| Altersselektivität
und regionalpolitische Konsequenzen der Abwanderung aus Ostdeutschland
Seit
1990 setzten in Ostdeutschland weitreichende ökonomische und politische
Strukturbrüche ein. Ostdeutschlands Bevölkerung sah sich zudem einem
rapiden sozialen Umbruch gegenüber gestellt. Als Reaktion entstanden
oder vertieften sich erhebliche sozioökonomische und demografische
Disparitäten zwischen Ost- und Westdeutschland. Die Bevölkerungsentwicklung
trat hierbei nur zögerlich ins Blickfeld der Öffentlichkeit. Neben
dem Geburtenrückgang bestimmt aber die Altersselektivität der Wanderungen, in
Intensität und Richtung unterschiedlich ausgeprägt, unmittelbar die
sozioökonomische Entwicklung der ostdeutschen Regionen. Interregionale
Wanderungen sind zudem in ihrer Altersselektivität ein sensibler Indikator
für Disparitäten und vorherrschende Standortqualitäten. Diese
selektive Abwanderung entwickelt sich allmählich zu einem Hauptproblem
der neuen Bundesländer. Problematisch ist, dass insbesondere gut ausgebildetes
Humankapital nach Westdeutschland abwandert. Dies hat
Folgen für die Entwicklung und Zukunft einer Region. Im Verbund mit
der natürlichen Bevölkerungsentwicklung wirken die selektiven Wanderungen
auf mehreren Ebenen auf Staat und Gesellschaft, mit weitreichenden
Folgen für Wirtschaft und Regionalentwicklung. Eine negative Wirtschaftsentwicklung
und schlechte Aussichten auf dem Arbeitsmarkt verstärken wiederum
Anreize zum Abwandern und setzen einen Teufelskreis in Gang. Viele
ostdeutsche Regionen geraten so in eine ökonomische und demografische
Krise, die den Aufholprozess stark erschwert. Die selektiven Wanderungen
treten allerdings regional mit unterschiedlicher Intensität auf und
haben unterschiedliche Entwicklungsperspektiven zur Folge. Angesichts
seiner regionalpolitischen Bedeutung findet der Problemkreis Schrumpfung
und Regionalentwicklung verstärkt Einzug in Wissenschaft und
Planung (Dick/Mäding 2002, Müller 2003, www.regionale-anpassung.de). Untersuchungen über den Wirkungskomplex zwischen
(altersselektiven) Wanderungen und Regionalentwicklung sind gleichwohl
noch selten. Nachfolgend
wird der regional-demografische Wandel in Ostdeutschland mit Schwerpunkt
auf den altersselektiven Ost-West-Wanderungen untersucht[1]. Nach Beschreibung der wesentlichen demografischen
Trends werden Phasen und regionale Typen der altersspezifischen Wanderungen
beschrieben, und daran anschließend die regionalen Milieus bzw. Strukturtypen,
die mit den jeweiligen altersspezifischen Mustern in Verbindung stehen.
Schließlich wird erörtert, wie sich die Probleme, Chancen und Perspektiven
der ostdeutschen Regionalentwicklung angesichts dieser Entwicklung
darstellen. Der
Erklärung altersselektiver Wanderungen kann man sich mit Hilfe von
Theorien nähern, die das Konzept des Lebenszyklus zur Grundlage nehmen
(Rossi 1955, Kemper 1985). Der Ansatz beschreibt den Einfluss der
jeweiligen Lebenssituation auf (interregionale) Wanderungen. Letztere
werden durch eher längerfristige Änderungen im Lebensverlauf ausgelöst
und können als Reaktion auf disparitäre Lebensbedingungen verstanden
werden (die wiederum von Wanderungen beeinflusst werden können). Es
wird gewandert, wenn in der Zielregion ein höheres "Befriedigungsniveau"
zu erwarten ist, das zum einen abhängig ist von der Stellung im Lebenszyklus,
zum anderen von der Bewertung der regionalen Lebensbedingungen nach
den jeweiligen altersspezifischen "Anspruchsniveaus" (Bogue/Hagood
1972). Für die weitere Analyse wurden daher funktionale Altersgruppen
definiert und verwendet, die zwar eine Aggregation der Daten bedeuten,
aber die unterschiedlichen Wanderungsmotive trotzdem anschaulich abbilden
