Sind wir lernfähig? - Kann die Politik von der Wissenschaft lernen - und die Praxis von der Politik gesteuert werden?

Leben im Jahr 2010 und danach

Eine vorausschauende, auf die dauerhafte Geltung ihrer Maßnahmen achtende Stadt- und Regionalpolitik müsste sich bewusst sein, dass Einkommen und Einwohnerzahlen in Deutschland mit der Zeit nur abnehmen können. Sie müsste die Siedlungsflächen begrenzen, die Verdichtung fördern, mit weiten Gebieten geringer Besiedlung rechnen, die Infrastrukturen sparsam anlegen und die Einrichtungen konzentrieren. Das Gegenteil ist zu beobachten.

Daraus ergeben sich zwei Fragen: Ist die Einschätzung, dass eine dauerhafte Verminderung der Einkommens- wie der Einwohnerzahlen unabweisbar zu erwarten sind, ausreichend begründet? Und: Wie ist zu erklären, dass die öffentliche Diskussion und in ihrem Gefolge die Politik – ganz allgemein und ohne Unterschied der jeweils regierenden Parteien – diesen Sachverhalt nicht zur Kenntnis nimmt?

1. Die Erwartung einer dauerhaften Einkommens- und Einwohnerverminderung.

Wenn auch in der allerletzten Zeit eine tatsächliche Einkommens- und Einwohnerverminderung diskutiert wird, so beziehen sich die Beobachtungen doch lediglich auf die letzten Jahre und ziehen einen entsprechenden dauerhaften Trend nicht in Erwägung. Als Ursachen der Einkommensminderung werden die hohen Arbeitslosigkeitsquoten und jetzt auch zunehmend die „Kosten der deutschen Einheit“ angeführt. Es gibt weitere Indizien, wie etwa den anhaltenden Schwund der Kaufkraft (sinkende Reallöhne), die ständige Verteuerung der Lebenshaltungskosten und die steigenden Kosten der öffentlichen Hände einschließlich einer zunehmenden Bürokratisierungstendenz. All solche Feststellungen sind kaum zu bestreiten. Eine tiefergehende Analyse wird jedoch vermieden. Sie wird in den Globalisierungsdebatten angerissen, aber nicht durchgeführt.

Ökonomische Problemstellungen im globalen Kontext

Unbestrittene Tatsache ist demgegenüber die zunehmende Armut der Weltbevölkerung. Auch wenn nicht zu übersehen ist, dass mit der Globalisierung – der wachsenden Verschränkung der globalen Wirtschaftsbeziehungen – auch positive Effekte eintreten, so bleibt die Perspektive insgesamt doch eher deprimierend. Ganz offensichtlich bewirkt die Einbeziehung der bislang wirtschaftlich weniger erfolgreichen Länder in die Produktions- und Konsumsphären der wirtschaftlich erfolgreicheren Länder begrüßenswerte Schneeballeffekte in den betreffenden Ländern: Es entstehen Wachstumssektoren, an welche sich Umsatz- und Konsumbereiche angliedern, die mit der Zeit immer tiefer in die umgebenden Siedlungen ausstrahlen und zu Ansätzen einer Mittelstandsbildung führen, welche in diesen Ländern davor nie entstehen konnte. Selbst von den wilden Siedlungen der Megametropolen ist inzwischen unbestritten, dass es ihnen gelingt, in kleinen Anteilen an diesen wirtschaftlichen Entwicklungen zu partizipieren. Aber diese Prozesse, an die sich alle Hoffnungen klammern, verlaufen doch sehr zögerlich, und jedenfalls viel langsamer als die demographischen Prozesse, die zugleich in ihrem Hintergrund ablaufen. Diese sind noch auf viele Jahre gekennzeichnet von den großen Nachwuchsmengen der letzten Jahrzehnte, die bis auf weiteres den Sektor der Kinder und Jugendlichen zum beherrschenden Merkmal dieser Bevölkerungen haben werden lassen. Das hat zur Folge, dass mit der Zeit immer größere Mengen von Menschen in die Erwerbs- und Familienphase eintreten und den Trend zum Wachstum weiterführen werden. Dabei stehen dem Nachwuchs aus den erwachsenen Sektoren dieser Bevölkerungen Lehrer, Produzenten, medizinisches Personal und Administratoren nur in völlig unzureichender Menge gegenüber: Der Nachwuchs entbehrt daher sowohl der Ausbildung wie der Versorgung.

