| Eine
politische Analyse: Was kann, was muss Stadtpolitik leisten?
Da Städte keine
Wähler sind, werden ihre Probleme auf Landes- und Bundesebene eigentlich
nur von den Fachpolitikern wahrgenommen. Die Themen der Stadtpolitik
genießen nicht dieselbe öffentliche Aufmerksamkeit wie die Zehn-Euro-Praxisgebühr
oder Rentenanpassungsfragen. Sie kommen nicht auf die erste Seite
der Tageszeitungen, sie haben kaum Chancen, in Talkshows gewürdigt
zu werden. Dem geringen Medieninteresse zum Trotz sind die aktuellen
Umbrüche in den Städten dramatisch.
Dabei sind Deutschlands Stadtregionen sehr unterschiedlich betroffen.
Es gibt Gewinner- und Verliererstädte und Gewinner- und Verliererregionen
und dieses Auseinanderdriften der Entwicklungschancen der Regionen
ist eines der zu wenig beachteten Probleme. Die regionalen Unterschiede
verfestigen und verstärken sich zwischen den Wachstumsregionen in
Bayern, längs der Rheinschiene und Hamburg und den stagnierenden Regionen
im übrigen Nord-Westdeutschland und den Schrumpfungsregionen in Ostdeutschland. Das Zusammenwirken von vier Faktoren trifft aktuell
und in den kommenden Jahren verstärkt
die Städte und Stadtregionen. Es sind: anhaltende wirtschaftliche
Umbrüche und Standortkonkurrenzen, Bevölkerungsrückgang mit demografischem
Wandel und verstärkten sozialen Spannungen, kommunale Finanznot und
Suburbanisierung: Die Bundes- und
die EU-Politik kann diese gesellschaftlichen und marktwirtschaftlichen
Prozesse nur begrenzt beeinflussen. Sie muss aber ein Bewußtsein von
und eine Haltung zu diesen für die gesamte Entwicklung des Landes
sehr bedeutsamen Tendenzen haben und muss ihr politisches Steuerungspotenzial
sehr wohl darauf hin überprüfen, ob es die Probleme verstärkt oder
zumindest eindämmt. Bis heute ist aber selbst das Bewusstsein von den
anstehenden Problemen und Herausforderungen noch sehr unterentwickelt.
Wirtschaftspolitisch ist der Bund auf eine allgemeine Stimulierung
von Wachstums- und Konjunkturimpulsen fixiert. Die
Gemeinschaftsaufgaben zur Förderung der regionalen Wirtschaftsstruktur
und die EU-Strukturfonds sollen helfen, regionale wirtschaftliche
Schwächen abzubauen (Kohäsionspolitik). Um die Frage,
ob wir überhaupt noch eine Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse
in den verschiedenen Regionen Deutschlands beanspruchen dürfen oder
ob einem stärkeren Wettbewerbsföderalismus der Vorzug gegeben werden
soll, wird gerade heftig in der "Kommission zur Modernisierung
der bundesstaatlichen Ordnung" gerungen. Bei den EU-Strukturfonds
wird für die Zeit ab 2007 um die Alternative: verstärkte Förderung
von bestehenden Wachstumszentren oder Fortsetzung der Kohäsionsverantwortung
gestritten. Der Solidarpakt,
die besondere Infrastrukturförderung und die Investitionszulagen sollen
Ostdeutschland endlich auf die Beine helfen. Es wird aber gerade aktuell
das Scheitern der bisherigen Wirtschaftsförderung eingestanden, ohne,
dass es tragfähige Alternativkonzepte gibt. Diese grundsätzlichen
gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Weichenstellungen werden
die Entwicklungschancen der Städte ganz entscheidend beeinflussen. Für die Stärkung
der "ländlichen Räume" gibt es mittlerweile auf der Bundes-
und auf der EU-Ebene durchaus ein Problembewußtsein, und es entstehen
auf beiden Ebenen Konturen einer "Politik für den ländlichen
Raum". Eine offensive "Stadtpolitik", die über die
allgemeine Struktur- und Wirtschaftpolitik einerseits und die konkreten
Instrumente Städtebauförderung, Stadtumbau und "Soziale Stadt"
andererseits hinausgeht, gibt es bislang nicht. Die rot-grüne
Politik hat aber den seit den 50er Jahren überwiegend auf Siedlungswachstum
und Neubau ausgerichteten schweren Tanker der Baupolitik Zug um Zug
umgesteuert. Als ich 1994 neu
in den Bundestag kam und für die Grünen baupolitische Sprecherin wurde,
trompetete schon bald der baupolitische Sprecher der CDU/CSU durch
den Ausschusssaal: "Das werden auch die Grünen noch lernen, dass
man vernünftige Baupolitik nur mit mehr Baulandausweisung machen kann!"
und ich giftete zurück: "Das werde ich nicht lernen, Herr Kollege!"
