| Historische
Umbrüche - Schrumpfungen und städtische Krisen in Mitteleuropa seit dem
Mittelalter
Die Geschichte der Stadtentwicklung zeigt sich im
historischen Rückblick nicht ausschließlich als ein Prozess unaufhörlichen
Wachstums, sondern als eine komplexe Abfolge von Expansionen, Stagnationen,
Krisen und erfolgreichen oder gescheiterten Anpassungen an neue politische,
soziale und wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Nur wenn die Analyse
städtischer Geschichte auf die großen und mittleren Städte seit der
Industrialisierung verengt wird, zeigt sich vordergründig ein reiner
Wachstumsprozess. Lediglich vor diesem eingeschränkten Hintergrund
kann die verbreitete Erschütterung über das heutige Phänomen des Schrumpfens
von Städten in der Bundesrepublik verstanden werden. Dass Stadt nicht
automatisch gleichbedeutend mit Wachstum ist, fällt schwer zu akzeptieren. Eine historische Analyse der städtischen Krisen,
Umbrüche, Stagnationen und Schrumpfungen ist ebenso wenig in einigen
Seiten zu schreiben wie eine umfassende Geschichte städtischen Wachstums.
Die Darstellung konzentriert sich deshalb auf einige zentrale und
exemplarische Aspekte städtischer Krisen und Schrumpfungen. Neben
den bekannteren Krisenphänomenen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit
werden auch Schrumpfungen des 19. und 20. Jahrhunderts thematisiert.
Dabei werden die Gründe, die zu Schrumpfungen geführt haben, ebenso
analysiert wie beispielhaft Szenarien der Bewältigung solcher Krisen
durch Stadt, Staat und Einwohner beschrieben. Schrumpfung wird hier
nicht als ein rein demographischer Vorgang verstanden, sondern als
vielschichtiger Umbruchprozess begriffen, der ökonomische, soziale
und kulturelle Dimensionen beinhaltet. Eine umfassende Geschichte von schrumpfenden Städten
steht noch aus, die Schilderung städtischer Erfolgsgeschichten
stand meist im Vordergrund der Forschung. In wichtigen Darstellungen
zur Stadtgeschichte des Mittelalters (z.B. Stoob 1979), der Frühen
Neuzeit (ausführlich: Schilling 1993) und des 19. Jahrhunderts (Reulecke
1985; Matzerath 1985) werden aber auch Krisen- und Schrumpfungsphänomene
deutlich benannt. Einzelaspekte, wie die Wüstungsprozesse des Mittelalters
und die Schrumpfungen im Gefolge des Dreißigjährigen Krieges waren
Gegenstand intensiver Forschung. Die Schrumpfungsprozesse in altindustriellen
Regionen nach 1945 und die sich seit den 1970er Jahren abzeichnenden
demographischen Rückgänge sind in letzter Zeit ebenfalls untersucht
worden. (bereits früh: Häußermann/Siebel 1988) Einen neueren Überblick
gibt es zu städtischen Abstiegsphänomenen bis zum Jahr 1600, allerdings
weitgehend auf die britischen Inseln beschränkt. (Slater 2000) Städtische
Katastrophen und die folgenden Krisenbewältigungen haben in den letzten
Jahren dagegen erhebliche Aufmerksamkeit der Forschung gefunden. (Schott
2002; Massard-Guilbaud/Platt/Schott 2002; Ranft/Selzer 2004; Körner
2000) Eine Entstädterungsperiode par exellence
(Lichtenberger 2002: 21) war die Zerstörung der antiken Welt und damit
der Untergang von Hunderten Städten in Folge des Zusammenbruchs der
politischen und ökonomischen Ordnung des Römischen Reiches im 4. bis
7. Jahrhundert. Neben der urbanen Krise gab es aber auch städtische
Selbstbehauptung. Einzelne Städte bewahrten ihre Kontinuität, wenn
auch unter völlig veränderten Rahmenbedingungen. Die in ihrer Zahl
stark geschrumpfte Bevölkerung war aber nicht mehr in der Lage, die
Theater, Wasserversorgung und andere Infrastrukturen einer Römerstadt
fortzuführen und die Städte in ihrem antiken Umfang zu erhalten. Eine solche Phase der Deurbanisierung hat Europa
