"Städtische Kreativität - westeuropäische und ostdeutsche Erfahrungen im Umgang mit Schrumpfungsprozessen" - ein Erfahrungsbericht

Ausgangslage

Demographische und wirtschaftliche Schrumpfungsprozesse, überregionale Abwanderungen, anhaltende Suburbanisierungstendenzen sowie ein erheblicher Wohnungsleerstand in der Altbausubstanz wie in den Plattenbaubeständen der großen Neubaugebiete kennzeichnen seit Ende der 1990er Jahre viele Städte und Gemeinden in den neuen Ländern. Die Kommunen sind gefordert, ihre mittel- und langfristigen Entwicklungsziele kritisch zu überprüfen und – je nach der örtlichen Situation und den vorausschaubaren Veränderungsverläufen – strukturell neue, integrierte Konzepte für die Entwicklung der Städte zu erarbeiten.

Zur Zeit unternehmen Bund und Länder vielfältige Bemühungen, um die Städte und Gemeinden bei der Erarbeitung von wirksamen Problemlösungen zu unterstützen. Insbesondere mit dem Förderprogramm „Stadtumbau Ost“ und dem im letzten Jahr realisierten Wettbewerb „Für lebenswerte Städte und attraktives Wohnen“ wurden in den Städten entsprechende Aktivitäten angestoßen. Fast alle größeren Städte der neuen Länder verfügen mittlerweile über Integrierte Stadtentwicklungskonzepte. Diese sind gleichzeitig Voraussetzung für den Erhalt von Fördermitteln aus dem Programm „Stadtumbau-Ost“.

Es wird jedoch immer deutlicher, dass sich viele Kommunen in ihren Konzepten sehr einseitig auf die städtebaulichen und wohnungswirtschaftlichen Probleme des Stadtumbaus beschränken, und nur dort zur Heilung der gegenwärtigen Symptome der Schrumpfungs- und Leerstandsentwicklungen ansetzen. Notwendig ist aber, von den grundsätzlichen Ursachen und Entwicklungen auszugehen und kreativ neue Perspektiven für die Stadtentwicklung in wirtschaftlicher, sozialer, kultureller, baulicher und wohnungswirtschaftlicher Hinsicht zu entwickeln.

Schrumpfung ein neues Phänomen?

Wegen der spezifischen Transformationssituation in den neuen Ländern ist deren aktuelle Stadtentwicklung nicht ohne weiteres mit zumeist eher kleinräumigen Schrumpfungsprozessen in westeuropäischen Städten zu vergleichen. Trotzdem finden sich Trends massiver Strukturbrüche und zurückgehender Bevölkerungszahlen durchaus auch in Westeuropa oder Nordamerika. In den nördlichen Industriestädten Englands (Liverpool, Manchester, Huddersfield), in dem US-amerikanischen sogenannten „rust-belt“ mit Detroit (vgl. Kühn 2002), oder anderen einst den industriellen Fortschritt markierenden Regionen zeigt bzw. zeigte sich ein ähnliches Bild. Bevölkerungsrückgang in Städten und Schrumpfung sind also keine allein ostdeutschen Symptome. Dennoch muss man den Vorgang in Ostdeutschland angesichts seiner räumlichen wie vor allem auch zeitlichen Konzentration als einmalig bezeichnen. Schrumpfungserscheinungen in den neuen Ländern sind trotz Suburbanisierung – bis auf wenige Ausnahmen, wie dem Berliner Umland – geprägt durch großflächig schrumpfende Stadtregionen. Sie setzten in den meisten Städten Ende der 1980er Jahre ein und führten innerhalb weniger Jahre zu Bevölkerungsrückgängen zwischen zehn und mehr als 20 Prozent. Eine Umkehrung des Trends ist in der übergroßen Mehrzahl der Städte derzeit nicht abzusehen. Die Entwicklungen in West- teilweise auch Südeuropa oder auch in den alten Bundesländern zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie regional begrenzt waren bzw. sind und sich wie bspw. im Ruhrgebiet über einen Zeitraum von zwanzig bis dreißig Jahre vollzogen haben. Charakteristisch für die alten Länder und Westeuropa ist ebenso, dass in den meisten Fällen Schrumpfungen in den Städten (Bevölkerungsrückgänge, Brachen, Leerstände) verbunden waren mit Wachstumsprozessen am Rand oder im Umland der Städte, d.h. Prozessen der Sub- oder auch Desurbanisierung (Liebmann 2002).

