Ökologische Effekte der Bestandsentwicklung in schrumpfenden Stadtregionen

In der stadtökologischen Diskussion kristallisiert sich heraus, dass die ökologischen Wirkungen, die mit Schrumpfungsprozessen verknüpft sind, eine eigene Problemkategorie darstellen. Vorhabenspezifisch sind die mit der Schrumpfung verbundenen Chancen einer ökologischen Aufwertung unserer Städte aufzuspüren und zu konkretisieren. Fragen zur Wieder- oder Weiternutzung bereits erschlossener gebauter Ressourcen müssen im Grundsatz beantwortet werden, denn eine fehlende Auslastung des Gebäudebestandes bedeutet Vergeudung von Ressourcen. Der folgende Beitrag fokussiert auf die Inanspruchnahme von Ressourcen (Baustoffe), Emissionen (CO2) und Wohnbauland auf Basis der zukünftigen Wohnungsbestandsentwicklung. Die Berechnung der Effekte wird am Beispiel der Stadt Bautzen dargestellt.

Grundlage für die Abbildung von Stoffströmen und Flächeninanspruchnahmen möglicher Entwicklungspfade ist ein Modell, das auf der Ebene von Stadtstrukturtypen Gebäude und technische Infrastruktur miteinander verknüpft. Bilder zukünftiger Wohnungsmarktsituationen werden in zwei Schritten entworfen. Zunächst wird die Wohnungsnachfrage mit Zeithorizont 2015 durch Anwendung eines raumstrukturell differenzierten Wohnungsnachfragemodells dargestellt. Daran anknüpfend werden drei Varianten der Bestandsentwicklung konstruiert, die unterschiedliche räumliche Ausprägungen der Wohnungsnachfrage 2015 beschreiben. Das Stoffstrom- und Flächenmodell erlaubt die Darstellung der Varianten entlang ausgewählter Umweltindikatoren. Damit können wichtige Ansatzpunkte nachhaltig umweltverträglicher Entwicklungskonzepte aufgezeigt werden.

Modell zur Abbildung von Stoffflüssen, Energieflüssen und der Flächeninanspruchnahme

Zur Modellierung städtischer Teilräume wird die Stadt in Strukturtypen gegliedert. Stadtstrukturtypen umfassen Gebiete physiognomisch einheitlicher Ausprägung, gekennzeichnet durch eine charakteristische Struktur der Bebauung und der Freiflächen (Wickop 1999; Pauleit 1998).

Die Systematik der Gliederung und Abgrenzung von Stadtstrukturtypen hängt in erster Linie von der Zielstellung der angestrebten Untersuchungen ab. Für das vorliegende Stofffluss- und Flächenmodell orientiert die Strukturtypenbildung an Nutzung (überwiegende Wohnfunktion), Bebauungsform und vorhandenen Gebäudetypen. Bebauungsdichten stehen in Korrelation zu Flächeninanspruchnahme und zur erforderlichen stadttechnischen und verkehrserschließenden Infrastruktur[1] innerhalb der Strukturtypen.

Grundlagen der Beschreibung der charakteristischen Ausstattung von Stadtstrukturtypen mit Gebäuden, Straßen und Rohrleitungen bilden umfangreiche empirische Untersuchungen in sächsischen Groß- und Mittelstädten (Deilmann et al. 2001), stofflich-energetische Untersuchungen von Gebäudetypen (Böhm/Gruhler/Schiller 2001), ergänzt durch Untersuchungen von Erschließungsflächenaufwendungen in Wohngebieten (Gassner et al. 1986; Menkhoff et al. 1979).