Auch wenn die – immer noch auch intentional optimistisch angelegten – Prognosen der Vereinten Nationen eine abnehmende Tendenz der Bevölkerungszunahmen registrieren, wird selbst im günstigsten Falle ein Ende des Wachstums allenfalls in Jahrzehnten eintreten. Und es wird eine Bevölkerung vorfinden, welche dann weder ausreichend gesund und ernährt noch ausgebildet ist. Die Macht dieser Entwicklung wird gerne beschönigt. Auf die Folgen der unausweichlichen Entwicklung stellen sich daher die Politiken der Länder und selbst der Vereinten Nationen nicht ein.

Eine Analyse der aus dieser Lage abzuleitenden Konsequenzen für die globale Einkommensentwicklung wird nicht vorgenommen. Beobachtet wird jedoch seit Jahrzehnten der gewaltige Einkommensunterschied zwischen den wirtschaftlich erfolgreichen und den anderen Ländern. Die Spanne der Lebenshaltungskosten zwischen den wohlhabenden und den armen Ländern lässt sich nur in Vielfachen ausdrücken, und sie ist ständig gewachsen.

Dass eine Angleichung der Einkommensverhältnisse der armen Länder an die der wohlhabenden nicht realisierbar ist, geht – auch bei allen technischen und ökonomischen Fortschritten – allein schon aus der Begrenzung der Ressourcen hervor. Nicht nur schrumpfen die natürlichen Ressourcen, auch die Anteile der erneuerbaren Ressourcen z.B. an der Energieversorgung lassen sich nur mit ungeheuren Investitionen steigern, und das vollzieht sich mit bestürzender Langsamkeit. Zwar sind die erforderlichen Nahrungs- und Versorgungsmittel theoretisch reichlich zu beschaffen; aber weder die hierzu notwendigen Investitionsmittel scheinen aufzubringen noch die Bereitschaft zu international fairen Verteilung oder auch nur zur Gewährleistung gleicher Handelschancen scheinen erreichbar zu sein. Die globalen Siedlungsverhältnisse einer gegenüber dem gegenwärtigen Stand noch einmal verdoppelten Menschenzahl sind schwer vorstellbar; dabei konzentrieren sich die Wachstumstendenzen gerade in den ärmeren Regionen.

Wenn eine aktive Entwicklung zu annähernd vergleichbaren Lebensbedingungen nicht realisierbar ist, bleibt letztlich eine schleichende Annäherung der Verhältnisse. Die Konsequenz kann nur sein, dass sich – wenn auch die Einkommen vieler Länder steigen mögen – die Einkommen der wirtschaftlich erfolgreichen Länder vermindern müssen. Da Einkommen politisch nicht reduzierbar sind, geschieht die Einkommensminderung auf heimlichen Wegen: durch Teuerung, Abgabensteigerung, Verminderung der öffentlichen Leistungen und Geldwertminderung.

Ich betrachte also die anfangs bezeichneten Probleme unserer wirtschaftlichen Entwicklung als eine unausweichliche Konsequenz der langfristigen globalen Tendenzen, die sich bereits längst auch bei uns bemerkbar machen.

Rückgang der Einwohnerzahlen als unvermeidlicher Prozess

Die Verminderung der Einwohnerzahlen in Deutschland ist demgegenüber lange genug zu beobachten. Sie wurde in den letzten dreißig Jahren lediglich durch eine stärkere Einwanderung überdeckt. Seit die Einwanderungen gedrosselt werden, wird sie offensichtlich und daher denn auch in der öffentlichen Diskussion zumindest als regionale Erscheinung wahrgenommen. Dass diese Tendenz nicht zu vermeiden und auch – etwa durch eine verstärkte Zuwanderung – kaum abzumildern oder hinauszuzögern ist, wurde selbst in den zahlreichen Enquêtekommissionen des Deutschen Bundestages und in vielen anderen Ausschüssen festgestellt.

Diese Verminderung der Einwohnerzahlen beruht auf der seit nunmehr einem Jahrhundert andauernden Nachwuchsbeschränkung, deren Steigerungen um 1970 und erneut um 1990 lediglich Etappen auf einem lange festgelegten Weg sind. Man kann diesen säkularen Vorgang sogar als Gewinn auf dem Wege der zivilisatorischen Entwicklung betrachten, wenn man etwa die ihm u.a. in den letzten hundertfünfzig Jahren zugrundeliegende allgemeine Steigerung der Einkommen, die Erleichterung der Lebensbedingungen, die Emanzipation der Frauen und die medizinische und hygienische Entwicklung betrachtet, welche die Lebensspannen verlängern, nicht zu reden von der schließlich realisierten jahrzehntelangen Friedensperiode zumindest in Europa.

