Städte im Umbruch

Die Stadt ist im Umbruch. Sie schrumpft, altert, zerfällt, perforiert, entleert sich und verschwindet – doch gleichzeitig wächst, konsolidiert und verjüngt sie sich. Dieses Nebeneinander vermeintlich widersprüchlicher Entwicklungen klingt für den wachstumsgewohnten Stadtpolitiker, - planer, -soziologen und Wohnungswirtschaftler fremd. Eine argumentative Umschreibung dieser scheinbar radikalen Prozesse gelingt meist nur mit epochalen Begriffen wie dem des ‚Paradigmenwechsels’. Die Stadtentwicklung vor allem in den ostdeutschen Städten stellt Stadtplaner, Politiker und andere städtische Handlungsakteure vor völlig neue und ungewohnte Herausforderungen. Die traditionellen Aufgabenfelder und Instrumente der Stadtentwicklungspolitik sind angesichts der Gleichzeitigkeit von Entwicklungen und in Hinblick auf den Bevölkerungsrückgang, die demografische Alterung, die schwache wirtschaftliche Dynamik und den Leerstand von mittlerweile über 1,4 Millionen Wohnungen nur noch bedingt geeignet. Statt der Steuerung und Verteilung eines ‚Mehr’, statt der Wachstumsmentalität als grundlegende Geisteshaltung zum Verständnis der Wirklichkeit (Grymer 2003: 186), statt des kreativen städtebaulichen Entwurfes, statt einer sozialen Kontaktdichte gilt es das Weniger Werden zu verwalten, den Abriss und den Verlust von Funktionen zu organisieren und neue Perspektiven und Möglichkeiten zu entwickeln.

Die Stadt ist im Umbruch. Doch was heißt das bei genauer Betrachtung der Semantik? Welcher städtische Zustand galt vor dem Umbruch, was ist der Status quo und wohin geht der Wandel? Umbruch suggeriert eine gewisse Plötzlichkeit und Radikalität der Verhältnisse, die in Bezug auf die gesellschaftlichen, demografischen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Ereignisse der ostdeutschen Städte mit diesem Begriff sicherlich eine adäquate Umschreibung erfahren. Das Tempo der Transformationsprozesse hat ein schnelles Reagieren und einen anwendbaren Instrumentarienkatalog seitens der Stadtplanung erforderlich gemacht. Doch die Handlungsnotwendigkeiten und Dringlichkeiten rücken gleichzeitig eine gesellschaftliche, kulturelle und philosophische Auseinandersetzung mit dem Thema in den Hintergrund.

Die Stadt ist im Umbruch. Diese Entwicklung lässt sich nicht losgelöst von den gesamtgesellschaftlichen Prozessen betrachten. Vielmehr scheint ein Teil der beobachtbaren Stadtentwicklungsprozesse auf den von Manuell Castells (1996) und anderen skizzierten Bedeutungsverlust der klassischen Institutionen, auf den Wandel, die Veränderungen und Probleme der (post-)modernen Gesellschaft und auf die Auswirkungen von Transformation und Globalisierung zurückzugehen (s. Gornig in dieser Ausgabe). Doch wo fangen globalisierungsbedingte Prozesse in Cottbus oder Duisburg an und wo hören die Ursachen von Schrumpfung auf?

Ein Paradigma „steht […] für die ganze Konstellation von Meinungen, Werten, Methoden usw., die von den Mitgliedern einer gegebenen Gemeinschaft geteilt werden.“ (Kuhn 1976: 186) Inwiefern haben wir, wenn wir die Schrumpfungsprozesse in den ostdeutschen Städten mit einem Paradigmenwechsel gleichsetzen, unsere Überzeugungen und Wertvorstellungen bezüglich der Stadt als evolutionär entstandener gesellschaftlicher Gemeinschaftsform überdacht? Wir beginnen unsere Verfahrensweisen den neuen städtischen und regionalen Anforderungen anzupassen, doch wie weit ist Schrumpfung planungstheoretisch, konzeptionell und kulturell diskutiert oder in die gesellschaftlichen Umwälzprozesse eingebunden? Welche Überzeugungen und Werte verbinden wir mit einer schrumpfenden Stadt? Und warum empfinden wir Schrumpfung jetzt als Umbruch und nicht als einen schon länger dauernden Prozess, der schon früh thematisiert wurde (Häußermann, Siebel 1987; Mackensen in dieser Ausgabe)?

