| Ökologische
Effekte der Bestandsentwicklung in schrumpfenden Stadtregionen
In der stadtökologischen
Diskussion kristallisiert sich heraus, dass die ökologischen Wirkungen,
die mit Schrumpfungsprozessen verknüpft sind, eine eigene Problemkategorie
darstellen. Vorhabenspezifisch sind die mit der Schrumpfung verbundenen
Chancen einer ökologischen Aufwertung unserer Städte aufzuspüren und
zu konkretisieren. Fragen zur Wieder- oder Weiternutzung bereits erschlossener
gebauter Ressourcen müssen im Grundsatz beantwortet werden, denn eine
fehlende Auslastung des Gebäudebestandes bedeutet Vergeudung von Ressourcen.
Der folgende Beitrag fokussiert auf die Inanspruchnahme von Ressourcen
(Baustoffe), Emissionen (CO2) und Wohnbauland auf Basis
der zukünftigen Wohnungsbestandsentwicklung. Die Berechnung der Effekte
wird am Beispiel der Stadt Bautzen dargestellt. Grundlage für die Abbildung von Stoffströmen und
Flächeninanspruchnahmen möglicher Entwicklungspfade ist ein Modell,
das auf der Ebene von Stadtstrukturtypen Gebäude und technische Infrastruktur
miteinander verknüpft. Bilder zukünftiger Wohnungsmarktsituationen
werden in zwei Schritten entworfen. Zunächst wird die Wohnungsnachfrage
mit Zeithorizont 2015 durch Anwendung eines raumstrukturell differenzierten
Wohnungsnachfragemodells dargestellt. Daran anknüpfend werden drei
Varianten der Bestandsentwicklung konstruiert, die unterschiedliche
räumliche Ausprägungen der Wohnungsnachfrage 2015 beschreiben. Das
Stoffstrom- und Flächenmodell erlaubt die Darstellung der Varianten
entlang ausgewählter Umweltindikatoren. Damit können wichtige Ansatzpunkte
nachhaltig umweltverträglicher Entwicklungskonzepte aufgezeigt werden. Zur Modellierung städtischer Teilräume wird die Stadt
in Strukturtypen gegliedert. Stadtstrukturtypen umfassen Gebiete physiognomisch
einheitlicher Ausprägung, gekennzeichnet durch eine charakteristische
Struktur der Bebauung und der Freiflächen (Wickop 1999; Pauleit 1998). Die Systematik der Gliederung und Abgrenzung von
Stadtstrukturtypen hängt in erster Linie von der Zielstellung der
angestrebten Untersuchungen ab. Für das vorliegende Stofffluss- und
Flächenmodell orientiert die Strukturtypenbildung an Nutzung (überwiegende
Wohnfunktion), Bebauungsform und vorhandenen Gebäudetypen. Bebauungsdichten
stehen in Korrelation zu Flächeninanspruchnahme und zur erforderlichen
stadttechnischen und verkehrserschließenden Infrastruktur[1] innerhalb der
Strukturtypen. Grundlagen der Beschreibung der charakteristischen
Ausstattung von Stadtstrukturtypen mit Gebäuden, Straßen und Rohrleitungen
bilden umfangreiche empirische Untersuchungen in sächsischen Groß-
und Mittelstädten (Deilmann et al. 2001), stofflich-energetische Untersuchungen
von Gebäudetypen (Böhm/Gruhler/Schiller 2001), ergänzt durch Untersuchungen
von Erschließungsflächenaufwendungen in Wohngebieten (Gassner et al.