Die besonderen Problemlagen in Ostdeutschland ergeben sich aus einer Überlagerung von drei wesentlichen Faktoren: den „Nachwirkungen“ von spezifischen Rahmenbedingungen der Stadtentwicklung in der ehemaligen DDR, den Folgen der gesellschaftlichen Transformation sowie der zusätzlichen Überlagerung dieser spezifischen Charakteristika durch umfassende ökonomische Globalisierungsprozesse.

Trotzdem ist es für Problemlösungs-Lernen wichtig, Erfahrungen darüber auszutauschen, wie es Städten Westeuropas gelungen ist, Abwärtsspiralen in der Entwicklung zu durchbrechen, welche Bedingungen notwendig waren, um eine Stabilisierung und Regenerierung zu erreichen. Besonders wichtig erscheint uns dafür die Herausbildung einer eigenen städtischen Kreativität, wie sie sich aus dem Zusammenführen öffentlicher, privater und freiwilliger Sektoren sowie leistungsfähiger lokaler Akteure und der Verständigung auf langfristige strategische Ziele ergeben kann.

Workshopreihe „Städtische Kreativität“

Das Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) und die Schader-Stiftung haben daher im letzten Jahr die Idee entwickelt, im Rahmen einer Workshopreihe Erfahrungen und kreative Handlungskonzepte im positiven Umgang mit Schrumpfungsprozessen aus den neuen Ländern und aus Westeuropa zusammenzuführen und mit Blick auf Problemlösungen zu diskutieren. Ziel war es, durch die Vermittlung und Diskussion von Erfahrungen die Entfaltung städtischer Kreativität im ostdeutschen Umbauprozess zu fördern. Gleichzeitig erhofften wir uns, im Ergebnis der Diskussion, Bedingungen für eine erfolgreiche Stabilisierung und Regenerierung von Städten besser beschreiben zu können und so neue Ansatzpunkte für das Handeln in den ostdeutschen Ländern zu gewinnen. Denn schrumpfende Städte müssen Unglaubliches leisten: sich wie Baron Münchhausen am eigenen Schopfe aus dem Sumpf zu ziehen. Geniestreiche und Glücksfälle mag es geben, für die Mehrzahl der Kommunen kommt es aber darauf an, systematisch die Voraussetzungen für die Entfaltung städtischer Kreativität zu verbessern, um damit die Chancen auf eine Regeneration aus eigener Kraft zu erhöhen.

Auf Einladung des IRS und der Schader-Stiftung beteiligen sich im Zeitraum von Oktober 2002 bis April 2003 die Städte Frankfurt/Oder, Leipzig, Neuruppin, Schwerin und Zwickau an fünf Workshops. Jede Stadt übernahm für einen Workshop die Rolle des Gastgebers. Zusätzlich wurde jeweils ein Gastreferent eingeladen. Auf diese Weise flossen Erfahrungen aus den nordenglischen Städten Huddersfield, Liverpool und Manchester sowie aus Karlskrona in Schweden und Tilburg in den Niederlanden in die Diskussion ein.

Um trotz aller Unterschiede zwischen den betrachteten Städten Gemeinsamkeiten erkennen und Hinweise auf Bedingungen erfolgreicher Regenerierung erhalten zu können wurde ein durchgängiger analytischer Rahmen für die Diskussion gesetzt. In Anlehnung an das von Charles Landry (2000) vorgeschlagene konzeptionelle Instrumentarium „The creative city, a toolkit for urban innovators“ wurde daher die Diskussion entlang von vier Leitfragen geführt:

1. Wie kann Kreativität gefördert werden?

2. Wie können Potentiale entwickelt werden?

3. Wie können lohnende und realistisch erreichbare Ziele bestimmt werden?

4. Wie können kreativitätsfördernde Akteurskonstellationen gestaltet werden?

Städtische Kreativität – was heißt das?

