| Schrumpfung,
städtische Restrukturierung und Regenerierung - sozialräumliche Perspektiven
Öffentliche Debatten entwickeln stets ihre eigene
Logik so auch diese: Die Diskussionen um Schrumpfungsprozesse
und ihre Folgen für die Städte haben sich besonders in Ostdeutschland
bislang vor allem auf zwei Schwerpunkte konzentriert: 1. auf die Rolle
demographischer Entwicklungen bei der Verursachung von Bevölkerungsverlusten
in den Städten; dabei wurde der natürlichen Bevölkerungsentwicklung
(d.h. dem Verhältnis von Geburten- und Sterberaten) häufig wesentlich
mehr Aufmerksamkeit geschenkt als Migrationsprozessen; 2. auf den Wohnungsleerstand
als vermeintlich wichtigste Folge von Schrumpfung sowie auf die damit
verknüpfte Notwendigkeit der baulichen Umgestaltung der Städte. Beide Perspektiven sind schief, weil sie den Blick
auf wesentliche Verursachungszusammenhänge und Problemfolgen verstellen.
So ist Schrumpfung keineswegs eine direkte Folge von Bevölkerungsentwicklungen,
sondern eines wesentlich komplexeren Zusammenspiels von sozialen,
ökonomischen und in deren Folge - auch demographischen Variablen.
Auch die Hoffnung, man könne mit der Beseitigung der Leerstände durch
Umbau- und Abrissmaßnahmen zugleich die Schrumpfung effektiv bekämpfen,
gehört zu diesen Schieflagen. Sie gehorchen in erster Linie politischen
Logiken Logiken der Problemmeidung und Nichtthematisierung,
aber auch Logiken der Bevorzugung von politisch bearbeitbaren
Problemaspekten und Lösungsvorschlägen. Obwohl all dies im politischen
Alltag seine Berechtigung haben mag, besteht die Gefahr, dass die
Wahrnehmung einer breiteren Öffentlichkeit, aber auch die Suche nach
Ansatzpunkten für die politische Steuerung vorschnell auf allzu Vordergründiges
gelenkt werden. Vor dem Hintergrund zunehmender öffentlicher Handlungszwänge
hält es die Forschungsabteilung 4 des IRS für wichtig, eine wesentlich
erweiterte Informations- und Wissensgrundlage zu Schrumpfungsursachen
und -folgen zu erarbeiten. Dabei werden einerseits Erkenntnisdefizite
der politischen Öffentlichkeiten sowie der wissenschaftlichen Forschung
gezielt adressiert. Andererseits werden politisch-normative Fragen
in Forschungspraxis und Beratungstätigkeit aufgegriffen, die von den
bisherigen Debatten abweichen und für neue Akzentuierungen sorgen
können. Zunächst einmal und ganz grundsätzlich lässt sich
Schrumpfung wie viele andere städtischen Restrukturierungsprozesse
auch nicht als eindimensionales Phänomen begreifen, schon gar
nicht als eines, das es erlauben würde, monokausale Verursachungszusammenhänge
zu identifizieren. Vielmehr handelt es sich um ein komplexes Zusammenwirken
von sozialen Handlungen innerhalb unterschiedlicher lokaler
Strukturzusammenhänge. Für
den besonderen Untersuchungskontext Stadt bzw. Stadtraum
hat diese Überlegung die folgenden analytischen Konsequenzen: - Schrumpfung
wird als Prozess der sozialräumlichen Restrukturierung begriffen,
d. h. sowohl soziale als auch physische Räume (z. B. gebaute
Strukturen) sowie ihr Verhältnis zueinander wandeln sich teilweise
recht abrupt. Ihre wechselseitige Passfähigkeit nimmt ab. - Schrumpfung
geht in hohem Maße auf ökonomische Entwicklungen zurück, die ihrerseits
weit in die Lebensverhältnisse lokaler Bevölkerungen hinein reichen.
Zu nennen sind: ökonomische Strukturbrüche, regionale Transformationsprozesse
im Gefolge von Globalisierungseinflüssen, in Ostdeutschland vor allem
die Folgen von Deindustrialisierung und ausbleibender Wachstumsdynamik,
Massenarbeitslosigkeit sowie transformationsspezifische psychologische
Faktoren, die sich in der Wirtschaftsförderung oft als ein geradezu
lähmendes Warten auf große Investoren und neue Massenbeschäftigung
niederschlagen. - Schrumpfung
lässt sich des Weiteren im Zusammenhang mit gesellschaftlichen
Modernisierungsprozessen ‑ auf neue soziale Mobilitäten, wachsende
soziale Disparitäten und die Ausdifferenzierung von Lebensstilen in
der Transformation zurückführen. Damit verändern sich die sozialen
Raumdefinitionen, raumbezogenen Nutzungsansprüche und Ortsbindungen
von Individuen, sozialen Gruppen und Gemeinschaften sowie auch Institutionen. - Schrumpfung
hat selbstverständlich auch demographische Komponenten, die allerdings
nicht losgelöst von ökonomischen, sozialen und kulturellen Bezügen
gesehen werden dürfen. So haben natürliche Bevölkerungsbewegungen
ihre Ursache in ökonomischen Umgebungsvariablen, sozialer Mobilität
und neuen Lebensstilen. Inter- und intraregionale Wanderungen hängen
eng mit der ökonomischen Entwicklung einer Stadtregion zusammen. - Der
vieldiskutierte Leerstand erscheint in dieser Perspektive nicht als
notwendige direkte Schrumpfungsfolge, sondern lediglich als kontextabhängiger
Indikator sozialer, ökonomischer und soziokultureller Veränderungen,
die u. U. ungleichzeitig verlaufen und teilweise auch schon wesentlich
früher eingetreten sein können, als es im Moment den Anschein hat.
