Schwerin - Strategien einer schrumpfenden Stadt

Planung zwischen Gegenwartsbewältigung und Zukunftserwartung - Wachstum und Schrumpfung von Städten

Städte sind heute zunehmend von wirtschaftlichen wie demographischen Schrumpfungsprozessen beeinflusst. Insgesamt wird in Zukunft der größte Teil der kleineren und mittleren Städte Europas von Schrumpfungsprozessen berührt sein. Lediglich die großen Metropolregionen können der steigenden Konkurrenz im Verteilungswettbewerb im Zuge einer zunehmenden Globalisierung noch standhalten.

Schrumpfende Städte haben selbst kaum die Möglichkeit diese gesamtgesellschaftlichen Ursachen zu beeinflussen. Dennoch müssen die negativen Folgen eines unkontrollierten Schrumpfungsprozesses (s. Abb. 1) aufgefangen werden.

Abb. 1: Wechselwirkungen in Schrumpfungsprozessen

Strategien der schrumpfenden Stadt Schwerin

Mit welchen tatsächlichen Veränderungen eine Stadt dabei umzugehen hat, und mit welchen Stellschrauben Sie diese beeinflussen kann, hängt von den stadtspezifischen Rahmenbedingungen ab. In unserer Diplomarbeit haben wir uns exemplarisch mit den Schrumpfungsprozessen der Stadt Schwerin beschäftigt und sind der Frage nachgegangen, mit welchen Konzepten die Stadt diesen Herausforderungen begegnet.

1. Räumliche Konzepte

Mit dem „Stadtumbau Ost“ wurde ein Bundesförderprogramm aufgelegt, das erstmals den Stadtrückbau fördert. Das Ziel des Programms ist es, durch gezielte quantitative Reduktion auch eine qualitative Anpassung des Wohnraumangebotes zu erreichen. Schwerin entwickelte im Rahmen des gleichnamigen Wettbewerbs im letzten Jahr das „integrierte Stadtentwicklungskonzept Wohnen“. Dieses wurde von der Jury mit der Goldmedaille ausgezeichnet. Im diesem Rahmen sollen etwa 1.500 Wohnungen insbesondere in Mueßer Holz und Neu Zippendorf bedarfsgerecht zurückgebaut werden.

Als gute strategische Grundlage für dieses Konzept konnte Schwerin dabei u.a. auf die 5 Leitbilder der städtebaulichen Entwicklung zurückgreifen, die bereits Anfang der 1990er Jahre entwickelt worden waren. Da sie jedoch räumlich bleiben, bleibt die Wirkung auf die gesamtstädtische Problemlage beschränkt.

2. Wirtschaftliche Konzepte

Der Weg für einen wirtschaftlichen Aufschwung schien in den vergangenen Jahren vor allem durch drei Großprojekte gegeben: die Haltestation des Transrapid, der aber nicht gebaut wurde, die Ansiedlung eines BMW-Werks, das in letzter Entscheidung nach Leipzig ging sowie die Airbus-Produktion, die statt nach Rostock nach Hamburg ging. Eine Großinvestition kann das Potenzial haben, Schrumpfungsprozesse abzumildern. Das ist auch der Grund, warum nun das 350 ha große Gebiet „Göhrener Tannen“ in Waldlage trotz gescheiterter BMW-Bewerbung und ohne aktuellen Investor als Industriegebiet erschlossen wird. Mit dieser vorauseilenden Erschließung wächst jedoch auch der Druck auf die Stadt, schnell einen Investor zu finden. Damit nimmt die Gefahr zu, dass sich wertschöpfungsextensive Betriebe ansiedeln. Damit würde die Stadt ihre wertvollste Fläche ohne adäquaten Gegenwert verlieren. Um diese Gefahr zu reduzieren, wäre ein Konzept für die wertschöpfungsintensive und langfristige Nutzung der Fläche bzw. zur Wirtschaftsentwicklung in Schwerin insgesamt notwendig. Der Erarbeitung eines solchen Papiers steht in Schwerin jedoch der Gedanke entgegen, man hätte ohnehin keine Wahl.