(vgl. Gatzweiler 1975): Die
demografische Entwicklung Ostdeutschlands seit 1990 zeigt sich vor
allem in einem Geburtenrückgang von historischem Ausmaß und einer
selektiven Abwanderung, verbunden mit starken Brüchen in den Alters-,
Haushalts- und Familienstrukturen. Zusammen resultierte dies in einer
deutlichen Alterung. Insgesamt verlor Ostdeutschlands Bevölkerung
1990-2002 rund 1,05 Mio. Einwohner durch Abwanderung an Westdeutschland
(Abbildung 1). Abbildung
1: Wanderungen in Ostdeutschland, 1991-2002 (ab 2001: ohne Berlin/Ost),
Quelle: Statistisches Bundesamt, eigene Berechnungen Die
Altersselektivität schlug sich darin nieder, dass lediglich die ältere
Bevölkerung leichte Wanderungsüberschüsse verzeichnen konnte, während
vor allem die jüngere unter 30 Jahren in starkem Maße abwanderte (Abbildung
2). Dies wurde durch Zuzüge aus dem Ausland etwas ausgeglichen, allerdings
waren diese Wanderungsgewinne in den Altersstufen erheblich geringer
als die Verluste. Abbildung
2. Wanderungen in Ostdeutschland 1991-2002 nach Altersgruppen (Saldo;
ab 2001: ohne Berlin/Ost); Quelle: Statistisches Bundesamt, eigene Berechnungen Des
weiteren waren die Ost-West-Wanderungen auch geschlechtsspezifisch
stark ungleich: 1991-2002 wanderten netto gut 243.700 Männer aus Ostdeutschland
fort, jedoch 447.600 Frauen! In der Altersgruppe der 18-25-Jährigen
kommt dieses Missverhältnis noch drastischer zum Ausdruck (95.600
Männer gegenüber 191.600 Frauen). Die überdurchschnittliche Abwanderung
der Frauen betraf damit in der Hauptsache die jüngeren/mittleren Altersstufen
von 18 bis 50 vor allem aufgrund mangelnder Erwerbsmöglichkeiten
und eines hohen Ausbildungs- und Erwerbstätigenniveaus. Daneben
wuchs die ostdeutsche Binnenwanderung immer stärker an. Stadt-Umland-Wanderungen
dünnten die Kernstädte aus; großräumige, altersspezifisch differenzierte
Binnenwanderungen führten zu Bevölkerungsumverteilungen innerhalb Ostdeutschlands.
Analog dazu hat die Mobilität in allen Altersstufen und Wanderungsrichtungen
stetig zugenommen, sieht man von der singulär hohen Ost-West-Mobilität
1989-1991 ab. Konsequenz dieser Entwicklung war in den meisten Kreisen
ein deutlicher Bevölkerungsrückgang, insbesondere in Kernstädten und
peripheren Gebieten. Insgesamt nahm die Bevölkerung in Ostdeutschland
(ohne Berlin) 1991-2002 um knapp 900.000 Menschen ab auf 13,6 Mio. (-6%)
in einzelnen (Mittel)Städten jedoch sehr viel dramatischer: Hoyerswerda
29,3%, Schwerin 21,6%, Halle 21,0%, Neubrandenburg
20,0%, Frankfurt/Oder 19,9%. Das Umland größerer Städte
konnte dagegen als einziger Gebietstyp Bevölkerungszuwachs verzeichnen,
teilweise bis zu 25% (BBR). Seit 1990 fand eine Intensivierung und alters-, geschlechts- und regionsspezifische Ausdifferenzierung
der ostdeutschen Wanderungsmuster statt[4].
Die räumliche Altersselektivität der Wanderungen (jüngere, mittlere
und ältere Bevölkerung) von und nach Westdeutschland kann räumlich
und zeitlich in drei Phasen eingeteilt werden: Typisiert
man die altersselektiven Wanderungen auf Kreisebene mittels einer
Clusteranalyse (Karte 1), so kann man fünf Muster unterscheiden. Karte 1: Altersstrukturtypen der Westwanderungen,
1997-99 Die Kreise mit Abwanderung in fast allen Altersstufen,
besonders aber den jüngeren (Typen 2, 3 und 4), liegen vorrangig im
Norden und in strukturschwachen Gebieten. Die Gruppe der 18-25-Jährigen
weist dabei in allen fünf Typen die jeweils (relativ) stärkste Abwanderung
auf. Typ 2 mit einem negativen Saldo in fast
allen Altersstufen, vor allem der jüngeren, ist v.a. im Norden und
strukturschwachen Kreisen anzutreffen. Allerdings hat dieser Typ auch
teilweise leichte Zuwanderungsüberschüsse der älteren Bevölkerung.
