Freiraumentwicklung in der fragmentierten Stadt. Am Beispiel Stassfurt.

Infolge der Schrumpfungsprozesse lösen sich die ehemals kompakten Strukturen in den Zentren der ostdeutschen Städte auf, bei gleichzeitigem Wachstum an ihren Rändern. Die Stadt wird mehr und mehr zum Patchwork, d.h. die räumliche und qualitative, aber auch die soziale Differenzierung des Stadtgefüges nimmt zu.

Ein Aspekt der fortschreitenden Fragmentierung ist die Zunahme von ungenutzten Flächen innerhalb und zwischen den unterschiedlichen Siedlungsräumen: Flächen, auf denen Wohngebäude abgerissen wurden, Industrie- und Gewerbebrachen, aufgegebene Bahnflächen, Gewerbeerwartungsland, landwirtschaftliche Brachflächen etc. Neben den komplexen ökonomischen, wohnungswirtschaftlichen und infrastrukturellen Problemen, die durch die Schrumpfungsprozesse ausgelöst werden, stellt sich die Frage nach dem Umgang mit der Vielzahl ungenutzter Flächen, auf denen (mit Ausnahme von Einfamilienhäusern) kaum Bedarf für eine Neubebauung besteht.

Daraus ergeben sich die zentralen Fragestellungen der Diplomarbeit:

  • Welchen Beitrag kann Freiraumentwicklung leisten, brachliegende Flächen stärker in den genutzten Stadtraum zu integrieren?
  • In welche Richtung könnten sich die Stadtgefüge entwickeln und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die Freiraumentwicklung in der Zukunft?

Fragmentierung des Stadtgefüges und Freiraumnutzung

Die Größe und Lage der ungenutzten Flächen im Stadtgefüge und die auf den Flächen verschieden ausgeprägten Freiraumpotenziale schaffen unterschiedliche Voraussetzungen für private oder öffentliche Freiraumnutzungen. Zunächst kommt es durch den schrumpfungsbedingten Abriss zur eher kleinräumigen Perforierung des städtebaulichen Bestandes, welche durch Freiraumnutzung z.B. als Pocket-Parks, Stellplätze und wohnungsnahe Flächen zur privaten Aneignung (Mietergärten, Kleingewerbe, Experimentierfelder) zur Verbesserung der Lebensqualität beitragen kann.

Wenn die Schrumpfung und die daraus resultierende Perforierung voranschreiten, wird ein Grad überschritten, ab dem die freigesetzten Flächen durch wohnungsnahe Freiraumnutzungen nicht mehr besetzt werden können. Im gesamtstädtischen Maßstab werden Entscheidungen für Quartiere getroffen, in denen sich die baulichen Nutzungen künftig konzentrieren sollen. Um die Quartiere zu stärken, wird der Abriss auf zusammenhängende Gebiete ausgedehnt. Daraus folgt eine Vergrößerung der freiwerdenden Flächen. In der Konsequenz der fortschreitenden Fragmentierung könnten die verbleibenden stabilen Siedlungskerne (der Rückzug auf einen Kern wird nur in seltenen Fällen möglich sein) irgendwann von Landschaftsräumen umschlossen werden. Der Freiraum wird zum gliedernden System des Siedlungsgefüges. Ein neuer Stadttyp entsteht, der zwar Parallelen zur Zwischenstadt aufweist, aber durch den Wegfall gewachsener Strukturen eine völlig andere qualitative und strukturelle Prägung hat.

Während in Zeiten intensiven städtischen Wachstums in der hochverdichteten Stadt sog. „Grünverbindungen“ geschaffen wurden, um neben ökologischen Anliegen das Naturerlebnis in der Stadt trotz geringer Fläche zu maximieren, geht es hier, nach sehr starkem Voranschreiten der Schrumpfungsprozesse, um das Gegenteil. Die „Stadtverbindungen“ müssen auch über die neu entstehenden Freiräume gestärkt werden, wenn der Zusammenhalt des gesamten Stadtgefüges so weit wie möglich bestehen bleiben soll.

Auf den Freiraum bezogen sind dafür zwei Dinge wichtig: erstens die physische Verwebung des Freiraums mit dem Stadtgefüge durch dessen Erschließung und zweitens die Verwebung über die Bedeutung des Freiraums für die Stadtbewohner, die aus seiner Nutzung und Gestalt entsteht. Die Freiräume dürfen also möglichst nicht zu abgezäunten und bedeutungslosen oder negativ besetzten Zwischenzonen werden. Was resultiert aus den oben skizzierten langfristigen Entwicklungen für die möglichen Freiraumnutzungen und -gestaltungen der ungenutzten Flächen?

