| Kehrtwende
in der Stadtentwicklung - Ostdeutschland als Laboratorium für eine alternative
Urbanität?
Kohls blühende Landschaften waren bis
weit in die 90er Jahre die Leitvorstellung auch in der Stadtentwicklungspolitik.
Erwartet wurden ein beständiger Zugewinn von Einwohnern, Gewerbetreibenden
und Wirtschaftskraft. Tatsächlich hat sich einiges getan: der ostdeutsche
Bauboom kurbelte Anfang der 90er die gesamtdeutsche Wirtschaft an,
historische Innenstädte wurden ebenso wie periphere Plattenbaugebiete
saniert und strahlen in neuem Glanz. Die langfristigen Wachstumshoffnungen
jedoch stellten sich als unrealistisch heraus. Viele Maßnahmen, wie
der damals hochsubventionierte Bau von Shoppingcentern und überdimensionierten
Gewerbegebieten auf der grünen Wiese, haben sich mittlerweile vielerorts
als kontraproduktiv für die Entwicklung der Städte und ihrer Zentren
erwiesen (vgl. Häußermann 1999). Das Schicksal der Städte scheint
somit beispielhaft für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung Ostdeutschlands
in den letzten Jahren: Auf breiter Ebene wird nun ein Paradigmenwechsel
vom Wachstums- zum Schrumpfungsmanagement erforderlich. Alternative
Wege müssen beschritten werden, um eine neue ökonomische und gesellschaftliche
Basis herauszubilden. In diesem Beitrag werden bezogen auf die Situation
in Ostdeutschland die Ursachen, Hintergründe und Folgen des
Schrumpfungsprozesses dargelegt, die kommunalpolitische Karriere das
Themas in den letzten Jahren und aktuelle sozialräumliche Ansätze
beschrieben und diskutiert. Die Ursachen des demographischen und ökonomischen
Wandels sind auf verschiedenste gesellschaftliche, politische, soziale
und wirtschaftliche Umbrüche im Zuge der Wende zurückzuführen (vgl.
Lang, Tenz 2003:11ff). Für die ostdeutschen Städte bedeutete dies
an erster Stelle einschneidende, wirtschaftliche Strukturveränderungen,
die im Regelfall auch von städtischen Funktionsverlusten
begleitet waren. Unmittelbar nach der Wende setzte mit der Anpassung
an das marktwirtschaftliche System eine Deindustrialisierung
ein, die nur unzureichend durch andere Gewerbeformen des tertiären
Sektors kompensiert werden konnte. Darüber hinaus wurde die schwierige
Arbeitsmarktsituation auch durch institutionelle
Rückbildungsprozesse (De-LPGsierung, De-Militarisierung
oder De-Administrierung) und der weitgehend unkompensierten
Verschiebung von Verwaltungsfunktionen verstärkt (Hannemann 2002:4).
Parallel wurde dieser Umstrukturierungsprozess von Bevölkerungsabwanderungen
in die westlichen Bundesländer und von drastischen Geburtenrückgängen
- zwischen 1989 und 1994 ging die Zahl der Geburten um ca. 60 Prozent
zurück (BBR 2001:6) - begleitet. Darüber hinaus haben fast alle ostdeutschen
Städte auch hohe Nahwanderungsverluste - vorwiegend aufgrund eines nachholbedingten
Ein- und Mehrfamilienhausbaus in stadtnahen Umlandgemeinden - hinnehmen
müssen. Daneben fanden angesichts der in den Stadtzentren zu Beginn
der 90er Jahre vielerorts ungeklärten Eigentumsverhältnisse (Restitutionsproblematik)
Umlandwanderungen weiterer städtischer Funktionen (insbesondere großflächiger
Einzelhandel) im großen Umfang statt. Diese Suburbanisierungs-
bzw. Desurbanisierungsprozesse wurden durch eine Fehlsteuerung
von Bausubventionen noch verstärkt und führten in den meisten Städten
zu hohen Wohnungsleerständen sowohl in Altbau- als auch Plattenbauquartieren
(vgl. Rietdorf et al. 2001). In der zweiten Hälfte der 90er Jahre
war Leerstand im Gegensatz zu dem weit verbreiteten Klischee
noch überwiegend ein Problem im innerstädtischen Altbaubestand.