Die durch die Erstellung, die Nutzung und den Abriss von Gebäuden, Straßen und Rohrleitungen in städtischen Teilräumen verursachten Stoff- und Energieflüsse werden auf Grundlage der Bauelementmethode bzw. gebäudetypologischer Wärmebedarfskennzahlen modelliert. Gebäudetypen unterscheiden sich hinsichtlich der verwendeten Bauform (Bauwerksgröße und Kubatur), der Baukonstruktion (Fachwerk, massiv oder industriell) und nach Baualtersklassen. Dies erlaubt Rückschlüsse auf die Dimensionierung der Bauelemente und die Materialauswahl. Entsprechendes gilt für Bauelemente der technischen Infrastruktur. Umbau- und Instandhaltungsmaßnahmen werden über pauschalisierte Annahmen von Bauteillebensdauern berücksichtigt. Die durch die Herstellung, Förderung und den Transport der berechneten Baumaterialströme und Energieströme ausgelösten Emissionen werden durch die Einbindung von Emissionskennwerten einer externen Datenbank (GEMIS) berechnet.

Ein- und Zweifamilienhaus-
bebauung

Blockbebauung

Zeilenbebauung

Mäander-Bebauung

Bild. 1:  Beispiele unterschiedlicher Strukturtypen der Wohnbebauung

Zur Modellierung der Flächeninanspruchnahme wird das in Anspruch genommene Wohnbauland aus charakteristischen Geschossflächendichten überschlägig ermittelt. Bei Neubaumaßnahmen ist die Unterscheidung zwischen Innen- und Außenentwicklung von großer Bedeutung. Während das Bauen auf der „grünen Wiese“ neue Flächen in Anspruch nimmt, werden Baumaßnahmen der Innenentwicklung auf durch Abriss freigewordenen Grundstücken vereinfacht als „flächenneutral“ angenommen, d. h., sie verursachen keine Neuinanspruchnahme von Siedlungs- und Verkehrsfläche.

Szenarien der Nachfrageentwicklungen bis 2015        

Maßgeblich für die zukünftige Bestandsnutzung ist die Einschätzung der künftigen Nachfrageentwicklung. Um diese vorausschätzen zu können, müssen zunächst die Bevölkerungs- und Haushaltsentwicklungen prognostiziert werden. Für die Erstellung kommunaler Wohnungsnachfrageprognosen wurde im IÖR eine Methodik entwickelt, welche die in den Kommunen verfügbaren Daten bestmöglich nutzt, diese hinsichtlich der Nachfrage strukturiert und mittels eines statistischen Schätzverfahrens zukünftige Wohnungsnachfrageentwicklungen bis zum Jahr 2015 nach städtischen Teilräumen und Wohnungsteilmärkten berechnet (Iwanow/Eichhorn 2002)[2]. Die räumliche Differenzierung für die Stadt Bautzen erfolgt auf der Basis der folgenden Strukturtypen der Wohnbebauung, welche wichtige Aspekte der Stadtstrukturtypen mit den erwarteten Nachfragetendenzen auf unterschiedlichen Wohnungsteilmärkten kombinieren. Maßgebend für die Zuordnung von städtischen Teilräumen sind gebietsprägende Bebauungsstrukturen und Gebäudealtersklassen in den Grenzen statistischer Bezirke.

·                     Aufgelockerte Bebauung mit überwiegender Ein- und Zweifamilienhausbebauung (Strukturtyp 1)

·                     Altbaugebiete mit überwiegend Mehrfamilienhausbebauung in offener und geschlossenen Blockstrukturen der Baujahre bis 1918 (Strukturtyp 2)

·                     Gebiete mit überwiegend Mehrfamilienhäusern in Zeilenbebauung der Baujahre 1919 bis 1990 (Strukturtyp 3)

·                     Plattenbaugebiete des komplexen Wohnungsbaus größer ca. 2500 Wohnungen der Baujahre 1970 bis 1990 (Strukturtyp 4)

·                     Wohnungsneubau (Mehrfamilienhäuser) seit 1991 (Strukturtyp 5)

Das Stadtgebiet von Bautzen wurde nach obiger Strukturierung gegliedert. Die seit 1991 in Bautzen errichteten Wohnungsneubauten zeigten sich innerhalb der Grenzen statistischer Bezirke nicht strukturprägend und wurden deshalb im Rahmen der Wohnungsnachfrageprognose den jeweils strukturprägenden Teilgebieten zugeordnet.