Die private Aneignung von Freiraum zur individuellen Entfaltung stellt eine wichtige Chance dar, die Folgen der Schrumpfungsprozesse positiv zu nutzen. Für private Nutzungen kommen jedoch eher die kleinräumigen Flächen im direkten Wohnumfeld infrage und weniger die zunehmend großflächigen Freiräume. Für die Gestaltung von herkömmlichen Parkanlagen auf diesen Flächen fehlen die Mittel. Agrarische Nutzungen sind, mit Ausnahme von Wiesen und Weiden, einerseits auf ehemals bebauten Flächen schwer umsetzbar. Andererseits ist schon außerhalb der Städte der Bedarf an landwirtschaftlicher Nutzfläche rückläufig. Das völlig ungelenkte Brachfallen der Flächen in der Hoffnung auf die natürliche Sukzession kann keine Lösung sein, da Wildnis von der Bevölkerung oft mit Verfall und Niedergang gleichgesetzt wird.

Es bleibt die Entwicklung extensiver öffentlicher Landschaftsräume unter der Prämisse der Bestandsorientierung mit den einfachen Mitteln der gelenkten oder gestalterisch eingebetteten Sukzession, Aufforstung, Wiesen und Weiden. Erschließung und Vernetzung, gestalterisches Vegetationsmanagement sowie punktuell intensivere Gestaltungseingriffe als Signal der kulturellen Besetzung verbessern die Nutzbarkeit und Wahrnehmung der Landschaftsräume.

Freiraumentwicklung am Beispiel Stassfurt

Stassfurt, eine Kleinstadt mit 20.000 Einwohnern in Sachsen-Anhalt, ist von starkem Bevölkerungsrückgang und hoher Arbeitslosigkeit betroffen. Während 1988 dort noch 25.000 Einwohner lebten, werden es im Jahr 2010 nur noch zwischen 18.500 - 16.000 Einwohner sein. Langfristig wird ein noch stärkerer Bevölkerungsrückgang prognostiziert. Heute stehen zahlreiche Industrieanlagen leer und neue Gewerbegebiete warten auf Investoren. Im Stadtzentrum ist bereits 39% und in den Plattenbaugebieten bis zu 28% Leerstand zu verzeichnen.

In Stassfurt gibt es durch den in der Vergangenheit direkt unter dem Stadtgebiet betriebenen Kalibergbau schon heute zahlreiche großflächige Brachen und Halden mitten im Stadtgebiet, auf denen eine Neubebauung ausgeschlossen ist. Deshalb ist diese Stadt besonders geeignet, Möglichkeiten der Entwicklung extensiver öffentlicher Freiräume auszuloten.

Zunächst wurden die Ursachen der Fragmentierung Stassfurts anhand der wichtigsten Etappen der Stadtentwicklung dargestellt. Durch die Analyse der Stadtstruktur und der vorhandenen und potenziellen Landschaftsräume wurden diejenigen Flächen aus der Vielzahl ungenutzter Flächen identifiziert, deren Nutzbarmachung und Aufwertung für die Stadtbewohner vordringlich ist. Durch die Beschränkung der „Infusionsflächen“ wird eine Konzentration der Mittel erreicht.

Abb.: Vorhandene und potenzielle Freiräume

Auswahlkriterien:

- Planungsstand/ Gefahrenpotenzial

- Nutzernähe/ zentrale Lage

- Verbindung zu anderen Landschaftsräumen

- wichtige Sichtbezüge

- Potenziale für Freiraumentwicklung mit einfachen Mitteln

Abb.: Infusionsflächen und Verwebung

Alle „Infusionsflächen“ wurden auf ihre Entwicklungsmöglichkeiten geprüft. Für zwei Flächen werden im Folgenden konkrete Entwurfslösungen vorgestellt.

Halde an der Salzstraße

Bestand:

Die Haldenaufschüttung bildet ein relativ gleichmäßiges ca. 3m hohes Plateau, auf dem die Spontanvegetation eine savannenähnliche Graslandschaft mit einzelnen aufkommenden Gehölzen prägt. Auf der Fläche hat sich ein breiter unbefestigter Weg etabliert, von dem Zufahrten zu den angrenzenden Garagen abzweigen. Ein Teil der Garagen steht heute bereits leer. Auf der Fläche gibt es Trampelpfade, die auf die Nutzung der Fläche durch die Anwohner schließen lassen.

