| Sind
wir lernfähig? - Kann die Politik von der Wissenschaft lernen - und die
Praxis von der Politik gesteuert werden?
Eine vorausschauende, auf die dauerhafte Geltung
ihrer Maßnahmen achtende Stadt- und Regionalpolitik müsste sich bewusst
sein, dass Einkommen und Einwohnerzahlen in Deutschland mit der Zeit
nur abnehmen können. Sie müsste die Siedlungsflächen begrenzen, die
Verdichtung fördern, mit weiten Gebieten geringer Besiedlung rechnen,
die Infrastrukturen sparsam anlegen und die Einrichtungen konzentrieren.
Das Gegenteil ist zu beobachten. Daraus ergeben sich zwei Fragen: Ist die Einschätzung,
dass eine dauerhafte Verminderung der Einkommens- wie der Einwohnerzahlen
unabweisbar zu erwarten sind, ausreichend begründet? Und: Wie ist
zu erklären, dass die öffentliche Diskussion und in ihrem Gefolge
die Politik ganz allgemein und ohne Unterschied der jeweils
regierenden Parteien diesen Sachverhalt nicht zur Kenntnis
nimmt? Wenn auch in der allerletzten Zeit eine tatsächliche
Einkommens- und Einwohnerverminderung diskutiert wird, so beziehen
sich die Beobachtungen doch lediglich auf die letzten Jahre und ziehen
einen entsprechenden dauerhaften Trend nicht in Erwägung. Als Ursachen
der Einkommensminderung werden die hohen Arbeitslosigkeitsquoten und
jetzt auch zunehmend die Kosten der deutschen Einheit
angeführt. Es gibt weitere Indizien, wie etwa den anhaltenden Schwund
der Kaufkraft (sinkende Reallöhne), die ständige Verteuerung der Lebenshaltungskosten
und die steigenden Kosten der öffentlichen Hände einschließlich einer
zunehmenden Bürokratisierungstendenz. All solche Feststellungen sind
kaum zu bestreiten. Eine tiefergehende Analyse wird jedoch vermieden.
Sie wird in den Globalisierungsdebatten angerissen, aber nicht durchgeführt.
Unbestrittene Tatsache ist demgegenüber die zunehmende
Armut der Weltbevölkerung. Auch wenn nicht zu übersehen ist, dass
mit der Globalisierung der wachsenden Verschränkung der globalen
Wirtschaftsbeziehungen auch positive Effekte eintreten, so
bleibt die Perspektive insgesamt doch eher deprimierend. Ganz offensichtlich
bewirkt die Einbeziehung der bislang wirtschaftlich weniger erfolgreichen
Länder in die Produktions- und Konsumsphären der wirtschaftlich erfolgreicheren
Länder begrüßenswerte Schneeballeffekte in den betreffenden Ländern:
Es entstehen Wachstumssektoren, an welche sich Umsatz- und Konsumbereiche
angliedern, die mit der Zeit immer tiefer in die umgebenden Siedlungen
ausstrahlen und zu Ansätzen einer Mittelstandsbildung führen, welche
in diesen Ländern davor nie entstehen konnte. Selbst von den wilden
Siedlungen der Megametropolen ist inzwischen unbestritten, dass es
ihnen gelingt, in kleinen Anteilen an diesen wirtschaftlichen Entwicklungen
zu partizipieren. Aber diese Prozesse, an die sich alle Hoffnungen
klammern, verlaufen doch sehr zögerlich, und jedenfalls viel langsamer
als die demographischen Prozesse, die zugleich in ihrem Hintergrund
ablaufen. Diese sind noch auf viele Jahre gekennzeichnet von den großen
Nachwuchsmengen der letzten Jahrzehnte, die bis auf weiteres den Sektor
der Kinder und Jugendlichen zum beherrschenden Merkmal dieser Bevölkerungen
haben werden lassen. Das hat zur Folge, dass mit der Zeit immer größere
Mengen von Menschen in die Erwerbs- und Familienphase eintreten und
den Trend zum Wachstum weiterführen werden. Dabei stehen dem Nachwuchs
aus den erwachsenen Sektoren dieser Bevölkerungen Lehrer, Produzenten,
medizinisches Personal und Administratoren nur in völlig unzureichender
Menge gegenüber: Der Nachwuchs entbehrt daher sowohl der Ausbildung
wie der Versorgung. Auch wenn die immer noch auch intentional
optimistisch angelegten Prognosen der Vereinten Nationen eine
abnehmende Tendenz der Bevölkerungszunahmen registrieren, wird selbst
im günstigsten Falle ein Ende des Wachstums allenfalls in Jahrzehnten
eintreten. Und es wird eine Bevölkerung vorfinden, welche dann weder
ausreichend gesund und ernährt noch ausgebildet ist. Die Macht dieser
Entwicklung wird gerne beschönigt. Auf die Folgen der unausweichlichen
Entwicklung stellen sich daher die Politiken der Länder und selbst
der Vereinten Nationen nicht ein. Eine Analyse der aus dieser Lage abzuleitenden Konsequenzen
für die globale Einkommensentwicklung wird nicht vorgenommen. Beobachtet
wird jedoch seit Jahrzehnten der gewaltige Einkommensunterschied zwischen
den wirtschaftlich erfolgreichen und den anderen Ländern. Die Spanne
der Lebenshaltungskosten zwischen den wohlhabenden und den armen Ländern
lässt sich nur in Vielfachen ausdrücken, und sie ist ständig gewachsen.