So waren die unterschiedlichen Leitbilder klargestellt und die Fronten
abgesteckt. Bis 1998 waren
die vorherrschenden Ziele der Baupolitik Neubautätigkeit, quantitative
Ausweitung der Wohnungsangebote, Eigentumsförderung und Siedlungserweiterung.
Allerdings genoss die Städtebauförderung zu allen Zeiten bei allen
politischen Gruppen eine sehr hohe Wertschätzung - seit der Wende
jedoch insbesondere für Westdeutschland auf niedrigstem finanziellem
Niveau. Ich habe mich
in meiner politischen Arbeit immer für die Umorientierung von "mehr
Neubau und mehr Siedlungserweiterung" auf
das "Bauen im Bestand" als Priorität eingesetzt.
Bis 1998 stieß das nicht nur bei der Kohl-Regierung sondern auch bei
der SPD auf Unverständnis. 1995 waren wir Grünen die einzigen, die
das "Fördergebietsgesetz" und die aberwitzigen Sonderabschreibungen
für das Bauen in Ostdeutschland abschaffen wollten und forderten,
dass das Geld stattdessen als Zinssubvention für im Osten ansässige
Hausbesitzer und die Wohnungswirtschaft eingesetzt werden sollte.
Das galt damals als vaterlandslos. Wir Grünen stimmten gegen das Eigenheimzulagengesetz,
weil wir die Suburbanisierung nicht steuerlich belohnen wollten. Auch
das stieß auf Unverständnis. Ab 1998 hat die
Rot-Grüne Koalition aber baupolitisch wichtige Weichen für einen bestandsorientierten
Städtebau gestellt, auch, wenn die Städtebauförderung nur sehr geringfügig
erhöht werden konnte: Wir haben das
Programm "Soziale Stadt" bundesweit eingeführt. Auch wenn
es ein "baupolitisches" Instrument ist, liegt die Qualität
dieses Programms in der klaren Orientierung auf den ausgewählten konkreten
Ort und auf die dort lebenden Menschen. Auch fordert dieses Programm
in besonderer Weise zu ressortübergreifender Bündelung der Maßnahmen
auf und damit zur Zusammenarbeit von sehr unterschiedlichen Akteuren,
Ebenen und Verwaltungen. Wir haben das
Programm "Stadtumbau Ost" in 2002 eingeführt mit seiner
Bindung an städtebauliche und wohnungswirtschaftliche Konzepte. Von
der Notwendigkeit des Abrisses von Häusern und des Rückbaus ganzer
Straßenzüge und Siedlungen zur Rettung ostdeutscher Städte und der
Wohnungswirtschaft wollten noch im Jahr 2000 nur wenige etwas hören.
Hier hat die Politik schneller reagiert als die Fachwelt. Die hat
sich diesem Thema erst mit den vom Bund geförderten Stadtentwicklungskonzepten
gestellt. Viele ostdeutsche
Städte müssen einen fortgesetzten Prozess des Siedlungsrückbaus organisieren,
um ihre Innenstädte und ihre Wohnungswirtschaft zu stabilisieren.
Dabei darf es nicht nur um Abrissprogramme gehen (siehe Beitrag Haller).
Der Stadtumbau muss selbstbewusst mit Wohnwertverbesserung, Stadtverschönerung
und wo immer möglich mit neuen Perspektiven für die Städte verknüpft
werden. Der Rückbau bietet auch die Chance für mehr städtebauliche
Differenzierung, mehr Grünflächen, attraktivere Wohngebiete. Durch
Rückbau gewonnene Flächen müssen auch genutzt werden für neue Kleinsiedlungsformen,
um die vorhandene Infrastruktur weiter zu nutzen und die Qualitäten
städtischen Wohnens mit den Qualitäten des Wohnens im Eigenheim zu
verbinden. Für Probleme des
"Stadtumbaus West" werden seit 2003 Modellprojekte gefördert,
wobei es anders als im Osten nur punktuell um Abriss und Siedlungsrückbau
geht. Daneben steht in Westdeutschland die Anpassung älterer Siedlungen
an heutige Wohnstandards, der Umbau von Gewerbebrachen oder die Stärkung
von desolaten Einkaufsstraßen auf der Tagesordnung. Das Konzept "Stadt
2030" des Forschungsministeriums hat wichtige Impulse gegeben
zur Reflektion der langfristigen Entwicklungstendenzen der Städte.