1986; Menkhoff et al. 1979). Die durch die Erstellung, die Nutzung und den Abriss
von Gebäuden, Straßen und Rohrleitungen in städtischen Teilräumen
verursachten Stoff- und Energieflüsse werden auf Grundlage der Bauelementmethode
bzw. gebäudetypologischer Wärmebedarfskennzahlen modelliert. Gebäudetypen
unterscheiden sich hinsichtlich der verwendeten Bauform (Bauwerksgröße
und Kubatur), der Baukonstruktion (Fachwerk, massiv oder industriell)
und nach Baualtersklassen. Dies erlaubt Rückschlüsse auf die Dimensionierung
der Bauelemente und die Materialauswahl. Entsprechendes gilt für Bauelemente
der technischen Infrastruktur. Umbau- und Instandhaltungsmaßnahmen
werden über pauschalisierte Annahmen von Bauteillebensdauern berücksichtigt.
Die durch die Herstellung, Förderung und den Transport der berechneten
Baumaterialströme und Energieströme ausgelösten Emissionen werden
durch die Einbindung von Emissionskennwerten einer externen Datenbank
(GEMIS) berechnet. Ein-
und Zweifamilienhaus- Blockbebauung Zeilenbebauung
Mäander-Bebauung Bild. 1: Beispiele unterschiedlicher Strukturtypen der
Wohnbebauung Zur Modellierung der Flächeninanspruchnahme
wird das in Anspruch genommene Wohnbauland aus charakteristischen
Geschossflächendichten überschlägig ermittelt. Bei Neubaumaßnahmen
ist die Unterscheidung zwischen Innen- und Außenentwicklung von großer
Bedeutung. Während das Bauen auf der grünen Wiese neue
Flächen in Anspruch nimmt, werden Baumaßnahmen der Innenentwicklung
auf durch Abriss freigewordenen Grundstücken vereinfacht als flächenneutral
angenommen, d. h., sie verursachen keine Neuinanspruchnahme von Siedlungs-
und Verkehrsfläche. Maßgeblich für die zukünftige
Bestandsnutzung ist die Einschätzung der künftigen Nachfrageentwicklung.
Um diese vorausschätzen zu können, müssen zunächst die Bevölkerungs-
und Haushaltsentwicklungen prognostiziert werden. Für die Erstellung
kommunaler Wohnungsnachfrageprognosen wurde im IÖR eine Methodik entwickelt,
welche die in den Kommunen verfügbaren Daten bestmöglich nutzt, diese
hinsichtlich der Nachfrage strukturiert und mittels eines statistischen
Schätzverfahrens zukünftige Wohnungsnachfrageentwicklungen bis zum
Jahr 2015 nach städtischen Teilräumen und Wohnungsteilmärkten berechnet
(Iwanow/Eichhorn 2002)[2]. Die räumliche Differenzierung für die Stadt Bautzen erfolgt
auf der Basis der folgenden Strukturtypen der Wohnbebauung, welche
wichtige Aspekte der Stadtstrukturtypen mit den erwarteten Nachfragetendenzen
auf unterschiedlichen Wohnungsteilmärkten kombinieren. Maßgebend für
die Zuordnung von städtischen Teilräumen sind gebietsprägende Bebauungsstrukturen
und Gebäudealtersklassen in den Grenzen statistischer Bezirke. ·
Aufgelockerte Bebauung
mit überwiegender Ein- und Zweifamilienhausbebauung (Strukturtyp 1) ·
Altbaugebiete mit überwiegend
Mehrfamilienhausbebauung in offener und geschlossenen Blockstrukturen
der Baujahre bis 1918 (Strukturtyp 2) ·
Gebiete mit überwiegend
Mehrfamilienhäusern in Zeilenbebauung der Baujahre 1919 bis 1990 (Strukturtyp
3) ·
Plattenbaugebiete des
komplexen Wohnungsbaus größer ca. 2500 Wohnungen der Baujahre 1970
bis 1990 (Strukturtyp 4) ·
Wohnungsneubau (Mehrfamilienhäuser)
seit 1991 (Strukturtyp 5) Das Stadtgebiet von
Bautzen wurde nach obiger Strukturierung gegliedert. Die seit 1991
in Bautzen errichteten Wohnungsneubauten zeigten sich innerhalb der