Wir gehen davon aus, dass angesichts der Komplexität der Problemlagen in den Städten zukunftsfähige Problemlösungen ein „neues Denken“ herausfordern. Kreatives Handeln in der Stadtentwicklung ist dann die intendierte Veränderung nicht mehr adäquater Handlungsmuster in unterschiedlichen kommunalen Handlungsfeldern. Es favorisiert integrierte und grenzüberschreitende Handlungsansätze. Kreatives Handeln heißt auch, mit Routinen zu brechen. Im Sinne einer „Kultivierung des Experiments“ wird ein verantwortungsvoller Umgang mit offenen Ergebnissen und Mut zum kalkulierten Risiko gefordert.

Städtische Kreativität bezieht sich nicht vordergründig auf die spezifische Ausrichtung einer Stadt als „creative city“ sondern ist als zentrales, verändertes Arbeitsprinzip von Politik und Verwaltung zu entwickeln. Das setzt voraus, dass Städte nicht nur als gebaute Umwelt verstanden werden, sondern als Systeme und Netzwerke. Stadtpolitik verlagert dann ihren Schwerpunkt von der physischen Infrastruktur zur Städte-Dynamik und zur Lebensqualität der Stadtbewohner. Das bedeutet nicht, dass städtebauliche Maßnahmen keine Rolle mehr spielen, aber sie werden eingebunden in ein breiteres Verständnis von Regenerierung, nämlich als ein Prozess, der den Menschen Gelegenheiten zur Entfaltung und Mitgestaltung eröffnet, wodurch eine stärkere Basis für eine künftig bessere Wettbewerbsfähigkeit der Städte erwachsen kann (Keim 2001: 27).

Kreatives Handeln fußt auf einer erweiterten städtischen Kommunikation und Kooperation. D.h. die Herausbildung einer eigenen städtischen Kreativität ist durch die Zusammenführung von und Zusammenarbeit mit Akteuren aus dem öffentlichen, privaten und freiwilligen Sektor und die Verständigung auf gemeinsame strategische Ziele möglich. Akteursgruppen zusammenzuführen setzt allerdings voraus, dass vorhandene Akteure wahrgenommen und gezielt zur Mitwirkung motiviert werden. Neue Akteurskonstellationen zeichnen sich dabei durch die Verschiedenartigkeit ihrer Konstituierung und Positionierung auf den Entscheidungsebenen aus.

So hat bspw. in Karlskrona die Bildung einer gemeinsamen Kooperationsplattform aus öffentlicher Verwaltung, Universität und privater Wirtschaft im Bereich der Telekommunikation wesentliche Potenziale in der Zusammenarbeit freigesetzt und eine Neuprofilierung der Kommune, nach einem grundlegenden Strukturwandel, als „Telecom-city“ ermöglicht. In den an der Workshopreihe beteiligten ostdeutschen Städten wurde hingegen die Erfahrung gemacht, dass Potenziale, die insbesondere im Wissens- und Bildungsbereich liegen, bisher kaum wahrgenommen und nahezu nicht in Prozesse der Stadtentwicklung integriert werden. Chancen für Kreativität und Visionen, die im gezielten Ausbau eines Wissensmilieus liegen, werden damit vergeben, denn regionale Ausstattungsmerkmale (Bildungs- und Forschungseinrichtungen, sonstige Infrastruktur) allein begründen noch keine innovative Stadt- und Regionalentwicklung. Erst intensive Interaktionen zwischen den Akteuren können positive Entwicklungseffekte bringen. 