nie wieder erlebt. Mit der mittelalterlichen Stadt entwickelte sich
nach Jahrhunderten wieder ein erfolgreiches Stadtmodell. Insbesondere
die hohe Treffgenauigkeit der planmäßigen Stadtgründungen
des 12. bis 14. Jahrhunderts ist erstaunlich, wenn sich auch nicht
immer die erwarteten Entwicklungsperspektiven erfüllten. Stadtuntergänge
sind in den folgenden Krisen eine Ausnahme geblieben. Bei solchen
Fällen handelte es sich meist um von vornherein mit zu geringen Rechten
und Potenzialen ausgestattete Minderstädte. Im Zusammenhang
mit landwirtschaftlichen Krisen und Epidemien entstanden nach 1350
bis zu 40.000 Wüstungen. (Dipper 1991: 30) Dieser Wüstungsprozess
betraf aber zumeist Dörfer. Dorfwüstungen wurden sogar durch eine
zunehmende Konzentration der ländlichen Bevölkerung in den Städten
ausgelöst. Für die mittelalterlichen Städte waren durch Kriege, Stadtbrände,
Veränderungen der Handelswege und insbesondere durch die Pestzüge
nach 1348 Bevölkerungsabnahmen durch Tod und Abwanderung ein häufiges
Phänomen. Selbst schwere Krisen führten aber in aller Regel nicht
zur Aufgabe von Städten. Schrumpfungen konnten auf der Basis der erhalten
gebliebenen funktionellen Rolle der Stadt langfristig meist wieder
ausgeglichen werden. Die Stadt im Mittelalter war, das gilt im Wesentlichen
bis ins 19. Jahrhundert, aus sich heraus fast immer eine schrumpfende
Stadt, da die Einwohner durch die gesundheitliche Gefährdung in den
dicht besiedelten Ortschaften stets eine geringere Lebenserwartung
besaßen. Die Verluste konnten nur durch einen permanenten Zustrom
von Landbewohnern ausgeglichen werden. In der Frühen Neuzeit polarisierte und differenzierte
sich das Städtenetz stärker als im Mittelalter, wodurch sich sowohl
expandierende wie schrumpfende Städtetypen herausbildeten. (Schilling
1993: 21) Schrumpfungsprozesse wurden durch die Verlagerung von Handelswegen,
den neuen Atlantikhandel, den Niedergang der Hanse und die Einschränkung
der politischen und wirtschaftlichen Autonomie der Städte durch die
erstarkenden großen Territorien ausgelöst. In diesem Prozess gab es
sowohl gelungene wie verpasste Funktionalisierungen der Städte für
die neue Zeit. (Schilling 1993: 22) Alte Hansestädte und traditionsreiche
Reichsstädte, nun im wirtschaftlichen Windschatten, schrumpften erheblich.
Wichtiger als die Abnahme oder Stagnation der Einwohnerzahl war der
Rückgang der wirtschaftlichen und kulturellen Bedeutung und internen
sozialen Differenzierung. Insbesondere in den Kleinstädten entfiel
der Fernhandel weitgehend, während der Anteil der Ackerbürger zunahm.
Die Gewinner der Frühen Neuzeit waren die Zentren der aufstrebenden
Territorialstaaten und Sondertypen wie Bergbau-, Militär- und Gewerbestädte.
Ausgewählte Städte wurden nach Krisen auch durch gezielte staatliche
Gewerbeansiedlungen und die Aufnahme von Glaubensflüchtlingen, die
oftmals neue wirtschaftliche Impulse brachten, aus der Schrumpfung
geführt. Auch in der Frühen Neuzeit waren die Städte immer
wieder mit Epidemien, Kriegen und Stadtbränden konfrontiert. Die betroffenen
Städte wurden von ihren Bürgern und später zunehmend von den Landesherren
aber immer wieder aufgebaut. Der Wiederaufbau nach Katastrophen eröffnete
häufig auch die Möglichkeit zur städtebaulichen Modernisierung. (Massard-Guilbaud
2002: 38; Schott 2002: 6; Körner 2000: 34) Voraussetzung war aber,
dass die wirtschaftliche und zentralörtliche Basis des bisherigen
Entwicklungspfades nicht vernichtet wurde und die städtischen Eliten
erneut daran anknüpfen oder sogar neue Chancen erschließen konnten.