Grenzen statistischer Bezirke nicht strukturprägend und wurden deshalb
im Rahmen der Wohnungsnachfrageprognose den jeweils strukturprägenden
Teilgebieten zugeordnet. Für den quantitativen
Teil einer Nachfrageprognose wird eine Vorausberechnung der Bevölkerungs-
und Haushaltsentwicklung bis zum Jahr 2015 benötigt. Dabei wird die
Bevölkerungsentwicklung einerseits durch die natürlichen Bevölkerungsbewegungen,
andererseits durch die Wanderungsbewegungen geprägt. Gerade die Annahmen
zum zukünftigen Wanderungsverhalten sind mit großen Unsicherheiten
verbunden. Deshalb wurden für Bautzen zwei Szenarien der Bevölkerungsentwicklung
gerechnet. Basis des vorliegenden Berichtes ist das Leitbildszenario,
dessen Wanderungsannahmen die Stadt Bautzen selbst traf. Für eine Nachfrageprognose ist es dann insbesondere
wichtig, die zukünftige Haushaltsentwicklung zu prognostizieren. Damit
ist dann zugleich das quantitative Gerüst der Nachfrageprognose bestimmt,
da die Anzahl der Haushalte auch als Anzahl der Nachfrager interpretiert
werden kann. Die für Bautzen prognostizierten Haushaltsrückgänge werden
in den einzelnen Wohnungsteilmärkten, repräsentiert durch die Strukturtypen,
unterschiedliche Auswirkungen haben. Um hierüber genauere Aussagen
treffen zu können, wurden die Umzugsströme der Haushalte zwischen
den Strukturtypen analysiert und das zukünftige Nachfrageverhalten
mit Hilfe von Umzugs- und Bleibewahrscheinlichkeiten für die Prognosejahre
hochgerechnet. In Tabelle 1 sind die Prognoseergebnisse für das Leitbildszenario
zusammengestellt. Dieses Szenario kennzeichnet die optimistische Variante
der Nachfrageentwicklung in Bautzen. Tabelle
1: Nachfrageentwicklung
bis 2015 in Bautzen im Leitbildszenario
Strukturtypen der Wohnbebauung Hauhalte leerstehende Wohnungen Veränderung der Wohnungsnachfrage im Zeitraum ... bis
... 2001 bis 2005 2006 bis 2015 Überwiegend Ein- und Zweifamilienhausbebauung 2 680 70 + 360 + 770 Altbaugebiete 10 000 1 570 + 10 + 140 Zeilenbebauung
3 330 240 - 50 + 50 Plattenbaugebiete 4 750 1 270 - 1 140 - 1020 Dem ausgewählten Wohnungsnachfrageszenario werden
drei denkbare Varianten der Bestandsentwicklung gegenüber gestellt.
Dabei wurden die Varianten so konstruiert, dass sie instruktiv
die mögliche Entwicklungsbandbreite abbilden. Sie wurden auf Widerspruchsfreiheit
geprüft, dürfen aber nicht als wahrscheinliche Entwicklungen verstanden
werden. Drei Fragen standen Pate für die Varianten: ·
Welche Eingriffe in den Bestand sind notwendig,
um eine vertretbare Leerstandsquote von < 10 % unter
Anrechnung der immer auch stattfindenden Neubaumaßnahmen für Bautzen
zu erreichen? (MARKTBEREINIGUNG) ·
Welche Leerstandsquoten stellen sich ein,
wenn keine über das übliche Maß hinausgehenden Abrissmaßnahmen vorgenommen
werden? (OHNE STEUERUNG) ·
Wie groß sind die Umwelteffekte des Stadtumbaus
der beiden vorgenannten Varianten im Vergleich zu einer gezielten
Innenentwicklung? (UMBAU) Allen drei Angebotsvarianten ist die Ausgangssituation im
Wohnungsbestand 2000 gemein, der aus statistisch verfügbaren Daten
übernommen bzw. daraus abgeleitet wurde (Tabelle 2). Tabelle
2: Wohnungsbestand der Stadt
Bautzen in der Ausgangssituation (2000) Strukturtypen
der Wohnbebauung Wohnungsstruktur 2000 Wohnungen davon in Leerstand EFH MFH Anzahl Anzahl Anzahl % Überwiegend Ein- und Zweifamilienhausbebauung (überw.