Weitere Ressourcen liegen im Bereich des Tourismus. Um diesen Wirtschaftsbereich auszubauen wurde im letzten Jahr das touristische Leitbild Schwerin entwickelt. Es dient dazu, allen touristischen Akteuren Orientierung zu bieten. Auf diese Weise können bislang ungenutzte städtische Freizeitpotenziale sowie neue Zielgruppen effizienter erschlossen werden. Da diese Leitlinien jedoch auf den touristischen Bereich beschränkt bleiben, greifen sie zu kurz um auch weitergehende Abstimmungen zum Beispiel in der Außenwirkung zu forcieren, was jedoch notwenig wäre. Derzeit vergeudet Schwerin durch uneinheitliches Auftreten wertvolle Ressourcen.

Die gemeinsame Außenwirkung ist auch ein Thema in der östlichen Altstadt. Eine durch mangelnde Zielperspektiven getragene resignierte Grundhaltung der Geschäftstreibenden führt zu einer stetig abnehmenden Konkurrenzfähigkeit der traditionellen Einkaufsbereichs.

3. Soziale Konzepte

Die sozialen Aufgaben werden in Schwerin sehr engagiert vor allem durch Stadtteilbüros und Quartiersmanagement bewältigt. Die Problemlagen sind in den verschiedenen Stadtgebieten dabei sehr unterschiedlich. Während sich in einzelnen Großwohnsiedlungen soziale Brennpunkte herausbilden, fehlt es in den Neubaugebieten an sozialer Infrastruktur in Form von Kindergärten und Schulen. Um einen Ausgleich zu schaffen, wäre eine Gesamtübersicht wichtig.

Ein Ansatz hierzu stellte der Prozess der Agenda 21 dar, der in Schwerin 1997 mit der Unterzeichnung der Charta von Aalborg eingeleitet wurde. In der Agenda 21 sollen soziale, ökonomische und ökologische Handlungskonzepte der Gesamtstadt zusammengebracht werden. Der Agendaprozess ist jedoch ins Stocken geraten, da wie nicht ganz unüblich, ökologische Belange ein Übergewicht bekamen.

4. Ökologische Konzepte

Im ökologischen Bereich sind demzufolge auch die umfassendsten Ergebnisse des Agenda-21-Prozesses erzielt worden. Mit den Umweltqualitätszielen entstand eine Auflistung von ökologischen Maßnahmen und Zielen. Zwar sind diese im Wesentlichen mit anderen städtischen Konzepten abgestimmt worden, durch den Mangel an einer echten und gleichgewichtigen Zielkonfliktaufarbeitung mit den anderen Bereichen sind sie aber im Zweifelsfall wertlos.

So scheint es schon paradox - alle gesetzlichen Schutzbestimmungen einmal außer Acht gelassen - dass mitten im Gewerbegebiet Schwerin-Süd ein 6 Hektar großes Stück Trockenrasen unter Naturschutz gestellt ist, während ein 350 Hektar großes Waldstück ohne Intervention des Umweltschutzes für eine fiktive Industrieansiedlung freigegeben wurde.

5. Regionale Konzepte

Nachdem die regionale Zusammenarbeit in den ersten Jahren nach der Wende aus Konkurrenzgründen offenbar stark vernachlässigt wurde, gibt es mittlerweile mehrere Ansätze der Kooperation. Zu nennen ist hierbei insbesondere das Regionale Raumordnungsprogramm Westmecklenburg, welches die räumlichen Entwicklungen der Region in Abstimmung bringt und damit gute Voraussetzungen für inhaltliche Kooperationen bietet.

Weitere Ansätze wie das Städtenetzwerk HOLM oder die informelle Zusammenarbeit mit der Metropolregion Hamburg wurden in der Praxis bisher nur wenig genutzt.

Beurteilung Schweriner Planungskonzepte

Insgesamt lässt sich feststellen, dass Schwerin in vielen Bereichen gute Konzepte entwickelt hat, um die gegenwärtigen Aufgaben der Stadt unter Schrumpfungseinflüssen bewältigen zu können. Gleichzeitig lässt sich feststellen, dass einige dieser Konzepte nicht recht greifen, weil eine positive Zukunftsperspektive fehlt, die alle Akteure der Stadt auf einen gemeinsames, langfristiges Ziel einstimmt. Je größer und langfristiger die negativen Auswirkungen von Schrumpfung sind und je häufiger große Hoffnungen platzen, desto wichtiger werden langfristige Ziele um die Bürger, die Wirtschaftstreibenden und nicht zuletzt die Mitarbeiter der Stadt  zu motivieren, sich für die politischen Ziele der Stadt zu engagieren. Durch eine zu kurzfristige Planung besteht zudem die Gefahr, dass sich die Stadt zu vorschnell zukünftige Entwicklungschancen verbaut.