Zum Typ 3 gehören nur Dessau, Hoyerswerda
und Frankfurt/Oder, die durch eine überdurchschnittliche, vor allem
jugendliche Abwanderung (mit den höchsten Werten aller Cluster), geprägt
sind. Diese Städte weisen ausgeprägte Schrumpfungs- und Alterungstendenzen
auf. Typ 4 und 5 haben fast durchgängig Wanderungsverluste, allerdings kann Typ 5
teilweise Zuwanderungsgewinne bei der älteren Bevölkerung verbuchen.
Insgesamt ist der negative Saldo dieses Typs aber unterdurchschnittlich,
verglichen mit den Typen 2-4. Bei Typ
1 finden sich schließlich einzelne Kreise mit einem Wanderungsüberschuss
gegenüber Westdeutschland, zumindest in einzelnen Altersgruppen. Diese
gehören zu den wenigen Kreisen, die spezifische Standortvorteile entwickelt
haben sei es als Wohn-, oder auch als Wirtschaftsstandort (Berliner
Umland Jena, Erfurt; vgl. Punkt 8). Auf Grundlage der Wanderungsanalyse in 3. und 4.
wurden im nächsten Schritt regionale
Milieus herausgebildet. Während in 4. die Wanderungen lediglich
in ihrer regionalen und altersselektiven Differenzierung typisiert
wurden, verknüpfen diese Cluster Indikatoren aus verschiedenen sozioökonomischen
Bereichen mit den altersselektiven Ausprägungen der Ost-West-Wanderungen
zu regionalen Struktur- und Entwicklungstypen[5].
Diese Regionalmilieus bilden
die Standortqualitäten ab, von denen angenommen wird, dass sie in
ihrer unterschiedlichen Wahrnehmung und Bewertung zu selektiven Wanderungen
führen (vgl. 1.). Karte 2 zeigt dies beispielhaft für die Altersgruppe
der 18-30-Jährigen. Karte 2: Regionale Milieus der Westwanderungen,
1997-1999: 18-30-Jährige Die
Ergebnisse multivariater Regressionen verweisen auf Interdependenzen
zwischen Struktur- und Entwicklungsindikatoren und dem Wanderungsverhalten.
Bei den jüngeren Altersgruppen gibt es einen starken Zusammenhang
der Arbeitsmarktsituation mit der Größe des Wanderungsgefälles, das
mit mangelnden beruflichen Perspektiven ansteigt. Es ist ebenfalls
ein Zusammenhang mit der demografischen Entwicklung festzustellen:
in jüngeren Kreisen ist die Abwanderung geringer als in den überdurchschnittlich
schrumpfenden. Dies deutet auf den Teufelskreis einer einmal eingesetzten
Abwanderung bzw. eines Bevölkerungsrückgangs hin. Damit wird der Ansatz
untermauert, dass die Ost-West-Wanderungen durch eher längerfristige
Änderungen im Lebensverlauf bestimmt werden. Es wird gewandert, wenn
in der Zielregion ein höheres Befriedigungsniveau zu erwarten ist,
das vor allem abhängig ist von der Stellung im Lebenszyklus (vgl.
2.)[7].
Vor allem bei jüngeren und mittleren Altersgruppen sind Wanderungen
in erster Linie von Arbeitsmarkt-, Lohn- und Einkommensdisparitäten
zwischen Ost- und Westdeutschland bzw. innerhalb Ostdeutschlands abhängig.