1-2 FH) 2 544 2 035 509 3 Altbaugebiete 11 477 1 232 10 245 14 Zeilenbebauung
3 359 672 2 687 7 Plattenbaugebiete 5 586 0 5 586 23 Gesamt 22 966 3 939 19 027 14 Die Grundphilosophien der
Angebotsvarianten sollen im Folgenden kurz skizziert werden. Die Variante
I MARKTBEREINIGUNG geht von einem massiven
Rückbau in den Beständen der Plattenbaugebiete aus. Insgesamt werden
50 % der Gebäude dieser Gebiete abgerissen. Für Bestandsgebäude werden
jährliche natürliche Abrissraten von ca. 0,2 % angenommen,
womit dem natürlichen Verschleiß Rechnung getragen wird. Die Neubaurate
für Mehrfamilienhäuser orientiert sich mit ca. 70 Wohnungen/Jahr am
unteren Level der Werte der letzten Jahre und verteilt sich auf die
Strukturtypen überw. 1-2 FH, Altbaugebiete und Zeilenbebauung. Ein- und Zweifamilienhäuser
werden entsprechend der zunehmenden Nachfrage überwiegend in Strukturtyp
überw. 1-2 FH zugebaut.
Dabei wird auf einen natürlichen Leerstand (Modernisierung,
umzugsbedingte Leerstände) von ca. 3 % orientiert. Die Variante II OHNE
STEUERUNG geht von einer Laisser-faire-Situation aus. Mit Ausnahme
des Rückbaus der Plattenbauten (50 % in Variante I, 2% in Variante
II) entsprechen die Annahmen der Variante I. Die Folge ist eine Zuspitzung
der Leerstandssituation speziell in den Plattenbaugebieten in Variante
II. Bei der Variante III UMBAU
wird von einem steuernden Eingriff in den Entwicklungsprozess ausgegangen.
Nachfrager von Ein- und Zweifamilienhäusern werden von den Außenbezirken
in die Innenstadt umgeleitet. Dort wird die Nachfrage anstatt mit
freistehenden Ein- und Zweifamilienhäusern überwiegend mit Einfamilien-
und Reihenhäusern gedeckt, soweit verfügbar auf Flächen, auf denen
Mehrfamilienhäuser rückgebaut wurden. Diese stehen im Wesentlichen
in den Plattenbaugebieten zur Verfügung, in denen ca. ein Drittel
des Bestandes abgerissen wird. Neben dem Ersatzneubau
werden auch Umbauten von Gebäuden berücksichtigt. In Anlehnungen an
bekannte Modellprojekte werden Mehrfamilienhäuser in den Blockstrukturen
und in der Zeilenbebauung zu je zwei vertikal erschlossenen Einheiten
mit Reihenhauscharakter umgebaut. Dies geschieht in Größenordnungen
von jährlich ca. 15 neu entstehenden vertikal erschlossenen Einheiten,
denen ca. 50 um- und rückgebaute Mehrfamilienhauswohnungen gegenüberstehen.
