sein. Der Begriff Wirtschaftlichkeit ist dabei, auch im Sinne des Nachhaltigkeitsgedankens, neu zu definieren - Luft, Wasser und Boden werden immer weniger als kostenlose und wertentkoppelte Rohstoffe zu betrachten sein.

„Eine zivilisierte Gesellschaft entwickelt sich nur dann, wenn die Mehrzahl der Mitglieder an der Wertschöpfung teilhaben kann. Kaum ein gesamtgesellschaftliches Projekt ist besser geeignet, den Wohlstand zu mehren, als ein Wechsel der Rohstoffbasis und die damit veränderte Produktion materieller Güter. Nicht nur traditionelle Industriezweige wie Grundstoff- und Produktionsgüterindustrien werden davon profitieren, sondern auch neue Bereiche wie die Biotechnologie und die Informations- und Kommunikationstechnologie. Gerade die Produktion materieller Güter schafft nicht nur eine hohe Wertschöpfung, sondern bringt auch direkt oder indirekt große Teile der Bevölkerung in Lohn- und Brot. Nicht zuletzt ist die Produktion materieller Güter die Domäne des deutschen und europäischen Mittelstandes, des kleinen und mittelständischen Unternehmertums“. (Dow Deutschland u.a. in BioVision 2030)

Bild 1: Das auf der Basis der Plattenbauserie WBS 70-ratio ab Mitte der 80er Jahre als Wohnsiedlung für das begonnene Kernkraftwerk „Altmark“ errichtete Stendal-Süd weist derzeit einen Leerstand von etwa 75% auf. Staatlich finanzierter, im Grunde jedoch wertvernichtender Abriss mit Millionen Aufwand oder Chance für eine volkswirtschaftlich zukunftsfähige Nachnutzung? Vielleicht sogar der gesuchte Standort für eine Internationale Solar -und Ressourcenuniversität? (Luftbild: NaturhausArchitekten Berlin)

3. Planungspraktische Handlungsfelder

Am Beispiel des Plattenbaugebietes Stendal-Süd (2.800 Wohnungen) konnte mit Hilfe der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) nachgewiesen werden, dass nicht der etwa 20 Millionen Euro Steuergelder „verbrennende“ Flächenabriss einer zwar überzähligen, infrastrukturell aber komplett ausgestatteten und noch fast neuwertigen Wohnsiedlung, sondern deren in sich wirtschaftlich darstellbare Nachnutzung als Fotovoltaik- und Biomassekraftwerk, urbaner Gartenbau- und Landwirtschaftsbetrieb, biogen basierte Produktions- und Reproduktionsstätte sowie Arbeits- und Wohnstandort für die noch etwa 1500 verbliebenen Südstädter sogar regional wünschenswerte Optionen eröffnet: Die traditionell landwirtschaftlich geprägte Altmark (als der stark schrumpfenden und ökonomisch schwer angeschlagenen Stadt zugehöriger Einzugsbereich) könnte sich – wie Phoenix aus der Asche – zu einem auf Dauer überlebensfähigen Produktionsstandort in einer bereits beginnenden Zukunft profilieren. SCHRUMPFUNG ALS CHANCE!

Bild 2: Die Plattenbauten, deren Wohnungen wegen der Bevölkerungsverluste auf Dauer leer stehen, bleiben in ihrer Substanz vollständig erhalten, werden umgenutzt und dienen in einer 1. Phase - im Bereich der Flachdächer, Loggien, Giebel und Fassaden - als Tragkonstruktion für großflächige Fotovoltaikpaneele und ggf. Klein-Windkraftanlagen. (Grafik : NaturhausArchitekten Berlin)

Die nicht mehr genutzten, aber in der Regel standfesten Gebäudebestände des Industrie-, Wohnungs- und Gesellschaftsbaus aus der DDR-Zeit können als Tragkonstruktion für die Aufnahme großflächiger Fotovoltaik-Paneele, aber auch netzfähiger Klein-Windkraftanlagen noch für viele Jahre Verwendung finden. Wie die DBU-Untersuchungen zeigen, die gegenwärtig von einer interdisziplinären Projektgruppe zum Abschluss gebracht werden, bieten sich für ein derartiges Vorhaben in besonders auffälliger Weise die Plattenbauten aus dem DDR-Wohnungsbauprogramm an, die von den Wohnungsunternehmen vielerorts in großer Zahl aufgegeben wurden (Peickert u.a. 2004).

