Deutsche Städte im Umbruch?

Ach wo.

Im Moment schmilzt nur die Mittelschicht, an ihrer Unterkante. Denn neun schmierige Dienstleister ersetzen nicht einen Industriebetrieb. Nicht in der Bereitstellung an Arbeitsplätzen, nicht im lokalen Sponsoring, nicht im Ausatmen geistiger Weite. Ruhrgebietsstädte wünschen sich Staub, Ruß, glühenden Stahl und Überfluß der 60'er und 70'er Jahre. Frisch bewilligte Steinkohle-Milliarden verkleistern den Blick auf übermorgen. Städte der neuen Bundesländer sehnen sich nach den 80'er Jahren der anderen Weststädte, dem Bauboom von damals, jedes noch so flächenreiche Bürogebäude konnte zu Phantasiepreisen vermietet werden. Und niemand wurde dabei zum Schneider (vorerst).

Deutsche Städte träumen die alten Träume: Ein Großbetrieb füllt die Kassen und Tausende Touristen prassen sorglos in den Lokalen und Hallen. Fehlt beides wird die Erwartung als Realität getätschelt, wird eben die Erwartung zum Portfolio und Sicherheit für Kreditvergaben. Manche Städte stemmen sich mit aller verfügbaren Trägheit von Gehirn und Seele gegen jeden Umbruch. In anderen Städten darf man Worte wie Gesundschrumpfen und Ökologie ohne Androhung der Todesstrafe nennen. Alle hören die selben Glocken: die der Abreise der Wohltäter, die nun in Osteuropa oder Fernost Arbeit geben. Aus der Steuer hatten die sich eh schon rausgerechnet.

Auslauf.

Was geschieht mit dem Reichtum der Städte? Ein Fabrikant um 1900 baute seine Fabrik in die Stadt, seine Villa daneben. Später, aus Sicherheits- wie auch ästhetischen Gründen, mußten Industrieanlagen und Herrenhaus möglichst weit hinaus aus den Städten und voneinander entfernt, die Industrie auf weite Wiesen, das Herrenhaus in den Wald, an einen See oder nach Florida. Haus am See mochten auch SED-Herrscher. Haus mit Kiesweg und Auslauf für Pferd und Gattin lieben die  Fördermittel-Reiter von heute ... zurück zur Stadt: “Die an den Hebeln” wissen nichts von der Erde unterm Beton. Weil sie es nicht müssen. Sie nutzen lediglich die Montag bis Donnerstag-Stadt. Bankvorstände, Finanzberater, Professoren verlassen Donnerstagnachmittag die Stätten ihres Gelderwerbs in Richtung Landflughafen ... dann haben die Kinder sturmfrei. In der Freitag bis Montagstadt kämpfen jetzt Einzelhändler, Gastronomen, Kulturschaffende um verirrte Lemminge, welche in der Schlucht der Großverkäufer paar Restgroschen behielten. Komm, rufen sie, trink, genieße, verbrauche Verbraucher! Hier bei mir ... Benötigt jede Stadt einen Umbruch? Wer hat den Kopf frei für einen Umbruch? Gewiss niemand, der jeglichen Besitz monatsweise erneuern muss. Wie vielen Einwohnern gehört das Dach überm Kopf? Der Unterschied von Besitz und Nutzungsrecht klopft drohend in der Brust. Monatliches Bezahlen des Lebensrechts, also des Wohnens, der Pflege seines Äußeren. Miete, Raten für Wasser, Strom, Fahrzeug, nichts ist für immer. Besitz ist das Ende der Freude, sagt ein asiatisches Sprichwort und meint wohl den Besitz von Gegenständen. Herr über sein Leben zu sein, über die Entscheidung von Wohnort und Arbeitszeit ist Luxus geworden. Städte sind Durchgangsstationen, längst umgebrochen, geringer die Bedeutung  als Heimat, Herkunft.

Pflug fehlt?