(Schott 2002: 12) Der Dreißigjährige Krieg (1618 bis 1648) beschleunigte
die Differenzierungsprozesse der Frühen Neuzeit und verursachte teils
dramatische Bevölkerungsabnahmen und den wirtschaftlichen Niedergang
zahlreicher Städte. Es gab Katastrophen wie in Magdeburg und Frankfurt/Oder,
wo die Bevölkerung um 70 bis 80% sank. Die Zerstörungen des städtischen
Gewerbes und die nachfolgende Beseitigung der Reste der Selbstverwaltung
wirkten lange negativ nach. Die ehemals blühenden süddeutschen Reichsstädte
wurden über eine lange Zeit von überregionalen und globalen Austauschprozessen
abgekoppelt. (Schilling 1993: 25) Gleichwohl gab es auch Kriegsgewinnler,
wie zeitweise Danzig und insbesondere Hamburg, das unter Nutzung des
Potenzials seines sicheren Hafens wuchs und damit den Grundstein für
seinen weiteren Aufstieg legte. (Schilling 1993: 15) Bestimmte Regionen
wurden flächendeckend und langfristig sehr stark betroffen, wie Pommern
und die Pfalz. Teilweise erfolgten Auf- und Abstiege von einzelnen
Städten aber auch räumlich benachbart. Einige Städte erholten sich
zahlenmäßig bereits nach wenigen Jahrzehnten wieder. Die Bevölkerungsrückgänge
vieler kleiner und mittlerer Städte, deren wirtschaftliche Basis zerstört
war, sollten dagegen erst im 19. Jahrhundert wieder ausgeglichen werden
können. (für Brandenburg: Benke 2001b: 16) Basierte die Wirtschaft
vorwiegend auf Nahmarktfunktionen, deren Grundlage erhalten geblieben
war, konnten sich jedoch auch kleine Städte wieder regenerieren. (für
Sachsen: Keller 2002: 194) Wüste Stellen, heute wäre Leerstand die
treffende Bezeichnung, prägten lange das Antlitz vieler Städte im
Europa der Frühen Neuzeit. Diese Städte wurden durch die auf die geschilderten
Krisen folgenden Schrumpfungen geräumiger. Neben vermehrter
Gartennutzung und Flächen, die dem zunehmenden Anteil von Ackerbürgern
zugute kamen, fanden neue Friedhöfe und öffentliche Einrichtungen
ihren Platz in den Städten. Teilweise boten sich so auch neue Entwicklungsmöglichkeiten
für die verbliebenen Einwohner. (für Großbritannien: Slater/Higgins
2000: 1416) Parallel zum Niedergang deutscher Städte erfolgte
ein Aufstieg vieler holländischer Städte. Das Wachstum war jedoch
nicht von Dauer als sich nach 1700 die ökonomische Vorherrschaft von
Amsterdam herauszubilden begann. Die Stadt Enkhuizen hatte Mitte des
17. Jahrhunderts noch mehr als 20.000 Einwohner, am Ende des 18. Jahrhunderts
waren es nur noch 6.000. Hunderte Häuser standen leer und das
Gras wuchs zwischen den Pflastersteinen. (Renes 1994: 227) Die
ehemals wichtige, aber sehr einseitig auf das Textilgewerbe ausgerichtete
Stadt Leiden schrumpfte nach der Krise ihrer Hauptproduktion von ihrem
Höhepunkt um 1670 mit 70.000 Einwohnern bis Anfang des 19. Jahrhunderts
auf nur noch 29.000 Einwohner. Eine Grenze des Niedergangs
wurde danach aber nicht mehr unterschritten. Die Auswanderung der
arbeitslos gewordenen Textilarbeiter verhinderte das weitere Anwachsen
der Armut in der Stadt. Die wohlhabenden Bürger blieben in der Stadt
und die Gewerbestruktur differenzierte sich erneut. Dauerhaft stabilisierte
sich so nach dem Erreichen einer Grenze die Sozialstruktur und wirtschaftliche
Basis wieder. (Diederiks 1979) Städte mit ausgeprägter Monofunktion waren durch
Krisen besonders in ihrer Existenz gefährdet. In Deutschland wurden
die sehr monofunktionalen Bergbaustädte der Frühen Neuzeit z.B. in
Thüringen und Sachsen, nach ihrer Blütezeit jedoch nicht zu Geisterstädten
wie die Goldgräberorte in den USA. Die deutschen Bergstädte erfuhren
zwar deutliche Schrumpfungen nach der Erschöpfung der Erzvorkommen
(für Sachsen: Keller 2002: 205f), konnten aber meist eine neue Rolle
im Städtesystem finden. Ein Potenzial für die Städte und die verbliebenen
Einwohner boten die schon lange neben dem Bergbau oder zu periodischen
Krisenzeiten ausgeübten Ersatzhandwerke. Die mit dem Bergbau
verbundenen Nebengewerbe der Männer führten über eine längere Entwicklung
zu neuen handwerklichen Spezialproduktionen. Insbesondere die Neben-
oder Krisengewerbe des Textilhandwerks der nicht in den Bergbau integrierten
Frauen wurden eine wichtige Grundlage. Für die Erzgebirgsstadt Sonneberg
konnte nach der Stagnation des Silberbergbaus auch die Landwirtschaft
auf den kargen Böden der Umgebung keine Alternative sein. Eine neue
Spezialisierung entwickelte sich seit dem 17. Jahrhundert mit der
Produktion von später weltweit vermarktetem Spielzeug. (Keyser 1941:
368) Der Ort Klingental am Rande des Erzgebirges entstand durch den
Bergbau nach 1600, aber schon nach einigen Jahrzehnten ging der Ertrag
der Gruben zurück. Eine nachhaltige Alternative fand sich als böhmische
Glaubensflüchtlinge nach 1659 die Geigenbauerei in das Gebiet brachten,
aus der sich eine differenzierte Musikinstrumentenproduktion entwickelte.