Leerstände haben aber auch in Bezug auf das traditionelle Planungssystem
eine Indikatorfunktion: Sie zeigen, dass alte Wohnkonzepte und rein
quartiersbezogene Planungen in Frage gestellt worden sind nicht
allein, weil die durch sie geschaffenen Strukturen mit weniger Bewohnern
nicht mehr richtig funktionieren, sondern auch weil sich die Gesellschaft,
in der wir leben, bereits seit geraumer Zeit verändert hat. Was bedeuten diese Fokussierungen für das laufende
Forschungsprogramm? Zum gegenwärtigen Stand der Diskussionen im Leitprojekt
der Forschungsabteilung 4 stehen folgende Untersuchungsbereiche im
Zentrum der Aktivitäten: 1. Um das Ineinandergreifen
heterogener Strukturierungsprozesse besser als bisher erfassen zu
können, ist die detaillierte Rekonstruktion von Schrumpfungsverläufen
und lokalen Entwicklungspfaden erforderlich. Qualitative Modellierungen
prägnanter Fälle (konkret: der Städte Frankfurt/Oder, Gotha, Greifswald
und Wittenberg) sollen dabei den Blick schärfen für charakteristische
Entwicklungsbrüche, Optionen für steuerndes Handeln und mögliche Interventionspunkte.
Damit geraten auch die ökonomischen und sozialen Schrumpfungsursachen
stärker in den Blick, während andererseits die Gefahr des Steckenbleibens
in populären bevölkerungspolitischen Nullsummenspielen vermieden wird. 2. Die Entwicklung
städtischer Teilräume (z. B. von Wohnquartieren) wird stets im
Zusammenhang mit gesamtstädtischen Entwicklungen analysiert. Die neue
oder veränderte räumliche Anordnung von sozialen Disparitäten, meistens
in Form neuer Segregationsmuster vor und nach dem Stadtumbau, führt
zu einer Veränderung der Nachfrage nach Wohnungen und Quartiersausstattungen
sowie zur qualitativen Auf- bzw. Abwertung einzelner Quartiere. Daraus
entstehen spezifische Anforderungen an die politische Steuerung von
Quartiersentwicklung und gesamtstädtischer Entwicklung. 3. Der Umgang
der Politik und der steuernden Institutionen mit diesen Herausforderungen
ist auf der lokalen Ebene bislang kaum untersucht worden. Im Zusammenhang
mit dem Problem der politischen Ausblendung zentraler Verursachungen
und Folgen von Schrumpfung wird in der Analyse der Lücke zwischen
politischer Wahrnehmung und empirisch erschließbarem bzw. bereits
erarbeitetem Wissen über zentrale Strukturierungsprozesse der Schlüssel
für die Erstellung zielgenauer Beratungskonzepte gesehen. Gefragt
wird insbesondere nach den im lokalen Diskurs verwendeten Schrumpfungsbegriffen,
den wahrgenommenen Handlungsoptionen, der Interpretation von Strukturentwicklungen
durch lokale Entscheidungsträger und den favorisierten Lösungsansätzen. Die normative Komponente des Untersuchungsansatzes
geht zunächst von der Analyse der lokal gewählten Bearbeitungsformen
von Schrumpfungsprozessen aus. Dabei werden die folgenden Schwerpunkte
gesetzt: 1. Versuche zur Steuerung von Schrumpfungsprozessen
und ihren Folgen haben es mit weitaus mehr und vor allem diffizileren
Problemen zu tun, als bisher im Zusammenhang mit den baulich-logistischen
Umgestaltungsfragen im Rahmen des Stadtumbauprogramms Ost (neuerdings
auch West) ersichtlich geworden ist. Die Märkische Oder-Zeitung hat
diesen Sachverhalt in einem Artikel über die Probleme des Stadtumbaus
am 20.9.2001 auf eine griffige Formel gebracht: Einfach abreißen
wäre zu einfach!. Um die neuen Herausforderungen jedoch annehmen
zu können, müssen die lokal Handelnden immer häufiger disziplinäre
Grenzen überschreiten. Traditionelle Planungsinstitutionen sind mit
der Entwicklung angepasster Leitbilder im Moment ebenso
überfordert wie sektorale Förderpolitiken (z. B. der lokalen
Wirtschaftsförderung, deren Anliegen u. a. die Stabilisierung
lokaler Humankapitalbasen und die Verhinderung von Abwanderung ist).