Für die beiden Aufgaben "Soziale Stadt" und "Stadtumbau"
wird es mit der Novellierung des Baugesetzes ab 2005 eine eigene Definition
und ein eigenes Satzungsrecht geben, die den Kommunen das Handeln
zusätzlich zur und außerhalb der klassischen Städtebauförderung erleichtern
wird (§171 a-d Stadtumbau und § 171 e Maßnahmen der Sozialen Stadt
BauGB). Die Novellierung
des Sozialen Wohnungsbaus in 2002 ist in der Öffentlichkeit kaum zur
Kenntnis genommen worden. Sie hat die Gleichstellung von Bestandserneuerung,
Neubauförderung und Belegungsförderung gebracht und gibt den Ländern
große eigene Spielräume bei der Entscheidung über die inhaltliche
und räumliche Schwerpunktsetzung. Gleichzeitig wurden die Fördermittel
stark eingeschränkt, zum einen aus schlichter Haushaltsnot, zum anderen
aber auch, weil der öffentliche Wohnversorgungsauftrag weitgehend
erfüllt ist. Die Regionen mit akutem Wohnungsmangel wie München, Frankfurt
oder Stuttgart liegen durchweg in wirtschaftsstarken Ländern, die
den Wohnungsbau alleine fördern können, ohne auf Bundeshilfe angewiesen
zu sein. Im Rahmen der
nationalen Nachhaltigkeitsstrategie wurde vom Kabinett das Ziel der
Senkung des Siedlungs- und Verkehrsflächenzuwachs von 129 ha pro Tag
im Jahr 2000 auf 30 ha pro Tag bis 2020 beschlossen.
Der Nachhaltigkeitsrat und das "Green Cabinett",
die Runde der Staatssekretäre der von Nachhaltigkeitsthemen tangierten
Ressorts, arbeiten an Konzepten, wie dieses Ziel in die Praxis umgesetzt
werden kann. Während Bewusstseinswandel und politisches Handeln
im städtebaulichen Bereich aktiv und in richtiger Weise vorangetrieben
werden konnten, tut sich die Politik mit den indirekten Steuerungsinstrumenten
sehr viel schwerer. Das wichtigste
steuerliche Steuerungsinstrument, um das gesellschaftliche Interesse
an der kompakten Stadt zu stimulieren, war die Ökosteuer. Die Ökosteuer
hat mit den über mehrere Jahre fortgesetzten Benzinpreissteigerungen
tatsächlich in gewissem Maße zum bewussteren Umgang mit Mobilität
geführt. Sie ist aber leider gesellschaftlich in solchem Maße diskreditiert
worden, dass es praktisch kaum noch Spielraum gibt, sie fortzuführen.
Auch die Tendenz, auf benzinsparsamere Autos umzusteigen, hat nicht
allzu lange angehalten. Unsere Gesellschaft
muss sich aber darauf einstellen, dass die OPEC und die allgemeine
Ölpreisentwicklung Schritt für Schritt das Benzin in einer Weise verteuert,
die ähnliche und bald noch stärkere Wirkung entfalten könnte. Denn
die ökonomisch stark wachsenden Märkte in China und anderen asiatischen
Ländern forcieren die Weltmarktpreise des knapper werdenden Öls. Dies
könnte eines Tages das Bedürfnis nach Einschränkung der Automobilität
in einer Weise wecken, wie es der Ökosteuer leider nicht vergönnt
ist. Der politische
Bewusstseinswandel bei den Instrumenten Eigenheimzulage, Entfernungspauschale
und Wohnungsbauprämie war im Herbst 2003 immerhin bei der Koalitionsmehrheit
angekommen, wenn auch teilweise mehr der blanken Finanznot als der
inhaltlichen Überzeugung geschuldet. Bei der Opposition und der Bundesratsmehrheit
bedarf es noch einiger Überzeugungsarbeit, bis auch dort die Barrieren
fallen. Immerhin ist es
gelungen, bei der im Dezember im Vermittlungsausschuss vereinbarten
Kürzung der Eigenheimzulage um 30% die Gleichstellung von Neubau-
und Bestandsförderung durchzusetzen (allerdings ohne irgendwelche
Investitionsbindungen beim Bestand!). Gleichzeitig wurde erreicht,
dass in den nächsten Jahren 25% der erreichten Kürzung der Eigenheimzulage
den Aufgaben Stadtumbau, Altschuldenhilfe und Städtebauförderung zugute
kommt. Im demografischen
und wirtschaftlichen Wandel darf die Politik auf den Ebenen Kommune,
Land, Bund und EU nicht mit einem laissez-faire-Verhalten reagieren
oder gar mit der Förderung von Prozessen, die die Städte schwächen.