Für den quantitativen Teil einer Nachfrageprognose wird eine Vorausberechnung der Bevölkerungs- und Haushaltsentwicklung bis zum Jahr 2015 benötigt. Dabei wird die Bevölkerungsentwicklung einerseits durch die natürlichen Bevölkerungsbewegungen, andererseits durch die Wanderungsbewegungen geprägt. Gerade die Annahmen zum zukünftigen Wanderungsverhalten sind mit großen Unsicherheiten verbunden. Deshalb wurden für Bautzen zwei Szenarien der Bevölkerungsentwicklung gerechnet. Basis des vorliegenden Berichtes ist das Leitbildszenario, dessen Wanderungsannahmen die Stadt Bautzen selbst traf.

Für eine Nachfrageprognose ist es dann insbesondere wichtig, die zukünftige Haushaltsentwicklung zu prognostizieren. Damit ist dann zugleich das quantitative Gerüst der Nachfrageprognose bestimmt, da die Anzahl der Haushalte auch als Anzahl der Nachfrager interpretiert werden kann. Die für Bautzen prognostizierten Haushaltsrückgänge werden in den einzelnen Wohnungsteilmärkten, repräsentiert durch die Strukturtypen, unterschiedliche Auswirkungen haben. Um hierüber genauere Aussagen treffen zu können, wurden die Umzugsströme der Haushalte zwischen den Strukturtypen analysiert und das zukünftige Nachfrageverhalten mit Hilfe von Umzugs- und Bleibewahrscheinlichkeiten für die Prognosejahre hochgerechnet. In Tabelle 1 sind die Prognoseergebnisse für das Leitbildszenario zusammengestellt. Dieses Szenario kennzeichnet die optimistische Variante der Nachfrageentwicklung in Bautzen.

Tabelle 1:          Nachfrageentwicklung bis 2015 in Bautzen im Leitbildszenario

 

Strukturtypen der Wohnbebauung

Hauhalte
2000

leerstehende Wohnungen

Veränderung der Wohnungsnachfrage im Zeitraum ... bis ...
(Anzahl der Haushalte)

2001 bis 2005

2006 bis 2015

Überwiegend Ein- und Zweifamilienhausbebauung

2 680

70

+ 360

+ 770

Altbaugebiete

10 000

1 570

+ 10

+ 140

Zeilenbebauung

3 330

240

- 50

+ 50

Plattenbaugebiete

4 750

1 270

- 1 140

- 1020

1               Varianten der Wohnungsbestandsentwicklung

Dem ausgewählten Wohnungsnachfrageszenario werden drei denkbare Varianten der Bestandsentwicklung gegenüber gestellt. Dabei wurden die Varianten so „konstruiert“, dass sie instruktiv die mögliche Entwicklungsbandbreite abbilden. Sie wurden auf Widerspruchsfreiheit geprüft, dürfen aber nicht als wahrscheinliche Entwicklungen verstanden werden. Drei Fragen standen Pate für die Varianten:

·         Welche Eingriffe in den Bestand sind notwendig, um eine “vertretbare Leerstandsquote“ von < 10 % unter Anrechnung der immer auch stattfindenden Neubaumaßnahmen für Bautzen zu erreichen? (MARKTBEREINIGUNG)

·         Welche Leerstandsquoten stellen sich ein, wenn keine über das übliche Maß hinausgehenden Abrissmaßnahmen vorgenommen werden? (OHNE STEUERUNG)

·         Wie groß sind die Umwelteffekte des Stadtumbaus der beiden vorgenannten Varianten im Vergleich zu einer gezielten Innenentwicklung? (UMBAU)

 

Allen drei Angebotsvarianten ist die Ausgangssituation im Wohnungsbestand 2000 gemein, der aus statistisch verfügbaren Daten übernommen bzw. daraus abgeleitet wurde (Tabelle 2).