(Keyser 1941: 113) Der Erzgebirgsort Marienberg war im 16. Jahrhundert
eigens für den Silberabbau planmäßig angelegt worden. Die Stadt konnte
sich nach Ende der Blüte des Bergbaus als ein Ort der Holzwarenproduktion,
der Schnitzerei und der Drechselei (Keyser 1941: 144) und bis heute
als Zentrum der Herstellung von Weihnachtsschmuck profilieren. Annaberg
war in seiner Glanzzeit als Standort des Silberbergbaus im 16. Jahrhundert
reicher als Leipzig. Nach dem Verlust dieser Bedeutung schrumpfte
die Stadt von angeblich etwa 12.000 Einwohnern um 1540 auf nur noch
3.391 im Jahr 1699. (Keyser 1941: 14) Auf der Basis des schon bei
der Stadtgründung frühzeitig geförderten Textilgewerbes spezialisierte
sich die Stadt jedoch neu (u.a. auf Spitzenklöppelei) und wuchs bis
1900 wieder auf 15.957 Einwohner an. (Keyser 1941: 15; Keller 2002:
212) Ähnliche Beispiele ließen sich auch für andere Mittelgebirgsregionen
wie den Schwarzwald (Spezialisierung auf Uhren- und Musikinstrumentenproduktion)
anführen. Angesichts der wachsenden Gesamtbevölkerung und industriellen
Dynamik wird man Schrumpfungen im 19. Jahrhundert nicht erwarten.
Bei genauerer Analyse zeigen sich jedoch Schrumpfungen und Stagnationen
auch in dieser Epoche als ein verbreitetes Phänomen. Das starke Wachstum
der Bevölkerung nach 1800, noch vor der eigentlichen Urbanisierung
und Industrialisierung ausgelöst durch geringere Sterblichkeit, die
Reformen auf dem Lande und größere Heiratshäufigkeit, kam bis 1850
fast allen Städten zu Gute. Viele kleine Städte erreichten nun wieder
ihren mittelalterlichen Bevölkerungsstand. Wachstum und die beginnende
Industrialisierung führten auch viele traditionsreiche Städte aus
langer Stagnation. Die Bürger Dortmunds hatten die Erinnerung an die
stolze Zeit als Reichs- und Hansestadt, die um 1380 bis zu 10.000
Einwohner beherbergte, über die Jahrhunderte der Stagnation bei kaum
2.000 Einwohnern bewahrt, bis die Stadt schließlich in der Industrialisierung
in kurzer Zeit zur Großstadt aufsteigen sollte. Die Industrialisierung
veränderte die wirtschaftlichen Grundlagen und die Rolle zahlreicher
Städte im volkswirtschaftlichen Produktions- und Austauschprozess
nachhaltig. Der industrielle Umbruch, der mit starkem Bevölkerungswachstum
und sozialen und ökonomischen Umstrukturierungen verbunden war, wurde
jedoch auch in den expandierenden Städten keinesfalls von allen Einwohnern
begrüßt. Es gab immer mehr oder weniger große Bevölkerungsgruppen,
die gerade dieses neuartige Wachstum als fundamentale Krise begriffen. Im Laufe des 19. Jahrhunderts differenzierte und
polarisierte sich die Bevölkerungsentwicklung der einzelnen Städte
angesichts des regional unterschiedlichen Verlaufs der Industrialisierung
immer mehr. Durch Strukturveränderungen litten alte Zentren der Textilwirtschaft
und Bergstädte. Standortvorteile und damit gewerbliche aber auch kulturelle
und politische Aktivitäten ballten sich in den neuen Großstädten und
Industrieregionen. Wo industrielle Ansätze stecken blieben, verkümmerte
auch das Städtewesen ganzer Regionen. (Matzerath 1985: 140f) Schon
die zahlenmäßige Bevölkerungszunahme der kleineren Städte in der ersten
Hälfte des Jahrhunderts hatte nicht zwangsläufig ein Wachstum ihrer
wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Bedeutung bedingt. Vor
der Industrialisierung waren selbst kleine Städte Produzenten von
Schuhen, Möbeln, Kleidung, Werkzeugen etc. und wichtige Marktorte.
Diese alten handwerklichen und protoindustriellen Produktionsstrukturen
wurden seit der Jahrhundertmitte durch den vereinfachten Zufluss von
neuen Industriewaren zerstört. Kleine, schlecht erschlossene Städte,
die keinen Anschluss an die Industrialisierung fanden, blieben zwar
Markt- und Verwaltungszentren, die Bevölkerungszahl stagnierte aber
in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Geschlechter- und Altersverteilungen
veränderten sich durch die Abwanderungen. Diese Orte wurden zur Provinz.