Dass eine Angleichung der Einkommensverhältnisse
der armen Länder an die der wohlhabenden nicht realisierbar ist, geht
auch bei allen technischen und ökonomischen Fortschritten
allein schon aus der Begrenzung der Ressourcen hervor. Nicht nur schrumpfen
die natürlichen Ressourcen, auch die Anteile der erneuerbaren Ressourcen
z.B. an der Energieversorgung lassen sich nur mit ungeheuren Investitionen
steigern, und das vollzieht sich mit bestürzender Langsamkeit. Zwar
sind die erforderlichen Nahrungs- und Versorgungsmittel theoretisch
reichlich zu beschaffen; aber weder die hierzu notwendigen Investitionsmittel
scheinen aufzubringen noch die Bereitschaft zu international fairen
Verteilung oder auch nur zur Gewährleistung gleicher Handelschancen
scheinen erreichbar zu sein. Die globalen Siedlungsverhältnisse einer
gegenüber dem gegenwärtigen Stand noch einmal verdoppelten Menschenzahl
sind schwer vorstellbar; dabei konzentrieren sich die Wachstumstendenzen
gerade in den ärmeren Regionen. Wenn eine aktive Entwicklung zu annähernd vergleichbaren
Lebensbedingungen nicht realisierbar ist, bleibt letztlich eine schleichende
Annäherung der Verhältnisse. Die Konsequenz kann nur sein, dass sich
wenn auch die Einkommen vieler Länder steigen mögen
die Einkommen der wirtschaftlich erfolgreichen Länder vermindern müssen.
Da Einkommen politisch nicht reduzierbar sind, geschieht die Einkommensminderung
auf heimlichen Wegen: durch Teuerung, Abgabensteigerung, Verminderung
der öffentlichen Leistungen und Geldwertminderung. Ich betrachte also die anfangs bezeichneten Probleme
unserer wirtschaftlichen Entwicklung als eine unausweichliche Konsequenz
der langfristigen globalen Tendenzen, die sich bereits längst auch
bei uns bemerkbar machen. Die Verminderung der Einwohnerzahlen in Deutschland
ist demgegenüber lange genug zu beobachten. Sie wurde in den letzten
dreißig Jahren lediglich durch eine stärkere Einwanderung überdeckt.
Seit die Einwanderungen gedrosselt werden, wird sie offensichtlich
und daher denn auch in der öffentlichen Diskussion zumindest als regionale
Erscheinung wahrgenommen. Dass diese Tendenz nicht zu vermeiden und
auch etwa durch eine verstärkte Zuwanderung kaum abzumildern
oder hinauszuzögern ist, wurde selbst in den zahlreichen Enquêtekommissionen
des Deutschen Bundestages und in vielen anderen Ausschüssen festgestellt.
Diese Verminderung der Einwohnerzahlen beruht auf
der seit nunmehr einem Jahrhundert andauernden Nachwuchsbeschränkung,
deren Steigerungen um 1970 und erneut um 1990 lediglich Etappen auf
einem lange festgelegten Weg sind. Man kann diesen säkularen Vorgang
sogar als Gewinn auf dem Wege der zivilisatorischen Entwicklung betrachten,
wenn man etwa die ihm u.a. in den letzten hundertfünfzig Jahren zugrundeliegende
allgemeine Steigerung der Einkommen, die Erleichterung der Lebensbedingungen,
die Emanzipation der Frauen und die medizinische und hygienische Entwicklung
betrachtet, welche die Lebensspannen verlängern, nicht zu reden von
der schließlich realisierten jahrzehntelangen Friedensperiode zumindest
in Europa. Nicht nur, dass Änderungen dieser Tendenz nicht in
Sicht sind, obgleich bereits kleine und zeitbedingte Milderungen breit
gepriesen werden: sie hat sich nachweislich auf alle wirtschaftlich
erfolgreichen Länder ausgedehnt. Nicht nur das: eine entsprechende
Tendenz auch in den anderen, wirtschaftlich weniger erfolgreichen
Ländern durchzusetzen, ist das allgemeine Ziel der internationalen
Politik und selbst der betroffenen Länder. Eine Konsequenz dieser
Entwicklung in Verbindung mit der begrüßenswerten Verlängerung der
Lebenschancen ist die Verschiebung der Anteile der Altersgruppen,
die Zunahme der Älteren und die Verminderung der wirtschaftlich aktiven
Altersgruppen[1].