Im näheren und weiteren Umfeld der Wohngebäude – etwa auf Freiflächen, Randlagen und benachbarten Äckern, die in ihrer ursprünglichen Bestimmung ebenfalls nicht mehr genutzt sind – könnte u.a. energetisch verwertbare Biomasse angebaut werden, deren Substanz über geeignete Technologien (Pyrolyse, Vergärung, klassische Verbrennung) ebenfalls in Elektroenergie und Prozesswärme umgewandelt wird. Im Unterschied z.B. zu der tages- und jahreszeitlich bedingt schwankenden Erzeugung von Elektroenergie auf fotovoltaischem Weg wäre die Biomasseverstromung zur Grundlastversorgung der Stadt und ihrer Region stabil und kontinuierlich heranzuziehen.

Die Grundlage für die wirtschaftliche Nutzung (fast) aller Erneuerbarer Energien im Strombereich bildet seit August dieses Jahres das „Gesetz für den Vorrang Erneuerbarer Energien“ (EEG 2004).

Bild 3: Im Rahmen des von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt co-finanzierten Projektes „Von der erodierenden Großsiedlung zur Solaren Gartenstadt“ wurde ein Vorschlag zur Umstrukturierung von Stendal-Süd in den Solaren Energie-, Landwirtschafts- und Produktionskomplex „Altmark 1“ ausgearbeitet. Dieser Nachnutzungsansatz könnte – einen entsprechenden  politischen Willen vorausgesetzt – technisch und betriebswirtschaftlich unkompliziert zu einem „Leuchtturm“ für die ökonomisch geschwächte Region entwickelt werden. (Grafik: NaturhausArchitekten Berlin)

Für ein „Urban Farming“ stellen die absehbar weiter wachsenden Leerstands- und Brachenpotenziale von schrumpfenden Städten eine vielfältige Basis für die subsistente Nahrungsmittel- und Biotechnologieproduktion dar, in Stendal-Süd z.B. durch Erzeugung und Verarbeitung von

  • traditionellem/exotischem Edelgemüse, Heilpflanzen, Gewürzen u.a. in Ganzjahresgewächshäusern, die mit Prozesswärme aus der Biomasseverstromung versorgt werden,
  • Medizinal- und Speisepilzen, Weinbergschnecken, Geflügel, Kleinsäugern u.a. in leerstehenden, ebenfalls prozesswärmebeheizten Wohn- und Infrastrukturbauten,
  • anspruchsvollem Gemüse, wiederum Heilpflanzen und Gewürze, hochwertigem Tierfutter, ökologischen Roh- und Baustoffen wie Hanf, Flachs, Lein u.ä. auf gebietlichen Freiflächen und angrenzendem Ackerland.

‚Ressourcenverschleiß versus Ressourcenökonomie? Unter welchen? Zu wessen Lasten oder Nutzen? In welchen Zeiträumen erforderlich und möglich?’ Dies sind Ansätze und Fragen, die die Internationale Bauausstellung (IBA) STADTUMBAU 2010 in Sachsen-Anhalt bewogen hat, Stendal wegen seiner regionalen Funktion als Metropole der saarlandgroßen Kulturlandschaft Altmark zum Thema „Sicherung der Lebensfähigkeit entleerter Räume“ modellhaft in ihr mittelfristiges Entwicklungs- und Umsetzungsprogramm aufzunehmen. In Summe auch Anlass genug, als (nahezu ideal positionierter und ausgestatteter) Standort für die (durch die UNESCO, EUROSOLAR, das BMBW, den Forschungsverbund Sonnenenergie u.a. konzipierte) Internationale Solaruniversität OPURE (Open University for Renewable Energy – EUROSOLAR, Finking 2004) in Frage zu kommen – der Mittelansatz für die nur staatlich zu finanzierende Liquidierung von Stendal–Süd würde ersten Schätzungen zufolge für die Umsetzung eines derart dringlichen und sicher weltweit anerkannten Projektes in Ost-Deutschland übrigens völlig ausreichen!