1998 standen bezogen auf die neuen Bundesländer in der Baualtersgruppe
bis 1918 mehr als 30 Prozent der Wohnungen leer, gegenüber 8 Prozent
im DDR-Wohnungsbau (BMVBW 2000:18). Allerdings fand seitdem eine Verschiebung
hin zu steigenden Leerstandsanteilen in den DDR-Neubaugebieten statt.
Mit
dieser Leerstandssituation sind eine Vielzahl von Auswirkungen für
das funktionale Stadtgefüge verbunden. Ohne kontinuierliche Bestandsentwicklung
sind stadthistorisch wertvolle Ensembles durch abgängige Bausubstanz
in ihrem Bestand bedroht. Stadtbild und Wohnumfeld werden durch leerstehende
Wohngebäude beeinträchtigt, was sich in einem negativen Image von
Stadtquartieren und in einer fehlenden Aktivität potenzieller Investoren
niederschlägt. Der Wegzug wirtschaftlich stabilerer Haushalte führt
zur einseitigen Entwicklung der Bevölkerungsstruktur in den Abwanderungsgebieten:
Ältere Einpersonenhaushalte nehmen zu, die Anzahl junger Familien
und von Haushalten mit mittleren bis gehobenen Einkommen verringert
sich. Die Folge ist die Auflösung gewachsener Nachbarschaftsstrukturen,
die Überalterung resp. Verarmung der zurückgebliebenen Bevölkerungsanteile.
Mit einer Verwahrlosung von ganzen Stadtteilen kann eine Fluchtabwanderung
von ursprünglich dort verweilen wollenden Mietern einsetzen: eine
irreversible Abwärtsspirale, die allgemein von Verfall, Resignation
der Zurückgebliebenen und Negativimages geprägt ist. Zudem
spiegelt sich der Bevölkerungsrückgang in einer unzureichenden Auslastung
der wohnungsnahen Infrastruktur wider. Angesichts der mangelnden wirtschaftlichen
Tragfähigkeit müssen viele Einrichtungen, insbesondere Schulen und
Kindertagesstätten, geschlossen oder zusammengelegt werden. Auch ist
oftmals die Unterhaltung eines effizienten, öffentlichen Personennahverkehrs
durch den Bevölkerungsrückgang nicht mehr gewährleistet, der Anteil
des motorisierten Individualverkehrs steigt. Wohnungsüberangebot und zunehmende Leerstände führen
zum Absinken der Mieteinnahmen. Dadurch werden Sanierungs- oder Neubaumaßnahmen
im Bestand eingeschränkt oder hinausgezögert. Hinzu kommt, dass Leerstände
zusätzlich auch Verwaltungs-, Instandhaltungs- und Kapitalkosten,
teilweise noch für Altschulden aus DDR-Zeiten, verursachen. Bei Kumulierung
aller Faktoren sind Wohnungsunternehmen von Insolvenz bedroht. Die demographisch bedingte Schrumpfung und ihre diskutierten
Folgen werden sich in Zukunft noch im verstärkten Maße fortsetzen
(vgl. Birg 2001). Aufgrund der in den letzten Jahren erfolgten Verringerung
durchschnittlicher Haushaltsgrößen konnten bislang Bevölkerungsrückgänge
vielerorts durch den allgemeinen Anstieg privater Haushalte teilweise kompensiert
werden. Seit 1990 hat sich die Anzahl der ostdeutschen Haushalte deutlich
vergrößert, wobei allerdings räumliche Unterschiede auftreten, die
in einigen Städten schon seit einigen Jahren eine negative Entwicklung
der Haushaltszahlen erkennen lassen. Doch führt allein der oben erwähnte
drastische Geburtenrückgang bis 2010 zu weitergehenden Verringerung
der ostdeutschen Bevölkerung von derzeit rd. 17,4 Mio. auf 16,7 Mio.