Die Rohbausubstanz kann somit weitgehend weiter genutzt werden. Mehrfamilienhaus-Neubau
findet insgesamt entsprechend der beiden vorangegangenen Varianten
statt, allerdings verstärkt in den Strukturtypen der Altbaugebiete,
der Zeilenbebauung und der Plattenbaugebiete. Die Leerstandszahlen der drei Varianten verdeutlichen,
dass bei einer Nachfrageentwicklung im angenommenen Ausmaß gezielte
Anstrengungen zur Anpassung des Angebotes erforderlich sind (Tabelle
3). Auf der Grundlage dieses Möglichkeitsraumes lassen
sich die ökologischen Effekte der Bestandsentwicklungsalternativen
aufzeigen und an Hand von vier bedeutsamen Umweltindikatoren
Ressourcenverbrauch, Abfallaufkommen, CO2-Emissionen und
Flächeninanspruchnahme illustrieren. Tabelle 3: Varianten der Wohnungsstruktur 2015 Variante Strukturtyp Wohnungsstruktur 2015 Wohnungen gesamt davon in Leerstand davon in EFH MFH ges. EFH MFH Anzahl Anzahl Anzahl % % % Marktbereinigung (I) überw. 1-2 FH 3 624 2 630 994 3 3 3 Altbaugebiete 11 454 1 186 10 268 12 3 13 Zeilenbebauung 3 360 652 2 708 7 3 8 Plattenbaugebiete 2 793 0 2 793 16 0 16 Gesamt 21 230 4 468 16 762 10 3 12 Ohne Steuerung (II) überw. 1-2 FH 3 624 2 630 994 3 3 3 Altbaugebiete 11 454 1 186 10 268 12 3 13 Zeilenbebauung 3 360 652 2 708 7 3 8 Plattenbaugebiete 5 504 0 5 504 57 0 57 Gesamt 23 942 4 468 19 474 20 3 24 Umbau (III) überw. 1-2 FH 2 544 2 035 509 3 3 3 Altbaugebiete 11 483 1 224 10 109 8 3 9 Zeilenbebauung 3 521 764 2 756 7 3 8 Plattenbaugebiete 3 815 225 3 520 27 3 29 Gesamt 21 362 4 248 16 893 11 3 13 Bis zum Jahre 2015 werden in Bautzen zwischen 0,9 bis 1,1 Millionen
Tonnen Baustoffe für Neubau und Instandhaltung von Gebäuden und technischer
Infrastruktur eingebracht (In-put-Stoffstrom).
In allen Varianten übertrifft der Materialaufwand für Neubau und Instandhaltung
der technischen Infrastruktur den Materialaufwand für Neubau und Instandhaltung
der Wohngebäude (Bild 2) Dieses Ergebnis ist überraschend, lässt sich
aber leicht erklären. Die Instandhaltung eines Gebäudes greift nur
in geringem Umfang in die Rohbausubstanz und damit in die schweren
mineralischen Stoffströme ein. Eine Instandhaltung der technischen
Infrastruktur (z. B. Ver- und Entsorgungsleitungen im Fahrbahnbereich)
ist immer mit einem kompletten Neuaufbau der Leitungstrassen verbunden.
Die derzeitige Praxis der Tiefbauarbeiten belegt von regional
begründeten Ausnahmen abgesehen , dass meist auf den Einbau
neuen Schüttmaterials Wert gelegt wird. Der Einsatz von Recyclingmaterial
findet bisher in der Wohngebietserschließung nur in geringem Maße
statt. Bei Umorientierung der Tiefbaupraxis werden die Einsparpotenziale
bei der Ressourcen-Neuinanspruchnahme von Experten auf 80 % geschätzt.
Bild 2: Baumaterialien für Neubau und Instandhaltung 2000-2015 In der Variante UMBAU
wird deutlich, welch erhebliches Einsparpotenzial im Neubaubereich
durch die Innenentwicklung möglich ist. Bedeutsam ist wiederum der
Infrastrukturbereich. Er trägt mit 75 % zur Ressourceneinsparung bei,
während der Hochbau nur 25 % erreicht. Bei Außerachtlassung der Instandhaltungsmaßnahmen
könnten für den Wohnungsneubau einschließlich Infrastruktur 35 % an
Ressourcen durch gezielte Innenentwicklungsmaßnahmen eingespart werden.
