Detroit: Schrumpfung und Regeneration einer amerikanischen Stadt

Das aktuelle Problem der Schrumpfung ostdeutscher Städte stellt in Deutschland eine relativ neue Herausforderung für die Stadtpolitik und –planung dar. Planerische Ansätze der Regenerierung und des Stadtumbaus können auf relativ wenig Vorkenntnisse und Erfahrungen zurückgreifen. Im internationalen Kontext ist die Schrumpfung von Städten dabei kein neues Phänomen. Der Niedergang einiger us-amerikanischer Industriestädte ist längst in die Lehrbücher der Stadtgeographie eingegangen. Besonders aufschlußreich ist die Stadtentwicklung von Detroit. Diese Stadt ist durch ihren wirtschaftlichen Niedergang und städtebaulichen Verfall seit den 1970er Jahren in Fachkreisen als Extremfall bekannt. Im folgenden werden einige Erfahrungen wiedergegeben, die durch die Teilnahme an einer geographischen Exkursion der Universität Trier unter Leitung von Dr. Michael Nebe im September/Oktober 2002 gesammelt werden konnten.

Der rasante Aufstieg der Stadt ...

Detroit, im US-Bundesstaat Michigan, gilt als die „Stadt des 20. Jahrhunderts“, weil hier zu Anfang des letzten Jahrhunderts die weltweite Verbreitung des Automobils ihren Ursprung  genommen hat. Der steile Aufstieg der Stadt zur „Motor City“, ihr rasantes Wachstum von 0,28 Mio Einwohnern im Jahr 1900 auf 1,85 Mio im Jahr 1950 sind eng mit dem Namen von Henry Ford verbunden, der inzwischen die ganze Epoche industrieller Massenproduktion und Massenkonsums bezeichnet („Fordismus“). Der Aufstieg Detroits zur viertgrößten Stadt der USA während der 1920er Jahre basierte auf der weltweit größten Konzentration der Automobilindustrie (neben Ford wurde Detroit auch Sitz der Headquarters von General Motors und Chrysler). 

Diese wirtschaftliche Ballung schlug sich in einer enormen Verdichtung der Downtown nieder, die zur drittgrößten Wolkenkratzer-Stadt der USA avancierte. Gleichzeitig wurde Detroit relativ früh und radikal zu einer autogerechten Stadt ausgebaut. In Detroit wurde weltweit die erste geteilte Fahrbahn markiert (1911), die erste Verkehrsampel der Welt aufgestellt (1915) und es wurde die erste Stadtautobahn der Welt eröffnet (1942). Auf Betreiben der Autoindustrie wurde der Eisenbahnverkehr in der Nachkriegszeit völlig eingestellt, die ehemalige Michigan Railroad Station ist heute eine Ruine inmitten einer leeren Brachfläche. Die heute noch über 100.000 Einpendler können seitdem den Central Business District ausschließlich mit der Auto erreichen.

... und Niedergang

Mit der Krise und Umstrukturierung der Automobilindustrie setzte bereits während der 1960er Jahre ein bis heute währender Trend zum Niedergang der Stadt ein. Große Teile der Unternehmen, Kaufhäuser und Privathaushalte wanderten aus der Stadt in die Suburbs ab (u.a. auch die Henry Ford Werke selbst). Die Symptome der Schrumpfung ähneln im Prinzip denen der ostdeutschen Städte seit der Wende, übertreffen in ihrem Ausmaß und ihrer Schärfe allerdings bei weitem die hiesigen Problemlagen:

Demographische Schrumpfung: Die Bevölkerungszahl von Detroit ging von 1,85 Mio im Jahr 1950 auf ca. 950.000 im Jahr 2000 zurück. Damit wird eine Schrumpfungsquote von beinahe 50 Prozent erreicht.

Leerstand: Ein Großteil der Wolkenkratzer und Gebäude in der Downtown stehen heute flächenhaft leer, genaue Zahlen zur Leerstandsquote liegen leider nicht vor. Schätzungen zufolge betrifft der Leerstand  ca. 4.000 Gebäude und mehrere Mio qm Geschäfts- und Büroräume. Die meisten Kaufhausfassaden an der Woodward Avenue, einst die zentrale Einkaufsstraße der Stadt, sind heute verschlossen, so dass die Bewohner für größere Einkaufe in die Shopping-Center der Vororte fahren müssen.

Abrisse: Die Stadtverwaltung Detroit hat zwischen den Jahren 1978 und 1998 insgesamt 108.000 Abrissgenehmigungen erteilt. Dem stehen im gleichen Zeitraum lediglich 9.000 Baugenehmigungen gegenüber. Die Abrissflächen werden bisher vor allem durch eine Folgenutzung geprägt: Parkplätze. Berühmt-berüchtigtes Beispiel für die Brachialität des Stadtumbaus ist das Michigan Theatre Building, einem Filmtheater, das im Jahr 1926 inmitten des ehemaligen Vergnügungsviertels der Stadt mit 4.000 Sitzplätzen im prunkvollen Stil erbaut wurde. Nachdem es 1967 entgültig geschlossen wurde, sollte das Filmtheater zunächst abgerissen werden. Schließlich erfolgte 1977 der Umbau zu einem Parkhaus mit 160 Stellplätzen.