Grundforderung
ist darum, das Thema Stadtpolitik als politische Verantwortung
im Bund zu verstärken und in der EU überhaupt zu erhalten. Konkret
stehen die Aufgaben an: Unterstützung der mittelständischen Wirtschaft,
Stärkung der Gemeindefinanzen (insbesondere der großstädtischen Finanzen)
und Maßnahmen der Begrenzung der Zersiedlung. Darüber hinaus muss
den Städten, die Stadtumbau und Rückbau betreiben müssen, weiterhin
aktive Unterstützung von Bund und Ländern gewährt werden. Stadtpolitik
als Aufgabe in Bund und EU verstärken: Die bundesstaatliche
Zuständigkeit für Raumordnung, Siedlungspolitik und Wohnungspolitik
steht in der Kommission zur Modernisierung der bundesstaatlichen
Ordnung derzeit zur Disposition. Ich meine, die Verantwortung
für die Wohnungspolitik kann angesichts der erreichten Wohnversorgung
in die Hände der Länder gegeben werden. Denn die Regionen mit anhaltend
großen Wohnproblemen und hohem Mietendruck sind jeweils wirtschaftsstarke
Regionen in finanzstarken Ländern. Auf keinen Fall aber darf der Bund
seine raumordnungs- und siedlungspolitische Verantwortung aufgeben.
Denn die raumordnerische
Verantwortung steigt bei sinkenden Einwohnerzahlen und ungleicher
Verteilung der Wirtschaftskraft. Auch die erweiterte EU, wo Deutschland
nun in eine Mittellage gekommen ist, erfordert neues Raumordnungsbewusstsein.
Hier muss also mehr statt weniger getan werden. Auch in den Debatten
um die Ausgestaltung der EU-Strukturfonds ab 2007 droht das Thema
Stadtpolitik als eigenständiger Baustein verloren zu gehen,
obwohl gerade die integrierten URBAN-Programme sich als sehr erfolgreiche
Instrumente erwiesen haben. Hier muss aktiv für die Sicherung von
mindestens 10% der künftigen Strukturfondsmittel für stadtpolitische
Programme gestritten werden. Stärkung eigenständiger
lokaler und regionaler Ökonomien: In den Städten
muss das Bewusstsein für die Bedeutung der eigenständigen lokalen
und regionalen Wirtschaft des noch verbliebenen Einzelhandels neu
belebt werden. Das klingt sehr altmodisch. Aber eine Stadt, die ihr
eigenes lokales und regionales Wirtschaftsbürgertum nicht pflegt
und zwar ohne übermäßige Kungelei oder Bestechung darf sich
nicht wundern, wenn ihr eines Tages die wirtschaftliche Basis fehlt.
Das gilt für die Kommunalpolitik, die schon wieder einen Verbrauchermarkt
genehmigt. Es gilt auch für die Stadtgesellschaft. Wer ausschließlich
bei Lidl kauft und McDonalds isst, darf sich nicht wundern, wenn das
heimatliche Stadtzentrum allmählich verödet. Im zerstörerischen
Umgang mit lokalen Einzelhandel haben Kommunal- und Landespolitiker
in den letzten Jahren große irreversible Fehler gemacht. Mit der aktuellen
Novelle des Baugesetzbuches wird leider viel zu spät
die Ansiedlung des Einzelhandels außerhalb von raumordnerisch definierten
Ober- und Mittelzentren eingeschränkt. Die Politik kann
eine Stärkung dezentraler Wirtschaftsstrukturen entgegen vielfachen
Versprechungen nur sehr begrenzt beeinflussen. Wo sie es kann, soll
sie aber die Bildung regionaler Wirtschaftskreisläufe unterstützen.