Strukturell-logistisch ist Stendals IBA-Partner Gräfenhainichen – „Stadt mit Neuer Energie“, dem Welt-Zeit-Zeugen FERROPOLIS und der Dübener Heide  als Verbundregion schon einen Schritt weiter. Konsens von unten herrscht dort längst, „energieautark  2020“ lautet das kommunale Ziel (Stadtrat Gräfenhainichen 2004). Die ehemals strukturbestimmenden Braunkohletagebaue sind stillgelegt und mutieren gerade zu reizvollen Stadtseen, ausgemusterte Energiegiganten prägen eine weltweit einmalige Event-Arena (Grönemeyer), auf alte Energie muss und wird neue folgen, auf lokalen Ressourcenverschleiß integrierte Stoffkreislaufwirtschaft in einer ruderalen Bergbaufolgelandschaft: Um stabile wirtschaftliche Strukturen, dringend benötigte Arbeitsplätze und die Genesung der fossil-energetisch ramponierten Umwelt für ihre Bewohner sichern zu helfen. Das Nachindustrielle Gartenreich will Einzug in die traditionsreiche Region Wittenberg-Wörlitz halten und bemüht sich gemeinsam mit der Partnerstadt Stendal und der Altmark um OPURE – mit FERROPOLIS als bereits international vermerktes (und vermarktbares) postfordistisches Wegzeichen, entstehendes Laboratorium für nachhaltige Ressourcentechnologien und möglicher  Sitz des World Council for Renewable Energy (WCRE). Schrumpfung als die Chance! SCHRUMPFUNG ALS DIE CHANCE!

Bild 4: Die im Gräfenhainicher Tagebausee Golpa-Nord verbliebene Halbinsel von FERROPOLIS, der Stadt aus Eisen ist auf dem Weg, sich von einem technischen Denkmal der Braunkohleförderung in Mitteldeutschland über eine 25.000 Besucher fassende Event-Arena und als Tourismusmagnet zu einem Zentrum für Solartechnologie und Integrierte Ressourcenwirtschaft in den neuen Bundesländern weiter zu entwickeln. (Luftbildquelle: Stadt Gräfenhainichen)

Wie so etwas (zugegebenermaßen Kühnes) schließlich auch praktisch durchsetzbar sein kann, eine schon fast nicht mehr existente Wirtschaft wieder anspringt und jeder, der Arbeit will, auch welche bekommt, wird am Beispiel der erfolgreichen Entwicklungen in der Oststeiermark nachvollziehbar: Aus Österreichs ehemaligem Armenhaus ist binnen kaum mehr als 15 Jahren und u.a. auf Basis biogener Rohstoffe eine prosperierende europäische Region geworden. Allerdings konnte dabei nur wenig so bleiben, wie es hier und heute noch ist. Soviel vorab: dergleichen geht nur „von unten“. Aber damit hat der Osten (nicht nur in Deutschland) ja Erfahrung – er muss sie nur produktiv nutzen!

Auf einem interdisziplinären Symposium, das am 24. November 2004 an der Technischen Universität Berlin stattfinden wird und das unter das Thema „Schrumpfung als Chance – Stadtentwicklung zwischen globalem Ressourcenverschleiß und regionaler Ressourcenökonomie“ gestellt ist, werden Praktiker und Wissenschaftler, Kommunalpolitiker und Unternehmer, die erfahrenere und die nachwachsende Generation unter Vorsitz von Hermann Scheer die Perspektiven und Möglichkeiten des Übergangs zu einer tatsächlich zukunftsfähigen Stadtentwicklung am Beispiel der neuen Länder öffentlichkeitsorientiert erörtern.