Nicht nur, dass Änderungen dieser Tendenz nicht in Sicht sind, obgleich bereits kleine und zeitbedingte Milderungen breit gepriesen werden: sie hat sich nachweislich auf alle wirtschaftlich erfolgreichen Länder ausgedehnt. Nicht nur das: eine entsprechende Tendenz auch in den anderen, wirtschaftlich weniger erfolgreichen Ländern durchzusetzen, ist das allgemeine Ziel der internationalen Politik und selbst der betroffenen Länder. Eine Konsequenz dieser Entwicklung in Verbindung mit der begrüßenswerten Verlängerung der Lebenschancen ist die Verschiebung der Anteile der Altersgruppen, die Zunahme der Älteren und die Verminderung der wirtschaftlich aktiven Altersgruppen[1]. Auch diese Tendenz deutet sich bereits in allen wirtschaftlich erfolgreicheren Ländern an und ist selbst bei vielen anderen Ländern in Ansätzen zu beobachten.

Es wird also, wenn erst die demographischen Wachstumstendenzen in den ärmeren Ländern einigermaßen gebremst sind, zunächst zu Stagnationen und dann auch zu globalen Verminderungen der Menschenzahlen und zu einer weltweiten Veränderung des Anteils der Altersgruppen kommen. Bis dahin ist es zwar noch einige Jahrzehnte hin; aber in der Perspektive kann bereits jetzt festgestellt werden, dass eine solche Entwicklung unvermeidlich sein wird. Es ist daher töricht, vor dieser Tendenz die Augen zu verschließen.

Aber: auch wenn man seit einiger Zeit versucht, die Schäden dieses Schrumpfungsprozesses – etwa durch Vernichtung von Wohnraum und Geschäftsbauten – an einzelnen Stellen aufzufangen, kann von einer angemessenen weitschauenden Politik (wie sie denn doch bereits gelegentlich gefordert wird, etwa von den Akademien für Städtebau und Landesplanung) keine Rede sein.

Dabei kann eine Zusammenschau der Einkommens- und Einwohnerentwicklung nur zu der Folgerung führen, dass die auf uns zukommende Entwicklung eben nicht mehr mit einem weiteren Einkommenswachstum – der privaten wie der öffentlichen Haushalte – zu bewältigen sein wird, sondern mit fühlbar verminderten Ressourcen durchgestanden werden muss. Es ist  Sparsamkeit angesagt, und zwar auf Dauer, von deren Ausmaß wir uns – auch gerade in den heftigen öffentlichen Auseinandersetzungen der letzten Jahre – noch gar keine Vorstellung zu machen vermögen.

Es ist leicht, diese Perspektive als pessimistisch oder gar als defaitistisch abzulehnen. Wenn an dieser Stelle ein persönliches Wort gestattet ist: Ich bin durchaus Optimist. Ich bin der Überzeugung, dass nachwachsende Generationen nüchterner und realistischer sind. Sie werden Wege zum Überleben entdecken und werden sogar darin ihre Lebensfreude finden können. Aber das ändert nichts daran, dass sie dies in einer sich dramatisch verändernden Umwelt werden leisten müssen.

Man kann die Probleme natürlich diesen nachwachsenden Generationen aufbürden. Aber dies kann uns doch nicht davon entlasten, schon jetzt und in nüchterner Voraussicht die Verhältnisse einzurichten und womöglich „nachhaltiger“ zu gestalten. Das, immerhin, wird ja ständig gefordert. Und so fragt sich, warum es denn nicht längst geschieht.

2. Tatsachen und Politiken

Wissenschaft, so heißt es, sei für die Beobachtung und Darstellung der Tatsachen zuständig. Sie habe in den letzten Jahrhunderten das Leben verändert. Ohne sie seien weder die Aufrechterhaltung der gegenwärtigen Lebensbedingungen noch gar ihre künftige Sicherung möglich. Deshalb sei die Politik auf die ständige Beratung durch Wissenschaftler angewiesen. In unzähligen ständigen und befristeten Ausschüssen formulieren Wissenschaftler ihre Sicht der Dinge und der Erfordernisse.

Überraschend ist nur, dass, sobald derartige Stellungnahmen veröffentlicht werden, aus der Politik sogleich gekontert wird: Das wäre denn doch unrealistisch und unmöglich realisierbar. Es wird also die praktische Durchführbarkeit der wissenschaftlichen Forderungen gegen deren Befunde ins Feld geführt. Es heißt: zu teuer, nicht durchsetzbar, mit anderen Anliegen nicht kompatibel. Übersehen wird dabei, dass diese Argumente die vorgetragenen Befunde und die Folgerungen daraus nicht widerlegen, sondern sie vielmehr nur ablehnen.