Personen (BBR 2001:8). Dadurch wird ab 2015 mit dem sog. Echoeffekt
geburtenschwacher Jahrgänge aus der Nachwendezeit gerechnet, der eine
noch ausgeprägtere Bevölkerungsreduktion hervorrufen wird. Obwohl
die Zahl der privaten Haushalte bis dahin durch die Bildung älterer
Haushalte und die Wohnungsnachfrage geburtenstarker Jahrgänge aus
den siebziger Jahren, die zunehmend in das sog. Haushaltsbildungsalter
geraten, weiter ansteigt, kann die fortgesetzte Haushaltsverkleinerung
die demographische Bevölkerungsschrumpfung nach 2015 nicht mehr auffangen.
Aller Voraussicht nach wird sich dann das Haushaltsaufkommen dauerhaft
verringern, so dass spätestens im Jahr 2030 wieder die Haushaltszahl
aus dem Jahr 2000 erreicht wird (BMVBW 2000: 39). Aus den prognostizierten
Entwicklungen wird deutlich, dass die eigentlichen Herausforderungen
des Schrumpfungsprozesses den ostdeutschen Kommunen noch bevorstehen. Die Problematik der beschriebenen Schrumpfungsprozesse
und ihrer Folgen wurde viele Jahre weder thematisiert noch politisch-konzeptionell
angegangen. In welchen Phasen spielte sich die Veränderung der Problemwahrnehmung
ab, und in welchem Stadium befinden sich die ostdeutschen Städte gerade?
Wir versuchen im Folgenden eine Typologie der Problemerkennung und
teilen die jüngere Geschichte und die Zukunft der ostdeutschen Stadtentwicklung
in sieben Phasen ein: Die Phänomene der Wende bestimmen die erste Phase
der Stadtentwicklung in Ostdeutschland seit 1990. In dieser Chaos- und Orientierungsphase war aufgrund der massiven politischen,
sozialen und ökonomischen Umbruchsituation noch nicht klar, wo die
Entwicklung hin geht. Hinzu kam, dass insbesondere die Städte durch
die kalkulierte Vernachlässigung ihrer historischen Substanz
in der Zeit der DDR enorm geschwächt waren. Die unmittelbare Nachwendezeit
war aus stadtentwicklungpolitischer Perspektive geprägt durch den
Aufbau der Planungs- und Entscheidungsebenen. Durch die desolate Situation
in den Zentren aufgrund von Restitutionsverwirrungen und unkalkulierbaren
Altlastenrisiken sowie durch schlecht organisierbare beziehungsweise
fehlende Steuerungsmechanismen und vorgaben, wurden Entwicklungen
des Handels, des Gewerbes und des Wohnens auf der Grünen Wiese und
in den Umlandgemeinden der Städte begünstigt. So befinden sich in
Ostdeutschland mittlerweile zwei Drittel der Einzelhandelsflächen
auf der grünen Wiese (BBR 2000: 15). Die Verkaufsfläche
des Einkaufszentrums Saale-Park vor den Toren Leipzigs
beispielsweise überstieg bereits 1995 mit 86.000 m² das Angebot in
der Innenstadt um ca. 16.000 m² (BBR 2000: 55). Der Umbau der ostdeutschen Wirtschaft durch die Treuhand
war in den Jahren 1993/94 größtenteils abgeschlossen, erste Anzeichen
einer Verstetigung negativer Entwicklungstrends hätten zwar aus heutiger
Sicht schon in dieser Ignoranzphase
erkannt werden können, Politik und Planung waren jedoch immer
noch zu sehr fixiert auf die ausgegebenen Wachstumsperspektiven und
nicht in der Lage, erste Anzeichen rückläufiger Stadtentwicklungsprozesse
aufzunehmen. Bis Ende 1999 wurden durch eine breit angelegte Förderung
ca. 750.000 Wohnungen neu gebaut (BMVBW 2000: 10ff), obwohl bereits
1990 über 400.000 Wohnungen leer standen und spätestens seit Mitte
der 90er Jahre ein dauerhafter Wohnungsleerstand absehbar war. In der zweiten Hälfte der 90er Jahre wurde es dann
zunehmend schwieriger, über Einwohnerverluste, konstant hohe oder
gar steigende Arbeitslosigkeit und die wachsenden Wohnungsleerstände
hinwegzusehen. Dennoch reagierte die Stadtpolitik nicht auf immer
bedrohlichere Prozesse der Schrumpfung und setzte statt dessen auf
Verdrängung des Themas.