Umbruch. Der Bauer bricht sein Feld um. Essen wollen die Leute immer. Der Pflug wirft Erde von unten ans Licht, von rechts nach links. Für Städte gibt es keinen Pflug, keinen Weckruf, nicht einmal die Not vermag eines von beiden. Unten bleibt unten, oben bleibt oben. Zwischen Links und Rechts wechseln nur paar Geltungshungrige. 2004 erlebt die endgültige Verkleidung des Wortes Umverteilung in Sparen. Eine Wirtschaft schwindelerregend leistungsstark wie eh und je (Export, Rüstung, Pharma, Automobile) erzeugt in den Menschen dennoch diffuse Ängste wie vor großen Kriegen. Diesmal ohne die glitzernde Euphorie ihn zu gewinnen und Beute teilen zu können. Immer wieder der graue Traum: Menschen um einen Trog süße brodelnde Kraft (Wasser, Brot, Tauschmittel). Harte Emaillekante. Passen alle ran? Der Trog steht nicht mehr in Deutschland, steht bei denen, die wir gestern noch anschrien, sie sollten nach Hause gehen, Polen, Rumänen, Ukrainer, Slowaken ... wenn meine Hände den Halt an der Kante des Troges verlieren, wenn meine Hände die Familie und mich nicht ernähren, müssen sie dann eine Waffe halten? Aber wo steht der Feind?

An-Trieb.

Wohin? Natürlich schaut ein Mensch im täglichen Kampf um die monatlichen Raten auch einmal auf, mehrmals, schaut zurück und voraus. Natürlich. Und er fragt andere nach Modellen der Verteilung von Reichtum, von Gemeingütern. Auch nach dem Antrieb der Menschen.

Aber wer den Schock des “sozialistischen” Stillstands noch in sich trägt, bezeichnet rasch das Wohlstandsgefälle als einzig zuverlässigen Antrieb, das Mehr-Wollen, mehr Schale. Einige Besessene, umsichtige Selbstverwirklicher oder religiös Gezähmte fallen für ihn da nicht ins Gewicht.

Umbruch wohin? Welche Aufgaben, welche Kontrollen und das schwierigste schon immer: Wer kontrolliert die Kontrolleure? Das konnte bisher keine Gesellschaft lösen: Reichtum verteilen – Eintrag fordern sind utopisch wie eine Miete die Kosten deckt und nicht im Sog von Zinsen, Aktien und Launen treibt. Umbruch wohin? Wo ist die Jugend, die Entwürfe hervor kramt, mit Lautstärke versieht, mit Licht, mit Sorglosigkeit? Dafür eine Verbreitungsmaschinerie findet (außerhalb TV?), die es nicht zur Albernheit verkocht.

End-Wurf.

Städte vorm Umbruch? Gibt es wirklich die Notwendigkeit dazu? Umbruch wohin? Von welcher Kompetenz begleitet? Administrativer, finanzieller von oben? Frische und Ausdauer aus der Mitte? Unten: Selbstbewusstsein statt Bewunderung?

Patient Stadt, hat Leber, Nieren, Rückenmark und Gehirn längst für Maschinen, Glaskanten und Ersatzstoffe hergegeben. Jetzt gehts ans Herz. Ich höre gut, wie es schlägt. Kann es aber auf dem Schirm nicht erkennen. Schlägt’s außerhalb des Leibes? Seltsam der ganze Leib: Die Hand ist nicht am Arm befestigt, der Arm nicht an der Schulter. Mittler und Makler knüpfen dürre Ersatzadern, die genau einen Monat halten, aber Blut für Jahre fortsaugen. Städte verkaufen deshalb gerade das Tafelsilber, ihre Gelenke. An wen wird verkauft? Nicht an Menschen, die an ihrer Stadt “hängen”! Denn diese bleiben Bewohner, finanziell abhängig, wohl auch geistig? Wie oft hört man das Klagen für Aktivitäten sei kein Geld da. Bewohner sitzen nicht an Hebeln, verwenden das Flugzeug nur für die Urlaubsreise, gründen Vereine, Initiativen gegen, für oder pro, schreiben Leserbriefe, sammeln Unterschriften. Wiederholen ihre Meinung tapfer in der lauen, von Entwürfen verlassenen Luft.

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Udo Tiffert war früher Lyriker und ist heute Prosa- und Kabarettautor (Die Ehrlichen). Er lebt in Berlin und in der Oberlausitz. Buchveröffentlichungen im Eigenverlag. http://www.udotiffert.de

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Dies ist ein Dokument der Seite www.schrumpfende-stadt.de
Erstelldatum: 03. Mai 2004
Autor: Udo Tiffert