(Reulecke 1985: 46) Nach der Jahrhundertmitte und insbesondere nach
1870 gab es schon eine große Zahl von auch zahlenmäßig absinkenden
Städten. Zwischen 1840 und 1871 schrumpften 8,6% der Städte in Preußen.
1871 bis 1910 waren es bereits 18,5%, in der Gruppe der Städte unter
2.000 Einwohner sogar 30,2%. (Zahlen nach Matzerath 1985: 120, 256)
Im 19. Jahrhundert und frühen 20. Jahrhundert verloren in diesem Entwicklungsprozess
auch mehrere Hundert Städte ihr formelles Stadtrecht und sanken zu
Landgemeinden hinab (Stoob 1990: 234), wobei es sich meist um sehr
kleine und kaum als Städte gefestigte Gemeinwesen handelte. Schrumpfungen
zeigten sich keinesfalls nur in abgelegenen Regionen, sondern ebenfalls
in den Peripherien der industriellen Ballungen, selbst in Westfalen.
Auch im Umkreis Berlins nivellierte die wachsende Übermacht der großen
Stadt das traditionelle brandenburgische Städtesystem. (Schöller 1967:
8f) Der Anschluss an die Eisenbahn wurde ein entscheidender
Aspekt der weiteren städtischen Entwicklung. Das neue Verkehrsmittel
kam aber nicht allen Städten gleichermaßen zu Gute und bewirkte gewissermaßen
eine Teilung Deutschlands in Regionen mit dichtem Eisenbahnnetz, starker
Verstädterung und leistungsfähiger, hochentwickelter Industrie (Berlin,
Sachsen, Hessen, Sachsen-Anhalt, Rhein-Ruhr-Gebiet) und in verkehrsarme
Regionen, in große Entleerungs- und Indifferenzräume mit zahllosen,
weit vom Bahnhof entfernten Orten, mit elenden Kümmerstädten, deren
wirtschaftliche Leistungskraft die eines agrarischen Entwicklungslandes
und kleingewerblicher Produktion kaum überstieg. (Boelcke 1996:
33) Klein- und Mittelstädte außerhalb der neuen Vernetzung mit modernen
Verkehrsmitteln wurden von den neuen Austausch- und Modernisierungsprozessen
nur dosiert und mit Zeitverzögerung betroffen. (Reulecke 1985: 47;
Hannemann 2002: 6) Entleerungszonen bildeten sich vor
allem im Osten und in den nicht verkehrlich erschlossenen Orten in
den Mittelgebirgsregionen, dafür blühte deren Vorland auf. (Schöller
1967: 8f) Die Bahn schuf so völlig neue Zeitstrukturen und Standortvorteile
und beförderte damit eine Neuakzentuierung im Städtesystem und eine
Verstärkung teils schon bestehender Disparitäten. Keinesfalls bestimmten ausschließlich überlokale
Eisenbahn- und Industriebetriebe den Verlauf der Entwicklung. Die
neuen Möglichkeiten konnten je nach örtlicher Elitenkonstellation,
Modernisierungsbereitschaft und Tradition lokal offensiv genutzt,
ignoriert oder bekämpft werden. Innerhalb der Stadtgesellschaften
bestanden sehr unterschiedliche Interessenlagen zwischen Ackerbürgern,
Handwerkern und industriellen Unternehmern. Häufig waren die städtischen
Handwerker skeptisch gegenüber einem Eisenbahnanschluss, z.T. zunächst
auch die eingesessenen Kaufleute. In vielen Städten setzten die an
den an besseren Verbindungen interessierten neuen Unternehmer, teilweise
auch die großen Gutsbesitzer des Umlands die Bahnanbindung durch.
Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wurde das Netz der Eisenbahnen
immer mehr verdichtet. Die Landkreise und Städte versuchten nun alles,
um eine nicht erfolgte Anbindung durch neue Kleinbahnen auszugleichen.
(Boelcke 1996: 35) Eine bewusste Abwehr von Anschlüssen gab es in
den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts kaum noch; das industrielle
Entwicklungsmodell hatte eindeutig gesiegt. Die wirtschaftlichen Erwartungen
solcher später Anbindungen erfüllten sich jedoch sehr häufig nicht.
Das neue industrielle Verkehrsmuster hatte sich schon gefestigt. Die
Nachwirkungen des verpassten Anschlusses an die Hauptstrecken
können weit reichen: Heute werden gerade diese Nebenstrecken stillgelegt.
