Schrumpfende Städte - eine Annäherung

Zahlreiche VertreterInnen aus Wissenschaft und Praxis der Arbeitsfelder Stadtplanung, Architektur und Wohnungswesen diskutieren und publizieren seit geraumer Zeit über schrumpfende Städte, wobei nur sehr wenige Beiträge erkennen lassen, welche exakte Definition eigentlich jeweils mit der Verwendung dieses Begriffes verbunden wird. Eine Reduzierung auf den Faktor negative Bevölkerungsentwicklung greift wesentlich zu kurz bzw. lässt nur eine oberflächliche Behandlung des Themas zu und wird der umfassenden Problemlage vor Ort nicht gerecht. Der Beitrag unternimmt eine Eingrenzung des Begriffes der schrumpfenden Stadt und schlägt vor, die Debatte in einem breiteren Zusammenhang zu führen.

Demographische und ökonomische Faktoren der Stadtentwicklung berücksichtigen!

Eine kurze Beschäftigung mit der Geschichte der Stadt im allgemeinen sowie mit der Entwicklung der Städte Deutschlands seit der Industrialisierung zeigt, dass städtische Strukturen elementar mit der jeweils aktuellen demographischen und ökonomischen Entwicklung verbunden sind (vgl. Reinborn 1996). Ökonomische Faktoren waren im 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Grund für die starke Zuwanderung der Landbevölkerung in die Städte; ökonomische Gründe waren es, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Suburbanisierung breiter Bevölkerungsteile ermöglichten (oder erzwangen), und es sind auch ökonomische Gründe – nämlich ein vielfach fundamentales Missverhältnis zwischen Einnahmen und Ausgaben in den kommunalen Haushalten -, die Städte heute dazu zwingen, notwendige Investitionen zu reduzieren (vgl. Mäding, Voigt 1998). Warum wird also der Bereich Wirtschaft im Zusammenhang mit schrumpfenden Städten so häufig ausgeblendet?

Fakt ist, dass die Situation und Dynamik der ortsansässigen Unternehmen und Arbeitgeber entscheidend auf die gesamte Entwicklung der Städte Einfluss nimmt und daher in der fachlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Schrumpfung und Stadtumbau stärker berücksichtigt werden muss!

Die Frage der Indikatoren

Veränderungen bezüglich der Einwohnerzahlen einer Stadt lassen sich sehr leicht feststellen, und auch die direkten Ursachen sind hinlänglich bekannt. Ein negativer Saldo aus Fort- und Zuzügen (Fern- und Nahwanderungen) und ein negativer Saldo aus Geburten und Sterbefällen beeinflussen die Entwicklung der Stadtbevölkerung. Negative natürliche Bevölkerungsentwicklung ist in Deutschland schon lange ein Problem; die Geburtendefizite in den Städten konnten jedoch im Westen Deutschlands bis in die 70er und nach Ende des Kalten Krieges bis in die späten 90er Jahre, im Osten bis zur Wende (Statistisches Amt der DDR 1990: 397) durch ein Mehr an Zuwanderung ausgeglichen werden.

Von einer schrumpfenden Stadtbevölkerung sprechen wir, wenn die Einwohnerzahlen beständig und deutlich abnehmen. Wie aber lässt sich die Entwicklung im ökonomischen Bereich abbilden? Aus stadtentwicklungspolitischer Sicht sind drei Indikatoren zentral (vgl. Lang, Tenz 2003: 67f): das Angebot an Arbeitsplätzen, die Zahl der Arbeitslosen (bzw. Arbeitsfähigen ohne Arbeit) und die Brottowertschöpfung (BWS). Relevant ist dabei die absolute Entwicklung. Es kann bei der Betrachtung einzelner Städte im Vergleich nicht darum gehen, wie sich die BWS je Beschäftigtem oder das Arbeitsplatzangebot je 1000 Einwohner entwickelt haben, wobei sich die Bezugsgrößen ständig ändern. Relativ gewichtete Untersuchungen über die Situation ostdeutscher Stadtregionen im bundesweiten Vergleich geben daher ein verfälschtes Bild der Wirklichkeit wider. Die genannten Indikatoren sind am ehesten geeignet, die wirtschaftliche Entwicklung einer Stadt aus arbeitsmarkt- und finanzpolitischer Sicht zutreffend abzubilden. Von einer negativen wirtschaftlichen Dynamik ist insbesondere dann auszugehen, wenn die lokale Wirtschaft nicht in der Lage ist, die vorhandenen Arbeitsplätze zu halten, was auch bei einem leichten Wirtschaftswachstum noch der Fall sein kann (jobless growth).