Niemand wird bestreiten, dass solche Forderungen nicht immer einfach zu realisieren oder durchzusetzen sind. Auch Zielkonflikte sind unausweichlich. Aber gerade diese zu überwinden wäre ja denn wohl die Aufgabe der Entscheidungsträger. Warum entziehen sie sich dieser Aufgabe?

Man kann eine Antwort auf diese Frage in der generellen Analyse des Verhältnisses zwischen Wissenschaft und Politik oder an einem empirischen Beispiel zu erkennen suchen.

Die handelnden Politiker – gewählte Vertreter ebenso wie deren Unterstützer in den Parteien – haben solche Tatsachen einfach nicht im Blick. Ihre Aufmerksamkeit wird von anderen Beobachtungen in Anspruch genommen; und diese beziehen sich mehr auf die kurzfristigen Stimmungen unter den Menschen und die an diesen hängenden Chancen der Zuteilung politischer Macht und individueller Positionen (und Einkünfte).

Die handlungsrelevanten Wissensbestände von Wissenschaftlern und Politikern unterscheiden sich offenbar grundsätzlich. Was Wissenschaftler als »Tatsachen« glauben nachweisen zu können, sind für Politiker lediglich Meinungen politisch unzuständiger Grübler, während die erklärten Anliegen der Wähler für sie »politische Tatsachen« sind.

Ein politisch engagierter Wissenschaftler wird stets mit der Frage konfrontiert, welche Wirkung seine Einsichten auf die praktische Politik haben könnte. Er gefällt sich in der Vorstellung, Politik müsse solchen wissenschaftlichen Einsichten doch vermöge ihrer Beweiskraft folgen. Er sieht sich als ehrlicher Makler, als Berater, sucht das Gespräch mit Politikern, möchte ihnen seine Einsichten vermitteln und erwartet, dass sie dann auch – in eigener Einsicht – dementsprechend handeln müssten. Dass seine Einsichten übersehen, verdrängt, mißachtet werden, vermag er kaum sich vorzustellen, weil er von der Tatsächlichkeit und Notwendigkeit der von ihm erarbeiteten Einsichten durchdrungen ist.

Tatsächlich leben aber »Wissenschaftler« und »Politiker« in verschiedenen Welten. Die Kommunikation unter Wissenschaftlern verlangt Beweiskraft, den Nachweis empirischer Gültigkeit und theoretischer wie methodischer Begründung. Fehlen diese, so werden die Ergebnisse nicht akzeptiert. Aber Wissenschaftler haben auch das Bedürfnis nach Anerkennung – durch Politiker, schon weil ihre Arbeitsmittel von deren Haushaltsführung abhängen; durch eine breitere Öffentlichkeit, weil sie neben der akademischen auch ein öffentliches Prestige für ihre vermeintlichen Leistungen anstreben.

Kommunizieren nun Wissenschaftler mit Politikern – etwa in Gutachten und Stellungnahmen – so wird ihnen oft aufgegeben, ihre Ergebnisse möglichst kurz zusammenzufassen; die Beweisführung bleibt dabei (mit Ausnahme von Kommunikationen mit einer hochgebildeten Fachadministration, die jedoch von den Entscheidungsträgern ebenfalls mißachtet wird) auf der Strecke. Damit erscheinen die gezogenen Folgerungen als beliebig und können mit sachfremden Argumenten gekontert werden.

Kommunizieren Wissenschaftler, zumeist auf dem Umweg über die Medien, mit der Öffentlichkeit, so müssen die Gedankengänge grob vereinfacht, »popularisiert« und die Beweisführungen von vorneherein unterschlagen werden. Um die Glaubwürdigkeit der Ergebnisse akzeptabel erscheinen zu lassen, werden sie in den Medien zumeist mit Wertbezügen ausgestattet, die zu vermeiden innerhalb der wissenschaftlichen Kommunikation gerade als gefordert gilt. In der Öffentlichkeit sind es jedoch diese Wertbezüge, die zu Akzeptanz oder Ablehnung von Einsichten führen.

Die Öffentlichkeit – das sind gerade auch die Wähler demokratischer Institutionen. Die Parteien aber unterscheiden sich – viel mehr als nach konkreten Handlungsabsichten – gerade in den Wertsetzungen ihrer Programme. Infolgedessen sind auch die Gremien der Entscheidungsfindung, die »Legislative«, nach den Wertsetzungen der Parteien zusammengesetzt und repräsentieren – dies ist explizit die Absicht der Verfassungen – die in der Öffentlichkeit vorzufindenden Wertsetzungen. Da die »Exekutiven«, die Handlungsbeauftragten der Parlamente, nach deren Programmen zusammengestellt werden, spiegeln auch diese die parlamentarischen Wertpräferenzen wider und sind bestrebt, diesen zu folgen. Das werden sie selbst in ihrer Wissenschafts- und Forschungspolitik tun, und derart die Zusammensetzung der Wissenschaftler und die in der Forschung zu behandelnden Fragen zu beeinflussen suchen.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass »die Politik« den Neigungen der Öffentlichkeit zu folgen sucht. Und diese Neigungen sind stets mehr auf die absehbaren Vorteile als auf langfristig vernünftig erscheinende Vorsorge gerichtet.