Auch diese Tendenz deutet sich bereits in allen wirtschaftlich erfolgreicheren
Ländern an und ist selbst bei vielen anderen Ländern in Ansätzen zu
beobachten. Es wird also, wenn erst die demographischen Wachstumstendenzen
in den ärmeren Ländern einigermaßen gebremst sind, zunächst zu Stagnationen
und dann auch zu globalen Verminderungen der Menschenzahlen und zu
einer weltweiten Veränderung des Anteils der Altersgruppen kommen.
Bis dahin ist es zwar noch einige Jahrzehnte hin; aber in der Perspektive
kann bereits jetzt festgestellt werden, dass eine solche Entwicklung
unvermeidlich sein wird. Es ist daher töricht, vor dieser Tendenz
die Augen zu verschließen. Aber: auch wenn man seit einiger Zeit versucht, die
Schäden dieses Schrumpfungsprozesses etwa durch Vernichtung
von Wohnraum und Geschäftsbauten an einzelnen Stellen aufzufangen,
kann von einer angemessenen weitschauenden Politik (wie sie denn doch
bereits gelegentlich gefordert wird, etwa von den Akademien für Städtebau
und Landesplanung) keine Rede sein. Dabei kann eine Zusammenschau der Einkommens- und
Einwohnerentwicklung nur zu der Folgerung führen, dass die auf uns
zukommende Entwicklung eben nicht mehr mit einem weiteren Einkommenswachstum
der privaten wie der öffentlichen Haushalte zu bewältigen
sein wird, sondern mit fühlbar verminderten Ressourcen durchgestanden
werden muss. Es ist Sparsamkeit angesagt, und zwar auf Dauer, von
deren Ausmaß wir uns auch gerade in den heftigen öffentlichen
Auseinandersetzungen der letzten Jahre noch gar keine Vorstellung
zu machen vermögen. Es ist leicht, diese Perspektive als pessimistisch
oder gar als defaitistisch abzulehnen. Wenn an dieser Stelle ein persönliches
Wort gestattet ist: Ich bin durchaus Optimist. Ich bin der Überzeugung,
dass nachwachsende Generationen nüchterner und realistischer sind.
Sie werden Wege zum Überleben entdecken und werden sogar darin ihre
Lebensfreude finden können. Aber das ändert nichts daran, dass sie
dies in einer sich dramatisch verändernden Umwelt werden leisten müssen. Man kann die Probleme natürlich diesen nachwachsenden
Generationen aufbürden. Aber dies kann uns doch nicht davon entlasten,
schon jetzt und in nüchterner Voraussicht die Verhältnisse einzurichten
und womöglich nachhaltiger zu gestalten. Das, immerhin,
wird ja ständig gefordert. Und so fragt sich, warum es denn nicht
längst geschieht. Wissenschaft, so heißt es, sei für die Beobachtung
und Darstellung der Tatsachen zuständig. Sie habe in den letzten Jahrhunderten
das Leben verändert. Ohne sie seien weder die Aufrechterhaltung der
gegenwärtigen Lebensbedingungen noch gar ihre künftige Sicherung möglich.