Dafür steht auch der hohe Anteil der 18-30-Jährigen, die mit über
40 Prozent an den Fortzügen nach Westdeutschland beteiligt sind. Schließlich
beeinflussen die regionalen Standortqualitäten die Wanderungen: sie
tragen dazu bei, dass sich ein bestimmtes Wanderungsmilieu entwickelt
und auf die Entscheidung einwirkt, wobei die Wahrscheinlichkeit mit
dem Gefälle der Disparitäten steigt. Es werden zugleich außerökonomische
Faktoren mit dem Alter zunehmend wichtiger, vor allem für Familien
und Ältere. Die Folgen der selektiven Abwanderung in Ostdeutschland
betreffen verschiedenste Bereiche (Müller 2003): zum einen auf der
Ebene der Raumordnung/Stadtentwicklung, zum anderen auf der Ebene
Staat und Gesellschaft, auf die an dieser Stelle nicht weiter eingegangen
werden soll (Auswirkung auf Sozialversicherungssysteme, Unternehmen,
Konsum und Nachfrage). Bei der Darstellung der regionalpolitischen
Konsequenzen kann dabei nicht immer präzise zwischen Abwanderung und
Geburtenrückgang als Auslöser oder Bestimmungsfaktor unterschieden
werden beide Prozesse wirken meist (oft parallel und verstärkend)
auf gleiche Art und Weise. Die Entwicklung verlangt in jedem Fall
nach neuen Konzepten und Strategien für die Steuerung solcher Schrumpfungsprozesse.
Die Strukturprobleme betreffen in den meisten Regionen ähnliche Bereiche,
obgleich sich ausgeprägte Differenzierungen ergeben. Es besteht damit
die Gefahr einer gegenseitigen Entwicklungsdynamik und wachsender
räumlicher Disparitäten in Lebensbedingungen und qualität. Ein zentrales Problem, das von der Abwanderung über
alle Altersstufen hinweg tangiert wird, sind die mit der Bevölkerungszahl
abnehmenden kommunalen Einnahmen,
denen wachsende Ausgaben gegenüberstehen. Abwanderung vor allem jüngerer
Menschen wirkt zudem (zusammen mit einem Sterbeüberschuss) auf den
Wohnungsbedarf, der längerfristig zurückgehen
wird, auch wenn dies durch Haushaltsverkleinerungen und den wachsenden
Wohnflächenbedarf noch ausgeglichen wird (Winkel 2001). Zu oft wurde
aber in den Kommunen Bauland neu ausgewiesen, obgleich die demografische
Entwicklung keine derartige Planung rechtfertigte. Eine unmittelbare
Folge ist schon heute der Leerstand in einzelnen Kernstädten; es wird
davon ausgegangen, dass in Ostdeutschland in den nächsten zehn Jahren
3-400.000 Wohnungen abgerissen werden müssen. Im suburbanen und ländlichen
Raum wird die Zahl älterer Menschen stark zunehmen, was auf die mangelhafte
Erreichbarkeit infrastruktureller Einrichtungen verweist. Dienste und Nachfrager
müssen in Zukunft mobiler werden und sich an die neuen Rahmenbedingungen
anpassen. Funktionsfähige Arbeits- und Versorgungsmärkte in peripheren
Gebieten können trotzdem künftig nur schwer aufrechterhalten werden.
Die Schrumpfung bewirkt eine geringere Auslastung/Nachfrage der Dienstleistungen
und Versorgungseinrichtungen, bei gleich bleibenden Kosten. Die qualitativ-selektive
Wirkung der Abwanderung äußert sich unmittelbar im Verlust an
Humankapital, vor allem im Wegzug höher Qualifizierter. Dies ist ein
Bereich, in dem dringender Handlungsbedarf besteht denn das
Humankapital als integraler Bestandteil des regionalen
Entwicklungspotenzials wird ein immer wichtigerer Erfolgsfaktor (Schramm
1995). Junge, gut qualifizierte Bevölkerung zieht fort; im Gegenzug
ziehen nur wenige gut Ausgebildete nach Ostdeutschland (Haas 2002).