Hier muss vor allem die Grenzziehung zu den Regeln der EU-Wettbewerbspolitik
überprüft werden. EU-weiter Wettbewerb darf nicht soweit greifen,
dass lokale Wirtschaft keine Chancen hat. Dies geschieht unter Rot-Grün
beispielsweise mit dem Aufbau regenerativer Energien. Windenergie
und Biomasse stärken die Ökonomie im ländlichen Raum. Wo möglich sollten
ebenso auch wieder regionale Nahrungsmittelkreisläufe zwischen Stadt
und Land verstärkt und gestützt werden. Auch die Gewerkschaften
müssen endlich ehrlich Bilanz ziehen, ob sie mit ihrer fortgesetzten
Lohnsteigerungspolitik nicht mehr zum Abbau von Arbeitsplätzen beitragen
als zur Stabilisierung der Wirtschaftsstrukturen. Wenn die Industriekosten
in Deutschland über 25 Euro pro Stunde ausmachen, in Polen, Ungarn,
Tschechien etc. aber unter 5 Euro, dann ist es schlicht selbstmörderischer
Wahnsinn, die Tarife alle Jahre ein Stück weiter nach oben zu treiben! Stärkung der
Gemeindefinanzen: Die Zusammenlegung
von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe wird ab 1.1.2005 die großen
Städte wirklich entlasten. Allerdings haben die Städte ihrerseits
die Finanzierung der Unterkunftskosten für die Arbeitslosenhilfeempfänger
übernommen und damit neue wohnungspolitische Verantwortlichkeiten,
die oft im Widerspruch zu dem derzeitigen laxen Umgang mit dem städtischen
Wohnungsbesitz stehe. Die Folgen dieser Entscheidungen werden erst
nach und nach sichtbar werden. Unabhängig davon
brauchen die Städte weiterhin eine grundlegende Gemeindefinanzreform.
Diese Finanzreform darf nicht so gestaltet werden, dass im Effekt
die bereits jetzt privilegierten Umlandgemeinden die Hauptgewinner
sind. Ich plädiere weiterhin für eine Neubelebung der Gewerbesteuer
wie von der Rot-Grünen Koalition im letzten Herbst beschlossen, von
Schwarz-Gelb aber im Vermittlungsausschuss verhindert. Darüber hinaus
halte ich die Neuaufteilung der Einkommenssteuer für ein vordringliches
Ziel. Die Einkommenssteuer, die zu 15% an die Kommunen geht, wird
bislang ausschließlich nach dem Wohnortprinzip verteilt. Für die Städte
wäre es sehr wichtig, dass mindestens ein Drittel, möglichst 50% des
kommunalen Einkommenssteueranteils am Arbeitsort verbleibt. Dies ist
allerdings eine revolutionäre Forderung, gegen die sich die stadtperipheren
Wohnkommunen mit aller Vehemenz wehren. Als dritten Baustein
brauchen die Gemeinden nicht nur eine Reform, sondern auch eine deutliche
Erhöhung der Grundsteuer. Leider fehlt auch hier den Kommunen der
Mut. Obwohl sie massiv über zu geringe Einnahmen klagen, schöpfen
die wenigsten Gemeinden ihr bereits jetzt geltendes Hebesatzrecht
bei der Grundsteuer aus. Bayern und Rheinland-Pfalz haben Anfang des
Jahres einen Grundsteuerreformentwurf vorgelegt. Der ist allerdings
sehr vom Blickwinkel westdeutscher Flächenstaaten geprägt und nicht
stadtfreundlich. Der Abbau der
Eigenheimzulage, der Wohnungsbauprämie und der Entfernungspauschale
muss weiterhin auf der politischen Tagesordnung bleiben und mit ihnen
auch die Forderung, dass 25% des Einsparvolumens der Eigenheimzulage
in Städtebau und Stadtumbau fließen. Den Zuwachs
an Siedlungsfläche wirksam einschränken: Zuallererst muss
das Leitbild Stadt als Lebens- und Wohnort verstärkt positiv
verankert werden und dem Leitbild des Häuschens im Grünen
offensiv gegenübergestellt werden. Bürgermeister und Stadtverwaltung
müssen in Zusammenarbeit mit dem städtischen Hausbesitz in den Stadtteilen
konkret prüfen, was mit vertretbarem Aufwand geleistet werden kann
und muss, um Wohnwert und Wohnumfeld städtischer Wohnquartiere zu
verbessern für ältere Menschen ebenso wie für das Leben mit Kindern.