Deshalb sei die Politik auf die ständige Beratung durch Wissenschaftler
angewiesen. In unzähligen ständigen und befristeten Ausschüssen formulieren
Wissenschaftler ihre Sicht der Dinge und der Erfordernisse. Überraschend ist nur, dass, sobald derartige Stellungnahmen
veröffentlicht werden, aus der Politik sogleich gekontert wird: Das
wäre denn doch unrealistisch und unmöglich realisierbar. Es wird also
die praktische Durchführbarkeit der wissenschaftlichen Forderungen
gegen deren Befunde ins Feld geführt. Es heißt: zu teuer, nicht durchsetzbar,
mit anderen Anliegen nicht kompatibel. Übersehen wird dabei, dass
diese Argumente die vorgetragenen Befunde und die Folgerungen daraus
nicht widerlegen, sondern sie vielmehr nur ablehnen. Niemand wird bestreiten, dass solche Forderungen
nicht immer einfach zu realisieren oder durchzusetzen sind. Auch Zielkonflikte
sind unausweichlich. Aber gerade diese zu überwinden wäre ja denn
wohl die Aufgabe der Entscheidungsträger. Warum entziehen sie sich
dieser Aufgabe? Man kann eine Antwort auf diese Frage in der generellen
Analyse des Verhältnisses zwischen Wissenschaft und Politik oder an
einem empirischen Beispiel zu erkennen suchen. Die handelnden Politiker gewählte Vertreter
ebenso wie deren Unterstützer in den Parteien haben solche
Tatsachen einfach nicht im Blick. Ihre Aufmerksamkeit wird von anderen
Beobachtungen in Anspruch genommen; und diese beziehen sich mehr auf
die kurzfristigen Stimmungen unter den Menschen und die an diesen
hängenden Chancen der Zuteilung politischer Macht und individueller
Positionen (und Einkünfte). Die handlungsrelevanten Wissensbestände von Wissenschaftlern
und Politikern unterscheiden sich offenbar grundsätzlich. Was Wissenschaftler
als »Tatsachen« glauben nachweisen zu können, sind für Politiker lediglich
Meinungen politisch unzuständiger Grübler, während die erklärten Anliegen
der Wähler für sie »politische Tatsachen« sind. Ein politisch engagierter Wissenschaftler wird stets
mit der Frage konfrontiert, welche Wirkung seine Einsichten auf die
praktische Politik haben könnte. Er gefällt sich in der Vorstellung,
Politik müsse solchen wissenschaftlichen Einsichten doch vermöge ihrer
Beweiskraft folgen. Er sieht sich als ehrlicher Makler, als Berater,
sucht das Gespräch mit Politikern, möchte ihnen seine Einsichten vermitteln
und erwartet, dass sie dann auch in eigener Einsicht
dementsprechend handeln müssten. Dass seine Einsichten übersehen,
verdrängt, mißachtet werden, vermag er kaum sich vorzustellen, weil
er von der Tatsächlichkeit und Notwendigkeit der von ihm erarbeiteten
Einsichten durchdrungen ist. Tatsächlich leben aber »Wissenschaftler« und »Politiker«
in verschiedenen Welten. Die Kommunikation unter Wissenschaftlern
verlangt Beweiskraft, den Nachweis empirischer Gültigkeit und theoretischer
wie methodischer Begründung. Fehlen diese, so werden die Ergebnisse
nicht akzeptiert. Aber Wissenschaftler haben auch das Bedürfnis nach
Anerkennung durch Politiker, schon weil ihre Arbeitsmittel
von deren Haushaltsführung abhängen; durch eine breitere Öffentlichkeit,
weil sie neben der akademischen auch ein öffentliches Prestige für
ihre vermeintlichen Leistungen anstreben. Kommunizieren nun Wissenschaftler mit Politikern
etwa in Gutachten und Stellungnahmen so wird ihnen oft
aufgegeben, ihre Ergebnisse möglichst kurz zusammenzufassen; die Beweisführung
bleibt dabei (mit Ausnahme von Kommunikationen mit einer hochgebildeten
Fachadministration, die jedoch von den Entscheidungsträgern ebenfalls
mißachtet wird) auf der Strecke. Damit erscheinen die gezogenen Folgerungen
als beliebig und können mit sachfremden Argumenten gekontert werden. Kommunizieren Wissenschaftler, zumeist auf dem Umweg
über die Medien, mit der Öffentlichkeit, so müssen die Gedankengänge
grob vereinfacht, »popularisiert« und die Beweisführungen von vorneherein
unterschlagen werden. Um die Glaubwürdigkeit der Ergebnisse akzeptabel
erscheinen zu lassen, werden sie in den Medien zumeist mit Wertbezügen
ausgestattet, die zu vermeiden innerhalb der wissenschaftlichen Kommunikation
gerade als gefordert gilt. In der Öffentlichkeit sind es jedoch diese
Wertbezüge, die zu Akzeptanz oder Ablehnung von Einsichten führen.