Sieht man das so – in einer starken Vergröberung der Auffassungen der Wissenschaftsforschung der letzten Jahre – dann ist gar nicht verwunderlich, dass wissenschaftliche Einsichten weder in der Öffentlichkeit noch gar in der Politik aufgegriffen werden; sie sind ihrer Beweisfähigkeit beraubt und stattdessen in Wertungen gehüllt, welche ihren Stellungnahmen ursprünglich fremd sind[2], aber dann doch über ihre Akzeptanz entscheiden.

Der Wissenschaftler, der sich über den Mangel an Akzeptanz seiner doch so wohlbegründeten Einsichten in der Öffentlichkeit und in der Politik wundert, übersieht, dass er gegenüber den gewählten Entscheidungsträgern lediglich zu den Wählern gehört: Unter diesen vertritt er eine kleine Minderheit, während der Politiker sich für seine Anerkennung und längerfristige Wirksamkeit von deren Mehrheit abhängig weiß. Und in dieser machen sich andere Einflüsse geltend als wissenschaftliche Einsichten, vor allem solche der akuten, kurzfristigen Interessen.

Der politisch engagierte Wissenschaftler versäumt es zu oft, seine Einsichten auch dieser Mehrheit nahezubringen. Und tut er es, so kommt er vielfach mit Überlegungen, die längerfristige Entwicklungen betreffen, gegenüber aktuellen Anliegen kaum zum Zuge.

3. Leben im Jahr 2000, im Jahr 2010 und danach

Ganz fremd waren solche Gedanken den Kollegen nicht, mit denen vor über zwanzig Jahren (mit Unterstützung der Volkswagen-Stiftung) eine größere Untersuchung über die Konsequenzen der Bevölkerungsentwicklung auf die Lebensbedingungen in Deutschland durchgeführt worden war. Nach etwa vier Jahren intensiver Arbeiten hatten sich Berge von Unterlagen angehäuft, an deren gesamte Veröffentlichung gar nicht zu denken war; sie wurden in der Stiftung (und in einigen Universitätsbibliotheken) als Beleg für die geleistete Arbeit hinterlegt; den Bearbeitern in dem Dutzend beteiligter Institute und Projekte wurde die Veröffentlichung ihrer Ergebnisse überlassen. Es wurde aber auch auf eine gemeinsame Veröffentlichung gedrungen, welche sich ausdrücklich an eine breitere Öffentlichkeit wenden sollte. So entstand das Bändchen über das »Leben im Jahr 2000 und danach – Perspektiven für die nächsten Generationen«, das 1984 bei Arani in Berlin erschien.

Einfach war es nicht, die Kollegen zu einer – in ihren Augen oft unmöglich verkürzten – allgemeinverständlichen Darstellung ihrer Ergebnisse zu bewegen. Und dennoch ist es dieses bescheidene Büchlein, was allein von der aufwendigen Untersuchungsreihe übrig geblieben und einigermaßen bekannt geworden ist. Aber es ist, bei aller Verkürzung, doch ein wissenschaftliches Buch geblieben: Es bietet auch empirische Nachweise, theoretische Hintergründe und methodische Erläuterungen; mit Bewertungen demgegenüber hält es sich zurück.

Kann man danach davon ausgehen, dass diese Ergebnisse tatsächlich bekannt geworden sind? Offenbar nicht; auch die Medien haben sich ihrer kaum angenommen. Es handelte sich um unbequeme Thesen, deren Nachrichtenwert gegenüber aktuellen Katastrophen gering ist.