Gerade jüngere Fachkräfte, die in das Berufsleben eintreten, haben
eine eingeschränkte räumliche Wahlmöglichkeit und müssen sich primär
nach Arbeitsmarktoptionen richten. Die langfristigen Standortbedingungen
verschlechtern sich jedoch durch die demografische Entwicklung, wirtschaftliche
Chancen werden behindert, eine weiterhin hohe Arbeitslosigkeit und
sinkende Attraktivität für Gewerbe- und Industrieansiedlungen ist
zu befürchten. Auf der anderen Seite kann eine Zunahme des Fachkräftemangels
drohen, der heute schon bemerkbar ist und stellenweise mit bis zu
20% an unbesetzten Stellen zu Buche schlägt (IAB 2002). Die Frage,
wann und ab welchem Ausmaß Wanderungen als negativ anzusehen sind,
ist sicherlich schwierig einzuschätzen. Man kann jedoch festhalten,
dass eine dauerhafte Abwanderung junger, gut qualifizierter Bürger
die ansässige Gesellschaft zweifach schwächt: zum einen wirtschaftlich,
weil hauptsächlich gut Ausgebildete abwandern. Zum anderen ziehen
künftige Eltern- und Kindergenerationen fort und verstärken die demografischen
Schrumpfungstendenzen. Anzumerken ist, dass bezüglich der Selektionswirkung
Ende der 1990er Jahre wohl eine Trendumkehr stattfand, nachdem zuvor
die Wanderungsbilanz im Qualifikationsniveau weitestgehend ausgeglichen
oder regional sogar positiv war. Seit 1997 ziehen jedoch wieder höher
Qualifizierte verstärkt in den Westen, und das Gefälle vergrößert
sich wieder in bedenklichem Ausmaß (insbesondere Frauen, bei gleich
bleibender Struktur der West-Ost-Wanderer) (Kempe 2001). Selektive Abwanderung, schrumpfende Jahrgänge, und
eine mangelhafte Erreichbarkeit ziehen in ihrer Konsequenz wieder
Nachteile in der Ausstattung mit Wissen, Information und Humankapital
für die betroffene Region nach sich. Hier weisen vor allem ländliche
Räume entscheidende Standortnachteile auf aber auch einzelne
Mittelstädte, die besonders unter einer Bevölkerungsabnahme zu leiden
haben. Außerdem sind einzelne ländliche Gegenden oft traditionelle
Abwanderungsgebiete und weisen alters- und geschlechtsstrukturelle
Disproportionen auf, die
sich über Jahre im Altersaufbau niedergeschlagen haben (Weiß 1998,
vgl. 2.). Folge ist z.B. ein regional starker Männerüberschuss in
jüngeren und mittleren Altersstufen, der letztendlich auch ein gewisses
sozialpolitisches Konfliktpotenzial birgt. Schlussendlich wirken diese
Strukturen wieder auf die Abwanderungsbereitschaft der ansässigen
Bevölkerung. Dies hat längerfristig sehr einseitige Altersstrukturen
zur Folge, die immanente Entwicklungsprobleme und ungünstige Voraussetzungen
für eine erfolgreiche Regionalpolitik darstellen. Die Optionen der Politik bilden ein Konglomerat von
Maßnahmen, die zusammen genommen die Rahmenbedingungen für ein Milieu
schaffen sollen, in dem Abwanderung reduziert wird. Bei den direkten
Maßnahmen, die dem entgegenwirken sollen, kann es nur darum gehen,
Einwohner am Ort zu halten bzw. Anreize zum Nicht-Wandern auf politischer
und administrativer Ebene zu liefern, und auf der anderen Seite potenzielle
Neubürger zu gewinnen. Die Regionalpolitik muss hierfür die Bedingungen
schaffen und sich auf die jeweiligen Gegebenheiten und Bedürfnisse
der Bewohner einrichten. Weil Wanderungen aber sehr unterschiedlich
determiniert werden, kann eine wirksame Politik nur bestimmte Facetten
der Wanderungsentscheidung beeinflussen. Es wird aber entscheidend
sein, das Augenmerk auf die jüngere Bevölkerung zu richten und diese
am Ort zu halten. Der erste Ansatzpunkt einer gegensteuernden Politik
muss daher auf eine Abschwächung der Abwanderung in diesen Altersgruppen
abzielen, in Kombination mit einer familienfreundlicheren Politik.
Wichtig sind in jedem Fall regionale
und altersspezifisch orientierte Maßnahmen.
Vorab muss altersspezifische Ausprägung und Ausmaß bzw. Richtung der
Wanderung geklärt werden, um den Handlungsbedarf und druck zu
ermitteln: in welchen Altersgruppen herrscht in welchem Ausmaß und
wohin Abwanderung? Wo liegen die Zielvorgaben, die angesichts der
voraussichtlichen Entwicklung realistisch und wünschenswert sind?