Zwar wuchs die Problemerkenntnis und der Handlungsbedarf (einer Steuerung
der Schrumpfung) wurde immer offensichtlicher, aber die politische
Durchsetzbarkeit einer regressiven Stadtentwicklungspolitik schien
unmöglich. In den meisten Fällen wurde weiterhin Wachstum propagiert,
prophezeit und als Ziel der Stadtentwicklung ausgegeben. Die immer umfassendere Problemerkenntnis reichte
daher noch nicht aus, die Analysephase
einzuleiten; dazu war erst noch der dramatische, konzertierte
Hilferuf der Wohnungswirtschaft erforderlich. Dem Ausdruck von Lobbyinteressen
ist es zu verdanken, dass eine auf Bundesebene eingesetzte Expertenkommission
zum wohnungswirtschaftlichen Strukturwandel (BMVBW 2000) eine umfassende
Analyse zur Leerstandssituation und entwicklung vorlegen und
diese mit integrierten Handlungsempfehlungen verbinden konnte. Diese
Offenbarung ging einher mit detaillierteren Analysen und der Erkenntnis
planerischer Ratlosigkeit im Umgang mit Schrumpfung. Spätestens angestoßen durch den Wettbewerb der Bundesregierung
im Rahmen des Programmes Stadtumbau-Ost zur Erstellung integrierter
Stadtentwicklungskonzepte, befinden sich mittlerweile die meisten
Städte in einer Konzeptions-
und Experimentierphase. Planerinnen und Planer versuchten sich
durch neue Ideen dem Phänomen zu nähern und umschrieben ihre noch
sehr analytisch geprägten Konzepte mit Begriffen wie Kern-Plasma-Modell,
die perforierte Stadt oder weniger ist mehr.
Das positive Schrumpfen (shrink positive) und ein qualitatives
Wachstum wurden eingefordert. Doch umfassende Strategien zur
Steuerung einer regressiven Stadtentwicklung fehlen bisher weitgehend;
Kreativität im Umgang mit quantitativen Bedarfsrückgängen braucht
Zeit und den gesellschaftlichen Nährboden dazu. Im Grunde fehlt aber
(noch) beides. Zu verfestigt sind die automatischen Verknüpfungen
unseres Unterbewusstseins von Fortentwicklung und Wachstum. Und die
Zeit drängt, weil die Probleme so groß sind, dass man sie nicht mehr
länger unbearbeitet lassen darf, und die zukünftige demographische
Entwicklung wie auch die aktuellen wirtschaftlichen Aussichten keinen
Grund zur Entspannung erkennen lassen. Schaffen wir also den Paradigmenwechsel
von einer Planung des Wachstums hin zu einer Steuerung und kreativen
Nutzung der ungewohnten Prozesse? Erste Städte befinden sich bereits in der Realisierungsphase und experimentieren
mit dem Stadtumbau. Sie haben die aktuellen Rahmenbedingungen akzeptiert
und wissen, dass sie nur eine Chance haben, wenn sie ihre in der Schrumpfung
verborgenen Potenziale nutzen (vgl. Oswalt et al. 2002; Lang, Tenz
2002), ohne dabei zukünftiges Wachstum vorauszusetzen. Sie wissen,
dass es nur um eine Konsolidierung der Negativentwicklungen gehen
kann. Die ehemaligen Industriestädte Schwedt und Leinefelde z.B. sammeln
schon seit Jahren Erfahrungen im Rückbau ihrer weitläufigen Plattenbausiedlungen
und verfolgen dabei z.T. innovative Ansätze: Rückbau von 11 auf 4-5
Etagen, Stadtvillen aus durchtrennten Zeilenbauten, Recycling von
Plattenelementen (vgl. Stadt Leinefelde 2002: 47, für Schwedt BMVBW
2001a: 56ff). Es macht wenig Sinn, die vorgenommene Phaseneinteilung
an einzelnen Jahren fest zu machen, soll sie doch nur grob den Umgang
mit Prozessen der Schrumpfung seit der Wiedervereinigung verdeutlichen.