Die städtische Umbruchsituation eröffnet spannende Perspektiven für all jene, die diesen Veränderungsprozess miterleben und vor allem mitgestalten wollen. Es ist, den von leeren Kassen und eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten ernüchternden Planungsalltag einmal beiseite geschoben, eine der interessantesten Chancen um eigene Kreativität gestaltend einsetzen zu können. Die Transformationsprozesse und ihre Auswirkungen auf Stadtstrukturen mögen erlernte Instrumente, bewährte Planungsmethoden, Organisationsformen, Leitbilder und Visionen in Frage stellen. Doch die Prozesshaftigkeit des städtischen Wandels, das fragmentarische Nebeneinander und die Gleichzeitigkeit von Altem und Neuem, von Bewährtem und Experimentellem, von Temporärem und Dauerhaftem, von Städtischem und Nicht-Städtischem ermöglichen, Stadtplanung mit engagierter Leidenschaft neu zu entdecken. Ein Umbruch beinhaltet immer auch einen Aufbruch.

Die Stadt ist im Aufbruch. Sie kreiert, entdeckt, fantasiert, revidiert, wandelt, produziert und schafft ungeahnte Möglichkeitsräume. Das klingt fremd und macht neugierig.

Das Magazin „Städte im Umbruch – Das Online-Magazin zu Stadtentwicklung, Stadtschrumpfung, Stadtumbau und Regenerierung“ will sich den Veränderungsprozessen, den zu beobachtenden städtischen und gesellschaftlichen Umbruchsituationen, den Chancen und Kreativitätsspielräumen des städtischen Wandels und den Möglichkeiten der Regenerierung in einer grundsätzlichen Diskussion nähern, die nicht nur wohnungswirtschaftliche Fakten oder demografische Entwicklungen vor Ort im Blick hat. Anliegen ist es, trotz der stadtpolitischen Handlungsnotwendigkeiten, Argumentationsführungen Raum zu geben, welche vor dem Hintergrund städtischer Transformationsprozesse und herrschender planungskultureller Einstellungen zu den strukturellen Umbruchprozessen kreative Lösungs- und Gestaltungsoptionen aufzeigen.

Die aktuelle Ausgabe versucht eine übergeordnete thematische Positionierung des Online-Magazins im Kontext von Stadtentwicklung, Stadtschrumpfung, Stadtumbau und Regenerierung und will damit Themen und Schwerpunkte für zukünftige Ausgaben umreißen.

Die einzelnen Beiträge spiegeln dabei die Bandbreite wie auch Komplexität der Probleme von Städten in Umbruchsituationen wider und verdeutlichen die Notwendigkeit interdisziplinärer Herangehensweisen zur Regenerierung.

Carsten Benke zeigt in einem historischen Überblick, dass in der Geschichte der Stadtentwicklung Expansion, Stagnation und Schrumpfung immer eng nebeneinander lagen und allein eine verengte Betrachtung auf die großen und mittleren Städte seit der Industrialisierung zur Feststellung eines reinen Wachstumsprozess führt. Bisher lagen in Stagnation und Schrumpfung, vor allem von der ökonomischen Situation beeinflusst, häufig auch Chancen zur Regenerierung der Städte. Die Geschichte der Stadtentwicklung zeigt dabei, dass die „urbanen Selbsterhaltungskräfte“ sehr groß und das völlige Verschwinden einer Stadt die Ausnahme war. Allerdings sind auch Faktoren festzustellen, die Schlussfolgerungen über Prozesse der städtischen Krisenbewältigung in der Historie zu den Perspektiven heutiger schrumpfender Städte nur bedingt sinnvoll erscheinen lassen.

Thomas Hoscislawski thematisiert die Städtebaupolitik der DDR und untermauert dabei die These, dass die Probleme der ostdeutschen schrumpfenden Stadt von heute auch ein historisches Erbe der DDR-Stadtentwicklung ist. Der Beitrag erläutert anhand des Zusammenhangs von politischen und betriebswirtschaftlichen Zielsetzungen, dass letztendlich zu viele Wohnungen an falschen Standorten gebaut wurden und zudem auch noch an der Nachfrage vorbei geplant wurde. Seine Erkenntnisse tragen erheblich zum Verständnis der städtischen Umbrüche in Ostdeutschland und einer unterschiedlichen Betrachtungsweise des Stadtumbaus West bei.

Spielen also in Ostdeutschland die Belastung der Stadtentwicklung durch die Fehler der DDR-Stadtpolitik, einheitsbedingte gesellschaftliche Transformationsprozesse sowie falsche bau- und investitionspolitische Weichenstellungen im Zuge der Wende eine besondere Rolle, so sind ökonomische und demografische Ursachen städtischer Umbruchsituationen allgemeiner Natur.