Anhand dieser Vorgaben sollten die Maßnahmen ausgerichtet werden,
um die Wanderungen und ihre strukturellen Ursachen zu beeinflussen.
Die regionalpolitischen Instrumente bzw. Infrastruktur-/Versorgungseinrichtungen
können so besser altersspezifisch justiert werden, was aber das Wissen
um die demografischen Prozesse und ihre Wirkungsfaktoren voraussetzt. Beispiele für Maßnahmen, um die Attraktivität einer
Region zu steigern, sind der Aus- oder Umbau von Siedlungen je nach
Nachfragestruktur, oder eine Aufwertung der Innenstadt als Lebens-
und Arbeitsraum vor allem für Familien mit Kindern (Mäding 2000).
Der Bereitstellung und Wiederbelebung urbaner Lebens- und Wohnqualität
wird große Bedeutung für eine Attraktivitätssteigerung beigemessen,
ebenso wie der Stärkung sozialer Netzwerke in einer Stadt. Dazu müssen
Kinderbetreuungseinrichtungen und eine verbesserte schulische Infrastruktur
treten, um die strukturellen Rahmenbedingungen für Familien zu verbessern.
Ansatzpunkt für arbeitsmarktorientierte Wanderungen ist in erster
Linie die Schaffung von Arbeitsplätzen bzw. die Verhinderung der Abwanderung
von Unternehmen und Betrieben vor allem aus strukturschwachen Gebieten.
Für jüngere Altersgruppen müssen Freizeit- und Betreuungsangebote
und Ausbildungseinrichtungen bzw. Hochschulen bereitgestellt werden.
Für die älteren Altersgruppen ist es von Vorteil, wenn die Region
die Angebote im Bereich der Fort- und Weiterbildung stärkt und ihre
Naherholungs- und Tourismuspotenziale ausbaut auch im Hinblick
auf Ruhesitzwanderer, die dauerhaft in die Region ziehen möchten.
So oder so müssen die Kommunen dem Trend der Alterung folgen und das
Lebens- und Wohnumfeld stärker auf ältere Bürger ausrichten und altengerechter
gestalten von Freizeitangeboten, neuen Wohnformen, bis hin
zu Pflegeeinrichtungen. Neben diesen direkten Maßnahmen, die auf die Bevölkerungsentwicklung
wirken sollen, gibt es indirekte, die sich (regionalpolitisch) eher
auf die Abfederung demografischer Folgeprobleme konzentrieren. Auf
diese soll aber an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden. Deren
eigentliches Ziel muss es jedenfalls sein, durch Investitionen und
Strukturpolitik die Standortqualitäten der Regionen zu verbessern
und auf diese Weise wieder regionale Milieus zu schaffen, die einer
Abwanderung entgegenwirken. Wie sehen die Perspektiven der ostdeutschen Kreise
angesichts selektiver Abwanderung und Alterung aus? Einige könnten
zu Westdeutschland aufschließen: Leipzig, Jena, Erfurt, Potsdam oder
Dresden. Diese können eine vergleichsweise günstige sozioökonomischen
Struktur, einen guten Humankapitalbestand und eine moderate Abwanderung
oder gar Zuwanderung verzeichnen. In den meisten Fällen herrscht hier
ein Standortklima, das Unternehmensansiedlungen attraktiv macht und
in dem die spezialisierten Betriebe gut vernetzt sind. Zudem ist die
Funktion als Bildungsstandort für die jüngere Bevölkerung bedeutsam,
eine hohe Lebensqualität trägt ebenso dazu bei. Die Kreise im (westlichen)
Berliner Umland weisen spezifische Vorteile in der räumlichen Lage,
im Naherholungspotenzial, und eine attraktive Landschaft auf. Die
verstädterten Räume in der Nähe zu Westdeutschland/West-Berlin sind
als Wohnstandort vor allem für Familien attraktiv. Hier könnte ein
Ansatz darin liegen, die Pendlerbewegungen auszubauen und zu fördern,
um wenigstens die ansässige Bevölkerung am Ort zu halten wenn
die Entfernungen zum Arbeitsplatz nicht zu groß sind. Andere Kreise
werden größere Probleme haben, und stärker unter selektiver Abwanderung
und Sterbeüberschüssen leiden. Dazu zählen altindustrialisierte, strukturschwache
Mittelstädte wie etwa Cottbus, Frankfurt/Oder, Hoyerswerda, Suhl oder
Görlitz. Diese sind durch eine dauerhafte Abwanderung in den meisten
Altersstufen und eine geringe wirtschaftliche Dynamik charakterisiert.