Tabelle 2:     Wohnungsbestand der Stadt Bautzen in der Ausgangssituation (2000)

Strukturtypen der Wohnbebauung

Wohnungsstruktur 2000

Wohnungen
gesamt

davon in

Leerstand

EFH

MFH

Anzahl

Anzahl

Anzahl

%

Überwiegend Ein- und Zweifamilienhausbebauung (überw. 1-2 FH)

2 544

2 035

509

3

Altbaugebiete

11 477

1 232

10 245

14

Zeilenbebauung

3 359

672

2 687

7

Plattenbaugebiete

5 586

0

5 586

23

Gesamt

22 966

3 939

19 027

14

Die Grundphilosophien der Angebotsvarianten sollen im Folgenden kurz skizziert werden. Die Variante I MARKTBEREINIGUNG geht von einem massiven Rückbau in den Beständen der Plattenbaugebiete aus. Insgesamt werden 50 % der Gebäude dieser Gebiete abgerissen. Für Bestandsgebäude werden jährliche „natürliche Abrissraten“ von ca. 0,2 % angenommen, womit dem natürlichen Verschleiß Rechnung getragen wird. Die Neubaurate für Mehrfamilienhäuser orientiert sich mit ca. 70 Wohnungen/Jahr am unteren Level der Werte der letzten Jahre und verteilt sich auf die Strukturtypen „überw. 1-2 FH“, „Altbaugebiete“ und „Zeilenbebauung“. Ein- und Zweifamilienhäuser werden entsprechend der zunehmenden Nachfrage überwiegend in Strukturtyp „überw. 1-2 FH“ zugebaut. Dabei wird auf einen „natürlichen Leerstand“ (Modernisierung, umzugsbedingte Leerstände) von ca. 3 % orientiert.

Die Variante II OHNE STEUERUNG geht von einer Laisser-faire-Situation aus. Mit Ausnahme des Rückbaus der Plattenbauten (50 % in Variante I, 2% in Variante II) entsprechen die Annahmen der Variante I. Die Folge ist eine Zuspitzung der Leerstandssituation speziell in den Plattenbaugebieten in Variante II.

Bei der Variante III UMBAU wird von einem steuernden Eingriff in den Entwicklungsprozess ausgegangen. Nachfrager von Ein- und Zweifamilienhäusern werden von den Außenbezirken in die Innenstadt umgeleitet. Dort wird die Nachfrage anstatt mit freistehenden Ein- und Zweifamilienhäusern überwiegend mit Einfamilien- und Reihenhäusern gedeckt, soweit verfügbar auf Flächen, auf denen Mehrfamilienhäuser rückgebaut wurden. Diese stehen im Wesentlichen in den Plattenbaugebieten zur Verfügung, in denen ca. ein Drittel des Bestandes abgerissen wird. Neben dem „Ersatzneubau“ werden auch Umbauten von Gebäuden berücksichtigt. In Anlehnungen an bekannte Modellprojekte werden Mehrfamilienhäuser in den Blockstrukturen und in der Zeilenbebauung zu je zwei vertikal erschlossenen Einheiten mit Reihenhauscharakter umgebaut. Dies geschieht in Größenordnungen von jährlich ca. 15 neu entstehenden vertikal erschlossenen Einheiten, denen ca. 50 um- und rückgebaute Mehrfamilienhauswohnungen gegenüberstehen. Die Rohbausubstanz kann somit weitgehend weiter genutzt werden. Mehrfamilienhaus-Neubau findet insgesamt entsprechend der beiden vorangegangenen Varianten statt, allerdings verstärkt in den Strukturtypen der Altbaugebiete, der Zeilenbebauung und der Plattenbaugebiete.

Die Leerstandszahlen der drei Varianten verdeutlichen, dass bei einer Nachfrageentwicklung im angenommenen Ausmaß gezielte Anstrengungen zur Anpassung des Angebotes erforderlich sind (Tabelle 3).

Auf der Grundlage dieses Möglichkeitsraumes lassen sich die ökologischen Effekte der Bestandsentwicklungsalternativen aufzeigen und an Hand von vier bedeutsamen Umweltindikatoren – Ressourcenverbrauch, Abfallaufkommen, CO2-Emissionen und Flächeninanspruchnahme illustrieren.