Die Öffentlichkeit das sind gerade auch die
Wähler demokratischer Institutionen. Die Parteien aber unterscheiden
sich viel mehr als nach konkreten Handlungsabsichten
gerade in den Wertsetzungen ihrer Programme. Infolgedessen sind auch
die Gremien der Entscheidungsfindung, die »Legislative«, nach den
Wertsetzungen der Parteien zusammengesetzt und repräsentieren
dies ist explizit die Absicht der Verfassungen die in der Öffentlichkeit
vorzufindenden Wertsetzungen. Da die »Exekutiven«, die Handlungsbeauftragten
der Parlamente, nach deren Programmen zusammengestellt werden, spiegeln
auch diese die parlamentarischen Wertpräferenzen wider und sind bestrebt,
diesen zu folgen. Das werden sie selbst in ihrer Wissenschafts- und
Forschungspolitik tun, und derart die Zusammensetzung der Wissenschaftler
und die in der Forschung zu behandelnden Fragen zu beeinflussen suchen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass »die Politik«
den Neigungen der Öffentlichkeit zu folgen sucht. Und diese Neigungen
sind stets mehr auf die absehbaren Vorteile als auf langfristig vernünftig
erscheinende Vorsorge gerichtet. Sieht man das so in einer starken Vergröberung
der Auffassungen der Wissenschaftsforschung der letzten Jahre
dann ist gar nicht verwunderlich, dass wissenschaftliche Einsichten
weder in der Öffentlichkeit noch gar in der Politik aufgegriffen werden;
sie sind ihrer Beweisfähigkeit beraubt und stattdessen in Wertungen
gehüllt, welche ihren Stellungnahmen ursprünglich fremd sind[2],
aber dann doch über ihre Akzeptanz entscheiden. Der Wissenschaftler, der sich über den Mangel an
Akzeptanz seiner doch so wohlbegründeten Einsichten in der Öffentlichkeit
und in der Politik wundert, übersieht, dass er gegenüber den gewählten
Entscheidungsträgern lediglich zu den Wählern gehört: Unter diesen
vertritt er eine kleine Minderheit, während der Politiker sich für
seine Anerkennung und längerfristige Wirksamkeit von deren Mehrheit
abhängig weiß. Und in dieser machen sich andere Einflüsse geltend
als wissenschaftliche Einsichten, vor allem solche der akuten, kurzfristigen
Interessen. Der politisch engagierte Wissenschaftler versäumt
es zu oft, seine Einsichten auch dieser Mehrheit nahezubringen. Und
tut er es, so kommt er vielfach mit Überlegungen, die längerfristige
Entwicklungen betreffen, gegenüber aktuellen Anliegen kaum zum Zuge. Ganz fremd waren solche Gedanken den Kollegen nicht,
mit denen vor über zwanzig Jahren (mit Unterstützung der Volkswagen-Stiftung)
eine größere Untersuchung über die Konsequenzen der Bevölkerungsentwicklung
auf die Lebensbedingungen in Deutschland durchgeführt worden war.
Nach etwa vier Jahren intensiver Arbeiten hatten sich Berge von Unterlagen
angehäuft, an deren gesamte Veröffentlichung gar nicht zu denken war;
sie wurden in der Stiftung (und in einigen Universitätsbibliotheken)
als Beleg für die geleistete Arbeit hinterlegt; den Bearbeitern in
dem Dutzend beteiligter Institute und Projekte wurde die Veröffentlichung
ihrer Ergebnisse überlassen. Es wurde aber auch auf eine gemeinsame
Veröffentlichung gedrungen, welche sich ausdrücklich an eine breitere
Öffentlichkeit wenden sollte. So entstand das Bändchen über das »Leben
im Jahr 2000 und danach Perspektiven für die nächsten Generationen«,
das 1984 bei Arani in Berlin erschien. Einfach war es nicht, die Kollegen zu einer
in ihren Augen oft unmöglich verkürzten allgemeinverständlichen
Darstellung ihrer Ergebnisse zu bewegen. Und dennoch ist es dieses
bescheidene Büchlein, was allein von der aufwendigen Untersuchungsreihe
übrig geblieben und einigermaßen bekannt geworden ist. Aber es ist,
bei aller Verkürzung, doch ein wissenschaftliches Buch geblieben:
Es bietet auch empirische Nachweise, theoretische Hintergründe und
methodische Erläuterungen; mit Bewertungen demgegenüber hält es sich
zurück. Kann man danach davon ausgehen, dass diese Ergebnisse
tatsächlich bekannt geworden sind? Offenbar nicht; auch die Medien
haben sich ihrer kaum angenommen. Es handelte sich um unbequeme Thesen,
deren Nachrichtenwert gegenüber aktuellen Katastrophen gering ist.
Die Thesen betrafen zunächst die erwartbare Bevölkerungsentwicklung.
Das sind Themen, die von vorneherein von großen Teilen der Medien
als »verdächtig« betrachtet wurden und immer noch werden.[3]
Ihre Bearbeitung wurde[4]
als spekulativ und nicht beweiskräftig abgetan, zumal eine eindeutige
politische (also wertende) Position fehlte. Dazu kam ein politisches
Klima in den 1980er Jahren, welche die längerfristigen Perspektiven
grundsätzlich in ihrer aktuellen politischen Relevanz in Frage stellte:
Während in den 1970er Jahren die »Zukunftsforschung« florierte[5]
und sogar unmittelbar bei den Spitzen der Regierungen (in Bonn wie
in Düsseldorf etwa) »Stabsstellen« zur zukunftsorientierten Politikberatung
eingerichtet worden waren, konzentrierten sich die Regierungsstellen
zunehmend auf »naheliegende« und »unmittelbar entscheidungsrelevante«
Aufgaben. Die öffentliche Aufmerksamkeit für längerfristige Entwicklungen
schwand dahin. Die Thesen stammten aus einer Arbeitsgruppe jüngerer
Bevölkerungswissenschaftler, die sich in den Jahren 1975-1979 in der
Werner Reimers-Stiftung in Bad Homburg zusammengefunden hatte[6].