Entwurf:

Durch möglichst geringe Gestaltungseingriffe soll erreicht werden, dass der Ort nutzbarer wird und positiver wahrgenommen werden kann. Um die Zugänglichkeit zu verbessern, sind Treppen und einfache Schotterwege geplant. Zur südlich der Straße gelegenen Halde werden durch Eingangsplätze und Baumreihen Verbindungen geschaffen. Um nutzbare Flächen zu schaffen und um der Spontanvegetation einen Rahmen zu geben, werden Rasenflächen und -korridore angelegt. Die kostengünstigere Alternative wäre die Mahd der vorhandenen Vegetation. Im nördlichen Bereich knüpfen die Rasenkorridore an die Struktur der Garagen an. Wenn die Garagen in Zukunft wegfallen, werden ihre Grundrissflächen nach und nach aufgeforstet, so dass sich die bereits angelegte Struktur fortsetzt. Im südlichen Bereich folgen die Rasenkorridore den vorhandenen Bewegungslinien auf der Halde. In deren Zentrum gibt es eine Aufweitung, auf der als Schwerpunkt eine begehbare Pyramide geplant ist, die einen Überblick über das Grasland ermöglicht.

Neumarkt

Bestand:

Die Deponie befindet sich sehr exponiert und zentral im Stadtgebiet an der Hauptverbindung zwischen dem nördlichen und südlichen Teil Stassfurts. Westlich grenzt die Fläche an ein Landschaftsschutzgebiet. Durch die Deponie aus Bergbauabraum liegt die Fläche 4-5m erhöht über dem Fluss.

Die Stadt hat in der Vergangenheit bereits versucht, der Fläche eine Nutzung zuzuordnen. Ein Teil der Fläche wurde gepflastert und soll als Parkplatz genutzt werden. Dort parken jedoch kaum Autos, so dass die weitläufige Pflasterfläche ebenso wie die angrenzende Schotterfläche meistens völlig leer steht. Die Stadt hat einen Uferweg und im westlichen Bereich einen Skateplatz angelegt. Jugendliche sind heute die einzigen Nutzer des Ortes.

Entwurf:

Aufgrund des geringen finanziellen Spielraums wird die vorhandene weitgehend ungenutzte Pflasterfläche in die Gestaltung einbezogen. Die Pflasterfläche wird durch Baumreihen gegliedert und das Parken auf einen Teil der Fläche beschränkt. Auf dem anderen Teil der Pflasterfläche wird die Möglichkeit zum Streetball spielen geschaffen und damit das Angebot des vorhandenen Skateplatzes ergänzt. Zwischen den beiden Aufenthaltsbereichen wird eine Rasenfläche angelegt. Bodenmodellierungen markieren den Übergang zum Landschaftsschutzgebiet und schaffen im südlichen Bereich einen räumlichen Abschluss zur Straße. Um den Aufenthalt am Wasser zu ermöglichen, werden Treppen zum Wasser geführt.

Weiterführende Informationen: Christiane.Kuschel@tu-berlin.de

Anmerkung: Dies war eine sehr verkürzte Darstellung der Ergebnisse einer Diplomarbeit im Studiengang Landschaftsplanung TU Berlin (Betreuung Prof. H. Loidl und Dipl.-Ing. M. Prominski, Institut für Landschaftsarchitektur/ Fachgebiet Entwerfen, 05/2003)

Um einen Überblick über das Spektrum der Arbeit zu geben, im Folgenden die Grobgliederung:

1.EINFÜHRUNG

Problemstellung

Annäherung an den Begriff Fragmentierung

Vorgehensweise

2. AKTUELLE SCHRUMPFUNGSPROZESSE ALS AUSLÖSER VON FRAGMENTIERUNG

Ausgangsbedingungen der Schrumpfungsprozesse

Schrumpfungsprozesse

Folgeprozesse der Schrumpfung

3. STADTUMBAU IM ÜBERBLICK

Handlungsfelder

Diskussionen und Strategien im Städtebau

4. FRAGMENTIERUNG ALS AUSGANGSPUNKT FÜR FREIRAUMENTWICKLUNG

Positive Impulse durch Freiraumentwicklung

Nutzung, Qualität und Entwicklung der neuen Freiräume

5. STASSFURT

Biographie

Landschaftliche Qualität als Impuls für Stassfurt

Vorhandene und potenzielle Freiräume

Infusionen und Verwebung

Städtische Ebene

Lokale Ebene

Finanzierung

6. FAZIT

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Dies ist ein Dokument der Seite www.schrumpfende-stadt.de
Erstelldatum: 07. Dezember 2003
Autor: Christiane Kuschel