So kann eine vor mehr als 100 Jahren aus eigener Schuld oder meist
aus nicht beeinflussbaren externen Gründen versäumte Entwicklung heute
erneut negative Auswirkungen für die Städte haben. Um aus Stagnation im Schatten der Industrialisierung
zu entkommen, konnte die Nutzung einer Marktlücke entscheidend
werden. Alternativen zur industriellen Entwicklung bot die Profilierung
zum Fremdenverkehrsstandort oder zum Versorgungsort für Ballungsräume.
Das nordbrandenburgische Zehdenick war in der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts zunächst nicht an die wichtigen Verkehrslinien angeschlossen
worden. Das lange Bemühen der städtischen Honoratioren um einen Bahnanschluss
war schließlich 1888 erfolgreich. Die Stadt konnte sich in der Folgezeit
als Ziegelproduzent für Berlin spezialisieren und wieder wachsen,
war jedoch extrem von den wechselnden Konjunkturen der Großstadt abhängig.
(Benke 2001a: 216, 243) Auch viele hessische Städte stagnierten, nachdem
sie nicht von der industriellen Entwicklung erfasst wurden. Friedrichsdorf
konnte sich jedoch nach dem Niedergang seines alten Textilgewerbes
neu ausrichten und zu einem der wichtigsten Produzenten für Zwieback
entwickeln. (Keyser 1957: 168) Das kleine, ehemals bedeutende Witzenhausen,
das ohne Industrie im 19. Jahrhundert lange stagnierte, profilierte
sich schließlich auch ohne Industrie erfolgreich als Kirschenproduzent
für die Ballungsregionen. Die staatliche Ansiedlung der Kolonialschule
schuf ein weiteres Standbein. (Reulecke 1985: 48) Auch Städte, die vom industriellen Wachstum des 19.
Jahrhunderts erfasst wurden, blieben nicht zwangsläufig dauerhaft
bis ins frühe 20. Jahrhundert Expansionstypen, insbesondere wenn sie
ein einseitiges Wirtschaftsprofil besaßen. Der Stadt Plauen hatte
die frühe Spezialisierung auf Textilprodukte, die Plauener Spitze,
einen rasanten Aufstieg beschert. Nach 30 Jahren Weltmarktführerschaft
verschlief das städtische Textilgewerbe aber den Modewechsel
um 1910. (Keller 2002: 319) Der Erste Weltkrieg führte außerdem zum
Zerreißen von Exportbeziehungen und Erstarken von Konkurrenten. (Keyser
1941: 187) 1912 hatte die Stadt ihren absoluten Höchststand mit 128.000
Einwohnern erreicht, 1920 lebten hier noch 107.000 Menschen, 1989
waren es noch ca. 74.000. (Staatliche Zentralverwaltung für Statistik
19501990) Nach 1990 setzte sich die Abnahme fort, so dass sich
bis heute eine fast 90-jährige Schrumpfungsgeschichte zeigt. Im 20. Jahrhundert gab es immer wieder städtische
Schrumpfungsprozesse durch wirtschaftliche Krisen und Kriegsauswirkungen
in der Weimarer Republik, im Nationalsozialismus und in der Bundesrepublik.
Hier sollen exemplarisch nur Schrumpfungsprozesse in der DDR betrachtet
werden, die auch ein Land schrumpfender Städte war. Von 1949 bis 1989
verlor die DDR fast zwei Millionen Menschen. (Staatliche Zentralverwaltung
für Statistik 19501990) Insbesondere im ländlichen Raum und
kleineren Städten wirkte sich der Bevölkerungsrückgang aus, der durch
die zunehmende Konzentration des Wohnungsbaus in den mittleren und
größeren Zentren von Industrie und Administration noch verstärkt wurde.
(Werner 1985: 154) Der Schrumpfungsprozess wurde in der Wahrnehmung
durch die Aufbaueuphorie der neuen Städte und industriellen
und administrativen Zentren überlagert. Deren Bevorzugung hatte aufgrund
der begrenzten Ressourcen mit dem Rückgang und Verfall in anderen
Orten aber immer eine Kehrseite. Die benachteiligten Städte verfügten
im zentralistischen System letztlich nur über geringe Spielräume zur
Bewältigung der zentral verursachten Krisenphänomene. Von 1950 bis 1989 wuchsen von den rund 200 Städten
über 10.000 Einwohner etwa 33% um mindestens 10% ihrer Einwohnerzahl.
Aber 35% der Städte über 10.000 Einwohner verloren 10 und mehr Prozent
ihrer Bevölkerung. Darunter sind 40 Städte, die über 20% ihrer Bevölkerung
einbüßten. (Berechnungen nach Staatliche Zentralverwaltung für Statistik
19501990) In diesen Zahlen sind noch nicht die über 400 Kleinstädte
unterhalb von 10.000 Einwohnern enthalten. Diese Kleinstädte lagen
besonders im Windschatten der politischen, ökonomischen und wissenschaftlichen
Aufmerksamkeit. (Hannemann 2003: 167) Vor allem die Dörfer im Norden
und die Kleinstädte im Süden erfuhren dauerhaft deutliche Wanderungsverluste.