Überwunden hat die Krise allerdings noch keine Stadt im Osten. So
warten alle auf die Erfolgsphase, die endlich erkennen lässt,
welche Bemühungen der Planer und (Stadt-)Politiker erfolgreich sind
und welche nicht. Dabei muss vor allem noch diskutiert werden, was
denn unter den besonders widrigen ökonomischen und vor allem demographischen
Zukunftsaussichten Ostdeutschlands überhaupt als Erfolg gewertet werden
kann. Die Herausforderungen für die Stadtplanung sind also
im großen und ganzen erkannt. Im Rahmen des Stadtumbaus stellt sich
nun, nicht zuletzt durch den Druck aus der Wohnungswirtschaft, als
primäres Problem ein städtebauliches: der Umgang mit der zu groß gewordenen
räumlichen Hülle einer ausgedünnten Stadtgesellschaft. Heißt dies
im Klartext Abriss? Die Strategien zum Umgang mit Schrumpfung befinden
sich immer noch in der Konzeptions- und Experimentierphase. Denn die
stadtplanerischen Leitgedanken der letzten Jahre und Jahrzehnte stehen
auf den ersten Blick quer zu den Herausforderungen schrumpfender Städte.
Das seit den 80er Jahren vorherrschende Leitbild Europäische Stadt
als Gegensatz zur amerikanischen Stadt und zu modernistischen
Leitbildern der 50er und 60er Jahre- steht für bauliche Dichte und
eine Stadt der kurzen Wege, Nutzungsmischung sowie eine Konzentration
der zentralen Funktionen wie Handel, Kultur und Dienstleistung auf
die Innenstädte. Und wer als Planer mit den Ideen der bestandorientierten
westdeutschen Behutsamen Stadterneuerung der 80er Jahre groß
geworden ist, tut sich mit großflächigen Abrissen ohnehin schwer.
Denn schließlich besitzen die von hohen Leerständen betroffenen Quartiere
doch auch erhaltenswerte städtebauliche und sozialräumliche Qualitäten,
schließlich kann der Abriss von an sich noch nutzbarem Wohnraum doch
nicht als ökologisch und ökonomisch nachhaltig gelten, und nicht zuletzt
verweisen einige Experten auf einen erhöhten Zuwanderungsdruck aus
dem Ausland in der nahen Zukunft v.a. im Zuge der Osterweiterung der
EU (Ganser 2001). Dabei ist dieses Warten auf bessere Zeiten keinesfalls
als eine passive Strategie zu sehen: Denn das Konzept Einmotten
impliziert bauliche Sicherungen und gestalterische Herausforderungen.
Doch stößt diese Idee als Breitenstrategie schnell auf Schwierigkeiten:
Zum einen sind die Konzepte für ein stadtraumverträgliches Einmotten
bis jetzt immer noch vage geblieben. Zum anderen gilt vielen zunehmend
als unwahrscheinlich, dass überhaupt bessere Zeiten mit
Bevölkerungswachstum kommen werden: Denn Zuwanderung fand von jeher
in wirtschaftlich prosperierende Regionen Deutschlands statt
doch dazu werden die meisten Regionen Ostdeutschlands auf absehbare
Zeit nicht gehören. Um wohnungsmarktrelevant zu werden, wäre in vielen
Städten zudem eine ganz massive Zuwanderung erforderlich, welche die
Integrationsbereitschaft und -fähigkeit der ostdeutschen Stadtgesellschaften
wahrscheinlich überfordern würde. Wenn also doch Bestände rückgebaut werden sollen:
nach welchem Leitbild? Eine theoretisch denkbare Strategie, die auf
einer regionalen Sichtweise des Problems beruht, bestünde in der Konzentration
auf erhaltungsfähige Zentren und der Vernachlässigung,
d.h. dem in Kauf genommenen Leerziehen und Verfall, der restlichen
Siedlungen. Im Rahmen von Fördermittelzuweisungen der regionalen Entwicklungspolitik
werden solche Gedankenspiele durchaus schon angestellt: macht es noch
Sinn, periphere Regionen wie die Prignitz oder die Uckermark zu fördern,
wenn dasselbe Geld wohl effektiver in Frankfurt/ Oder oder der Stadt
Brandenburg eingesetzt wäre? Bei der Planung von sozialer Infrastruktur,
bilden ähnliche Überlegungen ebenfalls eine Rolle: wenn Krankenhäuser
und Schulen in einer Region geschlossen werden sollen, konzentriert
man die verbleibenden Potentiale lieber auf einen gut erschlossenen
zentralen Standort statt nach dem Gießkannenprinzip zu verfahren?
