Baukultur im Stadtumbauprozess

„Stadtumbau und Baukultur – ein Widerspruch?“ – Zu dieser Frage diskutierte Anfang des Jahres der Bundesminister für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen, Manfred Stolpe, mit seinen Ministerkollegen aus Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, Hartmut Meyer und Helmut Holter, sowie mit dem Präsidenten der Bundesarchitektenkammer, Peter Conradi vor über 400 Zuhörern bei einem parlamentarischen Abend in der gemeinsamen Berliner Vertretung der Länder Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern.

Als zentrales Ergebnis dieser Diskussion wurde festgehalten, dass in der Verknüpfung der Themenfelder Stadtumbau und Baukultur keineswegs ein Widerspruch, sondern vielmehr eine Chance zu sehen ist, das Erscheinungsbild und die Qualität der Städte im positiven Sinn zu verändern. Architektur und Baukultur müssen in unserer Gesellschaft und im Stadtumbauprozess einen höheren Stellenwert erhalten, soll sich das Bauen bzw. das Umbauen in den ost- und westdeutschen Städten nicht auf technische oder betriebswirtschaftliche Aspekte beschränken. So lautet auch der Tenor eines „Positionspapiers Baukultur Stadtumbau-Ost“, das vom Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) in Erkner im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen im Jahr 2002 erarbeitet wurde und dieser Tage veröffentlicht wird.

Dieses Positionspapier verfolgt die Zielstellung, die aktiven Stadtumbauakteure und die Stadtöffentlichkeit für die Aufgaben der Baukultur im Stadtumbauprozess zu sensibilisieren sowie hinsichtlich einer engagierten und professionellen Einbeziehung stadt- und baukultureller Fragen in den Prozess des Stadtumbaus zu motivieren. Es versteht sich als Diskussionsbeitrag über baukulturelle Ansätze und Vorgehensweisen, die vor Ort bei der konkreten Umsetzung des Stadtumbauprozesses aufgegriffen werden können. Es richtet sich zum einen an die Verantwortungsträger auf kommunaler Ebene, die mit der Umsetzung des Stadtumbaus befasst sind, es soll darüber hinaus auch allen anderen am Stadtumbauprozess beteiligten Akteuren als Anregung und Diskussionsgrundlage dienen.

Bereits im Bericht der Bundesregierung an den Deutschen Bundestag zur „Initiative Architektur und Baukultur“ vom April 2002 wurde festgehalten, dass Baukultur nicht eindimensional als ästhetische Angelegenheit verstanden werden darf, sondern als Ausbalancieren und Integrieren vieler Qualitätsaspekte, neben der Architektur auch des Ingenieurwesens, der Landschafts- und Freiflächenplanung, des Städtebaus, des Denkmalschutzes und der Kunst am Bau. Der Begriff Baukultur bezieht sich dementsprechend nicht nur auf Gebäude, sondern auf die gesamte gebaute Umwelt.

Dies gilt in besonderer Weise für den Stadtumbauprozess, da hier, vor dem Hintergrund der Struktur- und Ressourcenprobleme sowie der Dimension der Veränderungen, das Gemeinwesen einer besonderen Belastung ausgesetzt ist, deren Lösung zusätzlicher Anstrengungen bedarf. Bei der Verbindung der Themenfelder Stadtumbau und Baukultur im Sinne einer (neuen) Stadtumbaukultur geht es einerseits um die Auseinandersetzung mit der Gestaltqualität der gebauten Umwelt und Landschaft (also die Baukultur im engeren Sinne) und andererseits um die Qualität städtischen Lebens, die sich über die rein baulichen Aspekte hinaus z.B. auch in der unterschiedlichen Funktion und Nutzung der städtischen Räume und in der Intensität entsprechender Angebote messen lässt. Diese Qualität des städtischen Lebens wird letztlich entscheidend bestimmt durch das subjektive Wohlbefinden derjenigen, die eine Stadt mit Leben erfüllen: ihrer Bürgerinnen und Bürger. Deshalb ist es von großer Wichtigkeit, die Verknüpfung von Stadtumbau und Baukultur als offenen Prozess unter Einbeziehung auch nicht-professioneller Akteure zu definieren, also als Prozess MIT den Bürgerinnen und Bürgern – und nicht lediglich als Prozess FÜR sie. Stadtumbau muss auf Kommunikation und Integration setzen und dabei auch den Gestaltungsfragen der Stadt und des gebauten Umfeldes Beachtung schenken, damit er zur Sache des ganzen Gemeinwesens wird, breite Akzeptanz findet und so zur Identifikation der Bürger mit ihrem Gemeinwesen beitragen kann.