Wichtig ist es daher gerade für eine Stadt wie Schwerin...

... von guten Konzepten zu einer Gesamtstrategie ...

... vom „Muddling through“ zu einem Zielkorridor...

... vom Reagieren zum Agieren...

... von Risiken und Schwächen zu Chancen und Stärken...

durch Qualität statt (nur) Quantität zu finden.

Eine leitbildorientierte Stadtentwicklungsstrategie kann diese Funktion leisten, da sie alle Bereiche einer Stadt zusammen führt und abstimmt. Die in schrumpfenden Städten besonders knappen Ressourcen können damit gebündelt und besser nutzbar gemacht werden, da...

... in der Verwaltung Flexibilität und Schnelligkeit erzeugt wird.

Da Zielkonflikte bereits im Vorfeld behandelt werden, lassen sich langfristig Abstimmungsprozesse vereinfachen.

... in der Verwaltung eine Steuerungsfähigkeit von Planung ermöglicht wird,

z.B. durch die Koppelung von Fördergeldern an die Strategie.

... in der Wirtschaft Planungssicherheit vermittelt werden kann,

z.B. für zukünftige Investitionen und damit die Wirtschaft dynamisiert werden kann.

... bei den Bürgern das politische Verständnis verbessert werden kann

und damit die Bereitschaft zur Unterstützung städtischer Ziele gefördert wird, da der Eindruck politischer Willkür minimiert werden kann.

... in der Politik Transparenz und Kompetenz geschaffen wird.

Eine langfristige Zielverfolgung wird vereinfacht, wenn die inhaltlichen Ziele auch parteiübergreifend verfolgt werden können. Unpopuläre aber wichtiger Entscheidungen können leichter getroffen werden.

Konzept: Leitbildorientierte Stadtentwicklungsstrategie

Die exemplarisch erarbeitete "leitbildorientierte Stadtentwicklungsstrategie" (s. Abb. 2) beruht auf dem Gedanken der Schaffung von Qualität durch Nachhaltigkeit, Anpassungsfähigkeit, Kooperation, Profilierung unter Berücksichtigung der Stärken und vielfältigen Chancen.

Abb. 2: Schema Leitbildorientierte Stadtentwicklungsstrategie

1. Komponente: Das Leitbild

Ein übergeordnetes Leitbild stellt hierbei die langfristige Zielvision der Stadt dar. Diese Zukunftsvorstellung wird dabei nicht von Details sondern vielmehr von gesellschaftlichen Grundwerten getragen. Dies ermöglicht Orientierung und lässt gleichzeitig Flexibilität in der Einzelplanung zu.

2. Komponente: Die Leitlinie

Die Leitlinien werden für die einzelnen Handlungsfelder einer Stadt entwickelt, wie Wirtschaft, Soziales, Ökologie, Stadtraum, Verkehr, Kultur. Je nach Aufgabenstellung der jeweiligen Stadt stellen sie sich unterschiedlich dar. Die Leitlinien sind in sich und miteinander abgestimmt und zielen in ihrer Anwendung auf die Realisation des Leitbildes.

3. Komponente: Die Leitprojekte

Um die Leitlinien zu konkretisieren und auch kurzfristig Erfolge zu erzielen, werden kurz- bis mittelfristig Leitprojekte festgelegt, deren Umsetzung besondere Priorität eingeräumt wird.

„Qualifizierung Schwerin“

Leitbild „Qualifizierung Schwerin“

Unsere leitende Vision, also das „Leitbild“ der „Qualifizierung Schwerin“ stellt die Stadt Schwerin im Jahre 2030 dar. Die Stadt ist in unserer Vorstellung  teilweise quantitativ verkleinert, dabei jedoch konsolidiert, profiliert und verfügt in allen Bereichen über hohe spezifische Qualitäten. Durch diese Qualitäten erhält die Stadt Alleinstellungsmerkmale, welche ihre Position im Städtewettbewerb erhöht.