Eine radikale Entscheidung für diesen Ansatz ist jedoch faktisch weder
sozial wünschenswert davor steht das Gebot der gleichwertigen
Lebensbedingungen noch politisch umsetzbar. Dieses Gedankenmodell
lässt sich auch auf die städtische Ebene übertragen. Die Stärkung
von dauerhaft funktionsfähigen und attraktiven Zentren trifft sich
mit den zuvor angesprochenen Leitbildern der dichten Europäischen
Stadt. Eine Orientierung auf die Innenstadt bedeutet Rückbau von den
Rändern her, und damit eine Re-Urbanisierung in mehrdimensionaler
Hinsicht räumlich, sozial, verkehrlich usw. Für die städtische
Peripherie hieße dies nicht nur großflächige Abrisse ganzer Stadtviertel
und damit überproportional der noch jungen und z.T. frisch
sanierten Großsiedlungen aus DDR-Zeiten -, sondern auch einen restriktiven
Umgang mit der weiteren Außenentwicklung vor allem im Einfamilienhausbereich.
Dagegen müssten die Kernstädte als attraktiver Wohnort auch für die
potentiellen Stadtflüchter qualifiziert werden, etwa durch die weitere
Sanierung und den bedarfsgerechten Umbau des Altbaubestandes. Diese
Schrumpfung von außen nach innen wird in einigen Stadtentwicklungskonzepten
favorisiert (z.B. in Brandenburg/Havel, BMVBW 2001a: 55). Die Umsetzungsschwierigkeiten
dieser für viele Planer sicherlich bestechenden Idee liegen dabei
nicht nur auf wirtschaftlichem Gebiet, da teilweise gut ausgestattete,
periphere Wohnungen zugunsten von noch mit hohem Aufwand zu renovierenden
Altbauten oder teuren innerstädtischen Neubauten abgerissen werden
müssten, sondern vor allem auf gesellschaftlich-kulturellem Gebiet:
Trotz der schon jahrzehntelangen Anstrengungen, die urbanen Qualitäten
der Stadt gegenüber der angeblichen vorstädtischen Ödnis herauszustreichen,
scheint die Attraktivität Suburbias ungebrochen. Die spannendste Diskussion entspinnt sich deswegen
z.Z. über Vorstellungen einer Art alternativen Urbanität, die
versucht, die Phänomene schrumpfender Städte aufzufangen und kreativ
als neue Qualitäten zu verwenden. Beispielsweise versteht der Begriff
der perforierten Stadt des Leipziger Planers Lütke Daldrup (Lütke Daldrup
2001) die durch vorsichtige Ausdünnung der dichten Blockstrukturen
der Leipziger Innenstadt entstehenden Lücken als ein Potential
eine Gratwanderung zwischen der Auflösung historischer Substanz und
der Beibehaltung von Kernelementen stadträumlicher Syntax
(ebd.: 44). Bei der Perforierung sollen keine Löcher entstehen, sondern
z.B. neue Grünflächen, die relativ kostengünstig als wilde Parks,
als Mietergärten oder Bolzplätze gestaltet werden können. Der Begriff
Stadtlandschaft erlebt neu interpretiert eine Renaissance.
Um den Blick zu weiten, werden auch provokative Ideen wie der durch
das Bauhaus Dessau ins Spiel gebrachte Safari-Park (Oswalt et al.