Baukulturelle Qualitäten beschränken sich also keineswegs nur auf städtebaulich-historische bzw. architekturhistorische Werte im Stadtraum. Vielmehr kommt es insbesondere auch auf die Nutzung durch unterschiedliche Gruppen und deren Bewertung (Wertschätzung) an und nicht ausschließlich auf die ästhetischen oder technischen Prinzipien. Dabei variieren die Akteure und Handlungsspielräume sowie die zeitlichen Dimensionen, auf die sich die jeweiligen Entwicklungsaspekte beziehen. Was bei Einzelgebäuden bzw. Einzelmaßnahmen eine Frage von wenigen Monaten oder Jahren sein kann, bedeutet für Stadtteile oder Städte insgesamt eine Laufzeit von unter Umständen mehreren Jahrzehnten. Es ist dabei unumgänglich, dass sich in einem solchen längeren Zeitraum strukturelle und personelle Rahmenbedingungen verändern und auch einmal erarbeitete und beschlossene Konzepte und Leitbilder Korrekturen und Veränderungen unterworfen werden. Unterschiedliche Entwicklungsdynamiken führen deshalb durchaus auch zu unterschiedlichen und nicht ins Einzelne vorher planbaren baukulturellen Ansätzen. „Der Weg ist das Ziel“ – dieses in vielen Zusammenhängen anwendbare Prinzip gilt denn auch im hier ins Auge gefassten generellen Kontext von Baukultur und Stadtumbau.

Vor diesem Hintergrund werden in dem Positionspapier zunächst städtebauliche Kriterien und Kennzeichen für Stadtumbau mit Baukulturanspruch entwickelt und diskutiert. Es geht dabei, den bisherigen Erfahrungen im Stadtumbauprozess folgend, um die folgenden zentralen Handlungsfelder, die sich an der von den meisten Kommunen bereits vorgenommenen Festlegung einer Gebietstypologie unter der Berücksichtigung von Schwerpunktgebieten für den Stadtumbau orientieren:

-          Stärkung der Stadtkerne und der historischen Innenbereiche,

-          Stadtgestalterisch und sozialstrukturell verträgliche Reduzierung von Wohnungsüberhängen,

-          Aufwertung und Stärkung der verbleibenden Bestände in Plattenbaugebieten.

Dabei zeigt sich, dass die Gestaltung der Städte im Stadtumbauprozess eine gesamtgesellschaftliche, zutiefst kulturelle Dimension hat. Baukultur darf deshalb kein „Anhängsel“ oder „Nebenschauplatz“ im kommunalen Stadtumbauprozess sein; die Gestaltungs- und Verfahrensfragen müssen von Anfang an in die Planungs- und Entscheidungssituationen des Gesamtprozesses integriert und in einem öffentlichen Dialog zwischen Beteiligten aller Gruppen, Akteure und Sparten behandelt werden. Es ist wichtig, dass sich ein solcher Dialog nicht nur in Expertenkreisen vollzieht, sondern die zahlenmäßig größte Gruppe städtischer Akteure, die Bewohnerinnen und Bewohner einer Stadt, unmittelbar in den Prozess einbezogen werden: neben der Planungs- und Bauverwaltung auch die Wohnungsunternehmen, das Handwerk, Kultureinrichtungen, Medien usw.  Dieser iterative Prozess braucht einen festen Platz im gesamten Arbeits- und Diskursablauf. Eine öffentliche Plattform sowie Kontinuität und Langfristigkeit sind dabei besonders wichtig, da sonst die Gefahr besteht, dass die Bemühungen um integrierte Handlungskonzepte schnell verflachen oder ermüden, während an ihrer Stelle pragmatische, sektorale Bestrebungen zunehmend die Oberhand gewinnen würden.

Wesentliche Garanten für das Gelingen des Stadtumbauprozesses sind also die Stärkung und Verbreiterung des Qualitätsbewusstseins sowie die Anwendung qualitätsorientierter Verfahren. Dazu werden in dem Positionspapier eine Reihe unterschiedlicher Maßnahmen, Instrumente und Verfahren vorgeschlagen, über die jeweils konkret in den betreffenden Städten zu entscheiden ist. Diese können entweder aus bisher bereits üblichen Verfahren übernommen und spezifiziert werden oder sie können ggf. speziell für diesen Zweck neu entwickelt werden.

Alle in dem Papier dargestellten Positionen und Empfehlungen stellen Aufforderungen zur Diskussion und zum Handeln dar, die aber offen sein sollen und müssen für Modifikationen und eine individuelle Ausgestaltung vor Ort. Entscheidend ist, dass die im Stadtumbauprozess vor Ort Verantwortlichen ihren eigenen baukulturellen Anspruch und entsprechende Wertorientierungen in den Prozess einbringen und dort verankern.

Baukultur im Stadtumbauprozess – das ist eine große, langfristige und kontinuierliche Aufgabe, die von allen Beteiligten Anspruchsdenken, Qualitätsbewusstsein und Mut zum Neuen verlangt, geht es doch darum, für jede Stadt und jede Gemeinde ein spezifisches „Bild“ des Stadtumbaus zu entwickeln und dieses „Bild“ in einem steten, offenen Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern weiter zu entwickeln.

Das angesprochene Positionspapier kann von den Seiten des Instituts für Regionalentwicklung und Strukturplanung kostenlos heruntergeladen werden.

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Dies ist ein Dokument der Seite www.schrumpfende-stadt.de
Erstelldatum: 21. Februar 2003
Autor: Christoph Haller (IRS), Janos Brenner (BMVBW)