Die Abwanderung zeigt sich vor allem bei Jüngeren, weiterhin bei Abwanderungen
ins Umland der Kernstädte, die vornehmlich von Familien realisiert
werden. Schließlich ist auch der Saldo der älteren Bevölkerung meist
negativ. Die Entwicklungsperspektiven dieser Kreise müssen als eher
schlecht eingestuft werden. Sowohl von Seiten des Humankapitals, als
auch der Wirtschaft kommen kaum Impulse, und die Schrumpfungsprozesse
wirken auf mehreren Ebenen. Auch im Wohnungsbereich ist dies spürbar.
Die übrigen, meist strukturschwachen Kreise, etwa
in Südbrandenburg, Ostsachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt,
fungieren ebenfalls in fast allen Altersgruppen als Abwanderungsgebiete,
wobei die jüngere und mittlere Bevölkerung vornehmlich aus peripheren
Kreisen fortzieht, und fast das gesamte Mecklenburg-Vorpommern als
Fortzugsgebiet überwiegt. Die ältere Bevölkerung zieht dagegen eher
aus Großstädten fort, und stärker in den Norden. Zusammen mit den
wirtschaftlichen und strukturellen Problemen sind die Perspektiven
ebenfalls eher negativ einzuschätzen. Vor allem der Osten Mecklenburg-Vorpommerns
weist starke, strukturelle Defizite auf, die sich selbst verstärken
und wohl nur schwer abgebaut werden. Positive Impulse könnten vielleicht
auf die Nachbarregionen zu Westdeutschland wirken, da wirtschaftliche
Diffusionseffekte teilweise nach Ostdeutschland ausstrahlen könnten.
Es muss damit mit verstärkten Disparitäten innerhalb
Ostdeutschlands gerechnet werden statt Konvergenz ist Divergenz
zu erwarten. Die Disparitäten werden sich durch die selektiven Wanderungen
vergrößern, wenn nicht in Zukunft wieder eine Trendumkehr stattfindet.
Die Prozesse werden auf kleinräumiger Ebene verlaufen und die räumliche
Entwicklung stärker ausdifferenzieren. Ostdeutschland hat mit der
selektiven Abwanderung und dem damit verbundenen Trend der regionalen
Alterung einen Weg eingeschlagen, auf dem in absehbarer Zeit nicht
mehr umgekehrt werden kann. Die altersselektiven Wanderungen wirken
unmittelbar auf die Regionalentwicklung und zwingen die politischen
und wirtschaftlichen Handlungsträger zu Gegenmaßnahmen. Die Gefahr
der Abwanderung liegt dabei nicht so sehr in ihrem Ausmaß, sondern
ihrer Qualität/Struktur und Stetigkeit. Daher muss eine zukunftsorientierte
Politik zu aller erst versuchen, die ansässige und insbesondere jüngere
Bevölkerung am Ort zu halten, und durch eine vorausschauende und intelligente
Strukturpolitik dies zu untermauern. Der längerfristige Zeithorizont
des demografischen Wandels lässt zwar für Gegenmaßnahmen noch genug
Zeit jedoch ist das Zeitfenster nicht groß[8].
Die demografische Entwicklung bietet gleichwohl neben den negativen
Aspekten auch die Chance, eine nachhaltige Entwicklung
in den Regionen zu fördern und auf eine konstruktive
Schrumpfung zu setzen. Nur mit einem Bewusstseinswandel kann man
sich auf neue Perspektiven und endogene Potenziale konzentrieren und
den Wandel bewältigen. Hat
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Leserbrief Dr. Ralf Mai
ist im Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung seit 2003 wissenschaftlicher
Mitarbeiter in Bereich Alterung und seine Konsequenzen.