Tabelle 3:     Varianten der Wohnungsstruktur 2015

Variante

Strukturtyp

Wohnungsstruktur 2015

Wohnungen

gesamt

davon in

Leerstand

davon in

EFH

MFH

ges.

EFH

MFH

Anzahl

Anzahl

Anzahl

%

%

%

 

 

Marktbereinigung

(I)

überw. 1-2 FH

3 624

2 630

994

3

3

3

Altbaugebiete

11 454

1 186

10 268

12

3

13

Zeilenbebauung

3 360

652

2 708

7

3

8

Plattenbaugebiete

2 793

0

2 793

16

0

16

Gesamt

21 230

4 468

16 762

10

3

12

 

 

Ohne Steuerung

(II)

überw. 1-2 FH

3 624

2 630

994

3

3

3

Altbaugebiete

11 454

1 186

10 268

12

3

13

Zeilenbebauung

3 360

652

2 708

7

3

8

Plattenbaugebiete

5 504

0

5 504

57

0

57

Gesamt

23 942

4 468

19 474

20

3

24

 

 

Umbau

(III)

überw. 1-2 FH

2 544

2 035

509

3

3

3

Altbaugebiete

11 483

1 224

10 109

8

3

9

Zeilenbebauung

3 521

764

2 756

7

3

8

Plattenbaugebiete

3 815

225

3 520

27

3

29

Gesamt

21 362

4 248

16 893

11

3

13

Umweltindikatoren

Ressourceninanspruchnahme

Bis zum Jahre 2015 werden in Bautzen zwischen 0,9 bis 1,1 Millionen Tonnen Baustoffe für Neubau und Instandhaltung von Gebäuden und technischer Infrastruktur eingebracht (In-put-Stoffstrom). In allen Varianten übertrifft der Materialaufwand für Neubau und Instandhaltung der technischen Infrastruktur den Materialaufwand für Neubau und Instandhaltung der Wohngebäude (Bild 2) Dieses Ergebnis ist überraschend, lässt sich aber leicht erklären. Die Instandhaltung eines Gebäudes greift nur in geringem Umfang in die Rohbausubstanz und damit in die schweren mineralischen Stoffströme ein. Eine Instandhaltung der technischen Infrastruktur (z. B. Ver- und Entsorgungsleitungen im Fahrbahnbereich) ist immer mit einem kompletten Neuaufbau der Leitungstrassen verbunden. Die derzeitige Praxis der Tiefbauarbeiten belegt – von regional begründeten Ausnahmen abgesehen –, dass meist auf den Einbau neuen Schüttmaterials Wert gelegt wird. Der Einsatz von Recyclingmaterial findet bisher in der Wohngebietserschließung nur in geringem Maße statt. Bei Umorientierung der Tiefbaupraxis werden die Einsparpotenziale bei der Ressourcen-Neuinanspruchnahme von Experten auf 80 % geschätzt.

Bild 2: Baumaterialien für Neubau und Instandhaltung 2000-2015

In der Variante UMBAU wird deutlich, welch erhebliches Einsparpotenzial im Neubaubereich durch die Innenentwicklung möglich ist. Bedeutsam ist wiederum der Infrastrukturbereich. Er trägt mit 75 % zur Ressourceneinsparung bei, während der Hochbau nur 25 % erreicht. Bei Außerachtlassung der Instandhaltungsmaßnahmen könnten für den Wohnungsneubau einschließlich Infrastruktur 35 % an Ressourcen durch gezielte Innenentwicklungsmaßnahmen eingespart werden. Die Baustoffmengen für den Hochbau werden vor allem durch die Substitution von Einfamilienhäusern im Strukturtyp 1 durch Bebauungen mit Reihenhäusern in ehemaligen Plattenbaugebieten und zu Einfamilienhäusern umgebauten Gebäuden im engeren Stadtgebiet (Altbaugebiete und Zeilenbebauung) eingespart.