Die Baustoffmengen für den Hochbau werden vor allem durch die Substitution
von Einfamilienhäusern im Strukturtyp 1 durch Bebauungen mit Reihenhäusern
in ehemaligen Plattenbaugebieten und zu Einfamilienhäusern umgebauten
Gebäuden im engeren Stadtgebiet (Altbaugebiete und Zeilenbebauung)
eingespart. Die Bauschuttmengen aus den Wohngebieten (Out-put-Stoffstrom) werden jährlich zwischen
55 000 bis 75 000 Tonnen betragen, das sind ca. 1 Million Tonnen in
15 Jahren, oder 15 bis 20 LKW-Ladungen pro Tag. Die OHNE-STEUERUNG-Variante
erzeugt im Betrachtungsraum bis 2015 die geringste Menge
an Abbruchmaterial. Sie ist aber wohnungswirtschaftlich und stadtgestalterisch
problematisch (Gebäudebrachen). Insgesamt kann festgestellt werden, dass die Bedeutung
der Infrastruktur für das Stofflager in der umweltpolitischen Diskussion
vielfach unterschätzt wird, ebenso wie der damit verbundene Kostenfaktor
für die Kommunen. Der Nachhaltigkeitsrat der Bundesrepublik empfiehlt
bis 2020 eine Halbierung der CO2-Emissionen gegenüber dem
Basisjahr 1990 (Nachhaltigkeitsrat 2002). Welchen Beitrag hierzu leistet
Bautzen im Bereich Bauen und Wohnen? Die Berechnungen verdeutlichen, dass die Entwicklung
des Wohnungsbestandes unter Schrumpfungsbedingungen ohne zusätzliche
wärmetechnische Sanierung des Bestandes zu einer Erhöhung der CO2-Emissionen
pro Kopf führen wird (Bild 3). Bild 3: Veränderung der CO2-Emissionen/Kopf und Jahr
(Raumwärme und Baustoffherstellung) 2000-2015 die i.d.R. notwendige gebäudeerhaltende Temperierung
ebenfalls Energie. Im Durchschnitt kann von einem Resttemperierungsniveau
von 10 % gegenüber dem bewohnten Zustand ausgegangen werden (Deilmann/Gruhler/Werner
2001). Pro leerstehender Wohnung sind dies im Durchschnitt 0,5 Tonnen
CO2 pro Jahr. Der zusätzliche Leerstand von +10 % gegenüber
der MARKBEREINIGUNG emittiert daher 1 000 t CO2 pro Jahr
zusätzlich. Dies entspricht 4,7 Millionen Personenkilometer PKW-Fahrt.[3]
Die Differenz zwischen MARKTBEREINIGUNG
und UMBAU ist mit der kompakteren
Wohnweise im Fall der Innenentwicklung zu erklären. Einsparpotenziale
liegen zu zwei Dritteln im Raumwärmebereich und zu einem Drittel in
ersparten Baustoff-Herstellungsenergien. Die UMBAU-Variante
nutzt die bestehende Gebäudesubstanz besser aus und reduziert so den
Neubaubedarf. Die gewählten Standorte auf Brachen, die durch Gebäudeabriss
frei werden, helfen Infrastrukturaufwendungen zu reduzieren. Durch
die energetisch gegenüber dem freistehenden Einfamilienhaus vorteilhaftere
Reihenhausbebauung lassen sich die zusätzlichen Raumwärmeeinsparungen
erklären. In den Daten zur Generierung des Bildes 4 wurde die
nachträgliche wärmetechnische Sanierung des Gebäudebestandes nicht
berücksichtigt. Derzeit beträgt die Nachdämmrate im Bestand in der
Bundesrepublik etwa 1% des Bestandes jährlich, dabei wird der Heizenergiebedarf
i.d.R. um 30 bis 40 % reduziert. Auf Bautzen übertragen bedeutet dies:
In 15 Jahren kann die CO2-Emission für die Raumwärme des
gesamten Wohnungs-gebäudebestandes um rund 8 % gesenkt werden. Damit
könnte in Bautzen der eingangs erwähnt Mehrverbrauch pro Kopf im Wohnungssektor
ausgeglichen und zusätzlich mit 4 % effektiver CO2-Minderung
zum Nachhaltigkeitsziel der BRD beigetragen werden. rechnung versucht, das Reduktionsziel der BRD auf Bautzen zu
übertragen. Interpoliert man das Reduktionsziel des Nachhaltigkeitsrates
für 2015 und koppelt es im Modell mit der darauf bezogenen Wohnfläche
im Ausgangsjahr, so kann in erster Annäherung für Bautzen als Reduktionsziel
eine mittlere tägliche Neuinanspruchnahme von 63 m² reinem
Wohnbauland berechnet werden (Bild 4). Die buttom-up und von 2000
bis 2015 linear berechnete Neuinanspruchnahme in Bautzen erreicht
sowohl bei MARKTBEREINIGUNG
wie bei OHNE-STEUERUNG diesen
Zielwert. Die Kommune hat hiermit scheinbar bereits ihre Pflicht getan.