Martin Gornig skizziert in seinem Beitrag die Auswirkungen ökonomischer Megatrends wie der Deindustrialisierung und der Globalisierung auf die städtische Ökonomie. Dabei zeichnet sich ab, dass auf der einen Seite Tertiärisierungsprozesse, auf der anderen Seite Konzentrationsprozesse die Zukunft der Städte und Stadtregionen bestimmen könnten. In seinem Empirieteil begibt sich Gornig folglich auf die Suche nach einem Beleg für diese in der Fachliteratur weit verbreiteten Thesen und stellt dabei fest, dass seit Ende der 1990er Jahre eine Trendumkehr bei der Beschäftigtenentwicklung in deutschen Großstädten zu beobachten ist. Die Großstädte haben sich dabei deutlich besser entwickelt als ihr Umland und Deutschland insgesamt. Die Ursache dafür sieht er in einem überproportionalen Wachstum überregional angebotener Dienstleistungen in den Großstädten, die allerdings nicht alle untersuchten Stadtregionen gleichermaßen betrifft. Perspektivisch werden die Wachstumsimpulse also nicht flächendeckend wirksam werden und vor allem an kleineren Städten vorbeiziehen.

Ähnliche Entwicklungsmuster zeichnen sich bei der Betrachtung demografischer Prozesse ab. Ralf Mai belegt durch seine Untersuchung von Ost-West-Wanderungen nicht nur das wieder ansteigende Wanderungsgefälle seit Ende der Neunziger Jahre, sondern verdeutlicht auch, dass es enorme Unterschiede in der Ausprägung der Wanderungsbewegungen gibt, die eine weitere Polarisierung der zukünftigen Einwohnerverteilung erwarten lassen. Erschreckend ist der festgestellte fast flächendeckende Verlust vor allem jüngerer und gut ausgebildeter Bevölkerungsgruppen in Ostdeutschland. Dabei weist Ralf Mai nach, dass Kreise mit besonders schlechten ökonomischen Perspektiven auch von besonders großer Abwanderung betroffen sind. In Zukunft sind aufgrund fehlenden Humankapitals schwer wiegende Nachteile für die ökonomische Entwicklung dieser Kreise zu erwarten.

Wenngleich viele (politische) Entwicklungen und Ereignisse Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger Jahre nicht vorhersehbar waren, haben doch schon damals zahlreiche Wissenschaftler auf die Probleme demografischer Schrumpfung und zurückgehenden wirtschaftlichen Wachstums sowie auf zu erwartende städtische und gesellschaftliche Umbrüche aufmerksam gemacht. Rainer Mackensen hatte in einem interdisziplinären Team geforscht und einen Band über die Projektergebnisse herausgegeben (Mackensen, Umbach, Jung 1984), die zu großen Teilen kaum an Aktualität verloren haben, damals jedoch nur wenig Gehör fanden. Rainer Mackensen belegt die Parallelen der Ergebnisse des Projektes zu den Problemen von heute und sucht dann Antworten auf die Frage, warum wissenschaftliche Erkenntnisse und Politik nicht immer vereinbar sind.

Nun tritt der Zusammenhang von ökonomischen und demografischen Problemen, der auch im angesprochenen Projekt eine große Rolle spielte, insbesondere in Ostdeutschland immer deutlicher zu Tage, was vor allem der Betrag von Ralf Mai zeigt; dennoch fehlt eine konsequente integrierte Förderpolitik noch immer. In wirtschaftlicher Hinsicht sind bisher keine zufrieden stellenden Erfolge der Unterstützung festzustellen, was dazu führt, dass der gesamte Aufbau Ost und die „investierten“ 1250 Mrd. Euro in Frage gestellt werden. Franziska Eichstädt-Bohlig beschreibt aus dem Blickwinkel der Politikerin die Schwierigkeiten der Beeinflussung und Steuerung von gesellschaftlichen Transformationsprozessen durch Bundes- oder EU-Politik. Dabei stellt sie in Bezug auf die Politik durchaus selbstkritisch fest, dass das Bewusstsein der aktuellen Umbruchprozesse und ihrer gesellschaftlichen Herausforderungen in der Struktur- und Wirtschaftspolitik des Bundes noch sehr unterentwickelt ist. Während mit Programmen wie dem „Stadtumbau Ost“ oder der „Sozialen Stadt“ im Bereich der Städtebaupolitik der bestandsorientierte Städtebau in den letzten Jahren eine Stärkung erfahren hat, sieht Franziska Eichstädt-Bohlig bei indirekten Instrumenten wie einer Lenkung durch Steuern noch Ausbaubedarf.