2001:62) entwickelt: ein leergezogener Plattenbaustadtteil wird, teils
der Natur zurückgegeben, als Abenteuerpark gestaltet und soll als
touristische Attraktion dienen. Aber auch durch neue Wohnformen,
die eine interessante städtebauliche und soziale Mischung versprechen,
können homogenen Stadtstrukturen aufgelockert werden. Wittenberge
plant beim Abriss gründerzeitlicher Blockstrukturen am Innenstadtrand
den Neubau von Reihenhäusern (BMVBW 2001b: 92f), auf größeren Brachen
könnten sogar innerstädtische Einfamilienhäuser entstehen. Auch bestehende
Bauten erhalten eine neue Chance: das Zuviel an umbautem Raum kann
durch eine Extensivierung von Nutzungen bespielt werden, z.B.
wenn die leerstehende Nachbarwohnung als Abstellkammer oder Partyraum
zum Betriebskostenpreis gemietet wird. Schließlich kann auch der Prozess
des Rückbaus selbst durch seine Kultivierung positiv genutzt
werden: temporäre Nutzungen und house art in leerstehenden
Wohnblöcken, oder Führungen und Veranstaltungen á la Schaustelle
Ost im Abbruchgebiet (vgl. Schröer 2002). Alternative Urbanität
stellt somit nicht nur Ansprüche an die politischen Entscheidungsträger,
Planer und Architekten, sondern vor allem an die Stadtgesellschaft
selbst, die sich aktiv ihren Raum neu erobern und interpretieren muss.
In der Praxis der Stadtumbau-Prozesse finden sich
im Regelfall keine idealtypischen Strategien in Reinform. Der größte
Erfolg ist von einer Kombination verschiedener Ansätze auf regionaler,
städtischer und auch auf Quartiersebene zu erwarten. Das Thema der
Herausbildung einer alternativen Urbanität ist dabei jedoch oft nur
im Hintergrund oder gar nicht zu erkennen. Eine stärkere Kreativität
wäre wünschenswert, denn während Regionalplanung oder bundeseinheitliche
Eigenheimförderung nicht von den Kommunen beeinflusst werden können,
hätten die Städte die Entwicklung von alternativer Urbanität eher
im Griff. Noch ist unklar, wie sich die ostdeutschen Städte
in Zukunft entwickeln werden. In der jüngeren Vergangenheit seit der
Wende haben sich demographische und ökonomische Trends verfestigt,
die bisherige Planungsansätze ins Wanken gebracht haben. Gleichzeitig
konnte aber die baulich-funktionale Substanz der Städte erheblich
verbessert werden. Die ökonomische und demographische Entwicklung
Ostdeutschlands und auch der ostdeutschen Städte lässt aufgrund der
Einwirkungen des Systems der DDR und der vielfältigen Maßnahmen im
Zuge der Transformation nach 1989 einen eigenständigen Entwicklungspfad
vermuten, der mit der Stadtentwicklung im Westen Deutschlands in den
vergangenen 50 Jahren und auch seit der Wende so gut wie keine Gemeinsamkeiten
aufzeigt. Es macht daher keinen Sinn, gängige westdeutsche Steuerungsmuster
und Planungsprinzipien auf Ostdeutschland zu übertragen. Im Gegenteil
wird diskutiert, inwiefern die ostdeutschen Erfahrungen mit Schrumpfungsprozessen
auf westdeutsche Situationen im Rahmen des 2002 angelaufenen Programms
Stadtumbau West anwendbar
sind. Die Zukunft der Städte in den neuen Bundesländern
als Orte von Kultur, sozialem Zusammenleben und Innovation wird derzeit
neu geschrieben. Es ist die Aufgabe der gesamten Gesellschaft, eine
alternative Urbanität herauszubilden, die in der Lage ist, unsere
Städte als lebenswerte und funktionsfähige Orte zu erhalten. Der Beitrag ist eine leicht überarbeitete Version
von Achim Schröer/Sascha Vogler/Thilo Lang: Geordneter Rückzug oder
less is more? Ostdeutschland als Laboratorium für eine alternative