Tatsache bleibt aber, dass sogar bei rückläufigen Bevölkerungs- und
Haushaltszahlen unsere Städte weiterhin für Wohnzwecke neue Siedlungs-
und Verkehrsflächen in Anspruch nehmen werden. In Bautzen sind dies
pro Jahr immerhin 2,3 ha. Bild 4: Mittlere tägliche Neuinanspruchnahme von
Wohnbauland der drei Angebotsvarianten Von weit größerer Tragweite ist die Beobachtung,
dass die UMBAU-Variante eine mögliche Reduktion
der Inanspruchnahme von reinen Wohnbauflächen von 85 % ausweist. Diese
Einsparung wird nicht durch Umwidmung von Industrie- oder Gewerbebrachen
zu Wohnbauland erreicht, sondern einzig durch Wiedernutzung von einstmaligen
Wohnbauflächen, die durch Abriss frei geworden sind. Diese Wiedernutzung
von Wohnbauland ist zugleich mit erheblichen positiven Nebeneffekten
im Infrastrukturbereich (Baustoffe, Energie, Kosten) verbunden. Bei rückläufiger Wohnungsnachfrage sind Modelle notwendig,
die eine raumstrukturell differenzierte Einschätzung der Nachfrage und
Abbildung der Varianten zukünftiger Bestandsentwicklung ermöglichen.
Das von den Autoren entwickelte Modell betritt hiermit und speziell
in der Ergänzung um Stoffstrom- und Flächenbilanzaspekte sowie bei der
Prognostizierbarkeit kommunaler Wohnungsnachfrageentwicklungen Neuland.
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass den Instandhaltungsaufwendungen der
Wohngebietserschließung aus Stoffstromsicht eine größere Aufmerksamkeit
zukommen sollte als dem Gebäudebestand, dass trotz Wohnungsüberangebot
in einer Stadt wie Bautzen CO2-Emissionen des Bauen und Wohnens
steigen werden, wenn nicht die Bestände wärmetechnisch saniert werden,
und dass aus umweltpolitischer Sicht die Flächeninanspruchnahme der Schlüsselindikator für den Stadtumbau-Ost
sein wird. In schrumpfenden Regionen ist Einflussnahme auf die Flächeninanspruchnahme
eine wichtige Stellschraube, da Stoffstromeffekte eher nachgeordnete
Folgewirkungen der gewählten Gebäude- und Flächenwiederverwendungs-Variante
sind. -->
Zurück zur Inhaltsübersicht Böhm, R.; Gruhler, K.; Schiller, G. (2001): Stofflich-energetische
Kenngrößen von Gebäudetypen als Entscheidungsgrundlage für eine umweltorientierte
Fortentwicklung des Wohnungsbestandes. In: Arbeitsgemeinschaft ökologische
Forschungsinstitute (AGÖF): Umwelt, Gebäude & Gesundheit
von Energieeffizienz zur Raumlufthygiene. Tagungsband des 6. AGÖF-Fachkongress
2001. Eigenverlag. Deilmann, C. et
al. (2001): Nachhaltige Entwicklung des Wohnungsbestandes in sächsischen
Groß- und Mittelstädten: Entwicklungsszenarien ausgewählter Wohngebiete
unter ressourcen- und nutzungsorientierten Aspekten (NAWO). Endbericht.