Die Leitlinien der „Qualifizierung Schwerin“

1. Sicherung und Förderung von Beschäftigung für wirtschaftliche Prosperität

2. Stärkung des Wirtschaftsfaktors Tourismus

3. Entwicklung einer polyzentrischen Stadtstruktur

4. Aufwertung und Verbindung von Stadträumen zur Steigerung der Attraktivität der Gesamtstadt

5. Die Sicherung der sozialen Stabilität

6. Förderung einer nachhaltigen Stadtentwicklung

7. Verbesserung der Kooperation in der Gesamtregion Norddeutschland

Leitprojekte

1. Schaffung von kleinteiligen und vernetzten Branchenmilieus

Die Stadt Schwerin konzentriert sich stärker auf die Qualifizierung der vorhandenen, kleinteiligen Strukturen. Dies bedeutet, die 6.800 Klein- und Mittelbetriebe stärker zu unterstützen, Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen zu stärken und weiche Standortfaktoren weiter zu entwickeln. Dieser Weg verspricht keine schnellen, dafür aber sichere und langfristige Erfolge. Gleichzeitig werden hierdurch die allgemeinen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen – auch für Investitionen- verbessert. Eine modellhafte Umsetzung soll in folgenden Projekten erfolgen:

  • „Regionale WirtschaftsWissensWerkstatt Schwerin-Süd“
  • „Handwerkerhöfe für die Stadtteile“
  • „Kooperation StadtKredit“

2. Konzepte und Projekte zur Stärkung des Bezuges zwischen Wasser und Stadt

Obwohl 30% des Schweriner Stadtgebietes von Wasser bedeckt sind, hat Schwerin nicht den Ruf einer Stadt am Wasser. Modellprojekte zur Verbesserung des Wasserbezuges sehen wir v.a. in den Projekten der Bundesgartenschau.

3. Konzepte und Projekte zur Verbesserung der Einzelhandelsstruktur

Der Rahmenplan Innenstadt bietet mit seiner Grundidee, die Altstadt zum Ort des Erlebniseinkaufs zu machen einen erfolgversprechenden Ansatz zur Entwicklung von positiven Leitbildern. Für die Umsetzung steht ein eingeübtes Citymanagement zur Verfügung. Es ist jedoch zunächst nötig, die Betroffenen bei der Ausformulierung konkreter Leitprojekte einzubeziehen und diese dann von oberster Stelle zu proklamieren, um ein deutliches Zeichen der Unterstützung von Eigeninitiative zu setzen.

Fazit

Schrumpfung ist kein Schweriner und auch kein ostdeutsches Phänomen, hier wirkt es nur derzeit besonders stark. Schrumpfungsbewältigung ist eine neue Aufgabe der Stadtplanung, daher kann und muss Pionierarbeit geleistet werden.

Schrumpfung verleugnen hat keinen Sinn, Schrumpfung lässt sich ebenso wenig aufhalten. Es lässt sich nur der Teufelskreislauf unterbrechen, bzw. die Folgewirkungen auffangen. Schrumpfung muss zunächst akzeptiert werden, damit sie stärker als Herausforderung wahrgenommen werden kann.

Eine Rettung von Außen ist nicht in Sicht, daher muss jede Stadt versuchen, alle eigenen Potenziale zu mobilisieren und möglichst zielgerichtet zu agieren. Ein Weg kann dabei die Entwicklung einer leitbildorientierten Stadtentwicklungsstrategie sein.

Der Beitrag ist eine Kurzfassung der Diplomarbeit der VerfasserInnen, die an der TU Hamburg-Harburg 2003 entstand; Betreuung Prof. Dr. Ingrid Breckner, Prof. Dipl.-Ing. Peter Zlonicky. Kontakt zu den Verfasserinnen.

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Die Aussagen im Text beziehen sich im wesentlichen auf zahlreiche von den Verfasserinnen durchgefuehrte Experteninterviews und auf das Stadtentwicklungskonzept der Landeshauptstadt.

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Dies ist ein Dokument der Seite www.schrumpfende-stadt.de
Erstelldatum: 06. August 2003
Autor: Silke Faber, Anke Hanauer