Ihr Anliegen war zunächst ein rein theoretisches: Sie wollte angesichts
des Mangels an theoretischen Orientierungen über zwei Jahrzehnte[7]
die verfügbaren Theorien zur Deutung der Bevölkerungsvorgänge sichten
und eine neue Grundlage für entsprechende empirische Untersuchungen
zu gewinnen suchen, die in Konsequenz des »neuen Geburtenrückganges«
um 1970 fällig erschienen. Mit der Zeit bildete sich dort die Überzeugung,
dass das Anliegen nur in einer umfassenderen wissenschaftlichen Untersuchung
zu konkretisieren und weiter voranzutreiben war; dazu schlug Eberhard
Umbach einen Antrag bei der Stiftung Volkswagenwerk vor, der schließlich
auch Erfolg hatte. Daraus entstand die Arbeit, aus der u.a. auch das
oben erwähnte Bändchen hervorging. Die Thesen im einzelnen hier zu wiederholen, erscheint
nicht zweckmäßig: Sie sind zu vielseitig begründet, um noch einmal
verkürzt wiedergegeben zu werden. Hier sollen nur die Themenbereiche
genannt und die Thesen zur Stadtentwicklung ganz kurz benannt werden. Der Bericht geht nach Einleitungen zur Zukunfts-
und Bevölkerungsforschung vom Wandel der Familienstrukturen
aus, der sich damals abzeichnete und seither bestätigt und verstärkt
hat. Daraus ergeben sich die Annahmen, die einer (selbst erarbeiteten)
Vorausschätzung der Bevölkerungsentwicklung in Deutschland zugrundegelegt
wurden. Sie führte zu dem Ergebnis, dass ab 2000 mit dem Rückgang
der Wohnbevölkerung in Deutschland zu rechnen sei auch unter
Einbeziehung der Ergebnisse aufgrund verschiedener Annahmen über die
weiteren Gewinne aus Einwanderungen und dass die Altersgliederung
sich mit der Zeit erheblich zu Lasten der jüngeren und zu Gunsten
der älteren Altersgruppen verschieben müsse. Die Betrachtung geht
dann zur Stadtentwicklung über, die zunächst kleinräumig am Stuttgarter
Beispiel dargestellt wird. Daran wird ganz im Gegensatz zu
den erklärten Zielsetzungen der damaligen Stadtentwickungspolitik
die Schrumpfung der Einwohnerzahlen im Verdichtungsbereich
und die Ausdehnung der Randgebiete sichtbar und für die nachfolgenden
Jahrzehnte eine Verschärfung der Entwicklung geschätzt. Diese Detailaufnahme
wird dann auf den Prozess der Verstädterung in Westdeutschland insgesamt
projiziert. Dieser lässt bereits seit 1970 den Rückgang der großen
und die Stagnation der kleineren Agglomerationen erkennen. Die weitere
Entwicklung dieses Prozesses wird bis 2040 geschätzt; sie zeigt die
kontinuierliche Schrumpfung der Zentren, das Wachstum der Randsiedlung
und die Stagnation der Mittelstädte. Daraufhin wird der Bedarf an
Wohnungen abgeschätzt. Diese läuft aufgrund der beobachteten Haushaltsentwicklung
und des Anspruchs an größere Wohnflächen für die nächste Zukunft noch
auf einen zunehmenden Wohnungsbedarf in den Ballungsgebieten hinaus,
der sich aber ab 2020 abzumildern scheint. Dem folgen besorgte Überlegungen
zur Entwicklung der Umweltbedingungen. Sie laufen darauf hinaus, dass
die sich abzeichnenden Probleme nur mit größeren Aufwendungen zu bewältigen
sind, also eine positive Wirtschaftsentwicklung voraussetzen. Für
die Wirtschaftsentwicklung wird mit eher moderaten Wachstumsraten
gerechnet, die aber im Ansehen der erwarteten Verminderung
der Erwerbspersonenzahl zur Aufsaugung der Arbeitslosigkeit
und zu steigenden Einkommen führen können. Daraus ergibt sich eine
Überlegung zu der weiteren Entwicklung der Freizeit und ihrer Nutzung,
deren private und wirtschaftliche Bedeutung zuzunehmen scheint. Anders
steht es um die Versorgung mit Bildungseinrichtungen. Einerseits rechnet
die Studie mit einem weiteren Trend zur Fortbildung, mit zunehmenden
Anteilen der Frauen an der höheren Schulbildung, andererseits mit
abnehmenden Schüler- und Studenten- und Lehrerzahlen und infolgedessen
mit einem Überfluß an Schulbauten, namentlich in den ländlichen Gebieten.