Urbanität, in: vorgänge Nr. 161, Heft 1/2003. Bertram, Hans; Kallmorgen, Raj
2001: Die Transformation Ostdeutschlands, Opladen Birg, Herwig 2001: Die demographische
Zeitenwende. Der Bevölkerungsrückgang in Deutschland und Europa, München
Bundesamt für Bauwesen
und Raumordnung (BBR, Hg.) 2001: Perspektiven der Wohnbauinvestition
in den neuen Ländern, Bonn Bundesamt für Bauwesen
und Raumordnung (BBR, Hrsg.) 2000: Raumordnungsbericht
2000, Berichte, Band 7, Bonn Bundesministerium für
Verkehr, Bau- und Wohnungswesen (BMVBW, Hg.) 2000: Wohnungswirtschaftlicher
Strukturwandel in den neuen Bundesländern; Bericht der Kommission,
Berlin Bundesministerium für
Verkehr, Bau- und Wohnungswesen (BMVBW, Hg.) 2001a: Läuft
die Platte leer? Möglichkeiten und Grenzen von Strategien zur Leerstandbekämpfung
in Großsiedlungen, Berlin Bundesministerium für
Verkehr, Bau- und Wohnungswesen (BMVBW, Hg.) 2001b: Stadtumbau
in den neuen Ländern. Integrierte wohnungswirtschaftliche und städtebauliche
Konzepte zur Gestaltung des Strukturwandels auf dem Wohnungsmarkt
der neuen Länder Bundesministerium für
Verkehr, Bau- und Wohnungswesen (BMVBW, Hg.) 2002: Informationen
zum Stadtumbau Ost - April 2002, Berlin Ganser, Karl 2001: Hände weg, liegenlassen,
in: Der Architekt, 4/01, Themenheft Shrink positive, S. 27-30 Hannemann, Christine
2002: Schrumpfende Städte: Überlegungen zur Konjunktur einer vernachlässigten
Entwicklungsoption für Städte; in: Infobrief Stadt 2030, Nr.
6, S. 4-10 Häußermann, Hartmut;
Siebel, Walter 1987: Neue Urbanität, Frankfurt/ Main Häußermann, Hartmut; Siebel, Walter
1988: Die schrumpfende Stadt und die Stadtsoziologie. In: Soziologische Stadtforschung, Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie,
Sonderheft 29, 1988 Häußermann, Hartmut 1999: Die Städte in den neuen Bundesländern - Schrumpfung
und Verfall; in: vorgänge, 1999, Heft 1 Lang, Thilo; Tenz, Eric
2002: Entwicklungspotenziale
schrumpfender ostdeutscher Städte Ein Plädoyer für eine positivere
Betrachtungsweise der Stadtentwicklungsprozesse, in: PlanerIn 4/ 2002 Lang, Thilo; Tenz, Eric
2003: Von der schrumpfenden
Stadt zur Lean City Prozesse und Auswirkungen der Stadtschrumpfung
in Ostdeutschland und deren Bewältigung, Dortmund Lütke Daldrup, Engelbert
2001: Die perforierte
Stadt. Eine Versuchsanordnung, in: Stadtbauwelt 24/ 01, Themenheft
Die perforierte Stadt, S. 40ff Oswalt, Philipp et al.
2001: Experimenteller Stadtumbau in Ostdeutschland - Weniger ist mehr
(Bauhaus-Studie), Dessau Oswalt, Overmeyer, Prigge 2002: Experiment
Stadtumbau, in: Berliner Debatte Initial 13 (2002) 2, Themenheft Schrumpfende Städte Rietdorf, Werner; Liebmann, Heike; Haller, Christoph
2001: Schrumpfende Städte, verlassene Großsiedlungen? Stadtstrukturelle
Bedeutung und Probleme von Großwohnsiedlungen, in: DISP 146 Schröer, Achim 2002: Kultivierte Schrumpfung, in: taz vom 23. September 2002 Stadt Leinefelde (Hg.) 2002: Stadtentwicklungskonzept. Stadtumbau Ost
Stand Juli 2002, Leinefelde Statistisches Bundesamt 2000 (Hg.): Bevölkerungsentwicklung
Deutschlands bis zum Jahr 2050. Ergebnisse der 9. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung,
Wiesbaden |
.........................................................................................................................................................
| Dies ist
ein Dokument der Seite www.schrumpfende-stadt.de Erstelldatum: 07. Dezember 2003 Autor: Achim SChröer, Sascha Vogler, Thilo Lang |