Die Frage nach neuen Formen der Governance bzw. des Einbezugs zivilgesellschaftlicher
Akteure in Steuerungsprozesse ist im Zusammenhang mit der Gestaltung
von Schrumpfung bislang kaum diskutiert worden. Gerade auf kleinräumiger
Ebene (d. h. z. B. auf der Ebene der Wohnquartiere) kann
von dieser Frage jedoch das Gelingen oder Misslingen von Umbauprozessen,
der Entwicklung neuer Ortsbindungen und allgemein des Wiedereinrichtens
der verbliebenen Akteure innerhalb einer veränderten städtischen Szenerie
abhängen. Sozialräumliche Schieflage: Abriss allein ist
keine Dauerlösung für den Umgang mit Schrumpfung 2. Regenerierungsstrategien dürfen nicht allein auf
den Blickwinkel traditioneller Planung und Stadtpolitik beschränkt
bleiben, sondern müssen vor allem die lokale Wirtschaft einbeziehen.
Defizite und zugleich erhebliche Handlungsspielräume bestehen in der
aktiven Bestandspflege (viele Kommunen wissen gar nicht, welch wichtigen
Beitrag gerade kleinere Unternehmen für die Stabilisierung der Stadtökonomie
leisten), der Förderung von kleingewerblichen Aktivitäten (auf Quartiersbasis)
bis hin zur Förderung der Ansiedlung von footloose industries
und neuen Dienstleistungen. Inwieweit dabei auch die neuen Wissensökonomien
mit ihren eher an Netzwerken und Milieus denn an harten
lokalen Faktoren orientierten Standortkalkülen zu Hoffnungsträgern
schrumpfender Kommunen werden können, ist eine offene Forschungsfrage,
die von der Forschungsabteilung 3 bearbeitet wird. 3. Das Schlagwort Aktivierung endogener Potentiale,
das im Zusammenhang mit der Wiederbelebung westdeutscher Krisenregionen
in den 1970er Jahren geprägt worden ist, kann unter Schrumpfungsbedingungen
eine Neuinterpretation erfahren. Dabei ist zu berücksichtigen, dass
sich die ökonomischen und sozialen Strukturbedingungen heute
vor allem durch den Einfluss von Globalisierung und gesellschaftlicher
Transformation wesentlich anders darstellen als damals. Lokale
Handlungsoptionen, die künftig verstärkt diskutiert werden müssten,
sind: a) Versuche
zur Herstellung lokaler Voraussetzungen für ein erfolgreiches Agieren
der Städte und ihrer ökonomischen Akteure auf der globalen Ebene.
Die Möglichkeiten schrumpfender Städte mit ihren wachsenden Infrastrukturproblemen
und häufig wenig attraktiven kulturellen Szenerien, sich als neue
touch-down areas für transnationale Unternehmen und globale
Netzwerke zu profilieren, dürften allerdings begrenzt sein. b) Versuche
zur selektiven Abkopplung lokaler Akteure von globalen Netzwerken
und der gezielte Aufbau regionaler Wirtschaftskreisläufe und Wertschöpfungsketten;
dieses Modell ist in vielen osteuropäischen Regionen in den 1990er
Jahren unter wesentlich größeren Restrukturierungszwängen als in Ostdeutschland
teilweise mit Erfolg erprobt worden. Allerdings werden hier große
Anforderungen an die Identifizierung lokaler Potenziale und Stärken
gestellt für lokale postsozialistische Gesellschaften mit den
bekannten Problemen des Überdauerns älterer Handlungsorientierungen
ist dies häufig eine kaum zu überwindende Hürde. c) Umso
wichtiger werden derzeit Entwicklungsideen und Leitbilder, die von
der Utopie ungebrochenen quantitativen Wachstums abrücken und eher
die Möglichkeiten eines qualitativen Wachstums etwa im Sinne
der Verbesserung städtischer Lebensqualität ‑ sondieren. So
ist z. B. die Mobilisierung kultureller Ressourcen und Kreativität
eine Option, die von der Stadtentwicklungspolitik in Ostdeutschland
bislang eher stiefmütterlich behandelt worden ist. Ein Gemeinschaftsprojekt
der Schader-Stiftung mit dem IRS zum Thema Städtische Kreativität
hat hierzu einen ersten Denkanstoß geliefert. Auch aus der wissenschaftlichen
Begleitung von Stadt 2030-Prozessen in den brandenburgischen Städten
Beeskow und Eisenhüttenstadt durch das IRS liegen ermutigende Hinweise
auf Ansatzpunkte zur Freisetzung von kreativen Potentialen an der
sozialen Basis vor. Das Leitprojekt wird langfristig die Frage nach
weiteren Mobilisierungspotenzialen und lokalen Gestaltungsmöglichkeiten
aufwerfen. Der Beitrag ist auch erschienen in IRS aktuell 40,
Juli 2003, S. 1-3. |
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| Dies ist
ein Dokument der Seite www.schrumpfende-stadt.de Erstelldatum: 31.07.2003 Autor: Hans-Joachim Bürkner, IRS Erkner |