(www.ioer.de/Nawo) Deilmann, C.; Gruhler, K.; Werner, M. (2001): Sanierung
oder Abriss und Neubau stofflich-energetische Bewertung unter
Beachtung von Wohnungs-Überangebot. In: Gesundheits-Ingenieur 122
(6), 316-320. Gassner, E.; Heckenbücker, B.; Thünker, H. (1986):
Entwicklung des Erschließungsaufwandes nach Flächeninanspruchnahme,
Bau- und Bodenkosten. Forschungsbericht. Informationszentrum Raum
und Bau, Fraunhofer-Gesellschaft, IRB. T 1845. Stuttgart: IRB Verlag. Iwanow, I.; Eichhorn, D. (2001): Vereinfachte Methodik
zur Erstellung kommunaler Nachfrageprognosen. In: Bundesministerium
für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen (Hrsg.): Stadtumbau in den neuen
Ländern. Berlin, 29-42 Iwanow, I.: Eichhorn, D. (2002): Szenarien zur kommunalen
Wohnungsnachfrageentwicklung. In: Die Wohnungswirtschaft 55 (2), 33-35.
Menkhoff, H.; Blum, A.; Bendisch, E.; Wente, E. (1979):
Städtebauliche Verdichtung und ihre Bewertung. Querschnittsuntersuchung
von Demonstrativbauvorhaben. Schriftenreihe Versuchs- und Vergleichsbauten
und Demonstrativmaßnahmen des Bundesministers für Raumordnung,
Bauwesen und Städtebau, Heft 01.067. Bonn: Eigenverlag. Pauleit, S. (1998): Das Umweltwirkgefüge städtischer
Siedlungsstrukturen Darstellung des städtischen Ökosystems
durch eine Strukturtypenkartierung zur Bestimmung von Umweltqualitätszielen
für die Stadtplanung. Diss. TU München, Lehrstuhl für Landschaftsökologie.
Eigenverlag. Staatssekretärausschuss für Nachhaltige Entwicklung
(Nachhaltigkeitsrat) (2002): Perspektiven für Deutschland. Unsere
Strategie für eine nachhaltige Entwicklung. (www.nachhaltigkeitsrat.de). Wickop, E. (1999): Qualitätsziele für eine nachhaltige
Stadtentwicklung Methodische Aspekte eines Konzeptes für Stadtstrukturtypen
am Beispiel der Stadt Leipzig. In: Zeitschrift für angewandte Umweltforschung
12 (1), 98-111. [1] Die vorliegende Studie betrachtet Straßen und
Rohrleitungen der Wasserver-
und -entsorgung. Im Folgenden wird die stadttechnische und verkehrserschließende
Infrastruktur kurz Erschließung genannt. [2] Diese Methodik steht allen interessierten Anwendern
in programmierter Form unter der Adresse www.ioer.de
zur Nutzung zur Verfügung. [3] Ein PKW, besetzt mit einer Person, emittiert
auf 4,7 km ca.1 kg CO2. [4] Wohnbauland, das theoretisch für die Erstellung
der reinen Wohngebäude in Anspruch genommen wird, einschließlich
die den Wohnungen zuordenbaren Flächen der inneren Wohngebietserschließung.
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ein Dokument der Seite www.schrumpfende-stadt.de Erstelldatum: 21. Februar 2003 Autor: Georg Schiller, Clemens Deilmann, Irene Iwanow |