Die Bauschuttmengen aus den Wohngebieten (Out-put-Stoffstrom) werden jährlich zwischen 55 000 bis 75 000 Tonnen betragen, das sind ca. 1 Million Tonnen in 15 Jahren, oder 15 bis 20 LKW-Ladungen pro Tag. Die OHNE-STEUERUNG-Variante erzeugt – im Betrachtungsraum bis 2015 – die geringste Menge an Abbruchmaterial. Sie ist aber wohnungswirtschaftlich und stadtgestalterisch problematisch (Gebäudebrachen).

Insgesamt kann festgestellt werden, dass die Bedeutung der Infrastruktur für das Stofflager in der umweltpolitischen Diskussion vielfach unterschätzt wird, ebenso wie der damit verbundene Kostenfaktor für die Kommunen.

CO2-Emissionen

Der Nachhaltigkeitsrat der Bundesrepublik empfiehlt bis 2020 eine Halbierung der CO2-Emissionen gegenüber dem Basisjahr 1990 (Nachhaltigkeitsrat 2002). Welchen Beitrag hierzu leistet Bautzen im Bereich Bauen und Wohnen?

Die Berechnungen verdeutlichen, dass die Entwicklung des Wohnungsbestandes unter Schrumpfungsbedingungen ohne zusätzliche wärmetechnische Sanierung des Bestandes zu einer Erhöhung der CO2-Emissionen pro Kopf führen wird (Bild 3).

Bild 3: Veränderung der CO2-Emissionen/Kopf und Jahr (Raumwärme und Baustoffherstellung) 2000-2015

Betrachtet man die OHNE-STEUERUNG-Variante gegenüber der MARKTBEREINIGUNG, so geht allein 1 % der Emissionserhöhung auf das Konto der in dieser Variante größeren Anzahl von leerstehenden Wohnungen (ca. 2000 WE mehr). Die leerstehenden Wohnungen werden i.d.R. von angrenzenden bewohnten Wohnungen passiv mitbeheizt. Vollständig leerstehende Gebäude verbrauchen durch

die i.d.R. notwendige gebäudeerhaltende Temperierung ebenfalls Energie. Im Durchschnitt kann von einem Resttemperierungsniveau von 10 % gegenüber dem bewohnten Zustand ausgegangen werden (Deilmann/Gruhler/Werner 2001). Pro leerstehender Wohnung sind dies im Durchschnitt 0,5 Tonnen CO2 pro Jahr. Der zusätzliche Leerstand von +10 % gegenüber der MARKBEREINIGUNG emittiert daher 1 000 t CO2 pro Jahr zusätzlich. Dies entspricht 4,7 Millionen Personenkilometer PKW-Fahrt.[3]

Die Differenz zwischen MARKTBEREINIGUNG und UMBAU ist mit der kompakteren Wohnweise im Fall der Innenentwicklung zu erklären. Einsparpotenziale liegen zu zwei Dritteln im Raumwärmebereich und zu einem Drittel in ersparten Baustoff-Herstellungsenergien. Die UMBAU-Variante nutzt die bestehende Gebäudesubstanz besser aus und reduziert so den Neubaubedarf. Die gewählten Standorte auf Brachen, die durch Gebäudeabriss frei werden, helfen Infrastrukturaufwendungen zu reduzieren. Durch die energetisch gegenüber dem freistehenden Einfamilienhaus vorteilhaftere Reihenhausbebauung lassen sich die zusätzlichen Raumwärmeeinsparungen erklären.

In den Daten zur Generierung des Bildes 4 wurde die nachträgliche wärmetechnische Sanierung des Gebäudebestandes nicht berücksichtigt. Derzeit beträgt die Nachdämmrate im Bestand in der Bundesrepublik etwa 1% des Bestandes jährlich, dabei wird der Heizenergiebedarf i.d.R. um 30 bis 40 % reduziert. Auf Bautzen übertragen bedeutet dies: In 15 Jahren kann die CO2-Emission für die Raumwärme des gesamten Wohnungs-gebäudebestandes um rund 8 % gesenkt werden. Damit könnte in Bautzen der eingangs erwähnt Mehrverbrauch pro Kopf im Wohnungssektor ausgeglichen und zusätzlich mit 4 % effektiver CO2-Minderung zum Nachhaltigkeitsziel der BRD beigetragen werden.