Bausparkassen müssen ebenso wie Architekten und Stadtplaner für diese
Aufgabe gewonnen werden. In den Städten müssen Lärm und Unfallgefahren
verringert werden, privater und städtischer Raum für Grün, Spiel,
Sport und Erholung qualifiziert werden. Dafür müssen Bürger aktiviert
und neuer Nachbarschaftsgeist geweckt werden. Politisch sind
eine Reihe von Maßnahmen nötig zur Einschränkung der Suburbanisierung,
angefangen mit einer klareren Verbindlichkeit der Raumordnungsplanung
über den Abbau der Förderanreize Eigenheimzulage, Entfernungspauschale,
niedrige Grundsteuer. Solange aber die Mobilitätskosten einerseits
und neues Bauland andererseits so preiswert bleiben wie bislang, wird
die Umstülpung der Städte in ihr Umland anhalten. Zwei neue Instrumente
zur Versteuerung von Neubauland sind in der Diskussion: die Einführung
von Flächenhandelsrechten und die Erhebung von Neuerschließungsabgaben.
Ich glaube, dass ein Handel mit Flächenverbrauchsrechten zu kompliziert
ist, um von den vielen Bürgermeistern mit sehr unterschiedlichen kommunalen
Entwicklungsbedingungen und Zielen gehandhabt zu werden. Ich kann
mir aber sehr gut vorstellen, dass eine Sonderabgabe auf neu erschlossenes
Bauland, die gleichzeitig zweckgebunden wird für die Finanzierung
von Flächenrecycling im gleichen Land zum bewussteren Umgang mit Flächenverbrauch
erzieht. Förderung von
Stadtumbau und Stadtrückbau: Das Konzept des
Stadtumbau Ost hat sich bislang als gut und treffsicher erwiesen.
Es muss aber leider verstärkt werden angesichts des anhaltenden Bevölkerungsrückgangs.
Der fortdauernde Stadtrückbau muss in würdiger und geordneter, wirtschaftlich
tragbarer und sozial abgefederter Weise erfolgen. Eine Reihe von
ostdeutschen Klein- und Mittelstädten wird kaum eine neue wirtschaftliche
Basis finden. Darum müssen für die Entleerungsregionen Zentren definiert
werden, die auch bei sinkender Bevölkerung und im Rückbau die wichtigsten
regionalen Infrastrukturen in den Bereichen Bildung, Gesundheit, soziale
Dienste, Öffentlicher Nahverkehr aufrechterhalten. Auch westdeutsche
Städte werden in den nächsten Jahren verstärkt auf Stadtumbau angewiesen
werden, auch wenn diese Prozesse sehr viel langsamer erfolgen und
sehr viel weniger Rückbau sein werden als in Ostdeutschland. Hier
besteht eine zentrale Aufgabe darin, ältere Siedlungen und Sozialwohnungen
neuen Wohnstandards anzupassen. Stadtumbau und
Stadtrückbau müssen soweit wie möglich marktwirtschaftlich erfolgen.
Dennoch wird ein gewisses Maß an Förderung unabdingbar sein. Auch
die Sicherung von Infrastrukturen bei rückläufiger Bevölkerungsentwicklung
wird in den kommenden Jahren einige Fördersummen erfordern. Daraus
folgt, dass jegliche Fehlsubvention und Überflusssubvention heute
endlich abgebaut werden muss. Denn wir brauchen das Geld nicht nur
zum Schuldenabbau, sondern dringend auch zur Anpassung unserer Siedlungsstrukturen
an die Herausforderungen der Zukunft. Und was erwarten
Sie von der Politik? Schreiben
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Eichstädt-Bohlig ist seit 1994 Bundestagsabgeordnete von Bündnis
90/ Die Grünen. Sie ist bau- und wohnungspolitische Sprecherin ihrer
Fraktion und Mitglied im Ausschuss für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen
sowie im Haushaltsausschuss. Nach dem Architektur- und Städtebaustudium
in Hannover und Berlin ist sie seit 1969 als Architektin und Stadtplanerin
praktisch und wissenschaftlich tätig gewesen. |
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| Dies ist
ein Dokument der Seite www.schrumpfende-stadt.de Erstelldatum: 03. Mai 2004 Autor: Franziska Eichstädt-Bohlig |