Christoph Hallers Beitrag im Kontext des Programms „Stadtumbau Ost“ ist ein wichtiges Plädoyer, mit den Begrifflichkeiten zwischen Stadtumbau und Stadtschrumpfung sorgfältig und wissenschaftlich präzise umzugehen. Die inhaltliche und konzeptionelle Unterscheidung zwischen Schrumpfung und Stadtumbau oder Rückbau und Abriss trägt nicht nur dazu bei, einem emotionalen Thema sachlich zu begegnen. Sie ist geradezu notwendig, um nach außen die entwickelten Strategien klar und verständlich transportieren zu können. Christoph Haller betont dabei den Charakter städtischer Schrumpfungsprozesse als gesamtgesellschaftliche Herausforderung, die nicht allein durch städtebauliche Maßnahmen bewältigt werden kann und fordert, den Stadtumbau Ost tatsächlich als umfassenden Prozess zur Verbesserung der Lebensqualität umzusetzen.

Die Stadt ist im Umbruch. Wolfgang Kil stellt die Frage in den Raum, inwiefern die in Ostdeutschland zu beobachtenden Entwicklungen nicht Zeichen eines tief greifenden gesellschaftlichen Wandels sind, der sich – trotz ostdeutscher Sonderfaktoren – keineswegs auf Ostdeutschland oder Deutschland beschränken lässt. Er plädiert dafür, bei aller Radikalität der Entwicklungen in Ostdeutschland, den Blick für die gesellschaftshistorische Umbruchsituation, in der wir uns befinden, nicht zu verlieren, sondern zum Anlass für einen Vorausblick in die Zukunft zu nehmen.

Die Beobachtungen Karl Gansers seit Mitte der siebziger Jahre bestätigen Wolfgang Kils Standpunkt. Ähnlich wie Rainer Mackensen fragt Karl Ganser dabei nach den Ursachen der Politik des „weiter so“ und wundert sich, dass man die Chance, ein alternatives Politikmodell zu entwickeln, nicht schon lange genutzt hat. Dass wir uns in einem „Wandel ohne Wachstum“ befinden, bezeugen viele Entwicklungen der letzten drei Jahrzehnte in Westdeutschland. Dass die Dramatik der Entwicklungen in Ostdeutschland nun auch zu einem dezidierten Blick auf die demografische oder wirtschaftsstrukturelle Entwicklung führt, sollte konstruktiv verwendet werden, um den Paradigmenwechsel bewältigen zu können.

Städte im Umbruch? Die Beiträge der verschiedenen Autoren machen deutlich, dass die aktuellen Umbruchprozesse eine gesamtgesellschaftliche und interdisziplinäre Herausforderung darstellen, die uns nicht nur in ihren strukturellen Auswirkungen in absehbarer Zeit beschäftigen werden. Sie bestimmen unsere Einstellungen über Wertvorstellungen und prägen unser Bewusstsein, Zeugen eines elementaren Wandels, eines Paradigmenwechsels zu sein. Welche kulturelle und kreative Dimension dieses Thema hat, davon zeugt der letzte Beitrag dieser Ausgabe von Udo Tiffert, einem Prosa- und Kabarettautor aus der Lausitz. Auch Poesie besitzt nicht immer Antworten. Die Fragen, Metaphern und Bilder, die der Autor jedoch skizziert, bezeugen die alltagskulturelle Dimension der Transformationsprozesse. „Patient Stadt“, schreibt Udo Tiffert. „Jetzt geht’s ans Herz. Ich höre gut, wie es schlägt. Kann es aber auf dem Schirm nicht erkennen.“ Die literarische Botschaft könnte somit auch sein, dass bei aller Ernüchterung und wissenschaftlicher Analyse ein Maßstab des Handelns die eigene Leidenschaft, das Engagement sein sollte. Wie können wir sonst eine Umbruchsituation bewältigen, wenn wir nicht auch eine Möglichkeit für etwas Neues in ihr sehen?

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Literatur

Castells, M.: The Rise of the Network Society, Vol. I: The Information Age, Economy, Society and Culture, Malden, MA 1996.

Häußermann, H./ Siebel, W.: Neue Urbanität, Frankfurt am Main, 1987.

Grymer, H.: Stadtentwicklung trotz Schrumpfung? in: Liebmann, H./ Robischon, T. (Hrsg.): Städtische Kreativität. Potenzial für den Stadtumbau, Erkner/ Darmstadt 2003, S. 184-195.

Kuhn, T.-S.: Die Struktur wissenschaftlicher Revolution, Frankfurt am Main, 2.Auflage, 1976.

Mackensen, Rainer; Umbach, E.; Jung, R.: Leben im Jahr 2000 und danach – Perspektiven für die nächsten Generationen, Berlin 1984

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Dies ist ein Dokument der Seite www.schrumpfende-stadt.de
Erstelldatum: 03. Mai 2004
Autor: Lang, Pfeifer, Tenz, Brandstetter