Flächen-Neuinanspruchnahme

Der Nachhaltigkeitsrat der BRD empfiehlt eine Reduktion der täglichen Flächeninanspruchnahme für Siedlungs- und Verkehrszwecke von derzeit rund 130 ha um 87 % auf maximal 30 ha pro Tag bis zum Jahr 2020. Auf Basis theoretischer Überlegungen wird von den Autoren die derzeit täglich für Wohnzwecke in Anspruch genommenen Fläche[4] der BRD auf ca. 30 ha pro Tag geschätzt. Auf dieser Basis wurde in einer einfachen Überschlags-

rechnung versucht, das Reduktionsziel der BRD auf Bautzen zu übertragen. Interpoliert man das Reduktionsziel des Nachhaltigkeitsrates für 2015 und koppelt es im Modell mit der darauf bezogenen Wohnfläche im Ausgangsjahr, so kann in erster Annäherung für Bautzen als Reduktionsziel eine mittlere tägliche Neuinanspruchnahme von 63 m² „reinem“ Wohnbauland berechnet werden (Bild 4). Die buttom-up und von 2000 bis 2015 linear berechnete Neuinanspruchnahme in Bautzen erreicht sowohl bei MARKTBEREINIGUNG wie bei OHNE-STEUERUNG diesen Zielwert. Die Kommune hat hiermit scheinbar bereits ihre Pflicht getan. Tatsache bleibt aber, dass sogar bei rückläufigen Bevölkerungs- und Haushaltszahlen unsere Städte weiterhin für Wohnzwecke neue Siedlungs- und Verkehrsflächen in Anspruch nehmen werden. In Bautzen sind dies pro Jahr immerhin 2,3 ha.

Bild 4: Mittlere tägliche Neuinanspruchnahme von Wohnbauland der drei Angebotsvarianten

Von weit größerer Tragweite ist die Beobachtung, dass die UMBAU-Variante eine mögliche Reduktion der Inanspruchnahme von reinen Wohnbauflächen von 85 % ausweist. Diese Einsparung wird nicht durch Umwidmung von Industrie- oder Gewerbebrachen zu Wohnbauland erreicht, sondern einzig durch Wiedernutzung von einstmaligen Wohnbauflächen, die durch Abriss frei geworden sind. Diese Wiedernutzung von Wohnbauland ist zugleich mit erheblichen positiven Nebeneffekten im Infrastrukturbereich (Baustoffe, Energie, Kosten) verbunden.

Fazit

Bei rückläufiger Wohnungsnachfrage sind Modelle notwendig, die eine raumstrukturell differenzierte Einschätzung der Nachfrage und Abbildung der Varianten zukünftiger Bestandsentwicklung ermöglichen. Das von den Autoren entwickelte Modell betritt hiermit und speziell in der Ergänzung um Stoffstrom- und Flächenbilanzaspekte sowie bei der Prognostizierbarkeit kommunaler Wohnungsnachfrageentwicklungen Neuland. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass den Instandhaltungsaufwendungen der Wohngebietserschließung aus Stoffstromsicht eine größere Aufmerksamkeit zukommen sollte als dem Gebäudebestand, dass trotz Wohnungsüberangebot in einer Stadt wie Bautzen CO2-Emissionen des Bauen und Wohnens steigen werden, wenn nicht die Bestände wärmetechnisch saniert werden, und dass aus umweltpolitischer Sicht die Flächeninanspruchnahme der Schlüsselindikator für den Stadtumbau-Ost sein wird. In schrumpfenden Regionen ist Einflussnahme auf die Flächeninanspruchnahme eine wichtige „Stellschraube“, da Stoffstromeffekte eher nachgeordnete Folgewirkungen der gewählten Gebäude- und Flächenwiederverwendungs-Variante sind.