(Grundmann 2002: 180, 191) Besonders dramatische Schrumpfungsprozesse
erlebten auch kleinere und mittlere altindustrielle Städte: z.B. Bernburg,
Sebnitz und Glauchau. (Benke/Wolfes 2005: 143) Bitterfeld verlor schon
zu DDR-Zeiten 40% seiner Einwohner, vor allem weil der Wohnungsbau
aufgrund der nicht mehr beherrschbaren Umweltbelastung nach Wolfen
und Dessau verlagert wurde. (Ferchland 1989: 181) Kleinstädte in Ballungs-
und Industriegebieten hatten langfristig die größten Bevölkerungsabnahmen
von allen Städten zu verzeichnen. (Ferchland 1989: 193) In den 1980er
Jahren schrumpften selbst einige der wichtigsten DDR-Wachstumsstädte
wie Schwedt, Hennigsdorf und Hoyerswerda nach dem Abschwächen der
ursprünglichen Entwicklungsimpulse. (Benke/Wolfes 2005: 143) Insgesamt
profitierten insbesondere die Bezirksstädte und andere größere Städte,
aber bei weitem nicht alle. Zwickau, Halle (Alt), Görlitz und andere
Städte, in deren altindustrielles Profil und Bausubstanz nur noch
begrenzte Investitionen erfolgten, stagnierten oder schrumpften teilweise
deutlich. Insbesondere Leipzig ist hier zu nennen, dessen Bevölkerungszahl
zwischen 1950 und 1989 um 14,2% von 617.574 auf 530.010 Einwohner
abnahm. (Staatliche Zentralverwaltung für Statistik 19501989)
Dieser Rückgang war durch die ungenügende Beachtung der zentralörtlichen
Bedeutung und industriellen Entwicklung bedingt. Der Rückgang wird
noch deutlicher im Vergleich mit der Vorkriegszeit als Leipzig 1933
noch 713.000 Einwohner hatte. (Keyser 1941: 123) Die wichtigen Wachstumsfaktoren
Leipzigs wie der Status als zentraler deutscher Verlagsstandort, als
gesamtdeutscher Messestandort, als Sitz von Verbänden, Großbetrieben,
Banken, des Großhandels und des zentralen Gerichts wurden nach 1945
zu weiten Teilen beschnitten. Das Bewusstsein, in die erste Riege
deutscher Städte zu gehören, hat sich in Leipzig dennoch bis heute
erhalten. Im historischen Rückblick ließ sich ein breites Spektrum
von urbanen Krisen- und Schrumpfungsprozessen aufzeigen. Sie wurden
durch politischen Niedergang, Katastrophen und gesamtwirtschaftliche
Prozesse verursacht, waren Bestandteile von Differenzierungen im Städtesystem
oder hatten ihre Ursachen im zentralstaatlichen Handeln oder lokalen
Besonderheiten. Die Stadtgesellschaften waren dabei teils passiv den
Folgen übergeordneter Entwicklungen unterworfen, teils traten sie
auch selbst als entscheidende Akteure auf. In der folgenden Übersicht
sind die Faktoren, die Schrumpfungen initiierten, noch einmal aufgeführt,
wobei die Einzelaspekte teilweise eng miteinander verflochten sind. In den letzten Jahrzehnten
werden außerdem verstärkt wirksam: Die sichtbarsten Auswirkungen solcher städtischer
Abstiegs- und Schrumpfungsprozesse waren die zahlenmäßige Abnahme
der Bevölkerung, der Rückgang der städtischen Wirtschaftskraft und
der bauliche Niedergang der städtischen Struktur, die bis zum Extremfall
des Untergangs kleinerer urbaner Zentren führen konnte. (Slater/Higgens
2000: 1) Hinter dem rein quantitativen Rückgang standen weitere Prozesse
der langfristigen demographischen Verwerfung, der Änderung der Sozialstruktur
und der Abnahme der ökonomischen und kulturellen Differenziertheit
der Städte. Die Prozesse hatten nach außen erhebliche Auswirkungen
auf die Position der einzelnen Stadt im Städtesystem und intern verschlechterten
sie die Lebensbedingungen der Stadtbewohner und verursachten Armut
und Auswanderung. Der Untergang einer Stadt blieb bei allen Krisen
seit dem Mittelalter ein seltener Sonderfall. Die urbanen Selbsterhaltungskräfte
erwiesen sich auch unter Krisenbedingungen meist als beharrlich. Sie
lagen in der jeweiligen Tradition und städtischen Identität, im Sozialkapital
einer differenzierten Stadtbevölkerung und in der gegebenen Zentralität
der Siedlung begründet. Im Vergleich mit den geschilderten historischen
Entwicklungen erschweren in der heutigen Situation einige Faktoren
die Anpassungsprozesse: Trotz dieser Einschränkungen und obwohl keine der
aufgezeigten historischen Anpassungsstrategien durch ihre Gebundenheit
an die jeweiligen Rahmenbedingungen in Gänze auf heute übertragen
werden kann, lassen sich aus den Erfahrungen der Geschichte Erkenntnisse
für heute ableiten. Neben gescheiterten städtischen Anpassungsversuchen,
zeigen sich viele Modelle erfolgreicher Reaktion auf Krisenphänomene
und Katastrophen, die der Stadt nach Zerstörung oder Schrumpfung wieder
eine neue, im Idealfall sogar stabilere Grundlage und Struktur geben
konnten. Stagnationen und Bevölkerungsabnahmen waren bei aller sozialen
Tragik für die Betroffenen auch Anpassungsprozesse an veränderte Rahmenbedingungen.