Zwischenfazit

In der Workshopreihe hat sich sehr deutlich gezeigt, dass Grenzen für die Wahrnehmung und Wirksamkeit von Kreativität in den Kommunen oft zu wenig ausgeprägte lokale Kommunikationskulturen und kreativitätshemmende Rahmenbedingungen in der öffentlichen Verwaltung bilden. Die Überwindung macht- und parteipolitisch festgefahrener Strukturen durch eine Orientierung an der Lösung von Sachproblemen ist Voraussetzung für eine zukunftsorientierte Politik auf kommunaler Ebene. Das hohe kreative Potenzial, das bspw. viele Mitarbeiter in die Verwaltung einbringen wird vielfach geradezu ausgebremst. Ansatzpunkte für eine Überwindung der Situation können sich durch eine ämterübergreifende Zusammenarbeit in Projekten und eine gezielte Ausdehnung des Akteursspektrums bzw. die Einbeziehung externen Know-hows ergeben. Notwendig dazu ist, dass die lokale Politik erstens bereit ist Prioritäten zu setzen statt alle Klientelgruppen bedienen zu wollen, und dass sie sich zweitens auf strategische Entscheidungen beschränkt, statt in alle Detailaktivitäten zu intervenieren. Die Verwaltung muss – das vermittelten vor allem die Erfahrungen aus Tilburg –  ihr eigenes Selbstverständnis reformieren und ein Image bzw. eine Selbstwahrnehmung des mentalen Zusammenhalts und der gemeinsamen Zielsetzungen entwickelt und dies mit einer positiven Selbstdarstellung verbinden.

Auf der anderen Seite zeigten gerade die westeuropäischen Beispiele, dass bei Entwicklungsprozessen, die als krisenhaft empfundenen werden (massiver Bevölkerungsrückgang / Leerstand / Schrumpfung der Kommunalfinanzen), Problematiken deutlicher zutage treten bzw. stärker wahrgenommen werden. Wenn diese Probleme ein bestimmtes Aus­maß erreichen und keine Aussicht besteht, sie über traditionelle Wachstumshoffnungen zu lösen, dann werden Personen, Gruppen oder auch Organisationen initiativ. Krisen und Problemsituationen werden dann zum Anlass genommen, herkömmliche Handlungswege und altbewährte Routinen zu verlassen, um entgegen konventionellen Denk- und Lösungsmustern neue Wege zu gehen. An diesem Punkt kann es hilfreich sein, wenn über die Realisierung gemeinsamer Projekte neue Arbeitsweisen erprobt, Akteursnetzwerke aufgebaut und eine positive Grundstimmung erzeugt werden können.

Ausblick

Im vorliegenden Beitrag konnten unter dem Stichwort „städtische Kreativität“ einige Aspekte kurz angerissen werden, die während der Workshopveranstaltungen in den letzten Monaten thematisiert wurden. Die ausführlichen Ergebnisse der Workshopreihe werden derzeit für eine Publikation aufbereitet und im Rahmen einer Fachtagung am 10. September 2003 im Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung in Erkner vorgestellt. Das Programm sowie nähere Informationen zu dieser Veranstaltung werden in Kürze auf den Internetseiten des IRS (www.irs-net.de) und der Schader-Stiftung (www.schader-stiftung.de) bereitgestellt.

 

Literatur

Keim, Karl-Dieter 2001: Forschungs- und Entwicklungsprogramm zur Regenerierung der ostdeutschen Städte. In: Keim, Karl-Dieter (Hrsg.): Regenerierung schrumpfender Städte – zur Umbaudebatte in Ostdeutschland. Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung, RegioTransfer 1, S. 9-40

Landry, Charles 2000: The Creative City. A Toolkit for Urban Innovations. London 

Liebmann, Heike 2002: Stadtumbau in Manchester – Planungspartnerschaften und radikale Umstrukturierung. In: PlanerIn Heft 4/2002, S. 37-39 und Online-Magazin zur schrumpfenden Stadt, Ausgabe 12/2002

Kühn, Manfred 2002: Detroit: Schrumpfung und Regeneration einer amerikanischen Stadt. In: Online-Magazin zur schrumpfenden Stadt, Ausgabe 12/2002

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Dies ist ein Dokument der Seite www.schrumpfende-stadt.de
Erstelldatum: 19.05.2003
Autor: Heike Liebmann, Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (Erkner bei Berlin), Dr. Tobias Robischon, Schader-Stiftung (Darmstadt)