Die Thesen betrafen zunächst die erwartbare Bevölkerungsentwicklung. Das sind Themen, die von vorneherein von großen Teilen der Medien als »verdächtig« betrachtet wurden und immer noch werden.[3] Ihre Bearbeitung wurde[4] als spekulativ und nicht beweiskräftig abgetan, zumal eine eindeutige politische (also wertende) Position fehlte. Dazu kam ein politisches Klima in den 1980er Jahren, welche die längerfristigen Perspektiven grundsätzlich in ihrer aktuellen politischen Relevanz in Frage stellte: Während in den 1970er Jahren die »Zukunftsforschung« florierte[5] und sogar unmittelbar bei den Spitzen der Regierungen (in Bonn wie in Düsseldorf etwa) »Stabsstellen« zur zukunftsorientierten Politikberatung eingerichtet worden waren, konzentrierten sich die Regierungsstellen zunehmend auf »naheliegende« und »unmittelbar entscheidungsrelevante« Aufgaben. Die öffentliche Aufmerksamkeit für längerfristige Entwicklungen schwand dahin.

Die Thesen stammten aus einer Arbeitsgruppe jüngerer Bevölkerungswissenschaftler, die sich in den Jahren 1975-1979 in der Werner Reimers-Stiftung in Bad Homburg zusammengefunden hatte[6]. Ihr Anliegen war zunächst ein rein theoretisches: Sie wollte angesichts des Mangels an theoretischen Orientierungen über zwei Jahrzehnte[7] die verfügbaren Theorien zur Deutung der Bevölkerungsvorgänge sichten und eine neue Grundlage für entsprechende empirische Untersuchungen zu gewinnen suchen, die in Konsequenz des »neuen Geburtenrückganges« um 1970 fällig erschienen. Mit der Zeit bildete sich dort die Überzeugung, dass das Anliegen nur in einer umfassenderen wissenschaftlichen Untersuchung zu konkretisieren und weiter voranzutreiben war; dazu schlug Eberhard Umbach einen Antrag bei der Stiftung Volkswagenwerk vor, der schließlich auch Erfolg hatte. Daraus entstand die Arbeit, aus der u.a. auch das oben erwähnte Bändchen hervorging.

Die Thesen im einzelnen hier zu wiederholen, erscheint nicht zweckmäßig: Sie sind zu vielseitig begründet, um noch einmal verkürzt wiedergegeben zu werden. Hier sollen nur die Themenbereiche genannt und die Thesen zur Stadtentwicklung ganz kurz benannt werden.

Der Bericht geht – nach Einleitungen zur Zukunfts- und Bevölkerungsforschung – vom Wandel der Familienstrukturen aus, der sich damals abzeichnete und seither bestätigt und verstärkt hat. Daraus ergeben sich die Annahmen, die einer (selbst erarbeiteten) Vorausschätzung der Bevölkerungsentwicklung in Deutschland zugrundegelegt wurden. Sie führte zu dem Ergebnis, dass ab 2000 mit dem Rückgang der Wohnbevölkerung in Deutschland zu rechnen sei – auch unter Einbeziehung der Ergebnisse aufgrund verschiedener Annahmen über die weiteren Gewinne aus Einwanderungen – und dass die Altersgliederung sich mit der Zeit erheblich zu Lasten der jüngeren und zu Gunsten der älteren Altersgruppen verschieben müsse. Die Betrachtung geht dann zur Stadtentwicklung über, die zunächst kleinräumig am Stuttgarter Beispiel dargestellt wird. Daran wird – ganz im Gegensatz zu den erklärten Zielsetzungen der damaligen Stadtentwickungspolitik – die Schrumpfung der Einwohnerzahlen im Verdichtungsbereich und die Ausdehnung der Randgebiete sichtbar und für die nachfolgenden Jahrzehnte eine Verschärfung der Entwicklung geschätzt. Diese Detailaufnahme wird dann auf den Prozess der Verstädterung in Westdeutschland insgesamt projiziert. Dieser lässt bereits seit 1970 den Rückgang der großen und die Stagnation der kleineren Agglomerationen erkennen. Die weitere Entwicklung dieses Prozesses wird bis 2040 geschätzt; sie zeigt die kontinuierliche Schrumpfung der Zentren, das Wachstum der Randsiedlung und die Stagnation der Mittelstädte. Daraufhin wird der Bedarf an Wohnungen abgeschätzt. Diese läuft aufgrund der beobachteten Haushaltsentwicklung und des Anspruchs an größere Wohnflächen für die nächste Zukunft noch auf einen zunehmenden Wohnungsbedarf in den Ballungsgebieten hinaus, der sich aber ab 2020 abzumildern scheint. Dem folgen besorgte Überlegungen zur Entwicklung der Umweltbedingungen. Sie laufen darauf hinaus, dass die sich abzeichnenden Probleme nur mit größeren Aufwendungen zu bewältigen sind, also eine positive Wirtschaftsentwicklung voraussetzen. Für die Wirtschaftsentwicklung wird mit eher moderaten Wachstumsraten gerechnet, die aber – im Ansehen der erwarteten Verminderung der Erwerbspersonenzahl – zur Aufsaugung der Arbeitslosigkeit und zu steigenden Einkommen führen können. Daraus ergibt sich eine Überlegung zu der weiteren Entwicklung der Freizeit und ihrer Nutzung, deren private und wirtschaftliche Bedeutung zuzunehmen scheint. Anders steht es um die Versorgung mit Bildungseinrichtungen. Einerseits rechnet die Studie mit einem weiteren Trend zur Fortbildung, mit zunehmenden Anteilen der Frauen an der höheren Schulbildung, andererseits mit abnehmenden Schüler- und Studenten- und Lehrerzahlen und infolgedessen mit einem Überfluß an Schulbauten, namentlich in den ländlichen Gebieten. Zu einer dramatischen Entwicklung müsse es im Gesundheitswesen wie in der Altersversorgung kommen: Die steigenden Kosten müssen von kleineren Produzentenmengen aufgebracht werden. Selbst die Entwicklung der Verteidigungsleistungen wird skeptisch beurteilt.