Vor euphorischen Einschätzungen der derzeitigen Situation auf dem Feld Erneuerbarer Energien ist allerdings zu warnen. So antwortete H. Scheer kürzlich in ARTE-TV auf die Frage „Glauben Sie, dass Europa sich energiepolitisch in dieser Richtung entwickelt? Man hat den Eindruck, dass eher das Gegenteil der Fall ist.“: „Im Moment sind wir in der Phase, wo viel über erneuerbare Energien geredet wird, es aber ein großes Handlungsdefizit gibt. Und es wird in der vor uns liegenden Zeit zwingend notwendig, die politischen Institutionen an ihre Reden zu erinnern und deren Realisierung einzufordern.“ (Scheer 2004)

Aber zuweilen erweist sich ja gerade die Not des Einen als die Rettung für den Anderen – manchmal sogar in unmittelbar fruchtbaren Wechselverhältnissen. So gesehen hätten die Entwicklung nachhaltig erneuerbarer Energie- und Ressourcenstrukturen auf der Fläche und (quasi-) autarke Ver- und Entsorgungstechnologien für Gebäude, Siedlungen und Städte – regional vernetzt und urban genutzt – durchaus eine realistische Chance.

 

Ulrich Peickert ist seit 1990 freier Architekt, Stadtplaner, Komunal- und Energieberater bei NaturhausArchitekten Berlin - Grünheid, Peickert und Partner. Er ist Geschäftsführer von PLAFOND - Gesellschaft für kostenoptimiertes Bauen sowie bei urban power union, einem internationalem Netzwerk für ressourcenökonomische Stadt- und Regionalentwicklung tätig. Weiterhin ist er Mitglied bei EUROSOLAR und FEE.

Prof. Werner Rietdorf war von 1992 bis 2002 Leiter der Forschungsabteilung Siedlungsstrukturelle Entwicklung im Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) in Erkner bei Berlin.

Quellen

BioVision 2030, Strategiepapier: „Industrielle stoffliche Nutzung von Nachwachsenden Rohstoffen in Deutschland“; Dr. Rainer Busch - Dow Deutschland GmbH & Co.OHG, Prof. Dr. Thomas Hirth – Frauenhofer ICT, Dr. Birgit Kamm – biopos e.V., Michael Kamm – biorefinery.de GmbH, Dr. Johan Thoen – Dow Europe GmbH; Kurzfassung 2. Mai 2004

Deutscher Bundestag: „Gesetz für den Vorrang Erneuerbarer Energien (EEG)“, Berlin 01.08.2004

EUROSOLAR e.V.: „Die Initiative für eine Internationale Universität für Erneuerbare Energien“ in Solarzeitalter 2/2004 (red.)

Finking, Gerhard (Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft): „Die Solaruniversität – Grundzüge einer Konzeption“, ebenda

Internationales Parlamentarier-Forum über Erneuerbare Energien am 2. Juni 2004 in Bonn: „Erneuerbare Energien – die Jahrhundertherausforderung“ in Solarzeitalter 2/2004 (red.)

Kil, Wolfgang : „Luxus der Leere.“ Vom schwierigen Rückzug aus der Wachstumswelt, Wuppertal 2004

Peickert, Ulrich u.a.: „Von der erodierenden Großsiedlung zur Solaren Gartenstadt – Der Reichtum Platte“. Ein Projekt der Deutschen Bundesstiftung Umwelt. Manuskript / Veröffentlichung in Vorbereitung, Mai 2004

Rietdorf, Werner; Liebmann, Heike u.a.: „Läuft die Platte leer?“. Möglichkeiten und Grenzen von Strategien zur Leerstandsbekämpfung in Großsiedlungen, Berlin 2001

Ripl, Wilhelm u.a.: „Water– the bloodstream of the biosphere“ in Royal Society, London 2003

Scheer, Hermann: „Solare Weltwirtschaft“, München 1999

Scheer, Hermann: Interview in einem Report von ARTE-TV zum Thema „Energien der Zukunft“, gesendet am 06.Juli 2004

Stadtrat Gräfenhainichen: „Stadt mit Neuer Energie 2020“, Zwischenbericht zum Stadtumbau, bestätigt am 25. August 2004

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Dies ist ein Dokument der Seite www.schrumpfende-stadt.de
Erstelldatum: 08. November 2004
Autor: Werner Rietdorf, Ulrich Peickert