Abbildung 1: Die Schwarzpläne aus den Jahren 1916, 1950, 1960 und 1994 zeigen das ganze Ausmaß der Gebäudeabrisse in Detroit. Die wichtigste Folgenutzung auf den Flächen ist das Parken.

Suburbanisierung und soziale Segregation: Bereits seit den 1950er Jahren setzte eine große Stadtflucht der weißen Bevölkerung Detroits in suburbane Eigenheimsiedlungen ein, die durch Rassenunruhen in den 1960er Jahren weiter verstärkt wurden. Etwa die fünffache Bevölkerung Detroits, insgesamt ca. 4,5 Mio Einwohner, lebt heute im suburbanen Raum. Die Stadtregion ist sozial und ethnisch stark segregiert:  Während 79 % der Detroiter Bürger African American sind, bestehen die Suburbs zu 78 % aus Weißen. Während die verarmte Bevölkerung Detroits ein Durchschnittseinkommen von 47 % der Suburbs erzielt, zählt der benachbarte Oakland County zur drittreichsten Region der USA. Die Metropolitan Area von Detroit umfasst 127 Städte und Gemeinden in 5 Counties (Landkreise). Eine Regionalplanung existiert nicht einmal im Ansatz. 

Stadtbrachen: Schätzungen zufolge liegt ca. ein Drittel der gesamten Stadtfläche brach.

Neues Leben blüht aus den Ruinen

Angesichts dieser gebündelten Problemlagen wurde die Stadt bereits in vielen Augen als hoffnungslos aufgegeben. Doch unser Besuch ließ erkennen, das inzwischen an einigen Orten neues Leben aus den Ruinen blüht. Welche Ansätze zur Regeneration der Stadt zeichnen sich ab? Die ersten Versuche zur Revitalisierung gehen bereits auf das Jahr 1970 zurück, als sich Geschäftsleute zur privaten Organisation ‚Detroit Renaissance’ zusammenschlossen, um dem weiteren Niedergang des Standorts zu begegnen. Im Jahre 1977 wurde am Detroit River ein großer Hochhaus-Komplex mit dem programmatischen Namen „Renaissance Center“ eröffnet. Dieses auf Initiative von Henry Ford II gebaute Zentrum besteht aus vier Bürotürmen für ca.15.000 Arbeitsplätze (heute Sitz der Weltzentrale von General Motors) und einem Hotelturm mit 1.400 Betten. Da dieses mit Läden, Restaurants, Bars und Theater voll ausgestattete Zentrum jedoch weitgehend autark und abgeschlossen funktioniert, blieben Impulse zur Revitalisierung der Innenstadt weitgehend aus.

Abbildung 2: Das Renaissance Center steht für einen wenig geglückten Versuch der Revitalisierung Detroits, da es weitgehend autark konzipiert wurde und kaum auf umliegende Stadträume ausstrahlt.

Weitere Großprojekte wie ein Konferenz- und Ausstellungszentrum, eine elektronisch gesteuerte Hochbahn und zwei Sport-Stadien wurden in den letzten Jahrzehnten in die Stadtstruktur implementiert. Diese tragen jedoch nur temporär und punktuell zur Revitalisierung bei. Dagegen entwickelt sich das kleinräumige und niedrig-geschossige Quartier der Greektown zu einem äußerst pulsierenden Viertel. In den letzten Jahren versuchen ‚Detroit Renaissance’ und Stadtverwaltung eine Aufwertung der gesamten Stadtstruktur, indem zentrale Plätze, Straßen und die Riverfront wieder als öffentliche Räume gestaltet und begrünt werden. Eine Schlüsselrolle zur Regenerierung Detroits könnte die Ansiedlung der Weltzentrale der Computerfirma Compuware einnehmen. Trotz doppelt so hoher Steuern im Vergleich zu ihrem bisherigen suburbanen Standort und Parkgebühren siedelt sich diese Firma im Jahr 2003 in einem Neubau am zentralen Kennedy Square an. Die etwa 3.000 neuen Arbeitsplätze könnten die Basis für eine Reurbanisierung sein, die nicht nur punktuell und funktional erfolgt, sondern durch neue reurbane Wohnformen und Lebensstile der Beschäftigten getragen wird.

Manfred Kühn

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Dies ist ein Dokument der Seite www.schrumpfende-stadt.de
Erstelldatum: 24.11.2002
Autor: Manfred Kühn