Zu einer dramatischen Entwicklung müsse es im Gesundheitswesen wie
in der Altersversorgung kommen: Die steigenden Kosten müssen von kleineren
Produzentenmengen aufgebracht werden. Selbst die Entwicklung der Verteidigungsleistungen
wird skeptisch beurteilt. Jede Vorausschau ist nicht auf eine genaue Realisierung
der geschätzten Werte gerichtet, sondern auf die Ermittlung der Trends.
Sind diese vor zwanzig Jahren richtig eingeschätzt worden? Unverkennbar
ist, dass die umwälzenden Ereignisse der Zwischenzeit: die deutsche
Vereinigung, der Zusammenbruch der sozialistischen Wirtschaftsgemeinschaft
und die digitale Revolution nicht berücksichtigt werden
konnten. Die wirtschaftliche Entwicklung ist daher anders verlaufen:
Die Erträge mussten den Rückstand in den neuen Bundesländern zu kompensieren
suchen; sie fehlten daher der wirtschaftlichen Entwicklung; daher
wurden Investitionen in Ländern geringerer Lohnkosten vorgenommen,
welche zwar diesen Ländern nützten, aber zugleich das Arbeitsangebot
im eigenen Lande verkürzten; Arbeitslosigkeit wurde zum Kennzeichen
des letzten Jahrzehnts und führte zum Ruin der Sozialsysteme wie der
Kommunalfinanzen. Insoweit haben die älteren Vorausblicke die tatsächlich
eingetretene Entwicklung verfehlt. Aber die demographische Entwicklung wurde dennoch
zutreffend eingeschätzt: Die abnehmenden Einwohnerzahlen und die zunehmenden
Ausländeranteile sind eingetreten, die Schrumpfung der Stadtzentren
und die Ausweitung der Randsiedlungen haben sich fortgesetzt; die
Problematik der Schul-, Sozial- und Rentensysteme hat sich immer deutlicher
gezeigt. Dabei haben die einen Tendenzen die anderen verstärkt; so
hat sich etwa die Aussichtslosigkeit an den Arbeitsmärkten in einer
Benutzung der höheren Schulen und Hochschulen als Warteräume umgesetzt. Jetzt, zwanzig Jahre später, werden die Folgen der
lange erkennbaren Strukturprobleme derart deutlich, dass niemand sie
zu leugnen vermag. Sie sind zudem verschärft durch die zumindest über
diese zwei Jahrzehnte versäumte politische Wahrnehmung und Handlungsbereitschaft. Die Missachtung wissenschaftlicher Einsichten hat
ihre Konsequenzen. Statt ihnen mehr Aufmerksamkeit zu widmen und die
wissenschaftliche Produktion zu unterstützen, werden die Einrichtungen
für Forschung und Lehre weiter beschnitten und administrativ gegängelt.
Wohin kann das führen? Kein Zweifel, ein Blick auf 2010 oder 2020 müsste
heute noch weit besorgter ausfallen. Denn es hat sich nicht nur wenig
getan, die Möglichkeiten zur Bewältigung sind zudem immer weiter eingeschränkt
worden. Auch für die Stadt- und Regionalentwicklung können,
angesichts der fiskalischen Pleiten und der ständig wachsenden Diskrepanz
zwischen Erfordernissen und Handlungspotentialen, kaum zufriedenstellende
Perspektiven aufgezeigt werden. Da wäre es nur ehrlich, wenn man den
Bürgern empfehlen würde, sich auf eine lange Dürreperiode einzurichten. Gefällt
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einen --> Leserbrief! Prof. em. Dr.
phil. Rainer Mackensen hat von 1968 bis 1992 an der Technischen
Universität Berlin das Fach Soziologie gelehrt. Seine Arbeitsgebiete
liegen auf dem Gebiet der soziologischen Theorie, der Bevölkerungslehre,
der Geschichte der Sozialwissenschaften im 20. Jahrhundert und hier
insbesondere der Bevölkerungswissenschaft unter dem Nationalsozialismus.