Mögliche Konstellationen der Stadtentwicklung zwischen Schrumpfung und Wachstum

Bevölkerungs- und Wirtschaftsentwicklung stellen insbesondere hinsichtlich der zahlenmäßigen Veränderung der Gesamtbevölkerung und des Arbeitsplatzangebotes die wichtigsten ursächlichen Prozesse der Stadtentwicklung dar, die sich auf alle wesentlichen Bereiche auswirken können.

Bei Betrachtung der ausgewählten Variablen sind folgende Kombinationen möglich:

Abb.: Bevölkerungsentwicklung und wirtschaftliche Dynamik zwischen schrumpfen und wachsen

In der ersten Kombination wird die Stadtentwicklung von sinkenden Einwohnerzahlen sowie einem negativen, nicht vorhandenem oder leicht steigenden Wirtschaftswachstum (Veränderung der BWS im Vergleich zum Vorjahr), das zur weiteren Freisetzung von Arbeitsplätzen führt, bestimmt. Diese Konstellation lässt sich bei Betrachtung der Entwicklung zentraler Indikatoren in der zweiten Hälfte der 90er Jahre für einige ostdeutsche kreisfreie Städte feststellen. Das zweite Beispiel wird durch ebenfalls sinkende Einwohnerzahlen, aber eine stagnierende oder positive wirtschaftliche Dynamik charakterisiert. Die Veränderung der BWS im Vergleich zum Vorjahr und andere Faktoren lassen die Zahl der Arbeitsplätze stagnieren oder sogar (leicht) ansteigen. Konstellation drei zeichnet sich durch gegenläufige Prozesse in umgekehrter Form zum Beispiel zwei aus: Stagnation oder Wachstum bei der demographischen Entwicklung und negative Prozesse oder bestenfalls Stagnation im ökonomischen Bereich. Als wachsend können vor dem Hintergrund aktueller Bevölkerungsprognosen Städte betrachtet werden, die sich durch eine positive wirtschaftliche Dynamik und zumindest eine Stagnation der Bevölkerungsentwicklung auszeichnen.

Von den vier Kombinationsmöglichkeiten der beschriebenen Indikatoren, kann lediglich der erste Fall als schrumpfende bezeichnet werden. Schon der zweite Fall zeichnet sich durch gegenläufige Entwicklungen in den zentralen Bereichen aus.

Schrumpfungstypen

Doch auch bei Betrachtung von Kombination eins sind noch zwei grundlegend unterschiedliche Fälle städtischer Schrumpfung abgedeckt, die sich aus einer stadtregionalen Betrachtungsweise ergeben und in ihren Auswirkungen auf soziale, ökonomische und bauliche Strukturen erheblich unterscheiden (angelehnt an Häußermann, Siebel 1988):

Erstens ein Typus der schrumpfenden Stadt, der gleichermaßen demographische und ökonomische Niedergangsprozesse aufweist, die sich zwischen jobless growth und einer gemessen an der BWS rückläufigen Entwicklung bewegen. Eine in geringem Ausmaß vorhandene Suburbanisierung von Bevölkerungsanteilen und Arbeitsplätzen lässt die Situation in den Umlandgemeinden zwar besser erscheinen, doch auch in regionaler Sichtweise dominieren Bevölkerungsrückgang und eine schwache wirtschaftliche Dynamik.