2000-2003 war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für
Bevölkerungswissenschaft an der Universität Bamberg tätig. 2003 hat
er promoviert. Ralf Mai studierte an der Universität Bamberg von 1992-1998
Geographie, Urbanistik/Sozialplanung und Bevölkerungswissenschaft. BBR: INKAR (Indikatoren zur Raumentwicklung), Bonn.
Ausgaben 1998, 1999, 2000, 2003. Birg, H.: Bemerkungen zu einer regional differenzierten
Betrachtungsweise in der Demographie. In: Vierteljahreshefte zur Wirtschaftsforschung,
Heft 4, 1981, S. 496-505. Bogue, D.J. und M. J. Hagood: Differentielle Wanderung
im Corn Belt und Cotton Belt. In: Széll, G. (Hg.): Regionale Mobilität.
München 1972. S. 176-212. Bucher, H., Kock, M. und C. Schlömer: Künftige internationale
Wanderungen und die räumliche Inzidenz von Integrationsaufgaben. In:
Informationen zur Raumentwicklung, Heft 8/2002, S. 415-430. Dick, E. und H. Mäding (Hg.): Bevölkerungsschwund
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7/2002. Härtel, Hans-Hagen: Ostdeutschland im nationalen
und europäischen Regionalvergleich. In: Wirtschaftsdienst, Heft 5/2001,
S. 292-296. IAB, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung
(Hg.): IAB-Materialien, 1/2002. Kempe, W.: Neuer Trend in der Bildungsstruktur der
Ost-West-Wanderung? In: Wirtschaft im Wandel, 9/2001, S. 205-210. Kemper, Franz-Josef: Die Bedeutung des Lebenszyklus-Konzepts
für die Analyse intraregionaler Wanderungen. In: Ders. (Hg.): Geographie
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für die Wohnungswirtschaft und die Städte. DIFU: Aktuelle Informationen,
11/2000. Mai, R.: Abwanderung aus Ostdeutschland. Frankfurt/Main
2004. Müller, B.: Regionalentwicklung unter Schrumpfungsbedingungen.
In: Raumforschung und Raumordnung, 1-2/2003, S. 28-42. Rossi,
P.H.: Why families move. Glencoe 1955.
Schramm, W.: Humanvermögen und Raumentwicklung. In:
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(= ARL-Arbeitsmaterialien, Nr. 219). Weiß, W.: Demographische Implosion oder Normalisierung.
In: Asmus, I. et.al. (Hg.): Geographische und historische Beiträge
zur Landesgeschichte Pommerns. Schwerin 1998. S. 66-74. Winkel, R.: Die Bevölkerungsentwicklung verändert
die Anforderungen an die Siedlungsplanung. In: Raumforschung und Raumordnung,
1/2001, S. 3-5. [1]
Es wurden die
Ost-West-Wanderungen 1991-2000 verwendet, differenziert nach sechs
Altersgruppen (für die Bevölkerung insgesamt). Räumliche Untersuchungsebene
waren die ostdeutschen Kreise/kreisfreien Städte und ihre siedlungsstrukturellen
Kreistypen (vgl. BBR). Datengrundlage waren Zahlen der Statistischen
Landesämter sowie des Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung. [2]
Kurzfassung der
Dissertation von R. Mai (2004). [3]
Soweit nicht anders
angegeben, beziehen die Zahlen für Ostdeutschland Ost-Berlin bis
2000 mit ein; seither wird Berlin in der amtlichen Statistik zu
Westdeutschland gezählt. [4]
Eine geschlechtsspezifische
Differenzierung wurde aus Gründen der Datenverfügbarkeit nicht durchgeführt
(vgl. 3.). [5]
Hierfür wurden
die Indikatoren zur Raumentwicklung (INKAR) des BBR ausgewertet. [6]
Z.B. Arbeitslosenquote,
Steueraufkommen oder AB-Maßnahmen. [7]
Ein gewisser Teil
der Herleitung ist allerdings auf Faktoren zurückzuführen, die nur
auf der individuellen Ebene erklärt werden können. [8]
Es muss zudem
betont werden, dass der Sterbeüberschuss die Bevölkerungsentwicklung
künftig noch stärker als die Abwanderung dominieren wird. |
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| Dies ist
ein Dokument der Seite www.schrumpfende-stadt.de Erstelldatum: 03. Mai 2004 Autor: Ralf Mai |