Weiterhin beschäftigt er sich mit den Arbeitsfeldern der Umweltsoziologie,
der Stadt- und Agglomerationsforschung, der Siedlungs- und Landschaftsentwicklung
sowie der kulturellen Integration in Europa. Castells,
M.: The Rise of the Network Society, Vol. I: The Information Age,
Economy, Society and Culture, Malden, MA 1996. Jetzt deutsch
bei Leske und Budrich, Opladen. Grymer, H.: Stadtentwicklung trotz Schrumpfung? in:
Liebmann, H./ Robischon, T. eds.: Städtische Kreativität. Potenzial
für den Stadtumbau, Erkner/ Darmstadt 2003, S. 184-195. Häußermann, H./ Siebel, W.: Neue Urbanität, Frankfurt
am Main, 1987. Juckel, Lothar 2002: Schrumpfende Städte fordern
neue Strategien für die Stadtentwicklung. Aus dem Leerstand in neue
Qualitäten? Dokumentation des Wissenschaftlichen Colloquiums der Deutschen
Akademie für Städtebau und Landesplanung 2001 in Leipzig. Verlag Müller
und Bußmann (ohne Ortsangabe). Kuhn, T.-S.: Die Struktur wissenschaftlicher Revolution,
Frankfurt am Main, 2. Auflage, 1976. Mackenroth, Gerhard 1953: Bevölkerungslehre. Berlin
u.a.: Springer. Mackensen, Rainer ed. 1984: Leben im Jahr 2000 und
danach - Perspektiven für die nächsten Generationen, ed. mit E. Umbach
u. R. Jung, Berlin: Arani 1984. Mackensen, Rainer ed. 1998: Bevölkerungsfragen auf
Abwegen der Wissenschaften Zur Geschichte der Bevölkerungswissenschaft
in Deutschland; Dokumentation des 1. Colloquiums zur Geschichte der
Bevölkerungswissenschaft in Deutschland im 20. Jahrhundert am 23.-25.
Juli 1997 in der Werner Reimers-Stiftung in Bad Homburg mit ergänzenden Nachträgen herausgegeben von Rainer Mackensen,
Leske und Budrich, Opladen 1998. [1] Überzeugend dazu z.B. James W. Vaupel:
Deutschlands größte Herausforderung, in der FAZ vom 8. April 2004,
# 84, p. 41. [2] In dieser sehr verkürzten Darstellung
verzichte ich auf die Erörterung der Probleme der Wertbasis wissenschaftlicher
Arbeiten, welche nicht zu leugnen ist. [3] Zu den Bewertungen der Bevölkerungswissenschaft
und deren Begründung in der Bevölkerungspolitik des »Dritten Reiches«
zunächst Mackensen ed. 1998: Bevölkerungsfragen; seither zahlreiche
Veröffentlichungen sowohl aus den zuständigen wissenschaftlichen
Gesellschaften (ebenfalls bei Leske und Budrich, Opladen) sowie
aus den Untersuchungen eines Forschungsschwerpunktes der Deutschen
Forschungsgemeinschaft. [4] Unter dem Druck der tatsächlichen Belastung
der Versorgungssysteme und unter der Beweislast der zu ihrer »Reform«
veranlaßten gutachtlichen Äußerung zahlreicher Wissenschaftler hat
sich diese Neigung in den allerletzten Jahren vermindert: Die Ergebnisse
der demographischen Forschung werden heute nicht mehr grundsätzlich
angezweifelt. [5] In Berlin wurde 1971 ein »Zentrum Berlin
für Zukunftsforschung« gegründet, das 1982 wieder aufgelöst werden
musste: Die Chancen der Finanzierung durch Projekte - »Aufträge«
öffentlicher Stellen wie beantragte Forschungsarbeiten waren
unter der oben bezeichneten Wendung der öffentlichen Einstellungen
geschwunden. Allerdings war daran auch die »Zukunftsforschung« selbst
nicht unbeteiligt, indem spekulative »Szenarien« gegenüber empirisch
begründeten Perspektiven in den Vordergrund getreten waren. [6] Über die Arbeit der Arbeitsgruppe »Bevölkerungsentwicklung«
liegt kein zusammenfassender Bericht vor. Die Arbeitsergebnisse
schlugen sich jedoch in einer Fülle von Veröffentlichungen der Teilnehmer
und in ihrer weiteren wissenschaftlichen Arbeit erkennbar nieder. [7] Die einzige große Bearbeitung des Themas
hatte 1953 Gerhard Mackenroth vorgelegt. Dessen Darstellung war
aber nicht ganz konsistent und konnte damals die internationale
Literatur noch kaum berücksichtigen. |
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| Dies ist
ein Dokument der Seite www.schrumpfende-stadt.de Erstelldatum: 03. Mai 2004 Autor: Rainer Mackensen |