Die Krisen konnten langfristig sogar Chancen für einzelne Einwohner
bieten, ihre Lebensbedingungen zu verbessern. (Slater/Higgins 2000:
1) Für das Wachstum oder die Schrumpfung von Städten waren die ökonomischen
Konstellationen langfristig entscheidender als Epidemien, Kriegszerstörungen
oder Stadtbrände. Nur wenn die wirtschaftliche Grundlage nachhaltig
zerstört und die Städte von Austausch- und Produktionsprozessen abgekoppelt
wurden, hatten sie geringere Chancen zur schnellen Regeneration. Der
Blick auf die Historie zeigt vor allem die Bedeutung, die die Aktivierung
lokaler Ressourcen und Traditionen auf lange Sicht zur Bewältigung
von solch einschneidenden Krisen und zur Schaffung einer neuen Grundlage
hat. Daneben war auch die Generierung neuer örtlicher Spezialisierungen
ein zentraler Aspekt der Krisenbewältigung. Diese Impulse resultierten
aus der Initiative der krisenbedrohten Einwohner oder wurden von außen
durch Zuwanderer eingebracht. Das Verlassen des bisherigen blockierten
Entwicklungspfades und die Suche nach neuen Marktlücken
war eine wichtige Notwendigkeit, der eine stabile Weiterentwicklung
ermöglichen konnte, auch wenn diese nicht unbedingt die Dynamik einer
vorangegangenen Boomphase hatte. Stabilisierungen konnten die Städte
nach der Krise ihrer überregionalen Rolle auch durch Konzentration
auf die Weiterentwicklung ihrer Position als zentraler Ort der Umgebung
finden. Krisen und Zerstörungen eröffneten für kurze Zeiten zudem
Möglichkeiten zur Modernisierung der städtebaulichen Struktur, die
späteren Entwicklungen wieder zu Gute kommen konnte. Die historischen
Beispiele zeigen auch, dass erfolgreiche Antworten auf Krisen, vielfach
durch lokale Initiativen, häufig aber auch durch das Zusammenwirken
von städtischen und staatlichen Aktivitäten gefunden werden konnten. Schrumpfung ist in der Gegenwart wie im Rückblick
als durchaus typischer und häufiger Fall der Stadtentwicklung zu begreifen,
auf den aber politisch und planerisch reagiert werden kann und muss.
Anders als der Untergang einer Stadt sollte die Schrumpfung einer
Stadt nicht als kulturelle Katastrophe, sondern auch als planerische
Herausforderung begriffen werden. Eine Stadt bleibt eine Stadt, auch
wenn sie kleiner wird, solange ihre Zentralität, Produktivität, innere
Dichte, Gestalt und Differenziertheit bestehen bleibt. Die europäische
Stadt in ihrer Selbstbehauptungskraft kann ein gutes Leitbild für
die Bewältigung dieser Prozesse sein. Die Stadtgesellschaften, lokale
und staatliche Eliten standen und stehen den Krisen nicht hilflos
gegenüber, sie sind Akteure in diesem Prozess des Reagierens, Gesundschrumpfens,
der Umstrukturierung und neuer Spezialisierung. Carsten Benke
ist seit 2003 im Fachgebiet Planungstheorie wissenschaftlicher
Mitarbeiter am Institut für Stadt- und Regionalplanung der TU Berlin.
Seine Tätigkeitsschwerpunkte umfassen die Themenbereiche Stadtgeschichte,
Kleinstädte, Industriestädte sowie historische und aktuelle Stadtentwicklungen
in Ostdeutschland. Carsten Benke hat Stadt- und Regionalplanung (1990-1996)
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