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Quellen

Böhm, R.; Gruhler, K.; Schiller, G. (2001): Stofflich-energetische Kenngrößen von Gebäudetypen als Entscheidungsgrundlage für eine umweltorientierte Fortentwicklung des Wohnungsbestandes. In: Arbeitsgemeinschaft ökologische Forschungsinstitute (AGÖF): Umwelt, Gebäude & Gesundheit – von Energieeffizienz zur Raumlufthygiene. Tagungsband des 6. AGÖF-Fachkongress 2001. Eigenverlag.

Deilmann, C. et al. (2001): Nachhaltige Entwicklung des Wohnungsbestandes in sächsischen Groß- und Mittelstädten: Entwicklungsszenarien ausgewählter Wohngebiete unter ressourcen- und nutzungsorientierten Aspekten (NAWO). Endbericht. (www.ioer.de/Nawo)

Deilmann, C.; Gruhler, K.; Werner, M. (2001): Sanierung oder Abriss und Neubau – stofflich-energetische Bewertung unter Beachtung von Wohnungs-Überangebot. In: Gesundheits-Ingenieur 122 (6), 316-320.

Gassner, E.; Heckenbücker, B.; Thünker, H. (1986): Entwicklung des Erschließungsaufwandes nach Flächeninanspruchnahme, Bau- und Bodenkosten. Forschungsbericht. Informationszentrum Raum und Bau, Fraunhofer-Gesellschaft, IRB. T 1845. Stuttgart: IRB Verlag.

Iwanow, I.; Eichhorn, D. (2001): Vereinfachte Methodik zur Erstellung kommunaler Nachfrageprognosen. In: Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen (Hrsg.): Stadtumbau in den neuen Ländern. Berlin, 29-42

Iwanow, I.: Eichhorn, D. (2002): Szenarien zur kommunalen Wohnungsnachfrageentwicklung. In: Die Wohnungswirtschaft 55 (2), 33-35.

Menkhoff, H.; Blum, A.; Bendisch, E.; Wente, E. (1979): Städtebauliche Verdichtung und ihre Bewertung. Querschnittsuntersuchung von Demonstrativbauvorhaben. Schriftenreihe “Versuchs- und Vergleichsbauten und Demonstrativmaßnahmen” des Bundesministers für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau, Heft 01.067. Bonn: Eigenverlag.

Pauleit, S. (1998): Das Umweltwirkgefüge städtischer Siedlungsstrukturen – Darstellung des städtischen Ökosystems durch eine Strukturtypenkartierung zur Bestimmung von Umweltqualitätszielen für die Stadtplanung. Diss. TU München, Lehrstuhl für Landschaftsökologie. Eigenverlag.

Staatssekretärausschuss für Nachhaltige Entwicklung (Nachhaltigkeitsrat) (2002): Perspektiven für Deutschland. Unsere Strategie für eine nachhaltige Entwicklung. (www.nachhaltigkeitsrat.de).

Wickop, E. (1999): Qualitätsziele für eine nachhaltige Stadtentwicklung – Methodische Aspekte eines Konzeptes für Stadtstrukturtypen am Beispiel der Stadt Leipzig. In: Zeitschrift für angewandte Umweltforschung 12 (1), 98-111.

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[1]    Die vorliegende Studie betrachtet Straßen und Rohrleitungen der  Wasserver- und -entsorgung. Im Folgenden wird die stadttechnische und verkehrserschließende Infrastruktur kurz Erschließung genannt.

[2]    Diese Methodik steht allen interessierten Anwendern in programmierter Form unter der Adresse www.ioer.de zur Nutzung zur Verfügung.

[3]    Ein PKW, besetzt mit einer Person, emittiert auf 4,7 km ca.1 kg CO2.

[4]    Wohnbauland, das theoretisch für die Erstellung der reinen Wohngebäude in Anspruch genommen wird, einschließlich die den Wohnungen zuordenbaren Flächen der inneren Wohngebietserschließung.

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Dies ist ein Dokument der Seite www.schrumpfende-stadt.de
Erstelldatum: 21. Februar 2003
Autor: Georg Schiller, Clemens Deilmann, Irene Iwanow