Jede Vorausschau ist nicht auf eine genaue Realisierung der geschätzten Werte gerichtet, sondern auf die Ermittlung der Trends. Sind diese vor zwanzig Jahren richtig eingeschätzt worden? Unverkennbar ist, dass die umwälzenden Ereignisse der Zwischenzeit: die deutsche Vereinigung, der Zusammenbruch der sozialistischen Wirtschaftsgemeinschaft und die „digitale Revolution“ nicht berücksichtigt werden konnten. Die wirtschaftliche Entwicklung ist daher anders verlaufen: Die Erträge mussten den Rückstand in den neuen Bundesländern zu kompensieren suchen; sie fehlten daher der wirtschaftlichen Entwicklung; daher wurden Investitionen in Ländern geringerer Lohnkosten vorgenommen, welche zwar diesen Ländern nützten, aber zugleich das Arbeitsangebot im eigenen Lande verkürzten; Arbeitslosigkeit wurde zum Kennzeichen des letzten Jahrzehnts und führte zum Ruin der Sozialsysteme wie der Kommunalfinanzen. Insoweit haben die älteren Vorausblicke die tatsächlich eingetretene Entwicklung verfehlt.

Aber die demographische Entwicklung wurde dennoch zutreffend eingeschätzt: Die abnehmenden Einwohnerzahlen und die zunehmenden Ausländeranteile sind eingetreten, die Schrumpfung der Stadtzentren und die Ausweitung der Randsiedlungen haben sich fortgesetzt; die Problematik der Schul-, Sozial- und Rentensysteme hat sich immer deutlicher gezeigt. Dabei haben die einen Tendenzen die anderen verstärkt; so hat sich etwa die Aussichtslosigkeit an den Arbeitsmärkten in einer Benutzung der höheren Schulen und Hochschulen als Warteräume umgesetzt.

Jetzt, zwanzig Jahre später, werden die Folgen der lange erkennbaren Strukturprobleme derart deutlich, dass niemand sie zu leugnen vermag. Sie sind zudem verschärft durch die zumindest über diese zwei Jahrzehnte versäumte politische Wahrnehmung und Handlungsbereitschaft.

Die Missachtung wissenschaftlicher Einsichten hat ihre Konsequenzen. Statt ihnen mehr Aufmerksamkeit zu widmen und die wissenschaftliche Produktion zu unterstützen, werden die Einrichtungen für Forschung und Lehre weiter beschnitten und administrativ gegängelt. Wohin kann das führen?

Kein Zweifel, ein Blick auf 2010 oder 2020 müsste heute noch weit besorgter ausfallen. Denn es hat sich nicht nur wenig getan, die Möglichkeiten zur Bewältigung sind zudem immer weiter eingeschränkt worden.

Auch für die Stadt- und Regionalentwicklung können, angesichts der fiskalischen Pleiten und der ständig wachsenden Diskrepanz zwischen Erfordernissen und Handlungspotentialen, kaum zufriedenstellende Perspektiven aufgezeigt werden. Da wäre es nur ehrlich, wenn man den Bürgern empfehlen würde, sich auf eine lange Dürreperiode einzurichten.

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Prof. em. Dr. phil. Rainer Mackensen hat von 1968 bis 1992 an der Technischen Universität Berlin das Fach Soziologie gelehrt. Seine Arbeitsgebiete liegen auf dem Gebiet der soziologischen Theorie, der Bevölkerungslehre, der Geschichte der Sozialwissenschaften im 20. Jahrhundert und hier insbesondere der Bevölkerungswissenschaft unter dem Nationalsozialismus. Weiterhin beschäftigt er sich mit den Arbeitsfeldern der Umweltsoziologie, der Stadt- und Agglomerationsforschung, der Siedlungs- und Landschaftsentwicklung sowie der kulturellen Integration in Europa.