Der zweite mögliche Typ schrumpfender Städte stellt sich dabei völlig anders dar. Auch bei diesem Typus dominiert zwar Bevölkerungsrückgang die Entwicklung der Kernstadt, allerdings kann sich die Region insgesamt positiv entwickeln und ist durch anhaltende Prozesse der Suburbanisierung von Einwohnern und Arbeitsplätzen gekennzeichnet. Wirtschafts- und Bevölkerungsentwicklung bleiben also in stadtregionaler Betrachtung insgesamt positiv, die Gesamtbevölkerung wächst und die Wirtschaftsentwicklung zeichnet sich durch eine positive Dynamik, insbesondere an den Rändern der Stadtregion aus.

Abb.: Schrumpfungstypen (vereinfachtes Schema)

Eine Definition

Insbesondere der erste skizzierte Typ stellt dabei die größte Herausforderung für betroffene Städte dar. Altindustrialisierte Regionen der Werft-, Kohle- und Stahlindustrie und andere insbesondere monoindustrialisierte Wirtschaftsstandorte, die sich in den Prozessen des Strukturwandels im globalen Standort- und Konkurrenzkampf nicht behaupten konnten, sind in diese Kategorie einzuordnen und zeigen bis heute erhebliche Probleme der Anpassung.

Aus Sicht der Stadtentwicklung sind diese Städte durch zwei ursächliche Prozesse gekennzeichnet: erstens durch den Verlust von Einwohnern und zweitens durch eine nachlassende wirtschaftliche Dynamik. Anhaltende und deutlich feststellbare demographische bzw. ökonomische Prozesse ziehen in allen Bereichen der Stadtentwicklung Folgeprozesse nach sich. Charakteristisch für diese Folgeprozesse sind quantitative und qualitative Veränderungen, deren Intensität und Auswirkungen maßgeblich vom Ausmaß und dem zeitlichen Verlauf der ursächlichen Prozesse abhängig sind. Durch die beiden ursächlichen Niedergangsprozesse (Demographie und Ökonomie) nimmt die nutzungsspezifische Dichte der schrumpfenden Stadt ab.

Inwieweit Städte des Typ 2 überhaupt solch gravierenden Auswirkungen unterworfen sein können, wie die des Typ 1, ist noch zu klären. Aufgrund des zu erwartenden Ausmaßes einer generell auch bei steigenden Zuwanderungen schrumpfenden Gesamtbevölkerung (vgl. Birg 2001) können in Zukunft demographische Variablen gegenüber den ökonomischen an Bedeutung gewinnen. Aus heutiger Sicht scheinen allerdings insbesondere diejenigen Regionen Bevölkerung anzuziehen, die sich durch eine positive ökonomische Entwicklung charakterisieren.

Literatur

Birg, Herwig: Die demographische Zeitenwende. Der Bevölkerungsrückgang in Deutschland und Europa, München 2001

Häußermann, Hartmut; Siebel, Walter: Die schrumpfende Stadt und die Stadtsoziologie. In: Soziologische Stadtforschung, Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 29, 1988

Lang, Thilo; Tenz, Eric: Von der schrumpfenden Stadt zur Lean City: Prozesse und Auswirkungen der Stadtschrumpfung in Ostdeutschland und deren Bewältigung, Dortmund 2003

Mäding, Heinrich; Voigt, Rüdiger (Hrsg.): Kommunalfinanzen im Umbruch, Opladen 1998

Reinborn, Dietmar: Städtebau im 19. und 20. Jahrhundert, Stuttgart 1996

Statistisches Amt der DDR (Hrsg.): Statistisches Jahrbuch der Deutschen Demokratischen Republik ´90, Berlin 1990

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Erstelldatum: 07. Dezember 2003
Autor: Thilo Lang