Literatur

Castells, M.: The Rise of the Network Society, Vol. I: The Information Age, Economy, Society and Culture, Malden, MA 1996. Jetzt deutsch bei Leske und Budrich, Opladen.

Grymer, H.: Stadtentwicklung trotz Schrumpfung? in: Liebmann, H./ Robischon, T. eds.: Städtische Kreativität. Potenzial für den Stadtumbau, Erkner/ Darmstadt 2003, S. 184-195.

Häußermann, H./ Siebel, W.: Neue Urbanität, Frankfurt am Main, 1987.

Juckel, Lothar 2002: Schrumpfende Städte fordern neue Strategien für die Stadtentwicklung. Aus dem Leerstand in neue Qualitäten? Dokumentation des Wissenschaftlichen Colloquiums der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung 2001 in Leipzig. Verlag Müller und Bußmann (ohne Ortsangabe).

Kuhn, T.-S.: Die Struktur wissenschaftlicher Revolution, Frankfurt am Main, 2. Auflage, 1976.

Mackenroth, Gerhard 1953: Bevölkerungslehre. Berlin u.a.: Springer.

Mackensen, Rainer ed. 1984: Leben im Jahr 2000 und danach - Perspektiven für die nächsten Generationen, ed. mit E. Umbach u. R. Jung, Berlin: Arani 1984.

Mackensen, Rainer ed. 1998: Bevölkerungsfragen auf Abwegen der Wissenschaften – Zur Geschichte der Bevölkerungswissenschaft in Deutschland; Dokumentation des 1. Colloquiums zur Geschichte der Bevölkerungswissenschaft in Deutschland im 20. Jahrhundert am 23.-25. Juli 1997 in der Werner Reimers-Stiftung in Bad Homburg mit ergänzenden  Nachträgen herausgegeben von Rainer Mackensen, Leske und Budrich, Opladen 1998.



[1]           Überzeugend dazu z.B. James W. Vaupel: Deutschlands größte Herausforderung, in der FAZ vom 8. April 2004, # 84, p. 41.

[2]           In dieser sehr verkürzten Darstellung verzichte ich auf die Erörterung der Probleme der Wertbasis wissenschaftlicher Arbeiten, welche nicht zu leugnen ist.

[3]           Zu den Bewertungen der Bevölkerungswissenschaft und deren Begründung in der Bevölkerungspolitik des »Dritten Reiches« zunächst Mackensen ed. 1998: Bevölkerungsfragen; seither zahlreiche Veröffentlichungen sowohl aus den zuständigen wissenschaftlichen Gesellschaften (ebenfalls bei Leske und Budrich, Opladen) sowie aus den Untersuchungen eines Forschungsschwerpunktes der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

[4]           Unter dem Druck der tatsächlichen Belastung der Versorgungssysteme und unter der Beweislast der zu ihrer »Reform« veranlaßten gutachtlichen Äußerung zahlreicher Wissenschaftler hat sich diese Neigung in den allerletzten Jahren vermindert: Die Ergebnisse der demographischen Forschung werden heute nicht mehr grundsätzlich angezweifelt.

[5]           In Berlin wurde 1971 ein »Zentrum Berlin für Zukunftsforschung« gegründet, das 1982 wieder aufgelöst werden musste: Die Chancen der Finanzierung durch Projekte - »Aufträge« öffentlicher Stellen wie beantragte Forschungsarbeiten – waren unter der oben bezeichneten Wendung der öffentlichen Einstellungen geschwunden. Allerdings war daran auch die »Zukunftsforschung« selbst nicht unbeteiligt, indem spekulative »Szenarien« gegenüber empirisch begründeten Perspektiven in den Vordergrund getreten waren.

[6]           Über die Arbeit der Arbeitsgruppe »Bevölkerungsentwicklung« liegt kein zusammenfassender Bericht vor. Die Arbeitsergebnisse schlugen sich jedoch in einer Fülle von Veröffentlichungen der Teilnehmer und in ihrer weiteren wissenschaftlichen Arbeit erkennbar nieder.

[7]           Die einzige große Bearbeitung des Themas hatte 1953 Gerhard Mackenroth vorgelegt. Dessen Darstellung war aber nicht ganz konsistent und konnte damals die internationale Literatur noch kaum berücksichtigen.

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Dies ist ein Dokument der Seite www.schrumpfende-stadt.de
Erstelldatum: 03. Mai 2004
Autor: Rainer Mackensen